01. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Juni 2013) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , ,

Meine Blogpraxis habe ich derzeit ja fast vollkommen verlagert, rüber, zu Les Flâneurs, da muss ich mich nicht beschweren, wenn die paar Googler, die hier noch vorbeischauen, eben das Erwartbare suchen: „Sophie Rois nackt“. Aber, halt!, ein paar suchten auch im Juni noch Orginelles:

„gentrifizierung eimsbüttel“ Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema. Hamburg-Eimsbüttel erfüllt alle Voraussetzungen, um mal so richtig durchgentrifiziert zu werden: innenstadtnah, altbaubestanden, irgendwie bohèmehaft cool. Schön, dass sich jemand dafür zu interessieren scheint.

„sex mit monströsen menschen“ Was genau sind „monströse Menschen“? Anorexisch (weiter unten sucht noch jemand „sex mit magersüchtigem mädchen“), adipös, stark behaart oder am gesamten Körper haarlos? Ich empfehle den Film „Brownian Movement“ mit der von mir auf Knien verehrten Sandra Hüller; die hat da mehrfach Sex mit Menschen, die man oberflächlich als „monströs“ bezeichnen könnte.

„band die im schanzenviertel spielt“ Steht diese Anfrage in irgendeiner Beziehung zur ersten Frage, da oben? Im Schanzenviertel jedenfalls spielen ständig irgendwelche Bands. Und dann gentrifizieren sie das Viertel voll, die Schweine.

„nachfolgeband von den lassie singers“ Britta. Klotz + Dabeler. Christiane Rösinger solo.

„für was interessiere ich mich“ Ist wahrscheinlich die ulkigste Anfrage, die man sich bei Google stellen kann. Junge, das musst du doch wissen, wenn du googlest!

„studium+brotlose+kunst+marburg“ Ja, Brotlose Kunst kann man in Marburg studieren, allerdings nur als Nebenfach, am Institut für Kunstpädagogik. Wir empfehlen als Hauptfach entweder Sportwissenschaft, Gender Studies oder Applied Theatre Science, ansonsten sieht es auf dem Arbeitsmarkt nämlich ganz übel aus. In eine ähnliche Kerbe haut wohl auch „sex studium lustig“: Ja, das Sexstudium ist wirklich sehr lustig. Aber Betriebswirtschaftslehre ist ebenfalls lustig, echt!

„stinkende speckige lederhosen“ Die riechen, glaub‘ ich, nie besonders gut.

„constanza macras hiphop“ Die Berliner Choreografin Constanza Macras hat vor einiger Zeit ein Stück namens „Distortion“ gemacht, in dem es um HipHop ging. Habe ich im uMag und für die Nachtkritik darüber geschrieben.

03. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Athen, London, Hamburg · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , ,
Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Es kann einfach nicht jeder im Szeneviertel wohnen.

Wenn es den Lobbyisten der Vermieter zu wohl wird, geben sie Interviews. In denen erzählen sie dann, dass es hierzulande ganz und gar keine Wohnungsnot gebe, dass im Gegenteil viel freie Wohnungen am Stadtrand zu haben seien, auch noch günstige, auf die Schnelle falle ihnen zwar keine ein, aber, dochdoch, die gebe es. Nur die Wohnungssuchenden, die seien eben viel zu versnobt und würden sich nicht dazu herablassen, eine Wohnung in Billstedt oder in Neuwiedenthal auch nur anzuschauen (dass es gute Gründe gegen Wohnen am Stadtrand gibt, auch jenseits der Versnobtheit, habe ich vor einem knappen Jahr schon einmal beschrieben). Und immer wieder kommt dann das gleiche Argument: „Ein Grundrecht auf eine Wohnung in der Schanze oder anderen Szeneviertel gebe es nicht“ zitiert der NDR Axel Kloth, Verbandschef des Immobilienverbads Nord (IVD) anlässlich einer IVD-Studie, laut der der Hamburger Wohnungsmarkt problemlos funktioniere.

Wir haben keine Wohnungsnot. Wir haben – wenn überhaupt – nur örtlich begrenzten ernsthaften Wohnungsmangel. Und wir haben eine Fluktuationsrate von über zehn Prozent, was grundsätzlich für einen funktionierenden Wohnungsmarkt spricht. Wir haben keine Dramatik, so wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Was soll er auch sagen, der Herr Lobbyist. Meist kommt dann noch der Hinweis, dass die Mietpreise in Hamburg ohnehin ein Witz seien, in Berlin gleich nochmal, einzig München habe annähernd vergleichbare Preise wie internationale Metropolen. Schon klar, ein WG-Zimmer in London ist in Außenbezirken für rund 150 Euro pro Woche zu haben, in Paris zahlt man angeblich für eine kleine Kammer bis zu 1000 Euro monatlich, und durchschnittlich schlägt ein WG-Zimmer in Athen auch schon mit 250 Euro im Monat zu Buche, in Griechenland, Home of the Finanzkrise, wo die Leute sich teilweise nicht einmal mehr drei Mahlzeiten täglich leisten können! Wie zahlen die solche Mieten?

