lieferandoIch weiß, dass es die wirklich Bösen nicht gibt, in diesem Kontext. Nicht die Firma Lieferando, die doch nur der Makler ist, der Mittelsmann, der den Kontakt herstellt zum nächsten Pizzabringdienst. Nicht der Bringdienst, der nimmt eigentlich auch keine anderen Dienste in Anspruch als der Immobilienbesitzer, der sich nicht selbst um die Vermietung seiner Wohnung kümmern will oder die Schauspielerin, die nicht selbst bei den Filmproduzenten Klinken putzen will: Die nutzen ja auch Agenten. Und Lieferando ist dann eben der Agent für den griechischen Lieferservice Santorini (der eigenartigerweise am anderen Ende der Stadt liegt, trotzdem nennt ihn mir Lieferando als nahe), Spezialist für „Bier, Burger, Calzone, Croques“, typisch griechisch also. Schuld ist nicht einmal die Marketingagentur, die die momentan überall in der S-Bahn hängenden Plakate entworfen hat, wobei man schon seltsam finden kann, dass die zuständige Agentur nicht auffindbar ist: Das Fachmedium Werben & Verkaufen behauptet, die „Berliner Agentur 111 Media“ würde den Werbeauftritt verantworten, es gibt aber nur eine einzige Agentur namens 111 Media, und die sitzt in München. Mysteriös. Aber auch egal.

Weil das nämlich keine widerlichen Einzelaspekte sind, das ist alles so widerlich, als Gesamtheit. Diese Plakate sind der perfekte Ausdruck einer durch und durch widerlichen Zeit. Die blöde Jugendsprache-Anwanzerei „Deine Mudda kocht“, die klarstellt, dass ja wohl nichts so uncool ist wie Kochen. Die ästhetische Anspruchslosigkeit der Plakatgestaltung. Die billige Darreichung der abgebildeten Essensbeispiele. Die Annahme, dass der Lieferservice Santorini einem bis vom Horner Steindamm, einer öden Ausfallstraße im Osten Hamburgs, irgendetwas Essbares liefern könnte. Die Behauptung, dass Essen das Gegenteil von Kultur ist, die Behauptung, dass Essen nur ein Reinschaufeln von Kohlehydraten ist, vor dem Bildschirm, während einem das Fett aus den Mundwinkeln läuft und man seinem „Buddy“ High-five gibt, „Deine Mudda kocht, Alder!“ Höhö.

Ich geh‘ jetzt Kotzen. Es ist so widerlich.