15. Juni 2014 · Kommentare deaktiviert für Mensa (1): Tschebull, Hamburg · Kategorien: Daddeln · Tags: , , ,

Vorbemerkung

Ihr habt schon gemerkt: Hier passiert gerade wenig. Weil alle spannenden Themen abwanderrn, dorthin, wo ich Geld für Texte bekomme. Oder zu den Flâneuren, wo wir kollektive Formen ausprobieren können. Hier hingegen gibt es manchmal Wegweiser zu ebendiesen Texten woanders und meistens gar nichts. Was auf lange Sicht auch keine Lösung ist. Also: ein neues Format muss her, ein Format, das woanders keinen Platz hat. Zum Beispiel Mens sana in corpore sano, Mensa. Restaurantkritiken aus Banausensicht. Das lässt sich noch verbessern, sicher, zum Beispiel: mit Fotos, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Mache ich beim nächsten Mal, so es ein nächstes Mal geben sollte. Die Bandschublade: ein Foodblog. Guten Hunger.

Drumherum

Das Tschebull bezeichnet sich selbst als „Beisl, Restaurant, Bar“, das klingt unprätentiös, weil eine „Beisl“ im Österreichischen das ist, was in Bayern die „Boazn“ ist und in der schwäbischen Heimat die „Beiz“: ein Wirtshaus. Aber das Tschebull steht nicht in Österreich, es steht in Hamburg, im Levantehaus. Welches sich in der Mönckebergstraße befindet, der uncoolen Schickirennstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, und, ja, als wir das Tschebull besuchen, sitzt am Nachbartisch ein Junggesellinnenabschied. Gesittet zwar, aber, trotzdem: Wo Junggesellinnen sich verabschieden, sollte man sich fernhalten.

Davon ab, ist das Tschebull vor allem ein sanft hochpreisiger Laden, der tatsächlich angenehm wenig Wert auf Förmlichkeiten legt. Das zeigt sich schon in der Einrichtung: Alpenländisches wird zitiert, aber sehr zurückhaltend, mit leicht spöttischem Humor, ansonsten herrscht holzgeprägte Coolness vor (der Humor wird allerdings auf den Toiletten überstrapaziert, wo man zunächst ein angedeutetes Plumsklo besucht, und am Waschbecken sein Handtuch in eine Milchkanne fallen lässt. Aber das hier soll ja eine Restaurantkritik sein und keine Toilettenkritik). Alles in allem: ein Lokal, in dem Nasen wie wir uns durchaus wohlfühlen. Sanft hochpreisig, das heißt: Die Hauptgerichte beginnen bei 19 Euro (Tafelspitz) und enden bei 28 Euro (Rücken vom Klosterschwein). Will sagen, puh. Wir nahmen das Gourmet-Menü, das von Rindchens Weinkontor angeboten wird, 59 Euro für fünf Gänge inclusive korrespondierender Weine, Wasser und Kaffee, das ist fair. Sehr fair.

Vorspeise: Tomaten-Auberginentatar mit Burratastreifen und Brunnenkressepesto

Als Gruß aus der Küche gab es Brot mit Erdäpfelcreme, für mich ein wenig zu schwer, aber okay. Die Vorspeise dann aber sehr lecker, frisch und überraschend rauchig: ein Salätchen. Dazu ein Welschriesling vom burgenländischen Weingut Strehn, lecker, ein wenig arg unspektakulär vielleicht.

Erster Gang: Weißer Spargel in der Folie geschmort mit Bärlauchtascherln, Bröselschmelze und Tiroler Schinken

Wir sind ja Banausen, Spargel gehört bei uns gekocht und mit zerlassener Butter serviert. Aber auch Banausen lassen sich gerne mal was Neues zeigen. Beispielsweise diese sehr zurückhaltende Variante, die sich sehr, sehr, sehr auf die ursprüngliche Geschmacksfarbe konzentriert. Der schönen, klugen Frau war es ein wenig zu intensiver Spargelgeschmack, ich war eber ganz angetan. Begeistert waren wir alle vom Rotgipfler (Rotgipfler! Noch nie gehört! Und dass das ein Weißwein ist, überrascht gleich nochmal) vom Johanneshof Reinisch aus der Thermenregion, geschmacklich intensiv mit überraschend starken Karamellnoten im Abgang.

Fischgang: Dorade Royal mit Kohlrabi-Erbsengemüse, Rahmdalken und Petersiliensafterl

Holla! Sensationeller Fisch, leckeres, noch knackiges Gemüse, optisch toll angerichtet. Was „Rahmdalken“ sind, habe ich nicht wirklich verstanden, die nette, etwas wuschige Kellnerin meinte, in Frankreich nenne man sie Blinis, aber ich kenne Blinis eher aus Osteuropa, und die sehen ganz anders aus, egal. Dazu einen sehr feinen Pinot Blanc vom niederösterreichischen Weingut Maurer.

