29. Mai 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Mai 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,

Das Sommerloch erhebt schon im Mai sein hässliches Haupt, zudem ist da das Theatertreffen, das dafür sorgt, dass recht wenig los ist. Ulkigerweise bin ich trotzdem immer gestresst und komme kaum zum Bloggen, weder hier noch drüben bei den Flâneuren. Tja.

Für die Nachtkritik habe ich vergangenen Monat nur einen einzigen Text geschrieben. Und der ist nicht einmal eine Kritik im klassischen Sinne sondern ein Bericht vom Besuch auf einem Straßenfest, also, bei „New Hamburg„, der Außenproduktion des Schauspielhauses.

Für das Schauspielhaus haben Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner auf der Veddel den Themenkomplex „New Hamburg“ entwickelt, eine Mischung aus Sozialarbeit, Stadterkundung und auch Theater, das vom 3. bis 25. Oktober in ein Festival münden soll. Bicker, Jelden und Graessner haben ähnliche Projekte schon für die Münchner Kammerspiele („Bunnyhill“) und das Theater Neumarkt in Zürich („Arrivals“) realisiert, Ende Juni planen sie Vergleichbares in Stuttgart – als mäkeliger Kritiker hat man so schnell das Bild eines Künstler-Jetsets vor Augen, der aus der Brennpunkt-Recherche ein einträgliches Geschäftsmodell entwickelt. Man kann aber auch anerkennen, dass man es hier mit Profis zu tun hat, mit Leuten, die wissen, was sie tun, die wissen, dass es erst einmal nicht darum geht, große Kunst zu machen, sondern darum, Vertrauen herzustellen in einem theaterfremden Umfeld – die Kunst mag dann später kommen.

Auch in der Theater heute habe ich was geschrieben, eine Kritik zu Armin Chodzinskis „Allegorie der Unsterblichkeit“ auf Kampnagel (die wie bei diesem Medium üblich online nur für Abonnenten verfügbar ist, ihr kennt das).

Chodzinski trägt eine Kastenbrille, einen leidlich sitzenden Anzug, einen Seitenscheitel. Die perfekte Mischung aus Spießertum und St. Pauli-Grandezza. Und er singt: Brechts „Solidaritätslied“, Vorwärts!, immer weiter, Wachstumszuversicht ist kein originär rechtes Thema. Singen, Tanzen, Brüllen, Predigen.

Im uMag habe ich mich mit den „Menschen da draußen“ auseinandergesetzt. Ja, mit den Menschen, die AfD wählen. Oder so denken wie AfD-Wähler. Kein schönes Thema.

Die Menschen da draußen haben Angst. Vor Gender Mainstreaming. Vor dem Islam. Vor Homosexualität. Die Menschen da draußen halten Wladimir Putin für einen tollen Politiker und die EU für ein sozialistisches Zwangssystem. Die Menschen da draußen haben was gegen Politiker, gegen Medien und gegen Akademiker. Die Menschen da draußen wirken, alles in allem, ziemlich freudlos, umzingelt von Institutionen, die ihnen Böses wollen.

Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Praktikantin Lena Schütte einen Fragebogen für die Performancegruppe/Band HGich.T entworfen.

uMag: Was erträgt man leichter: schlechte Musik oder schlechtes Theater?
Paul Geisler: Schlechtes Theater sieht man zu 99 Prozent gar nicht. Schlechte Musik läuft überall. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wenn der Geschmack genervt ist, ist man total ohnmächtig.

Außerdem habe ich noch einen kurzen Text geschrieben über Dietmar Daths neuen Roman. Ein Irrsinn.

Ein Beispiel aus dem „Roman der letzten Künste“ „Feldeváye“ (Suhrkamp Nova)? „Die Rengi im Raum larkten schockiert. Der Storarier keuchte leise, das Wilfern hatte ihn viel Sauerstoff gekostet.“ 800 Seiten lang, ohne eine Erklärung, was „Larken“ oder „Wilfern“ eigentlich sein sollen. Dafür feiert Dath eine diebische Freude am Schichten von kaum decodierbarem Gelaber, eine Freude, die „Feldeváye“ auf die Dauer nahezu sinnliche Qualität verschafft.