Sie zahlen sie: nicht. Es ist schwierig, aktuelle Zahlen zu bekommen, aber alles in allem lässt sich sagen: Dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung zur Miete lebt, ist ein europäischer Sonderweg. In Spanien, etwa besitzen 81 Prozent der Bevölkerung Wohneigentum (Spitzenwert!), in Griechenland 76 Prozent, in Großbritannien 69 Prozent, in Frankreich 54 Prozent. Und in Deutschland 41 Prozent, weniger Wohneigentümer gibt es prozentual gesehen nur noch in Schweden und in der Schweiz. (Die Zahlen stammen aus den Jahren 1990 bis 99, es ist aber wahrscheinlich, dass im Zuge der Wirtschaftskrise der Trend zur eigenen Immobilie eher noch verstärkt werden dürfte. Quelle: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 3/2003, pdf-Link.) In den meisten Ländern leben die Menschen im eigenen Haus, teilweise unter erbärmlichen Umständen und zum Preis einer hohen Verschuldung, aber dafür mietfrei. Zur Miete leben Studenten, bei denen von vornherein klar ist, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein dürfte, beziehungsweise Leute, die sich in irgendwie unserösen Zusammenhängen bewegen. Wenn also die Wohnungswirtschaft Londoner Verhältnisse in Hamburg fordert, dann fordert sie, dass der Hamburger etwas bezahlt, dass der Londoner auf keinen Fall zahlen würde – eine Mondpreis-Miete.

Einen Text wie diesen könnte man als Hohelied aufs Immobilieneigentum lesen, als Forderung: Schafft euch eine Eigentumswohnung an, jammert nicht und zeigt den Vermietern den Mittelfinger. Das wäre aber eine falsche Lesart, meiner Meinung nach ist der deutsche Sonderweg in dieser Frage endlich mal ein ganz kluger. Wir gehen in immer mehr Lebensbereichen von Gemeingütern aus, die kein Individuum mehr besitzt, sondern für die Nutzungsgebühren anfallen: Car-Sharing. Creative Commons. Prinzessinnengärten. Die nutzen wir, weil es Spaß macht, weil es für den Einzelnen günstig ist, nicht zuletzt aus Umweltgründen: Der ökologische Fußabdruck von Gemeingütern ist weitaus kleiner als der von Privatbesitz. Und gerade bei der Frage des Wohnens wollen wir zum Privatbesitz zurück? No way.

Davon ab: Das mit dem Mittelfinger für Vrmieter ist trotzdem eine gute Idee.

27. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Männer und Bälle: Ein Astra, bitte · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

„Eigentlich wollte ich mir das Deutschlandspiel bloß in der Kneipe um die Ecke anschauen. Da ist so ein Sportplatz, und die haben ein Vereinslokal. Ich also rein, natürlich erst gefragt, ob ich als Nichtmitglied überhaupt gucken dürfte, die waren aber ganz freundlich und meinten, klar, setz‘ dich. Da dachte ich mir schon, oh je, alles voller Deutschlandfähnchen, und die hatten auch alle diese blöden Hütchen auf. Aber wo ich schonmal da war, bestellte ich

– Ein Astra bitte.

Sofort wurde es ganz still in der Kneipe, und ein Typ fragte drohend

– Sachma, bissu ne Zecke oder was?

Ich hab das erst überhaupt nicht kapiert, ich wollte doch nur ein Astra. Aber gleich nochmal

– Bissu ne Zecke oder was? Wo kommst du überhaupt her? Du kommst doch sicher aus St. Pauli, Schanze oder so.

– Nein, ich bin von hier, aus Altona.

– Bissu dir da ganz sicher?

– Ja sicher, ich bin vor ein paar Wochen hierher gezogen, um die Ecke, in die Michael-Müller-Straße. (Adresse verändert)

– Bissu dir da wirklich ganz sicher, dass du aus Altona bist? Ich bin mir da nämlich ganz und gar nicht sicher!

Ich habe dann nicht gesagt, dass ich eigentlich ganz woanders her komme und mir stattdessen ein Holsten bestellt, das geht ja auch. Und dann ging das Spiel los, und sofort fingen die an

– Boah, die Türkenschwuchtel wieder!

Ich habe versucht, da ein wenig klarzustellen, nämlich, dass besagter Spieler meines Wissens überhaupt nicht in der Türkei geboren sei, fand aber kein Gehör.

– Ach was, dassisne Türkenschwuchtel!