Hauptgang: Warm geräuchertes Ochsenbeiried mit gebratenen Romanaherzen, Zwiebelmarmelade, Süßkartoffelpommes und Sauce Bearnaise

Die schöne, kluge Frau ist skeptisch: rotes Fleisch! Aber die rote Färbung kommt vom Räuchern, und das ist wirklich sehr, sehr gut. Das Beiried (ich wusste nicht einmal, was das eigentlich ist, anscheinend ist es ein Teil des Rückens) bekommt so einen ganz interessanten Schinkengeschmack, großartig. Frau D. hingegen bemängelt die Süßkartoffelpommes, die sind ihr zu süß, und sie hätte „lieber Kroketten“ gehabt, aber gemeinsam mit der mir eigentlich zu pappigen Sauce Bernaise ergibt das eine raffinierte Kombi. Dazu: Blaufränkisch, wieder vom Weingut Strehn, schwer aber nicht zu schwer, ein toller Übergang von weiß zu rot.

Dessert: Waldmeister-Champagnercreme mit frischen Erdbeeren und Caipirinhasorbet

Die Erdbeeren hätten nicht sein gemusst, die sind sauer und bäh. Der schönen, klugen Frau missfällt auch die Waldmeister-Champagnercreme, sie findet, die sei zu bitter, weswegen Frau D. und ich uns ihre Portion mit viel Freude teilen, das Sorbet überzeugt alle. Der dazu gereichte Moscato d’Asti von der piemontesischen Cascina Fonda (der einzige nicht-österreichische Wein des Abends, btw) ist interessant, mir allerdings viel zu süß. Ja, ich weiß, Dessertwein, schon klar. Aber der hier ist eigentlich gar kein Wein mehr, sondern eine Süßspeise.

Fazit

Ja, ein großartiges Menü. Ja, eine interessante Weinzusammenstellung praktisch ohne Durchhänger (dass ich mit Süßweinen nicht so gut kann, liegt an mir, nicht am angebotenen Moscato d’Asti). Ja, ein etwas trubeliges Ambiente mit halbwegs zweifelhaften weiteren Gästen. Und ein Service, der grundsympathisch daherkommt, bei Fragen allerdings schnell ins Schwimmen gerät („Wo befindet sich in Österreich denn die Thermenregion?“ „Öh. Im Südosten?“). Und der, das ist vielleicht wirklich ein echter Minuspunkt, sehr sparsam ausschenkt. Fünf Gläser sind schon eine ganze Menge, viel mehr hätte ich unter Genussgesichtspunkten auch nicht vertragen, aber: Wir waren auch schon bei Menüs, bei denen uns ein Nachschenken angeboten worden war. Immer wieder. Hier: nichts.

Disclaimer: Dieser Restaurantbericht ist rein privat. Es gab keinerlei Zuwendungen, weder finanzieller noch anderer Art, nicht von Rindchens Weinkontor, nicht vom Restaurant Tschebull, nicht von den genannten Winzern. Die Verlinkungen sind zur Information gedacht, nicht als Werbung.

Also war ich Vegetarier. Beziehungsweise: Vegetarier war ich ziemlich genau einen Monat lang, angeregt durch Frau Bogdans Übersetzerinnenbegeisterung für Jonathan Safran Foer und dem in diesem Zusammenhang stehenden Erweckungserlebnis, dass Veganes durchaus lecker sein kann. Mit Einschränkungen beim Nachtisch, aber da ist die Übersetzerin auch anderer Meinung als ich, sei es drum. Also war ich Vegetarier. Ausnahme war der Moment, als mir beim Abendessen einfiel, dass ja noch Wurst im Kühlschrank ist und es keinem Tier nutzt, wenn ich die verderben lasse. Eine Ausnahme war, als T. zu Besuch kam und essen wollte, und das einzige Gericht, das die Schauspielhaus-Kantine um 15 Uhr noch vorrätig hatte, „Meatballs Toscana“ waren. Und eine weitere Ausnahme war die Woche in Katalonien, als ich um keinen Preis auf die landestypische Küche verzichten wollte.

Aber ansonsten war ich also Vegetarier, vier, gut, drei Wochen lang. Mit Unterstützung der schönen, klugen Frau, die mir die Schultern stärkte, und die ihre Unterstützung vorgestern zurückzog, nachdem ich Couscous mit Hühnchen statt mit Hühnchen mit Tofu zubereitet hatte. Heute abend habe ich Wurst gekauft, Cabanossi und Paprikasalami und kalten Braten, und es war sehr, sehr lecker. Ich bin gescheitert, aber aus dem Scheitern ziehe ich meine Kraft.