An Kritiken gibt es in der kulturnews eine über die fast uneingeschränkt empfehlenswerte Graphic Novel „Kinderland“ des großartigen Mawil:

„Kinderland“ ist wie so häufig bei Mawil die Erinnerung an Schule, erste Liebe, Versagensängste. Allerdings ist die Geschichte diesmal im Gegensatz zu „Die Band“ (2004) und „Wir können ja Freunde bleiben“ (2003) politisch aufgeladen: Wir befinden uns im Sommer 1989, die Erlebnisse des 13-jährigen Helden vollziehen sich vor dem Hintergrund der kollabierenden DDR. Das letztgültige Buch zur Wiedervereinigung ist „Kinderland“ dabei aber trotzdem nicht geworden – es geht weiterhin mehr um pubertäres Suchen als um Politik, und das im typischen Mawil-Stil. Jetzt eben auf ernst.

Im Kino war ich auch. Und habe Götz Spielmanns „Oktober November“ besprochen.

In strengen Szenenanordnungen treibt der 52-jährige Übervater des aktuellen österreichischen Filmbooms jedes Sentiment aus der Vorlage, er dreht kalt, elegant, theaternah, im Verzicht auf jedes überflüssige Element. Details stellt er in den Vordergrund, auf den ersten Blick wichtige Szenen handelt er kurz ab, behandelt Nebensächliches dafür ausführlich. Das gibt Raum für die bis in kleinste Rollen höchst motivierten Darsteller, allen voran Ursula Strauss und Nora von Waldstätten als Schwesternpaar. Kein Figur wird denunziert, beide dürfen ihre Schwächen, Stärken und Geheimnisse behalten und schaffen am Ende einen unspektakulären, stillen Film, dessen Verwerfungen sich abseits der Leinwand vollziehen.

Und jetzt: Sommer. Ja?

05. Mai 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (April 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Auf den ersten Blick mache ich gerade: wenig. Auf den zweiten: doch so. Ich habe viel geschrieben, im April, nur eben einiges für die Halde. Entsprechend sieht das so aus wie: Boah, war Falk faul! War er nicht, versprochen.

Im uMag zum Beispiel habe ich über die Stadt geschrieben, die ich gleichzeitig von Herzen verachte und doch irgendwie mag: München.

München ist eine Stadt, in der die Stadtmenschen am Stadtrand leben müssen. Wenn es wenigstens schöner Stadtrand wäre, so wie in Hamburg das Alte Land oder in Berlin Brandenburg. In München heißt die Gegend „Münchner Schotterebene“, das klingt nicht nur wie ein Parkplatz, das sieht auch so aus.

Außerdem habe ich im gleichen Heft ein wenig nachgedacht über Cédric Klapischs Film „Beziehungsweise New York“ (nicht online). Den ich (im Gegensatz zu den meisten Kritikerkollegen) ziemlich gut fand und auch für die kulturnews rezensiert habe.

Die Figuren sind älter geworden, sind an Ehen, Kindern und Jobs mehr oder weniger gescheitert, und über verschiedene Wirrungen treffen sie sie sich in New York wieder. „Wieso wollt ihr alle leben wie vor 20 Jahren?“ fragt Xavier (Duris) entnervt, als sich erste WG-Strukturen wieder auszubilden beginnen. Aber seine Freunde haben etwas kapiert, was er noch nicht verinnerlicht hat: dass die Zeit in Barcelona die beste Zeit ihres Lebens war, dass ihnen keine Türen offenstehen, und dass die coole Großstadt sie nur deswegen nicht sofort wieder ausspuckt, weil sie ziemlich uncool die Einwanderungsbehörden austricksen.

