14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

Ein guter Februar, dieses Jahr. In absoluten Zahlen natürlich nicht ganz so der Burner, klar, ist ja ein kurzer Monat, aber ein hoher durchschnittlicher Tagesbesucherwert. Da merkt man, dass das Wetter so entsetzlich ist, es gibt schlicht wenig zu tun außer sinnlos rumzusurfen. Interessant auch die am häufigsten gegooleten Begriffe: Erstmals sind das nicht „Thomallas Titten“ oder so etwas, es ist „Sarah Wagenknecht nackt“. Linkskonservative Masturbatoren oder Rechte, die den Linken am Zeug flicken wollen, man weiß es nicht, aber was man wissen sollte, ist das: Sarah Wagenknecht, die macht doch den Drecksjob für die Rechten! Behauptet, eine Linke zu sein, ist aber in allem, was sie sagt so weit rechts, da schlackert die CSU mit den Ohren! (Mit den roten Ohren übrigens, weil sie sich gerade vorgestellt hat, wie ihr Gottseibeiuns nackt aussieht. Hihi.) Andere Suchbegriffe waren aber auch schön.

1. senf ins gesicht frittenbude Es gibt die früher Münchner, jetzt Berliner Band Frittenbude, aber die spritzt in der Regel nicht mit Senf. Frittenbude veröffentlichen ihre Musik auf dem Hamburger Label Audiolith, und auf Audiolith ist es auch eine weitere Band aus München unter Vertrag, Tubbe. Jedenfalls: Es existiert von Tubbe ein Video zum Song „Liebe.Fertig“, und am Ende dieses Videos ejakuliert ein riesiger Phallus der Sängerin etwas ins Gesicht. Aber das ist, glaub‘ ich, kein Senf. Hm. Oder geht es bei der Frage überhaupt nicht um die Band Frittenbude, sondern vielleicht um versicherungsrechtliche Fragen, wenn man an einer Bude Senf … äh. Dann kann ich nicht helfen. Jetzt weiter mit Musik.

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2. die frau mit schubladen salvador dali was bedeutete es Das ist so eine typische Schülerfrage. Ich stelle mir einen pickligen Dreizehnjährigen vor, nennen wir ihn Kevin, der am nächsten Tag ein Referat im Kunstunterricht halten muss, aber zu faul ist, sich selbst mit einem Kunstwerk zu beschäftigen, ach, im Internet wird sich schon was finden. Wird sich sicherlich, Kevin, irgendwo. Aber nicht hier. Und ob dir das, was du da findest, weiterhilft, da wäre ich mir auch nicht zu 100 Prozent sicher.

3. roger vontobel/jana schulz Hier hat sich hingegen wirklich jemand Gedanken gemacht. Theaterregisseur Roger Vontobel (den ich durchaus mag) arbeitet sehr gerne mit Schauspielerin Jana Schulz (die ich extrem mag) zusammen, leider nicht mehr in Hamburg, was mit dem kulturpolitischen Desaster am Schauspielhaus zu tun hat. Zuletzt machten die beiden, denke ich, zusammen Shakespeares „Richard III“ am Schauspielhaus Bochum.

4. linsen und spätzle sind unglaublich lecker.

5. müssen darsteller in modernen inszenierungen nackt sein Nein, müssen sie nicht. Tatsächlich habe ich sogar schon mehr Inszenierungen gesehen, in denen die Darsteller nicht nackt sind, als Inszenierungen, in denen die Darsteller nackt sind. Andererseits kann es durchaus vorkommen, dass ein Schauspieler nackt ist. Das kann inhaltliche Gründe haben (in Stefan Puchers „Othello“, 2004 am Hamburger Schauspielhaus, duscht Alexander Scheer in der Titelrolle und verliert dabei in Teilen seine schwarze Hautfarbe, da wäre es lächerlich, würde er eine Badehose tragen). Es kann aber auch damit zu tun haben, dass ein Schauspieler nackt seine Professionalität verliert, was eine ästhetische Entscheidung ist (Einar Schleef hat einmal sinngemäß gesagt, dass nackte Schauspieler sich nicht mehr hinter ihrem Handwerk verstecken können). Und manchmal ist es auch schlicht aufgesetzt.

6. wiener schnitzel dekonstruktion Das ist so ziemlich meine Lieblingsanfrage. Postmoderne, gutes Essen, Wien, alles drin.

7. intellektuelles niveau petersburger schlittenfahrt Hust. Wenn ich es richtig weiß, ist die „Petersburger Schlittenfahrt“ eine Sexstellung: Der aktive Partner hat die Knie angewinkelt, der Passive ruht auf diesen Knien und wird dabei penetriert. Ist für den Aktiven ein wenig unbequem, aber durchaus lustvoll. Aber: intellektuelles Niveau?

8. darf man beim cirque du soleil fotografieren? Darf man nicht. Klare Frage, klare Antwort.

