Kurz vor der schlimmsten Jahreszeit für den Kulturjournalisten, der Saure-Gurken-Zeit, drehe ich noch einmal auf. Und veröffentliche auf einen Schlag Text um Text … Wobei ihr längst verstanden habt: So etwas heißt nicht, dass mich plötzlich die Arbeitswut gepackt hat, so etwas heißt nur, dass sich eine ganze Reihe Artikel auf Halde angesammelt hat. Wie ein aufgestauter See – irgendwann brechen eben die Dämme.

Für die Nachtkritik habe ich das Live Art Festival auf Kampnagel besucht. Also, ich habe mich dem Exzess hingegeben – „Excess yourself“ lautete das Thema. Für meinen Festivalbericht besuchte ich unter anderem Arbeiten von HGich.T, Neal Medlyn und Ariel Efraim Ashbel.

Exzess ist eine gefährliche Sache. An der Bar in der Kampnagel Music Hall hängt jedenfalls ein Ausschnitt aus einer Klatschzeitschrift mit der Überschrift „Beauty-Killer Alkohol“, was einem exzessives Verhalten schon im Vorfeld vermiesen soll. Andererseits sind Beauty, Würde, Struktur ohnehin Konzepte, die man mal hinterfragen sollte, und das „Ja!“ zum Exzess ist wohl der erste Schritt zu diesem Hinterfragen.

Es gab noch mehr Festivals, vergangenen Monat, darunter das Körber Studio Junge Regie in der Gaußstraße, über das ich in der Theater heute einen längeren Text veröffentlichte (der, wie immer bei diesem Medium, online nur für Abonnenten zugänglich ist):

Elf Jahre existiert das Körber Studio Junge Regie am Hamburger Thalia in der Gaußstraße als Leistungsschau der deutschsprachigen Regieschulen. Elf Jahre, in denen die unterschiedlichen Schulen ihre Profile schärfen konnten, elf Jahre, in denen sich aber auch Vorurteile verfestigten. Zum Beispiel: Die Unis Hildesheim und Gießen stehen für Postdramatik, die Hamburger Theaterakademie für gut abgehangene Ironie und die Berliner Ernst Busch Schule für Exzess und körperliche Entgrenzung. Und wie meist sind solche Vorurteile eine self-fulfilling prophecy: Wer es darauf anlegt, in Hildesheim Postdramatik zu finden, der findet sie dann auch.

Ebenfalls in der Theater heute schrieb ich noch eine Doppelkritik über zwei Abende am Theater Bremen: „Die zehn Gebote“ in der Regie Dušan David Pařízeks und „Lost“, inszeniert von Alexander Giesche.

Was diese „Zehn Gebote“ ganz und gar nicht sind, ist – religiös. Gut, das ist auch die Vorlage von Kieślowski und Piesiewicz nur in dem Sinne, dass hier auf ein biblisches Regelwerk Bezug genommen wird, aber die Konsequenz, mit der Pařízek allgemeine menschliche Verhaltensregeln ohne jeglichen Rückgriff auf eine höhere Macht durchdekliniert, irritiert dann doch. Zumal wenig später ein weiterer Fernsehstoff am Bremer Theater zur Aufführung kommt, der im Grunde nichts anderes macht als eben eine solche Macht zu umkreisen: Alexander Giesches „Lost“ nach Motiven aus der gleichnamigen TV-Serie.

Für das uMag habe ich Ebba Durstewitz interviewt – die kennt man hauptsächlich als Musikerin bei JaKönigJa, sie ist aber auch Literaturwissenschaftlerin. Und Künstlerische Leiterin des Dockville-Satellitenfestivals Scienceville.

uMag: Ebba Durstewitz, ich kann mir etwas unter dem Dockville als Musikfestival vorstellen. Das Artville als Kunstfestival geht auch. Und auch das Lüttville als Kinderfreizeit. Aber Scienceville?
Ebba Durstewitz: Die Vorgabe war „Kunst und Wissenschaft“, und mir war ziemlich schnell klar, was ich nicht machen möchte: ein Festival, wie es sie in Science Centern oder Museen gibt, bei dem es darum geht, was Kunst und Wissenschaft überhaupt miteinander zu tun haben. Das Thema ist ziemlich abgefrühstückt. Unser erstes Anliegen ist, wissenschaftliche Themen aus der Uni rauszuholen, und da passt das Motto „Nichtwissen, Nichtverstehen“ ganz gut. Die Lehre vom Nichtwissen nennt sich Agnotologie, die Lehre vom Nichtverstehen nennt sich negative Hermeneutik – das ist einfach ein Perspektivenwechsel, der gerade in den Wissenschaften stattfindet, der aber noch nicht durch alle Feuilletons genudelt wurde.