Alles in allem waren die aber alle total nett. Es gab dann noch eine Tombola, bei der ich echt je-des-mal verloren habe, eine Niete nach der anderen. Während die anderen ständig gewonnen haben, immer diese blöden Deutschland-Hüte. Einer hatte mindestens drei Hüte auf, weil er die alle gewonnen hat. Doch, die waren wirklich echt nett.“

(Aufgezeichnet aus der Erinnerung)

31. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Da dreht sich der Spieß respektive Phallus um · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Es wird alles gut. Eine Welt, in der eine Band wie Boy Hits schreibt, eine Welt, in der Valeska Steiner und Sonja Glass zweimal kurz hintereinander Clubs in Hamburg wie in Berlin ausverkaufen, eine Welt, in der Gefühl ohne Gefühligkeit möglich ist wie im Boy-Debütalbum „Mutual Friends“, die kann nicht wirklich schlecht sein. Es wird alles gut, wirklich.

„Boy sind der derzeit wohl schönste lebende Beweis, dass sich Singer/Songwriter-Musik mit Tiefgang und eine Top-Ten-Platzierung in den deutschen Charts nicht ausschließen müssen“, schreibt Maike Schulz in der Berliner Zeitung. Kollegin Schulz ließ sich um den Finger wickeln, um den gleichen Finger, um den auch ich mich wickeln ließ. Vom Charme dieser, naja, Band, Sängerin Steiner und Bassistin Schulz plus vier Gastmusiker, die beim Konzert im Hamburger Knust einen guten Job machen, indem sie den auf Platte manchmal fast zu lieblichen Folkpop anschrägen, aufrauen, bis aus „Spätsommerpop“ (noch so ein Schulz-Zitat aus Berlin) frühherbstlich eingängiger Indiepop wird. Ach, ich will sie nicht mögen, aber ich muss sie mögen, diese Platte, die mich einwickelt, die meine Eintrittskarte in den Mainstreampop darstellt, ins Radiotaugliche (wobei Boy natürlich nicht im Radio laufen, weil, Radio ist noch viel schlechter als ich es darstelle. Im Radio läuft nichts, was auch nur annähernd unter Qualitätsverdacht stehen könnte.)
Denn Boy machen alles richtig. Angefangen beim Bandnamen, bei aller Niedlichkeit der beiden Köpfinnen: Eine Frauen-, naja, Mädchenband „Boy“ zu nennen, das beweist einerseits Chuzpe und andererseits einige Ahnung vom Stand der Genderdiskussion, zumal Boy ja nun wahrlich keine maskuline Musik machen, sondern, da dreht sich der Spieß respektive Phallus wieder um, protoweiblichen Folkpop.
Dann das Plattencover. Ein Schnappschuss: zwei Mädchen auf einer Couch, eine Clubsituation, eine scheint im Gespräch, die andere lässt einen Kaugummi platzen. Ein Bild, geprägt gleichzeitig von großstädtischer Langeweile, kindlicher Lust und hoher Konzentration: „Wie zwei Studentinnen auf einer schlechten Party, die darauf warten, dass endlich jemand anruft und sie abholt“, schreibt Kollegin Schulz.
Und schließlich Steiner und Glass selbst. Zwei Mädchen, naja, Frauen, die gecastet sind, aber quasi selbstbestimmt gecastet, also: Da haben sich zwei gefunden, die durchaus wissen, dass sie ein Modell darstellen. Nämlich, dass man gar nicht besonders jung sein muss, um als jugendlich durchzugehen (Steiner ist etwas unter, Glass etwas über dreißig, das ist wichtiger als es der optische Entwurf von Boy nahe legt). Es wäre sexistisch, Boy als „Mädchen“ zu bezeichnen, sie sind – Schanzenmädchen. Frauen, die eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Unbekümmertheit, Lust, Nachdenklichkeit, Coolness und Ironie darstellen. Die Musikentsprechung dessen, was jemand wie Pheline Roggan im Schauspielbereich verkörpert. (Dass der Begriff „Schanze“ in diesem Zusammenhang für ein idealisiertes Viertel steht und nicht für die konkrete Hamburger Sternschanze, in der jedes Ideal längst yuppiefiziert wurde, dürfte klar sein, oder? Auch Boy stehen ja nicht für ein in der Realität vorkommendes Frauenbild, sondern für ein Ideal.)

Fehlt da noch was?

Ach ja, die Musik. Die ist natürlich nicht meine Tasse Tee, ich meine: radiotauglicher Indiefolkpop. Wobei auch der bei Boy so originell und charmant klingt, besser kriegt man es in diesem Genre wohl nicht hin. Manche Kritiker vergleichen „Mutual Friends“ mit Feist, aber das ist zu hoch gegriffen, Feist, das ist schon noch ein anderer Schnack (allerdings würde ich Boy durchaus zutrauen, in ein paar Jahren da aufschließen zu können). Bis dahin halten wir es mal so: „Mutual Friends“ ist schön, halbwegs eigenständig, eine CD, die ich immer wieder gerne höre. Und das Hamburger Konzert war eine einschränkungslos beglückende Erfahrung. (Der zweite Auftritt kommenden Sonntag im Knust ist ebenfalls ausverkauft, genauso wie der zweite Berliner Auftritt am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg. Wer aber noch irgendwie eine Chance sieht, sich auf eine Gästeliste zu schmuggeln, der möge das tun. Er wird es nicht bereuen.)