17. Februar 2011 · Kommentare deaktiviert für File under: Cat Content · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Eine kleine Ergänzung zu meiner erkalteten Vorliebe für den katalanischen Surrealisten Salvador Dalí: Nachdem ich in aller Arroganz festgestellt hatte, dass Dalí überschätzt war, nahm ich seine Drucke von der Kinderzimmerwand und ersetzte sie – durch neue Drucke. Von René Magritte. Der arbeitete feiner, fand ich, hatte einen hintergründigeren Humor, wirkte alles in allem kultivierter als der genialische Katalane. Andera ausgedrückt entwickelte ich mich zum formalistischen Spießer.
Hielt aber ohnehin nicht mehr lange vor. Vielleicht lehrten mich Dalí und Magritte eines: Zum Fantum bin ich nicht geschaffen. Diese Haltung begleitet mich in meinem Umgang mit Kultur bis heute, ich finde manche Sachen wirklich gut, manche sogar extraordinär, aber ich bin kein Fan, der Blut sehen möchte, um sein Idol zu beeindrucken. Finde ich gar nicht schlecht, das. Meine Begeisterung lenkte ich um, von surrealistischen Malern auf Meerschweinchen, die ich von nun ab mit Zuneigung überschüttete. War vielleicht auch altersgerechter für einen Fünfzehnjährigen.

(Die Abbildung entnehme ich einer Postergalerie in Brüssel, die leider schon geschlossen hatte, als ich das Bild entdeckte. Sonst hinge es nämlich jetzt schon in meinem Flur. Und das ganz ohne Rücksprache mit der schönen, klugen Frau: wieder mal Glück gehabt.)

Als Kind, also, so mit 14, 15 war ich ein ziemlicher Fan von Salvador Dalí. Guilty pleasures, okay, später hörte ich begeistert Tracy Chapman, schaute Filme von Jean-Jacques Beineix und las Bücher von Irene Dische, das war zu der Zeit vollkommen in Ordnung, und ich habe kein Problem damit, festzustellen, dass mich heute anderes mehr interessiert. Bei Dalí ist das anders, ich gebe ungern zu, dass mein Jugendzimmer gepflastert war mit Drucken von brennenden Giraffen und langbeinigen Elefanten, und gleichzeitig tut es mir weh, dass brennende Giraffen heute kaum noch etwas mit meinem Leben zu tun haben. Dalí ist kein peinlichstes Liebeslied, Dalí ist eher so etwas wie eine Ex-Freundin, für die man nichts mehr empfindet, über die man aber auch nicht vom hohen Ross urteilen mag, weil: Man hat sie irgendwann einmal aufrichtig gemocht.

Das hat, sicher, damit zu tun, dass Dalí Allgemeingut ist. Ästhetische Urteile sind elitär, die will man nicht mit Krethi und Plethi teilen, Dalí aber ist offen für jeden. Das Bild links zeigt den Souvenirshop im Schloss des Künstlers im katalanischen Púbol, Kunstwerke für den Hausgebrauch. Mae Wests Lippen als Knautschkissen, Tassen mit Künstlerbärtchen und, am allerschlimmsten, Dalís Alptraumwesen als Kuscheltiere (nicht im Bild): Surrealismus-Nippes. So heftig kommerziell wurde kein Picasso vermarktet, kein Warhol, und auch kein Koons (wobei die Vermarktungsstrategien dieser Popart jüngeren Datums ohnehin in eine andere Richtung gehen, die eher an Subversion durch Affirmation erinnert). Kunst, die voraussetzungslos jedem zugänglich ist. (Und damit, das gestehe ich mir aber nur hinter vorgehaltener Hand ein, eben auch einem schwäbischen Provinzjugendlichen von 14 Jahren keine Interpretationsprobleme bereitet.)
Auf der anderen Seite hat sich bei mir ein inhaltliches Problem mit Dalí entwickelt: Der Künstler war ein verkappter Fan von Francos Faschismus, soviel kapiert man auch als Teenager, wenn man ein paar Biografien liest und die mit Geschichtsbüchern abgleicht. Seine Motive nervten, auf lange Sicht, auch: Das ständige Abfeiern des Beziehungsglücks zu seiner Frau Gala war bei Licht betrachtet nicht gerade das, was einen spannenden Künstler ausmachte. Und schließlich die Form: Dalí war im klassischen Sinne ein Meister. Das heißt, Dalí konnte technisch einiges, der beherrschte barocke Malerei ebenso aus dem Effeff wie ironische Zitatspielereien und Anleihen bei Pop, Collage und Comic. In einer Zeit, in der ich den Charme des Unfertigen zu schätzen lernte, in einer Zeit, in der mir handwerkliches Können plötzlich als reaktionäre Kategorie erschien, begann ich, mich für meine Dalí-Verehrung schämen zu müssen.

Damit wurde ich Dalí untreu. Ich hängte die Drucke ab, ersetzte sie durch Jackson Pollock, durch Nobuyoshi Araki, schließlich durch einen Filmstill von Daria Martin, hier bin ich mehr zu Hause, zweifellos.
Und damit in der Lage, langsam wieder zu meiner Beigeisterung für diesen Künstler zu stehen: Von Dalí in Erinnerung bleiben soll nicht das Bild eines Museumsshops, in Erinnerung bleiben soll der Blick aus dem riesigen, wunderschönen (und leider auch unglaublich überlaufenen) Museum in Dalís Geburtsstadt Figueres. Der Blick aus einem malerischen Innenhof über eine surrealistische Statue bis zum Kirchturm. Und von dort aus in den blauen, katalanischen Himmel. Wenn man diese Verbindung, Musenort-Surrealismus-Religion-Kathalonien, verstanden hat, dann hat man viel mehr verstanden, als wenn man eine brennde Giraffe als Stofftier, billig in China zusammengenäht, im Arm hält. Dann hat man allerdings auch viel mehr verstanden, als wenn man sich über jemanden mit solch einem Stofftier beömmelt. Dann kann man, endlich, sagen: Irgendwo war er auch wirklich gut, der Dalí.