Außerdem im uMag: ein Fragebogen mit der wunderbaren Electroclash-Gendertrouble-Heldin Peaches:

uMag: Deine Botschaft an die Frauenhasser dieser Welt?
Peaches: Seid keine!

Und ein Überblick über die großen und kleinen Theaterfestivals diesen Sommer. Kann man ja immer brauchen.

Sommer heißt: Theater machen Spielzeitpause. Und Spielzeitpause heißt: Festivalzeit! Was schade ist um den Sommerurlaub der Theatermacher, aber schön für uns.

Und schließlich schrieb ich auch noch ein rauchschwangeres Hohelied auf meine Wunschheimat, das Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet ist natürlich Provinz, da braucht man nichts zu beschönigen. Trotz eines urbanen Raums mit fünf Milionen Einwohnern, trotz einer tollen Hochschullandschaft, trotz atemberaubender Industriearchitektur und trotz großartiger Theater, Museen und Fußballvereine. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist ein Stadtkonglomerat, das aus der Zeit gefallen scheint, irgendwann seit Mitte der Neunziger. Da fing man an, das Ruhrgebiet zu übersehen, da zogen die Coolen alle weg, nach Berlin oder ins Ausland, und die Zielstrebigen zogen nach München und nach Hamburg. Im Ruhrgebiet blieben die, die sanft den Tag wegkifften, mit Blick auf das Dortmunder Stadtentwicklungsquartier Phoenix West. Im Sonnenuntergang.

Im Kino war ich auch, nur geht es hier ebenfalls um Theater. Mainstream-Regisseur Joss Whedon neuverfilmte „Viel Lärm um nichts“ – die Kritik steht in der kulturnews.

„Viel Lärm um nichts“ mag die Arthouse-Fingerübung eines Blockbustermachers sein, aber in seiner Beweisführung der Heutigkeit von Shakespeares Versen ist der Film durchaus beeindruckend. Zumal Whedon ein wunderbar aufgelegtes Ensemble zur Verfügung hat, das den zwar konventionell, aber in edlem Schwarzweiß gedrehten Film ohne Durchhänger spielt.

Ächz. Kommenden Monat setzt diese hübsche Rubrik aus, Sommerloch, ihr wisst ja. Bis dahin: viel Spaß beim Lesen.

Alle beantworten gerade mal wieder einen Fragebogen, Anne machte es, Sven machte es, Isabel machte es ironisch verschlüsselt, ich finde so etwas großartig (siehe Punkt 5). Mache ich also auch, natürlich verspätet, wie immer. Punkt 21: Ich mache immer alles verspätet.

1. Eine meiner frühesten politischen Erfahrungen machte ich ungefähr im Alter von sieben Jahren: Damals wurde mir ein DKP-Wahlplakat mit den Worten „Die wollen, dass alle Menschen gleich sind“ erklärt. Das sollte mich eigentlich abschrecken, ich aber dachte: „Als Konzept ist das doch ganz in Ordnung.“ Im Grunde denke ich das heute noch.

2. Was hingegen anders geworden ist: Als Kind hasste ich es, wenn meine Großmutter Nasi Goreng machte. Heute liebe ich südostasiatische Küche.

3. Ich bin fast immer begeistert, ein paar Tage aufs Land zu fahren. Aber hier leben, nein danke.

4. Mit meine liebste Freizeitbeschäftigung ist Bergwandern. Das machte ich schon als Kind gerne, habe es dann ein wenig schleifen gelassen und vor ungefähr zehn Jahren auf Mallorca wieder angefangen.

5. Ich halte Stöckchen für eine der schönsten Skurrilitäten der Blogosphäre.

6. Mein ehemaliger Englischlehrer sagte mir voraus, dass ich später mal Journalist werden würde. Meine ehemalige Französischlehrerin sagte mir voraus, dass ich später mal Politiker werden würde.