Theaterkritiken gab es auch. Und zwar auf der Nachtkritik. Die erste zu Herbert Fritschs „Die Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus:

Das hier ist kein Klamauk, das ist auch nicht die ans Musiktheater angelehnte Abstraktion, zu der Fritsch manchmal, in seinen besten Arbeiten, neigt, das ist eine Geschichte von Unterdrückung und Manipulation, eine Geschichte, in der es zur Sache geht, eine Geschichte, deren Hauptfigur Arnolphe am Ende gebrochen ist. Zu Recht ist er gebrochen, aber man leidet dennoch mit ihm mit, wie er in seiner zynischen Abgeklärtheit einsam wird und von der Einsamkeit in den Wahnsinn abgleitet. Schon wegen der Radikalität, mit der Meyerhoff solche Einsamkeit unter Fritschs Anleitung spielt, lohnt diese „Schule der Frauen“.

Und dann auch noch eine zweite, zu „Ende einer Liebe“ von Pascal Rambert im Thalia in der Gaußstraße:

Und nach und nach wächst in einem die Erkenntnis: Gezeigt wird zwar das Ende einer Liebe, dieses Ende ist aber in erster Linie das Nachdenken über Anfang und Alltag der Liebe. Die Träume vom gemeinsamen Altern, der Kinderwunsch, das Ejakulat im Rachen. Schön.

Das wars. Das wars? Fast. Ich habe nämlich noch einmal die Rollen getauscht und ein Interview gegeben. Für das wunderbare Projekt „Was machen die da?“ (Note: Ich sollte mal wieder die Blogroll aktualisieren) von Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm. Und worum ging es? Darum, was ich hier eigentlich mache.

Ich habe eine sehr hohe Meinung von Künstlern, und zwar unabhängig davon, dass das, was sie machen, dann auch blöd sein kann. Aber mir macht es großen Spaß, mich mit dem zu beschäftigen, was ein Künstler tut. Wahrscheinlich gilt das für jede Kunstform, wobei es schon so ist, dass ich vom Theater und mit Einschränkung von bildender Kunst am meisten verstehe. Das heißt, da ist mir der Zugang am leichtesten. Tanz vielleicht auch noch.

01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

11. März 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Februar 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Erstmal machte ich auf jeden Fall etwas, das dafür sorgt, dass diese Rubrik erst am 11. 3., also erst Mitte März online steht: Ich fuhr in Urlaub. Muss aber auch mal sein. Ansonsten schrieb ich, Überraschung!, mal wieder eine Reihe Presseartikel und, das ist neu, einen Katalogbeitrag.

Für die Nachktkritik war ich zweimal im Hamburger Schauspielhaus. Zum einen in „Schuld“, inszeniert von Karin Henkel:

Eigentlich war der frühe Roman „Schuld und Sühne“ geplant, aber nachdem die Hauptbühne wegen eines Unfalls wochenlang unbespielbar war, lag die gesamte Spielzeitplanung in Trümmern. Henkel zog mit ihrer Produktion in die Nebenbühne Malersaal um und halbierte die Inszenierung: Erstmal wird das Schuldigwerden des gescheiterten Jurastudenten Raskolnikow gezeigt, gut zwei Stunden lang, bis zum echten Mord. Die „Sühne“ aber lässt bis kommende Spielzeit auf sich warten – dann will das gleiche Team den zweiten, umfangreicheren Teil des Romans präsentieren. Entsprechend ist nicht ganz klar, was man unter dem Titel „Schuld“ zu sehen bekommt: eine eigenständige Inszenierung? Oder nur den Auftakt zu etwas, das sich erst in einem Jahr endgültig erfüllt?

Und dann in Christoph Marthalers „Heimweh und Verbrechen“:

Ein wenig scheint der Abend erstarrt zwischen performativer Installation, Musiktheater und fröhlichen Schrägheiten, und dieses Gefühl der Erstarrung sorgt dafür, dass einem die etwas mehr als zwei Stunden zwischendurch gehörig lang werden. Ja, „Heimweh & Verbrechen“ ist ganz wunderbares Nicht-Theater, aber dieses Nicht-Theater ist mittlerweile auch sehr der eigenen Konvention verpflichtet.