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Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg steigt währenddessen ab.

2. Ole von Beust
Man konnte nicht behaupten, dass Ole von Beusts CDU die Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 gewonnen hätte. 26,2 Prozent, das waren viereinhalb Prozent weniger als noch vor vier Jahren, außerdem über zehn Prozent hinter der SPD, Sieger sehen anders aus. Dass von Beust dennoch Bürgermeister wurde, lag an der rechtspopulistischen Schill-Partei, die aus dem Stand knapp 20 Prozent erreichte und von Beust zusammen mit der Fünf-Prozent-FDP eine knappe Mehrheit sichern konnte. Das als Vorbemerkung, nur um zu verstehen, weswegen jemand wie Ole von Beust, der eigentlich nicht typisch für die CDU steht, plötzlich im SPD-Erbhof Hamburg an der Spitze stehen konnte.
Von Beust ist kein typischer Christdemokrat. Aber was ist ein untypischer Christdemokrat? „Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen – sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus“, beschrieb Anna Reimann 2010 im Spiegel den Bürgermeister. Wahrscheinlich ließ er sich am besten so beschreiben: Eigentlich dachte von Beust überhaupt nicht politisch. Er wollte an die Macht, Inhalte vertreten wollte er nicht. Von Beust stand für einen eher hedonistisch geprägten Teil des Bürgertums, junge Menschen aus Pöseldorf, Eppendorf, den Walddörfern, in Teilen sicher auch aus der Schwulenszene in St. Georg, die ihr Coming Out nicht mehr als politischen Kampf verstand, sondern als Lifestyle. All die landeten in der CDU, nicht weil sie so wahnsinnig bürgerlich gewesen wären, sondern weil sie qua Geburt wohlhabend waren und wussten, dass die CDU die Partei ist, die dafür sorgt, dass an diesen Einkommensverhältnissen sich nichts zu ihren Ungunsten ändert. Die 26 Prozent, die 2001 CDU wählten, die fanden solche Typen gut.
Und die knapp 20 Prozent, die Schill wählten, das waren dann eben die anderen. Die wirklich Bösen. Die Ausländerfeinde, die Wohlstandschauvinisten, die Vorortspießer. Deren Partei stellte die Regierung, 2001, in Gestalt von Ronald Schill (Innensenator), Mario Mettbach (Bausenator) und Peter Rehaag (Umwelt- und Gesundheitssenator). Gestalten, mit denen sich keine mögliche Kultursenatorin an einen Tisch setzen würde. Und wer da alles im Gespräch für den Posten war: Von der Kulturmanagerin Nike Wagner bis zur Schlagersängerin Vicky Leandros holte sich der Senat einen Korb nach dem anderen, am Ende wurde es die Bild-Journalistin Dana Horáková. „Das Akzeptierte, Durchgesetzte, Etablierte, gefahrlos Glamouröse ist ihre Welt“, schrieb Christof Siemes in der Zeit über die kulturell bestenfalls Naive. Von Beust dürfte das egal gewesen sein, der Bürgermeister erklärte freimütig, mit Kultur wenig anfangen zu können. Und seine Koalitionspartner von ganz rechts hatten ohnehin keinen Sinn für die Kulturszene, zumal Intendant Tom Stromberg vom Deutschen Schauspielhaus von Anfang an einen harten Oppositionskurs gegen den Mitte-Rechts-Senat fuhr. Weswegen Horáková einfach vor sich hin dilettieren durfte. „Dana Horáková (…) schaufelt immer mehr Sand in die – vorerst noch – rund laufende Maschine, die sie eigentlich ölen sollte“, schrieb Alfred Nemeczek 2003 in der Berliner Zeitung.

Das Trauerspiel schien zu Ende, als sich Ole von Beust und Ronald Schill 2003 überwarfen. 2004 gab es vorgezogene Neuwahlen, die CDU erreichte mit gut 47 Prozent überraschend eine absolute Mehrheit, und Horáková wurde ersetzt durch Karin von Welck. Die Ethnologin kam von der Kulturstiftung der Länder, war eine dezidierte Konservative und lag entsprechend oft mit den Verantwortlichen über Kreuz, hatte aber zumindest Ahnung von ihrer Materie. Und musste mit den Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin irgendwie einen Umgang finden. Ab 2005 war Friedrich Schirmer Intendant am Schauspielhaus, bekam das größte Sprechtheater der Republik aber nicht in den Griff. Die Kosten der entstehenden Elbphilharmonie entwickelten sich immer mehr zum Fass ohne Boden. Und Projekte wie das Internationale Maritime Museum beschädigten die Hamburger Kulturpolitik auf lange Zeit: „Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität“ beschrieb Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Projekt, das zwar noch von Horáková angedacht wurde, allerdings 2008 von von Welck eröffnet werden musste.
Währenddessen entwikelte die CDU das Konzept der Wachsenden Stadt (pdf-Link): Hamburg sollte nach und nach zur Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole anwachsen, allerdings praktisch ohne öffentlich geförderten Wohnungsbau. Was massive Gentrifizierung in Stadtteilen wie St. Pauli, dem Schanzenviertel oder Ottensen zur Folge hatte – die Quartiere, die bislang subversive, künstlerische Bevölkerungsschichten beheimateten, konnten sich plötzlich nur noch Gutverdiener leisten. Was die Schickies um von Beust nicht interessierte und die Rechten, die von der Schill-Partei zurück zur CDU gewandert waren, freute. Ziel war, aus Hamburg so etwas wie München zu machen, allerdings ohne das gute Wetter, ohne die Nonchalance, ohne das Leben-und-Leben-lassen, das München ausmachte.