7. Niemand sagte mir voraus, dass ich später mal heiraten würde.

8. Viele Leute behaupten, ich würde überaus häufig nörgeln. Wahrscheinlich ist da was dran, und ich bin ein Muffelkopp, dabei würde ich wirklich lieber mit Sympathie auf die Phänomene dieser Welt schauen.

9. Ich bin wohl wirklich nicht religiös. Manchmal finde ich das schade.

10. Sex, Drugs and Rock’n’Roll finde ich als Konzept ganz großartig, aber immer wenn es drauf ankommt, schiebe ich ästhetische Probleme vor.

11. Als Kind war es mir immer unangenehm, ins fremdsprachige Ausland zu fahren. Ich nahm an, dass die Leute ständig über mich reden würden.

12. Heute hingegen hat es durchaus seinen Reiz für mich, Alltagsgespräche einmal nicht zu verstehen. Metro Budapest, ein Paradies.

13. Städte dieses Landes, die ich sympathisch finde: Berlin, Hamburg, alles im Ruhrgebiet, Frankfurt. Ja, Frankfurt, echt.

14. Städte dieses Landes, mit denen ich wenig anfangen kann: München, Düsseldorf, Stuttgart.

15. Städte dieses Landes, zu denen ich demnächst gerne ein Verhältnis aufbauen würde: Dresden, Leipzig.

16. Ich habe etwas gegen bildungsbürgerlichen Dünkel, kann mich aber selbst nicht ganz davon freimachen.

17. Mein Lieblingsspielzeug ist mein Smartphone. Mein Zweitlieblingsspielzeug der Herd.

18. Ich empfand es nie als Einschränkung meines Lebens, Brillenträger zu sein, bis ich anfing, regelmäßig in die Sauna zu gehen.

19. Ich empfinde es als Qualität, in manchen Bereichen meines Lebens gescheitert zu sein. Mathestudium abgebrochen, okay, Dissertation nicht fertiggestellt, okay. Wirklich ärgerlich ist hingegen, dass ich nie längere Zeit im Ausland gelebt habe.

20. Ein Körperteil, den ich mag: meine Augenbrauen.

13. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (August 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , , , , ,

Was mache ich hier eigentlich? NIchts mache ich, Sommerloch mache ich, natürlich. Es findet ja nichts statt, die Theaterensembles sind im Urlaub, also war ich im Juli ebenfalls im Urlaub, außerdem war das Juli-uMag eine Doppelnummer, da fand auch nichts statt. Naja, fast nichts.

Ich habe auf jeden Fall die Ausstellung „Glam! The Performance of Style“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn besprochen. Und zwar für die junge Welt.

John McManus’ Video „Roxette“ (1977) zeigt junge Leute in Salford, die sich für ein Roxy-Music-Konzert aufbrezeln, und der Begleittext weiß hier nicht mehr zu erzählen, als daß die Protagonisten im Styling die urbane Tristesse der sterbenden Industriestadt überwinden würden. Ein Blick in die Zukunft hätte einen anderen Eindruck erweckt: Im New Wave und Post Punk stellten wenige Jahre später Bands wie The Smiths, New Order oder auch die hochkommerziellen Frankie goes to Hollywood klar, daß die urbane Tristesse keineswegs überwunden werden wollte, sondern vielmehr Bedingung für sehnsüchtigen Glamour war: Flowers in the Dirt.

In der kulturnews hingegen findet sich eine Filmkritik. Zu „Gold“, dem viel kritisierten Berliner-Schule-Western von Thomas Arslan.

Indem er (Thomas Arslan) eine Trail-Erzählung aber einerseits als Emanzipationsgeschichte Emilys anlegt und andererseits als Migrationsdrama, findet auch „Gold“ seinen Platz im Oeuvre des Regisseurs. Wenn auch als Kuriosum: „Gold“ ist mehr gelungene Fingerübung eines talentierten Filmemachers als echter Ausweg aus der realistischen Sackgasse, in die sich die Berliner Schule über kurz oder lang verirren wird.