+++

Außerdem bin ich seit fünf Monaten bei WordPress, Zeit für ein kurzes Resümee. Also: Ich werde wohl bleiben. Weil WordPress eine für meine Bedürfnisse ziemlich gute Bloggingplattform ist; mir machen die Beitragsstatistiken Spaß, die Besucher sind gut im Blick, der Schutz vor Kommentarspam funktioniert ganz akzeptabel. Natürlich sperrt mich WordPress in ein enges, manchmal zu enges, Korsett, aber das ist das ewige Problem mit formatierten Strukturen, da muss ich wohl mit leben.
Womit es mir schwerer fällt, zu leben, das ist das Umfeld: WordPress zieht allem Anschein nach politisch schwierige Blogger an, das geht los mit dem sozialchauvinistischen FPÖ-Parteiblog „SOS Österreich“ (wird wie alle anderen Rechtsblogs nicht verlinkt, weil ich die Brüder nicht hierher in den Kommentarbereich locken will) über die Nazi-„Rapperin“ „DeeEx“ und rechte Verschwörungstheoretiker wie den „Honigmann“ bis hin zu klassischen Islamfeinden wie „Tangsir 2569“ und Israelfreunden wie „Heplev“. Das ist alles nicht schön, wenn ich schon beim Einloggen sehe, wie „SOS Österreich“ schon wieder als „Heute angesagtes Blog“ gelistet wird. Andererseits: Es gibt sie ja, die Freiheitlichen, die Verschwörungstheoretiker und die Islamhasser, und wo soll ich sie treffen, wenn nicht im Internet? Wo soll ich ihre Argumente hören, ihre Selbstgewissheit und ihre rhetorische Unbedarftheit, wenn nicht hier? Ich will nicht mit diesen Idioten leben, aber ich muss mit ihnen leben, hilft alles nichts.

Und ansonsten ist es hier ja auch wirklich schön.

Ich esse Fleisch. Ich bin da nicht stolz drauf, eigentlich würde ich gerne auf Fleisch verzichten, aus preislichen, aus gesundheitlichen, vor allem aber aus moralischen Gründen, ich mache es nicht. Dabei ist es nicht so, dass etwa der soziale Druck zu hoch wäre, im Gegenteil, in meinem Umfeld gibt es viele Vegetarier, niemand würde mir mit der duftenden Lammkeule vor der Nase herumwedeln, „Hmm! Möchtest du auch?“ Auch die Erziehung ist nicht schuld, bei meinen Eltern gab es zwar Fleisch, aber nicht ideologisch, also, nicht, dass jeden Tag ein Braten in dunkler Soße auf dem Tisch hätte stehen müssen. Nein, wahrscheinlich ist es so: Mir schmeckt Fleisch schlicht. Schweinfleisch, Rind, Geflügel, Lamm, vor allem Lamm.
Allerdings: Ich esse wenig Fleisch. Und wenn ich welches kaufe, dann meistens aus dem Bioladen, oder zumindest aus der Bioabteilung des Discounters. Ich weiß, ich lüge mir damit in die eigene Tasche, Fleischfressen ist Fleischfressen, und Discounterkram ist gleich nochmal übler, egal ob Bio oder nicht. Ich könnte auf Fleisch verzichten, Vegetarismus, kein Problem, wichtig sind mir Gewürze, wichtig sind mir, nicht zuletzt, Milchprodukte. Ohne Milch, ohne Sahne, ohne Käse könnte ich nicht. Ein Vegetarier zu sein, das könnte ich mir vorstellen, ein Veganer – nein.

Der US-amerikanische Romancier Jonathan Safran Foer hat ein Sachbuch über den Fleischverzehr geschrieben, „Tiere essen“. Und gestern lasen die Übersetzer Brigitte Jakobeit, Ingo Herzke sowie die wunderbare Isabel Bogdan im Restaurant Trific in Hoheluft aus „Tiere essen“. Und zwischen den einzelnen Passagen servierte Oliver Trific ein dreigängiges veganes Menü. Vegan! Und das war auch noch lecker! (Wenn man davon absieht, dass ich den Apfelstrudel zum Nachtisch ein wenig trocken fand und die Schöne sich nicht mit der Sojamilch im Cappuccino anfreunden wollte). Ich aber esse Fleisch, bald wieder.

Das Foto zeigt den Nachtisch, Strudel mit Zimtsorbet. Keine Ahnung, wie man so etwas vegan hinbekommt, ich würde es auf keinen Fall schaffen.