In einem Punkt sind sich von Beust und Klaus Wowereit ähnlich: Beide gelten als Linke innerhalb ihrer Partei, und bei beiden fragt man sich, wo ihre Politik eigentlich wirklich links ist. Am Ende seiner Amtszeit zumindest machte von Beust tatsächlich einen Linksschwenk: Nachdem die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2008 mit 42,6 Prozent die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Partei eine Koalition mit den Grünen ein. Schwarz-grün möglich gemacht zu haben, das sollte von Beusts Karriere krönen. Und von Beust engagierte sich. Vor allem unterstützte er massiv die grünen Pläne einer Schulreform, nach der neben dem Gymnasium auch andere Wege zum Abitur führen sollten – ein Affront gegen den gymnasialfetischistische CDU. Worauf von bürgerlicher Seite massiv gegen die Reform (und damit auch gegen von Beust) getrommelt wurde.

Für eine lebendige Kulturszene trommelten die Bürger deutlich leiser.

To be continued.

Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?

Mein Ausgehverhalten hat sich verändert, in den letzten Jahren. Zu Beginn meiner Hamburger Zeit bin ich viel in der Schanze unterwegs gewesen, im Saal 2, im Thier, im Zoe II, in dieser komischen Bar am Schulterblatt, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe mich verändert, wahrscheinlich, auf jeden Fall ging ich schon länger nicht mehr hier aus. Was nicht schlimm ist, nein. Aber wenn ich jetzt über die Schanze gehe, dann stelle ich die Veränderungen, die hier ja wohl schleichend passierten, überdeutlich fest. Die Video-Gegensprechanlagen, die Modediscounter, die Stahltore an den Einfahrten, die Pub Crawls. Die Schanze erscheint mir heute so, wie mir der Prenzlauer Berg vor fünf Jahren schien: Eine Mischung aus überteuertem Amüsierviertel, schick renoviertem Wohnquartier, Touristenfalle und, immer noch, ein, zwei hübschen Straßenzügen, mit Bars, in die ich weiterhin gerne gehe, hin und wieder.

Und mittendrin steht, immer noch, die Rote Flora. Die Rote Flora ist eine Ruine, ein 1888 erbautes Theatergebäude, das Ende der 1980er zur Musicalabspielstätte umgebaut werden sollte, dann aber besetzt wurde und heute eine Art autonomes Kulturzentrum ist. Ein schöner Ort, in dem ich immer wieder reizende Konzerte und Clubabende erlebte, was mich natürlich ein Stück weit als Typen charakterisiert, den die Flora-Betreiber eigentlich gar nicht als Gast haben wollen: als Nutzer der Infrastruktur, der mit dem politischen Hintergrund der Flora wenig am Hut hat. Als Nutzer einer Dienstleistung, die so aussieht, dass mir Musik und Getränke zu einem mehr als fairen Preis angeboten werden.
Das stimmt zwar nicht, auf der einen Seite, weil ich natürlich mit den Zielen der Stadtaneignung durch klandestine Gruppen deutlich sympathisiere. Auf der anderen Seite stimmt es wohl, weil ich persönlich diese Ziele nicht lebe, weil ich Miete zahle und Parteien wähle, die sich zumindest nicht den radikalen Systemwandel auf die Fahnen geschrieben haben. Und weil ich in die Flora gehe, wenn dort Tocotronic spielen; wenn Tocotronic aber im Uebel & Gefährlich spielen, dann gehe ich dorthin. Ich bin wahllos, untreu, und Linksradikale leben in solchen Dingen einen Treuebgriff, den selbst Erzkatholiken nicht mehr auf die Ehe anwenden würden.