Und noch ein dritter Text steht auf der Nachtkritik, zu Wilfried Minks‘ Inszenierung von „Waisen“ am von mir selten besuchten St. Pauli Theater:

Judith Rosmair spielt Helen als Manipulatorin, die keine Sekunde zögert, Sex als Waffe einzusetzen, Johann von Bülow Danny als Duckmäuser, dem die Gelegenheit, seinen Hang zur Gewalttätigkeit auszuleben, mehr oder weniger in den Schoß fällt. Und nicht zuletzt gibt Uwe Bohm Helens Bruder Liam, der blutüberströmt in den romantischen Pärchenabend platzt, aggressiv, intelligent, mit blitzendem Wahnsinn in den Augen. Darstellerisch holpert der Einstieg noch ein wenig, wirkt Kellys Kunstsprache ausgestellt, spätestens in der zweiten Szene hat sich das Trio aber eingespielt, und dann funktioniert der zurückhaltende, weniger auf Effekte als auf Figurenbeziehungen setzende Abend.

Ebenfalls über Theater schreibe ich in Theater heute (Artikel online wie immer nur für Abonnenten verfügbar). Und zwar über die Inszenierung von Hauptmanns „Die Ratten“ am Thalia Theater durch Jette Steckel:

„Theater bildet nicht die Wirklichkeit ab!“ Regisseurin Jette Steckel hat diesen Satz ins Zentrum ihrer Interpretation von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Hamburger Thalia gestellt, und weil sie denkt, dass dem Publikum diese Erkenntnis nicht ganz klar ist, wiederholt sie sie immer wieder. Praktisch die gesamte Inszenierung dreht sich um das Spiel mit „echt“ und „künstlich“, und dieses Spiel spielt Steckel als ihrer Mittel bewusste Künstlerin durchaus gekonnt. Das geht so weit, dass Catrin Striebeck als ehemaliger Theaterstar Sidonie Knobbe aus dem Publikum heraus agieren darf: „Ich habe auch einmal hier gespielt!“, kräht sie. „Eigentlich ist das mein Haus!“ Was vor allem deswegen ein gelungener Witz ist, weil die Schauspielerin Striebeck zwar nie am Thalia engagiert war, ihr Vater aber das Haus in den 1980ern leitete, und der Satz „Eigentlich ist das mein Haus“ entsprechend wirklich eine Wahrheit transportiert.

Ein zweiter Text in Theater heute handelt überraschenderweise von Kino. Na gut, von einer Theaterdokumentation, Milo Raus „Die Moskauer Prozesse“:

„Die Moskauer Prozesse“, das sind drei Gerichtsprozesse, die Rau vergangenes Jahr im Sacharow-Zentrum der russischen Hauptstadt nachstellte: gegen die Organisatoren der Ausstellungen „Vorsicht! Religion“ (2003) und „Verbotene Kunst“ (2006) sowie gegen die Punkband Pussy Riot, die vor zwei Jahren eine Mischung aus Polithappening und Minikonzert in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale veranstaltete und so den Zorn von Orthodoxie und Staatsmacht auf sich zog. In der Realität waren die drei Verhandlungen Schauprozesse, die Schuld der Angeklagten stand von vornherein fest.

Über den gleichen Film habe ich auch eine kurze Kritik in der kulturnews geschrieben:

Raus Film „Die Moskauer Prozesse“ dokumentiert nun diese dreitägige Inszenierung: eine Filmdokumentation über Dokumentartheater, das sich seinerseits auf einen Gerichtsprozess, also die juristische Nachbereitung einer Kunstaktion bezieht – Metakino. Besonders weit treibt der Film die Interpretation nicht, im Grunde sehen wir den Zusammenschnitt einzelner Sequenzen der Moskauer Aufführung, einzig kurze Interviews mit der Verteidigerin Anna Stavickaja oder dem Ankläger, dem Journalisten Maxim Schwetschenko, führen übers Theater hinaus.

Außerdem erschien dort auch eine Filmkritik zu „Westen“ von Christian Schwochow:

Frank Lamms Kamera quetscht sich durch die speckigen Gänge, versucht immer wieder hilflose Ausbrüche und stürzt dann doch wieder zurück auf den tristen Boden. Sieht man allerdings von der meisterlichen Kameraarbeit und von den großartigen Schauspielerleistungen ab, hat Christian Schwochow Julia Francks Roman „Lagerfeuer“ recht brav verfilmt und die vielstimmige Handlung auf Nellys Leidensgeschichte verdichtet.