Außerdem habe ich ebenfalls in der kulturnews zwei Comics besprochen. Erstens „Bleierne Hitze“ von Baru:

Der legendäre französische Comiczeichner Baru hat mit der Adaption von Jean Vautrins Hard-Boiled-Krimi „Canicule“ Motive wiederaufgenommen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen: Rassismus, unterdrückte Sexualität, Geldgier. Niemand kommt gut weg in „Bleierne Hitze“, alle sind grausam und schuldig, und unter die Räder kommt am Ende der letzte Rest Menschliches, hier, am Rande der Gesellschaft.

Und dann noch „Mein Freund Dahmer“ von Derf Beckderf:

In melancholischer Nonchalance beschreibt Backderf Langweile der Kleinstadt, Ausbruchsversuche, hilflose Rebellion, und über jedem Panel steht die Frage: Hätte man damals schon wissen können, was geschehen würde? Warum Dahmer, warum nicht wir? Anworten gibt es keine, nur die groteske Übertreibungsästhetik des US-Underground-Comic, die manchmal von fern an Robert Crumb erinnert. Nur lustig ist hier nichts mehr.

Und schließlich habe ich zwei Interviews für die Kultur//Ruhr geführt (beide nicht online verfügbar). Einmal mit Tobia Bezzola, dem Leiter des Essener Museum Folkwang:

Kultur//Ruhr: Herr Bezzola, Sie kommen aus der Schweiz, haben dor auch viel gearbeitet. Dass Klischee sagt, dass die Schweiz zumindest in Westeuropa das absolute Gegenteil des Ruhrgebiets ist – aufgeräumt, wohlhabend, ein bisschen distinguiert. Ist da was dran?

Tobia Bezzola: Das sind natürlich zwei ganz grundverschiedene Welten. Das hat zu tun mit der ganzen Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialstruktur … Das braucht man gar nicht weiter auszuführen, das versteht sich von selbst.

Kultur//Ruhr: Sind Sie ins Ruhrgebiet gekommen, um bewusst einen Kontrast zu erleben?

Bezzola: Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten.

Und schließlich mit Anselm Weber, dem Intendanten des Bochumer Schauspielhauses:

Kultur//Ruhr: Was heißt das denn für Sie: Ruhrgebiet?

Weber: (sehr lange Pause) Tja. Das ist ne gute Frage … Das Ruhrgebiet ist erstmal ein sehr spezieller Lebensentwurf, der von außen anders wahrgenommen wird als sich die Realität tatsächlich abspielt. Damit meine ich im Speziellen, wie unterschiedliche Communities und Menschen hier zusammenleben – und wie sie das trotz der ökonomischen Situation eigentlich sehr friedlich tun.

Ach, was hatt‘ ich mich gefreut. Endlich wieder „Tatort“ aus dem Pott, dacht‘ ich, Pott ohne die doch schwer unter dem Staub der Achtziger liegende Schimanski-Ästhetik, außerdem aus Dortmund. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund speziell sind so eine Art Sehnsuchtsorte für mich, ich hatte mich wirklich gefreut auf diesen ersten Dortmunder „Tatort“, „Alter Ego“.

Hömma! Was‘ das denn? „Alter Ego“ ist ein Desaster, und das liegt nicht am Fall. Der ist 08/15, Klemmschwuppe mit Vaterkomplex meuchelt offensiv lebende Schwule, weil die ihn emotional anfassen, dafür gewinnt Autor Jürgen Werner keinen Originalitätspreis, aber das kann man machen, gerade wenn man ein neues Team einführen muss. Dass „Alter Ego“ so misslungen daher kommt, liegt auch nicht am Team, das ist nämlich klasse. Jörg Hartmann als depressiver Stinkstiefel, Aylin Tezel als hardboiled Kekilli-Lookalike, Anna Schudt als Queen of Cool und schlechte Laune, Stefan Konarske als intellektuell nicht übermäßig beschlagener Sympathiebolzen, das sind kurz angerissene Biografien, die allesamt Lust machen, dass wir mehr über sie erfahren und die auch eine gewisse Spannung im Zusammenspiel versprechen. Nein, dass „Alter Ego“ so misslungen ist, das liegt ausschließlich an der Inszenierung des beim „Tatort“ viel beschäftigten Thomas Jauch.