Und doch, und doch. Ich halte es für wichtig, dass es Orte wie die Flora gibt, Orte, die eine Gegenöffentlichkeit darstellen, Orte, die nicht leicht konsumierbar sind, Orte, die sich verweigern. Als vor knapp zwei Jahren Künstler das Gängeviertel besetzten und in einer Public-Relations-Meisterleistung selbst die bürgerliche Presse auf ihre Seite zogen, da ließ einem der Erfolg dieser Besetzung den Mund offen stehen. Aber es muss auch Orte geben, die nicht von den netten Besetzern von nebenan geführt werden, es muss Orte geben, bei denen die Tür zugeht, sobald die Presse anklopft. Es braucht Interviews, wie das, das von Matthias Rebaschus und Joachim Mischke vorgestern fürs Hamburger Abendblatt (Achtung, Abonnenten-Login) mit den Rote-Flora-Aktivisten Andreas Blechschmidt und Florin geführt wurde, und in dem die Beiden die Frage beantworten, was passieren würde, wenn Bürgermeister Olaf Scholz plötzlich vor der Tür stehen würde.

Florin: Es ist völlig klar, dass die Tür in dem Moment verschlossen bleiben würde. Für uns haben nicht nur private Investoren wie Herr Kretschmer an der Flora nichts verloren. Auch die Stadt ist für uns kein akzeptabler Kooperations- oder Verhandlungspartner. Was die städtische Politik gegenwärtig darstellt, ist Teil des Problems, zu dem wir einen Kontrapunkt schaffen wollen.
Blechschmidt: Herr Scholz ist für uns ein politischer Gegner, mit dem wir uns nicht auf ein Kaffeekränzchen zusammensetzen wollen.

Mich würde das auch treffen, klar. Wenn nämlich am Einlass rauskäme, dass ich Journalist bin, dann lassen sie mich sicher nicht rein, ich bin Presse, ich bin der Feind. Damit muss ich dann leben. Damit, dass es Institutionen gibt, die kein Bestandteil sein wollen, für die es keinen Grund zur Versöhnung gibt. Allerdings: Eine Stadt, in der solche Institutionen fehlen, in der möchte ich eigentlich nicht mehr länger wohnen.
Und deswegen sollte ich vielleicht wieder häufiger in der Schanze ausgehen.

Ich bin in meinem Leben schon ein paarmal umgezogen. Nichts weltbewegendes, kein Ausland, kein St. Moritz, keine einsame Nordseeinsel oder so, aber häufig genug, um halbwegs einschätzen zu können, wo ich mich wohlfühle. Ich fühle mich wohl: im Ruhrgebiet. Und in Berlin. Das ist jetzt nichts Besonderes, aber man kann einen Schluss daraus ziehen: Ich scheine mich vor allem in Städten wohlzufühlen, die eher proletarisch geprägt sind, Städten, die nicht unbedingt von ihrem funktionierenden Bürgertum leben. (Dass ich selbst rein gar nichts Proletarisches an mir habe, dass ich mit meiner Ausbildung, meinem Beruf und meinen Interessen viel besser in die bürgerliche Schublade passe – geschenkt.)
Mit Hamburg tat ich mich entsprechend ziemlich lange schwer. Hamburg, das ist eben extrem wohlhabend, extrem teuer, extrem elitär, Hamburg, das ist eigentlich genau das Gegenteil von den Städten, in denen ich mich zu Hause fühle. Natürlich, Hamburg ist unglaublich schön, Hamburg hat den Hafen, hat den Fluss, hat eine weite Wasserfläche mitten in der Innenstadt, das ist ein Freizeitwert, den man nicht missen möchte. Bloß vertraut Hamburg eben auch blind auf diese Qualitäten, Hafenelbealster, eine Stadt, die sowas hat, die braucht nicht mehr, um lebenswert zu sein, oder? Aber eine Stadt braucht mehr, sie braucht bezahlbaren Wohnraum, sie braucht soziale Reibeflächen, sie braucht Freiräume, sie braucht Kunst und Kultur, und sie braucht Künstler. Dass Hamburg das alles hat, das kapierte ich erst verhältnismäßig spät: Es gibt in dieser Stadt subversive Reste, eine hochintellektualisierte Politszene aus den Überbleibseln der Hafenstraße etwa, oder eine Ausgeh- und Clubszene, die ernsthafte Anliegen ironisch verpacken konnte, den Pudel am Fischmarkt, die Mutter in der Stresemannstraße, die Weltbühne und die Tanzhalle.
Aus. Weltbühne und Tanzhalle haben längst zugemacht, die Mutter wird von Touristen überschwemmt, die Politkunstszene wohnt weitgehend in Berlin. Es ist unfair, so etwas an Personen festzumachen, aber als Angela Richter vor einem halben Jahr ebenfalls in die Hauptstadt gezogen ist und ihr Minitheater Fleetstreet daraufhin (zumindest in der bekannten Form) schließen musste, war mir klar, dass hier etwas kaputt ging.