An Büchern besprach ich hier zum einen Roman Grafs Roman „Niedergang“:

Die Bergwanderung, die André und seine Freundin Louise unternehmen, zunächst durch verregnete Zivilisation, dann über sonnenbeschienene Weiden mit unvermitteltem Sex auf der Almwiese, dann durch Fels und Eis, ist eine Analogie auf ein Paar, das eigentlich kein Paar ist. Louise will: Urlaub, Erholung. André will: Grenzerfahrung, den Neandertaler in sich niederringen. Louise will an den See, André auf den Berg, das kann nicht gutgehen.

Außerdem Jacques Tardis Comic „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“:

Tardi, bekannt für surrealistisch aufgeladene Kriminalgeschichten, legt den Bericht als Gespräch zwischen Vater und Sohn an, der Sohn spaziert zeichnend mit dem Vater durch die Szenarien der Gefangenschaft und schafft dadurch einerseits eine Unmittelbarkeit, andererseits eine Distanzierung, die die Einordnung des Gesehenen erleichtert.

Fürs uMag machte ich diesen Monat wenig. Ich schrieb über Münster, in erster Linie, um zu Beweisen, dass man unterhaltsame Texte über etwas schreiben kann, von dem man rein gar nichts versteht. Ob mir das gelungen ist?

Man soll eine Stadt nicht danach beurteilen, wie sie im „Tatort“ auftaucht, das ist so ähnlich als ob man behaupten würde, man kenne den Wilden Westen, weil, man habe ja mal Karl May gelesen. Nur hilft diese Erkenntnis nichts, das Land ist zu groß, zu unübersichtlich, wie soll man sich zurecht finden in den Weiten der Provinz, wenn nicht über den „Tatort“? Wer war denn schonmal in, zum Beispiel, Saarbrücken? Oder in Münster? Der „Tatort“ zeigt uns, wie es dort zugeht, wie die Menschen dort ticken.

Und schließlich machte ich etwas, das ich bisher noch nie gemacht habe: Ich schrieb einen Katalogbeitrag. Für die Tanzplattform Deutschland, die Ende Februar/Anfang März auf Kampnagel stattfand, über die geschätzten Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen:

Seit einem Jahr sind Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen Choreographer in Residence bei der Tanzsparte des Theaters Bremen. Und seit einer Spielzeit unterlaufen sie die Strukturen eines Vierspartenhauses mit subversiver Nonchalance: Ja, es wird getanzt, es wird abstrakt der Raum erkundet. Aber gleichzeitig wird auch erzählt, narrativ gearbeitet, Musik gemacht und ins Publikum hinein agitiert. Das (Tanz-)Theater von Gintersdorfer/Klaßen ist nicht gemacht für die Grenzen einer bestimmten Sparte, es ist grenzenlos.

09. Dezember 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (November 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , ,

Was ich definitiv nicht mache: mir den neuen Lars-von-Trier-Gesamtkunstwerksüberkandideltschocker „Nymphomaniac“ anschauen. Weil heute nämlich die Pressevorführung ist, ich aber erkältet im Bett liege. Kann ja alte DVDs gucken, mrpf. Oder mich erinnern, was ich im Vormonat so geschrieben habe.

Zum Beispiel für Theater heute. Eine Besprechung von „Die Eingeschlossenen“ der Hamburger Gruppe Ligna auf Kampnagel (online wie immer nur für Abonnenten zugänglich):

Die Zuschauer verlassen das Parkett, betreten die Bühne, sanft angeleitet von den Stimmen im Kopfhörer (Edith Dane, Katja Danowski, Hans Löw und Samuel Weiß). Jetzt: Verteilen im Raum. Jetzt: einen Kreis bilden. Jetzt: möglichst langsam im Kreis schreiten. Oder doch nicht? Die Inszenierung baut Störungen ein, anscheinend sind nicht auf allen Kopfhörern die gleichen Anweisungen zu hören, die einen schreiten, die anderen rennen.