Geht schon los, mit einer Sexszene, die so bieder abgefilmt ist, dass man glaubt, in einem garantiert jugendfreien Fitnessvideo gelandet zu sein, und die zumal gegengeschnitten wird mit Bildern des ersten Mordes, wobei man durchaus fragen darf, was solche eine Parallelführung von Sex und Gewalt eigentlich inhaltlich bedeuten soll. Geht weiter: mit Bildern (Kamera: Clemens Messow), die an die üble Videoästhetik der Mittneunziger-Berlin-Krimis erinnern, billigste Bilder, die mit Reißschwenks und vollkommen unmotivierten Zooms kaschiert werden. (Kinners! Das kann vielleicht Dominik Graf, die Beschränktheit der Mittel so ausstellen, dass man kapiert, was für eine ästhetische Entscheidung dahinter steht, Thomas Jauch aber kann das nicht!) Geht immer noch weiter: Weil dieser Krimi eigentlich überall spielen kann, haut man ein paar blaustichige Bilder von Sehenswürdigkeiten und Klischees dazwischen, das Dortmunder U, Zechentürme, am ärgsten: einen Taubenzüchter (Uli Krohm, der allerdings als Vater eines Opfers ein schauspielerisches Kabinettstückchen abliefert, inklusive der Jahrhundertsätze „Was haben die denn alle dagegen, wenn jemand anders ist? Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn die alle gleich sind“, der sich einerseits auf den aus der Bergmannstradition gefallenen schwulen Sohn bezieht, andererseits auf die Gentrifizierungstendenzen in Dortmunder Arbeitervierteln). Geht immer noch weiter: Die Kommissare ermitteln in einer Schwulenbar (wer sehen möchte, wie man so etwas klug, originell und nicht diskriminierend inszeniert, der schaue den alten Münchner Krimi „Liebeswirren“!), und vor der Bar treffen sie, hach wie peinlich!, die Borussenkumpels vom Sympathiebolzenbullen. Die ein solch billiges Bild abgeben, eine Handvoll gelbschwarzer Schalträger in der ansonsten leeren Dortmunder Innenstadt, dass man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie die Diskussion bei der Produktion gelaufen sein muss: „Wir brauchen da eine große Menge Fußballfans!“ „Hm, ja, für fünf Komparsen reicht der Etat noch.“ „Scheiße. Naja, dann staffieren wir sie am besten möglichst trottelig aus, dann wird das schon.“ Nein, Regie, das wird nicht! Im Gegenteil, das sieht lieblos aus, billig und nicht so, als ob ihr euch auch nur annähernd Gedanken gemacht hättet, was ihr mit euren Bildern eigentlich erzählen wollt!

Ich bin wrklich verärgert, echt jetzt. Und nur, weil ich glaube, dass in diesem Team noch ziemlich viel Potenzial steckt, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Folge aus Dortmund. (Das ist wie beim Fußball. Nur weil die Borussia einmal verliert, bleibt der Fan am nächsten Wochenende doch auch nicht zu Hause.)

„Als wär’s die 72. Lena-Ödenthal-Folge“: Matthias Dell im Freitag. „Menschen sollte man machen lassen“: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. „Anschluss verpasst“: Christian Buß auf SpOn. „Viel Potenzial, aber Luft nach oben“: der Wahlberliner. „Die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze“: die Revierpassagen.

04. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Woanders is‘ auch scheiße · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

In einer Zeit, in der selbst der Bundesgauck pastoral verschwiemelt fordert, stolz auch Deutschland zu sein, in einer Zeit, in der ein in der Blogosphäre breit zitierter Text konstatiert, dass es sich hier im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz gut aushalten lasse, in einer Zeit, in der die schwarzrotsenfen Fähnchen des Partynationalismus sich wieder in den Auslagen meiner Stammdrogerie breit machen, finde ich es schön, wenn man einmal festhält, dass einer der wenigen Pluspunkte dieses Landes ist, dass man hier gelernt hat: Differenz ist eine gute Sache. (Ansonsten halte ich es mit der alten Ruhrpott-Weisheit: „Woanders is‘ auch scheiße.“) Wie in „Open for everything“, dem wunderbaren aktuellen Stück der argentinisch-deutschen Choreographin Constanza Macras. In der jungen Welt habe ich beschrieben, wie ich es fand. (Leider zu spät, um sich das Gastspiel auf Kampnagel anzuschauen, aber das Stück tourt ja durch Europa.)