Als ich vor zwölf Jahren nach Berlin zog, war ich unglaublich geflasht, wie sich die Szenen hier mischten. In Berlin hingen Punks, Schwule, Künstler, Linksradikale, Türken und Hedonisten zusammen, und irgendwie entstand aus diesem Gebräu etwas Spannendes. Nun gut, diese Mischung der Szenen passierte eigentlich nicht in Berlin, sie passierte in Kreuzberg, nein, sie passierte eigentlich ausschließlich im engeren Umfeld ums SO 36. Und tatsächlich gibt es solch einen eng umrissenen Bereich in Hamburg auch, er beginnt auf Höhe der Landenungsbrücken an der Elbe und zieht sich ungefähr vier Kilometer in Richtung Norden, nahezu rechteckig, durch St. Pauli, die Reeperbahn, ins Schanzenviertel, bis ungefähr auf Höhe der Roten Flora. Eine Fläche von rund acht Quadratkilometern, die zudem unter heftigstem Gentrifizierungsdruck steht. Dieser Gentrifizierungsdruck besteht ums SO 36 natürlich auch, Berlin ist wohl nicht besser als Hamburg, und das Berlin, das ich vor zwölf Jahren kennen und lieben gelernt habe, gibt es längst nicht mehr, klar. Ich bin ja nicht naiv.

Der Unterschied ist: Hamburg hat es nicht nötig, mir zu sagen, ja, es ist hier nicht alles okay, aber wir schätzen dich mit deiner Sehnsucht nach Freiräumen dennoch, und wir wollen dich nicht verlieren. Hamburg sagt: Freiräume brauchen wir nicht, wollen wir nicht, und Leute, die danach Sehnsucht haben, die sollen doch nach Berlin gehen, denen weinen wir keine Träne hinterher. Tim Hillenbrand hat das in seinem bösen, heftige Wellen schlagenden Abschiedsbrief „Hamburg, keine Perle“ vor einem Monat sehr schön formuliert:

(…) Andere Städte geben sich richtig Mühe, es ihren Bürgern nett zu machen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass man mit dem Fahrrad fahren kann, ohne täglich den Unfalltod zu riskieren. Du nicht. Ich habe gehört, dass Du kommendes Jahr “Green Capital Of The World” wirst. Ist das ein Witz? Mit wem musstest Du dafür ins Bett gehen? Genausogut könnte man Berlin zur “Freundlichsten Metropole der Welt” küren.
Noch ein Beispiel gefällig? Du arbeitest seit längerem daran, zur kinderfeindlichsten Stadt Deutschlands zu werden. Deine Kitaplätze, ohnehin zu dünn gesäht, kosten jetzt über 500 Euro. Du hast das Essensgeld in Kindergärten und Schulen auf einen Schlag um 60 Prozent erhöht. (…)
Das einzige, was Du dauerhaft erreicht hast, ist, Deine Bürger zu vergrätzen. Deine Leute! Die Dich immer verteidigt haben. Die immer eine Niederschlagsstatistik zur Hand hatten, wenn die Münchner Dich wegen Deines Wetters verspotteten. Die immer eine Liste namhafter Künstler herunterrattern konnten, wenn mal wieder ein Berliner behauptete. “Hamburg? Da ist doch nichts.”
Für die müsstest Du mal Standortmarketing machen. Mit bezahlbaren Wohnungen. Mit Angeboten für Familien. Ist Dir eigentlich bewusst, dass ein Krippenplatz in Hamburg fast dreieinhalb mal so viel kostet wie in München?

Ja, Hillenbrand ist unfair, und Hillebrand ist auch ein bisschen doof (weil er nämlich ausgrechnet nach München zieht, die Stadt, die nun wirklich rein gar nichts von dem hat, was er in Hamburg berechtigterweise vermisst). Aber er hat recht. Hamburg, das ist eben nicht nur die tolle Elbe, das ist auch eine Stadt, die eine Verkehrspolitik macht, die jedes Verkehrsmittel, das nicht PKW heißt, erstmal zweitrangig behandelt. Hamburg ist eine Stadt, in der jeder hilflose Ansatz, Ungerechtigkeiten zumindest ein klein wenig abzumildern, sofort niedergebügelt wird, ob das jetzt der Versuch eines Schulsystems ist, dass minimal durchlässiger wird oder eine bessere Anbindung eines Problemstadtteils an den ÖPNV – sofort bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Hamburg ist eine Stadt, in der Pfründe aggressivst verteidigt werden. Vielleicht lese ich zuviel die Leserbriefspalten der einzig echten Lokalzeitung, aber ich habe immer mehr den Eindruck: Diese Stadt ist bevölkert von Leuten, die eine wahnsinnige Angst haben vor Freiräumen, vor Vermischung der Szenen, vor Subversion. Diese Stadt ist viel mehr Wandsbek und viel weniger St. Pauli. (Das ist nicht so weit hergeholt: Bei der regierenden CDU etwa geht rein gar nichts ohne Rücksprache mit dem mächtigen Ortsverband Wandsbek.)