Ligna, das klingt wie Signa, und auch die dänische Gruppe Signa zeigte ein Stück in Hamburg: „Schwarze Augen, Maria“, die unfreiwillige Eröffnung des Hamburger Schauspielhauses, die ich für die Nachtkritik besprochen habe:

Eigentlich hätte „Schwarze Augen, Maria“ im Eröffnungswochenende der Karin-Beier-Intendanz am Hamburger Schauspielhaus die installative Flanke abdecken sollen, nach Beiers eigener Inszenierung „Die Rasenden“ am Freitag und vor Friederike Hellers „Nach Europa“ am Sonntag. Nachdem „Die Rasenden“ aber wegen eines Unfalls auf der Hauptbühne in den Januar verschoben wurde, rutschten Signa unfreiwillig in die Rolle, die zentrale Eröffnungspremiere stemmen zu müssen – eine Rolle, die „Schwarze Augen, Maria“ nicht ausfüllen kann, auch nicht will. Am Ende bleibt das Bild eines abgründigen Laientheaters: „Ihr lieben Leute, habt gut acht / Was wir an Finstrem mitgebracht.“

Ein weiterer Text für die Nachtkritik war „Fatzer/Krieg“ auf Kampnagel, Benjamin van Bebbers (vom Cobratheater.Cobra) Diplominszenierung, die ich, naja, ein wenig trocken aber durchaus beeindruckend fand:

„Fatzer/Krieg“ ist die Abschlussinszenierung van Bebbers im Studiengang Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, das erklärt den etwas akademischen Charakter der Arbeit. Die Inszenierung zeigt aber auch exemplarisch, welchen Weg van Bebber sowie sein mehr oder weniger enges Theaternetzwerk „cobratheater.cobra“ gehen: hin zu einem Theater, das einerseits die radikale Form sucht, andererseits die Strukturen traditioneller Theaterproduktion beibehält. Es wird in Hierarchien gearbeitet, es gibt Regie, Dramaturgie, es gibt Darsteller, die sehr wohl Rollen ausfüllen, auch wenn beispielsweise Martón Nagy ein Johann Fatzer ist, der nur noch die äußere Hülle einer Figur ist. Es gibt vor allem auch Texte, die überaus ernst genommen werden, die mehr sind als bloßes Material – zuletzt inszenierte van Bebber Büchners „Lenz“ und Purcells „Dido und Aeneas“.

Weniger beeindruckend fand ich hingegen „Oldboy“ Spike Lees Hollywood-Remake von Park Chan-wooks zehn  Jahre alter Gewaltorgie. Warum, steht in den kulturnews.

Nur in ein paar Ausstattungsdetails blitzt die politische Schärfe von Lees Frühwerk auf, ansonsten ist der Film härtere Genreware von der Stange. Die Schauspieler machen, was sie können, insbesondere Josh Brolin gibt den leidenden Protagonisten mit berückender Kaputtheit, gegen die uninsprierte Regie kommt aber auch er nicht an. Selbst die ausufernde Brutalität wirkt hier eigenartig blutleer, trotz ein paar fieser Folterszenen – wo Park ein furios-blutiges Gewaltballett inszeniert, gibt es bei Lee eben eine Keilerei.

Ein gutes Stück besser kommt der Animationsfilm „Alois Nebel“ am gleichen Ort weg:

Lunák steht in der langen Tradition tschechischer Trickfilme, wo man auf die heute üblichen Animationen verzichtet und stattdessen das aufwändige Rotoskopieverfahren einsetzt. Das Ergebnis sind statische, düstere Bilder, die von harten Schwarzweiß-Kontrasten leben. „Alois Nebel“ ist eine Mischung aus gezeichnetem Geschichtspessimismus, Kriminalhandlung und Sozialmelodram – wenn Aki Kaurismäki Trickfilmer wäre, dann sähen seine Filme so aus.