Das ist die große Kunst von Constanza Macras: Sie traut sich, Brüche stehen zu lassen und macht sie zum zentralen Element ihrer Ästhetik. Die 1970 in Buenos Aires geborene und seit 1995 in Berlin heimische Choreographin steht damit für ein multikulturelles Tanztheater, das eben nicht dem »Melting Pot« huldigt, sondern einer Vielzahl von Wertsystemen, Ästhetiken, Sprachen, die nebeneinander stehen, sich teilweise widersprechen, sich behindern und bekämpfen. Für Macras ist diese Vielstimmigkeit kein Problem, sie macht vielmehr die Qualität des Großstadtlebens im 21. Jahrhundert aus.

Nach dem Abitur wählte ich meinen Studienort nach dem Ausschlussverfahren. Entgegen kam mir, dass man Theaterwissenschaften damals ohnehin nur an einer Handvoll Unis studieren konnte, die reduzierten sich von selbst. Hamburg: zu weit weg von der Heimatstadt. München: zu nah an der Heimatstadt. Erlangen: zu klein. Berlin: zu groß. Bayreuth: zuviel Wagner. Köln: zuviel Pappnasen. Gießen: Ich hatte weder Ahnung, wo das lag, noch, was mich dort für Menschen erwarten würden.
Übrig blieb: Bochum. Und im Hintergrund sang Herbert Grönemeyer ein altes, dummes Lied.

Jeder hat Sehnsuchtsorte. Manchmal sind diese Orte Klischees, Tahiti, New York, Paris, Venedig. Bei Tschechows „Drei Schwestern“ ist es Moskau. Und ich habe den Sehnsuchtsort Ruhrgebiet. Ich bin ein Kleinstadtkind, wahrscheinlich begeisterte mich deswegen immer schon schiere urbane Größe, und über fünf Millionen Einwohner, das war im Vergleich zu den gerade mal 100000 meiner Heimatstadt doch eine ziemlich gewaltige Hausnummer (ich nahm das Ruhrgebiet immer als eine einzige Großstadt wahr, ignorierte, dass Dortmunder nichts mit Bochumern zu tun haben wollten, Bochumer nichts mit Essenern und Essener nichts mit Duisburgern). Außerdem war ich immer schon begeistert von Industrie, und Industrie hatten sie dort durchaus, nahm ich an (zumindest solange der Strukturwandel nicht voll durchschlug). Und schließlich litt ich unter dem Baden-Württembergischen Konservatismus, zu dem ich im sozialdemokratischen Pott ein Gegenbild sah, im Grunde meines Herzens sehe ich das sogar heute noch so. Diese Begeisterung fürs Ruhrgebiet ist relativiert, verschwunden ist sie nicht. Mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich kurz hinter Lünen den ersten Förderturm sehe.

Ich studierte nicht in Bochum. Tatsächlich landete ich erst in Tübingen und dann in der Stadt ohne Eigenschaften, in Gießen, ich blieb dem Kleinstädtischen treu. Der Hesse sagt: „Mr waas ned, wofür es gud is'“, man weiß es nicht. A. auf jeden Fall zog nach Dortmund, immer wieder war ich daraufhin im Ruhrgebiet, immer wieder war ich begeistert, vom Urbanen, vom Dreckigen, vn den rußschwarzen Fassadaden. Ich schaute Fußball, ich ging ins Bochumer Schauspielhaus, ich kickerte und rauchte und trank, und frühmorgens fiel ich in frühe Straßenbahnen. Das Ruhrgebiet blieb mein Tahiti.

Tatsächlich habe ich nie wirklich im Ruhrgebiet gewohnt, sieht man einmal von einem Monat theoretischer Journalistenausbildung in Hagen ab. Ich war nur immer wieder dort, in dieser eigenartig provinziellen Riesenstadt, in dieser Industrieregion mit von Besuch zu Besuch weniger Industrie, in diesem fußballverrückten Vorort, der gar kein Vorort war, sondern tatsächlich die Stadt, die man schon verlassen hatte, als man noch dachte, man fährt gerade erst rein. Ich fuhr ins Ruhrgebiet und war glücklich, mein Sehnsuchtsort. Werde ich vermissen, das alles.

25. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Das Ende des Pop · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Auch ich bin in Arkadien geboren. (Novalis)

Auch ich bin auf der Loveparade gewesen. 1998 in Berlin, die Veranstaltung war gerade am Kippen, im Vorjahr hatten sie eine Million Raver geknackt, die Berichterstattung konzentrierte sich auf den Wirtschaftsfaktor Parade, auf die Kosten für die Reinigung des Tiergartens, auf die zunehmende Kommerzialisiserung. Die Berliner CDU hatte einen Wagen, die Jungen Liberalen, Gotthilf Fischer dirigierte einen Chor, das Publikum bestand zu gefühlt 90 Prozent aus hessischen Bundeswehrsoldaten ohne echten Technohintergrund, und RTL 2 zeigte sechs Stunden am Stück, wie angebliche Raverinnen ihre T-Shirts lüfteten. Der Coolnessfaktor lag knapp über Ballermann und knapp unter Kölner Karneval, mir egal, ich wollte da hin.

Kurz zuvor war ich nach Berlin gezogen und mitten im kulturellen Sommerloch gelandet, da erschien mir die Parade ein Highlight, und überhaupt: Lauter Technoenthusiasten fuhren von weither, um hier dabei zu sein, ich aber mochte erstens Techno und war zweitens ohnehin in der Stadt, da war ein Besuch doch alternativlos. Nur wusste ich nicht, wohin. Die Parade ging damals durch den Tiergarten an der Siegessäule vorbei, das müsste ich doch finden, war ja eine Großveranstaltung, und laut war es auch.

Es war unglaublich öde.

Truck an Truck schob sich über die Straße des 17. Juni, es lief ödester Kirmestechno, es war heiß, die Raver hingen zerschossen am Straßenrand, es waren nicht einmal viele (also, „viele“ im Sinne von: Es ging nicht mehr vor noch zurück). Eine halbnackte Frau herrschte mich an: „Los, freu dich endlich!“ Ich freute mich nicht. Am Himmel zog ein Gewitter auf, ich schwang mich aufs Rad und fuhr nach Hause, gefrustet.

In der Nacht vibrierte die Stadt. Ich war bis spät im Prater, hinterher noch im Prenzlauer Berg, dann radelte ich durch die Friedrichsstraße nach Hause, immer versprengten Ravern ausweichend. Ich hatte keine Ahnung, wohin, ich war nicht in der Szene drin, aber es war egal. Irgendwo auf Höhe des alten E-Werk legte jemand auf einem Parkplatz auf, ich stieg vom Rad, blieb eine, zwei Stunden. Monotoner, harter Techno, ein paar Tänzer, sehr laut, sehr dunkel. Mir gefiel das alles nicht, aber ich stand damals sehr auf die emotionslose Kälte des Punk, inhaltlich hatte ich hier einen Andockpunkt gefunden. Ein wenig tanzte ich, das heißt, ich bewegte mich ein wenig zu den Beats, ich dachte: „Cool, du bist auf der Loveparade!“ Dann wurde mir langweilig, und ich ging ins Bett.

1999 überschritt die Loveparade ihren kommerziellen Zenit, eineinhalb Millionen Besucher, die mit Techno fast gar nichts mehr zu tun hatten. In den Folgejahren schrumpfte die Parade wieder zu einer Nischenveranstaltung, 2003 hüpften gerade mal 500000 durch Berlin, dann wurde sie abgesagt. Um 2006 wieder aufzuerstehen, größer denn je, erst in Berlin, dann im Ruhrgebiet. Essen, Dortmund, 1,2 Millionen, 1,6 Millionen. Spätestens mit dem Umzug in den Pott ging es nicht mehr um Techno, es ging um Pop: mehr, mehr, mehr. Und dann die Enttäuschung, als Bochum 2009 die Veranstaltung absagte: Man sei in der verhältnismäßig kleinen Stadt nicht auf solche Besuchermassen eingestellt, hieß es. Aber jetzt, 2010, wollte es Duisburg besser machen, nicht so skrupulös wie die Bochumer, postiv, nach vorne schauend, unter dem Motte „The Art of Love“. Tschaka!

Katastrophe, Desaster, das Ende.

Das Ende der Loveparade. Das Ende der Zwangsfreude. Das Ende von Pop als positivem System.

Los, freu dich endlich!