Und dann stehe ich eben doch wieder an der Elbe und bin gepackt. Diese Stadt weiß nämlich, wie sie mich kriegt: mit ihrem Fluss. Dann gehe ich ins uebel & gefährlich und glaube, im besten Club der Welt zu stehen, dann gehe ich ins Thalia und bin überzeugt, dass nirgendwo in Deutschland besseres Theater gemacht wird, dann gehe ich am Gängeviertel vorbei und glaube, dass die subversive Kunstszene doch noch nicht vollkommen nach Berlin abgewandert ist.
Und dann habe ich doch noch meinen Frieden mit Hamburg gemacht, für kurze Zeit.

Edit: Ein halbes Jahr später äußert sich Hillenbrand noch einmal selbst zu seinem Text – in einem leider etwas nichtssagenden Video.

Wenn ich Gefahr laufe, zum Positive-Thinking-Monster zu mutieren, wenn ich glaube, dass die Menschheit im Großen und Ganzen eigentlich schon ganz in Ordnung ist, dann lese ich Internetforen. Oder die Kommentare auf welt.de. Oder Politblogs ohne strikte Moderation. Und hinterher sind die Verhältnisse wieder gerade gerückt: Die Menschheit, das sind doch in erster Linie spießige, rechte, intolerante Arschlöcher.

In Hamburg fand vergangene Woche eine Aktion gegen Mietwucher statt: Demonstranten aus dem Recht-auf-Stadt-Umfeld enterten eine Wohnungsbesichtigung im Schanzenviertel und funktionierten diese zur „Fette-Mieten-Party“ um. Ich will gar nicht sagen, dass ich solche Aktionen uneingeschränkt toll finde, Spaßguerilla hat für mich immer auch einen Hintergrund von: muss man nicht so ernst nehmen, ist mehr Kunst als Politik, ist viel zu nett, ist zu Ende gedacht eigentlich systemstabilisierend. Andererseits: Immerhin macht mal jemand was.
Egal, die Aktion fand statt, und weil die Recht-auf-Stadt-Öffentlichkeitsarbeit auf Zack ist, gab es auch eine ganze Menge Medienaufmerksamkeit. Unter anderem Spiegel Online berichtete, wobei ich es aus journalistischer Sicht problematisch finde, dass diesen Bericht ausgerechnet Christoph Twickel schrieb, Twickel, der zwar einerseits ein profunder Kenner der Themen Gentrifizierung und Kultur des urbanen Raumes ist, auf der anderen Seite als einer der Väter von Not in our Name, Marke Hamburg leider auch alles andere als ein überparteilicher Beobachter ist. Nunja. Twickel auf jeden Fall berichtete, und der Bericht war gut, was will man mehr.

Andere Menschen. Andere Leser. Vor allem: andere Kommentatoren im SpOn-Forum:

135 Beiträge, and counting. Einer hasserfüllter als der andere, Marke: Der Markt wirds schon richten, und die langhaarigen Drecksäcke sollen besser ordentlich studieren anstatt im Szeneviertel von früh bis spät Party zu machen. „wieso bilden diese Leute sich ein, sie müssten billiger wohnen als andere Leute?“ (alle orthographischen Ungenauigkeiten: sic) schreibt „Europa“. „(…) wenn partout keine der machtnahen Parteien sich um dieses Thema kümmern will, muss das zum Studieren in die Big Bad City gekommene Bürgerfräulein halt auch mal zwei U-Bahnstationen weiter fahren, um in die „In“-Gegend zu kommen. Das wäre dann auch ein nachhaltig praktizierter Protest gegen den (gemeinten oder echten) Wucher; und „nachhaltig“ mögen wir ja“, meint „Wintermute“. „Anstelle sich ne billige Wohnung zu nehmen oder haerter zu arbeiten (ja … das geht auch) wollen sie top wohnen und das zum Minimalpreis. (…) Diese Billigkultur kotzt mich an. Wenn du was willst, musst Du dafuer arbeiten. Punkt!“ behauptet „Sitrom“. Und „na hoffentlich hatte jeder von den hipstern sein iPhone dabei und hat fleissig getwittert. rebellion ist schick!“ glaubt „Bobby Shaftoe“. So geht das immer weiter, zum Heulen.

Diese Menschen, das sind Widerlinge, misgünstig, hässlich und dumm. Ich will sie nicht sehen, ich will sie nicht haben. Ich will, dass sie weggehen. Ach.

Flohschanze, 3.7., 8 Uhr. Der Herr spielt „Get back“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 8 Uhr 30. Der Herr spielt „Beinhart“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 9 Uhr. Der Herr spielt „Hey Jude“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 9 Uhr 30. Der Herr macht Pause.
Flohschanze, 3.7., 10 Uhr. Der Herr spielt „Paint it black“ auf einem Ton.
Flohschanze, 3.7., 10 Uhr 30. Der Herr spielt „Yellow Submarine“ auf einem Ton.

Jeder eingenommene Euro enthält 0,39 Euro Schmerzensgeld.