05. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Schlechte Nachrichten, Baby · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,
Bei allzuviel guter Laune: einfach abschalten

Bei übertrieben guter Laune: einfach abschalten

Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann verlangt von seinen Redakteuren, dass sie in Zukunft Haltung zeigen sollen. Finde ich in Ordnung, überhaupt würde es diesem Land gut tun, wenn häufiger Haltung gezeigt würde, im Kampf gegen Rechts etwa, oder im Abbau von Hierarchien. Allerdings gibt Wichmann vor, welche Haltung das zu sein hat, und das ist natürlich nicht besonders hierarchiekritisch: Neben Empathie, Kritik und Begeisterung lautet die Zwangshaltung des Hauses in Zukunft „vor allem Optimismus“.

Der Stern ist nun nicht irgendeine Feld-, Wald- und Wiesen-Illustrierte, die verzweifelt versucht, mitten in der Medienkrise ihre Schäfchen ins Trockene zu bekommen, der Stern ist eines der meistverkauften Printprodukte dieses Landes, er ist die Cash Cow des Verlags Gruner & Jahr, die es ermöglicht, immer wieder mit obskuren aber irgendwie auch liebenswerten Titeln wie Beef! oder Dogs zu reüssieren. (Außerdem ist der Stern das erste Printmedium, das ich regelmäßig gelesen habe, meine Eltern hatten den abonniert – ich habe eine Geschichte mit diesem Blatt, bei sowas bin ich empfindlich.) Und dieses Medium betont also den Optimismus, den positiven Blick auf die Welt, die gute Laune. So etwas erschreckt mich.

Ich bin ein Miesepeter, schon klar. Ich bin kein pietistischer „Wir leben in einem Jammertal, das wir lächelnd ertragen müssen!“-Prediger, das nicht, aber ich schaue mir mein Umfeld an, und ich stelle fest: Allzu viel Anlass zum Optimismus gibt es nicht. Der Sozialstaat wird europaweit zusammengestrichen. Die Anerkennung gleichgeschlichtlicher Lebensgemeinschaften, überhaupt alternativer Formen des Zusammenlebens kommt und kommt nicht voran. In Syrien schlagen sich die Leute die Köpfe ein, und man hat nicht einmal den Hauch eines Anhaltspunktes, wer der Gute ist und wer der Böse. Die FDP steht in allen Umfragen über fünf Prozent, dass diese Nasen sich in den nächsten Bundestag eingekauft haben, gilt als ausgemacht. In Russland hetzen wildgewordene Christen Seite an Seite mit Rechtsradikalen und der Regierung gegen Künstler, Schwule, Oppositionelle … Wie soll man auf diese Welt mit Optimismus blicken, ohne all diese Aspekte auszublenden?

Die Behauptung, dass der Leser nicht immer mit den Übeln der Welt zugeschüttet werden wolle, kommt immer wieder, nicht zuletzt vom Axel-Springer-Verlag. Die Bild bewarb ihre Jubiläums-Gratis-Ausgabe vor einem Dreivierteljahr ganz offen damit, dass in ihr nur gute Nachrichten stehen würden (konsequenterweise stand in ihr dann auch praktisch nichts). Aber der Springer-Verlag tut ja auch nur so, als ob er ein Medienunternehmen sei, in Wahrheit ist er aber ein Konzern, dessen primäres Geschäftsmodell Desinformation und Ansprache eines stumpfen Bauchgefühls ist, da passt so eine Fun-Fun-Fun-Ideologie schon. Zum Stern passt sie nicht. Ganz davon abgesehen, dass sie auch nicht wirklich erfolgreich ist: Die Auflage der Bild hat sich zwischen 1998 und 2012 beinahe halbiert. Aber, wer weiß: Wenn man dem Leser nur lange genug einredet, dass er das doch möchte, dieses Feuerwerk der guten Laune, dann glaubt er es vielleicht wirklich, irgendwann, dann schaut er mit der gleichen Verachtung wie Stern-Chef Wichmann auf all die schlechten Nachrichten, die von allen Seiten auf ihn einstürmen.

Aber bis es soweit ist, motze ich noch ein wenig.