Im uMag habe ich schließlich einen längeren Text über Christoph Schlingensief geschrieben, anlässlich seiner aktuellen Ausstellung in den KW Institute for contemporary art in Berlin:

Schlingensief inszenierte Starschauspieler, Laien, Obdachlose, Menschen mit Behinderung, er überforderte seine Darsteller, so wie er sich überforderte. Häufig gab es Vorwürfe, er nutze Menschen aus, die sich nicht wehren könnten Ein wenig war da auch etwas dran, aber es war auch so, dass Schlingensief sich selbst ebenso ausnutzte. Er machte sich selbst nackt und zeigte in seinen besten Arbeiten ein rohes, unfertiges Scheitern.

Und jetzt geh‘ ich verrotzen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

29. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Gebrannte Kinder · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

Als Theatergänger bin ich ein unsicherer Liebhaber. Einer, der schon viele Affären hatte, alle endeten sie schmerzhaft, und als sich eine neue Freundin ankündigt, da weiß er nicht, wie stark er sich auf sie einlassen soll. Sicher, noch ist alles schön mit ihr, sie interessiert ihn, und von wegen Sinnlichkeit ist auch alles, wie es sein soll, aber irgendwie war das doch zuvor auch immer so, mit den anderen, und trotzdem endete es jedesmal in einer Katastrophe – was, wenn es diesmal wieder so schlimm werden würde? Sollte er sich überhaupt freuen auf seine neue Freundin? Oder besser das Thema von vornherein verloren geben?

Das Hamburger Schauspielhaus war die vergangenen Jahre genau das: eine Katastrophe. Es gab immer wieder auch Lichtblicke, klar, die Arbeiten von Volker Lösch, eine Schauspielerin wie Jana Schulz, die im Zweifel das gesamte Ensemble mit queerer Körperlichkeit mitzureißen wusste, chaotisch-entertainende Zwischenspiele von Studio Braun, meist aber doch nur: Mängelverwaltung. Dramaturgische Unentschlossenheit. Ein von Anfang an aufgegebener Kampf gegen den Fluch des Hauses.

Im Herbst wird Karin Beier Intendantin am Schauspielhaus, wie man hört, wird sie alles anders machen, da wünsche ich ihr Glück. Was ich von Beier als Regisseurin gesehen habe, hat mich nie wirklich vom Hocker gerissen, aber ein guter Intendant muss kein guter Künstler sein, und als Intendantin hat Beier immerhin den Ruf, das einst völlig runtergewirtschaftete Kölner Schauspiel auf Vordermann gebracht zu haben. Andererseits: Das heißt auch nichts, Ulrich Khuon galt als Chef des Hamburger Thalia als bester Theaterleiter der Republik, aber als er das Deutsche Theater Berlin übernommen hatte, machte er dort angeblich von einem Tag auf den anderen alles falsch. Es ist kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich mich auf Karin Beier freuen soll.

Wer sich ganz klar freut, ist der Kollege Wolfgang Höbel vom Spiegel. Höbel hat ein Buch über die designierte Schauspielhaus-Intendantin geschrieben, „Karin Beier. Den Aufstand proben“, und ich habe dieses Buch für die aktuelle Theater heute rezensiert. (Nach dieser Rezension werde ich wohl nie in meinem Leben einen Text im Spiegel veröffentlichen, weil Höbel den Text wahrscheinlich als Verriss verstehen wird, obwohl er das gar nicht ist. Ach, doofe Journalistenehre.)

Wer noch nie eine Inszenierung Beiers gesehen hat, der kann sich nach der Lektüre kaum vorstellen, für welches Theater sie eigentlich steht, und wer mit ihrer Arbeit vertraut ist, der fragt sich, ob ihre Deutung von Schillers „Jungfrau von Orléans“ am Burgtheater sich tatsächlich dadurch auf den Punkt bringen lässt, dass die von Karoline Eichhorn gespielte Titelheldin statt eines Helms einen Blumentopf auf dem Kopf trägt. Es bleibt der Eindruck eines Theaters, das irgendwie sinnlich ist, irgendwie melancholisch, irgendwie musikalisch. Und auch politisch, irgendwie.

In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch meine Besprechung von David Greigs „Gelber Mond“ am Theater Bremen. Just for the record, die Links sind wie bei Theater heute üblich nur für Abonnenten abrufbar.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman „So was von da“ am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband „Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs“ bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.