- Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

- Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

- 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

- 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens “Spielfeld”, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‘ “Ritt in die Sonne”. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). “Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen”, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

Als Theatergänger bin ich ein unsicherer Liebhaber. Einer, der schon viele Affären hatte, alle endeten sie schmerzhaft, und als sich eine neue Freundin ankündigt, da weiß er nicht, wie stark er sich auf sie einlassen soll. Sicher, noch ist alles schön mit ihr, sie interessiert ihn, und von wegen Sinnlichkeit ist auch alles, wie es sein soll, aber irgendwie war das doch zuvor auch immer so, mit den anderen, und trotzdem endete es jedesmal in einer Katastrophe – was, wenn es diesmal wieder so schlimm werden würde? Sollte er sich überhaupt freuen auf seine neue Freundin? Oder besser das Thema von vornherein verloren geben?

Das Hamburger Schauspielhaus war die vergangenen Jahre genau das: eine Katastrophe. Es gab immer wieder auch Lichtblicke, klar, die Arbeiten von Volker Lösch, eine Schauspielerin wie Jana Schulz, die im Zweifel das gesamte Ensemble mit queerer Körperlichkeit mitzureißen wusste, chaotisch-entertainende Zwischenspiele von Studio Braun, meist aber doch nur: Mängelverwaltung. Dramaturgische Unentschlossenheit. Ein von Anfang an aufgegebener Kampf gegen den Fluch des Hauses.

Im Herbst wird Karin Beier Intendantin am Schauspielhaus, wie man hört, wird sie alles anders machen, da wünsche ich ihr Glück. Was ich von Beier als Regisseurin gesehen habe, hat mich nie wirklich vom Hocker gerissen, aber ein guter Intendant muss kein guter Künstler sein, und als Intendantin hat Beier immerhin den Ruf, das einst völlig runtergewirtschaftete Kölner Schauspiel auf Vordermann gebracht zu haben. Andererseits: Das heißt auch nichts, Ulrich Khuon galt als Chef des Hamburger Thalia als bester Theaterleiter der Republik, aber als er das Deutsche Theater Berlin übernommen hatte, machte er dort angeblich von einem Tag auf den anderen alles falsch. Es ist kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich mich auf Karin Beier freuen soll.

Wer sich ganz klar freut, ist der Kollege Wolfgang Höbel vom Spiegel. Höbel hat ein Buch über die designierte Schauspielhaus-Intendantin geschrieben, “Karin Beier. Den Aufstand proben”, und ich habe dieses Buch für die aktuelle Theater heute rezensiert. (Nach dieser Rezension werde ich wohl nie in meinem Leben einen Text im Spiegel veröffentlichen, weil Höbel den Text wahrscheinlich als Verriss verstehen wird, obwohl er das gar nicht ist. Ach, doofe Journalistenehre.)

Wer noch nie eine Inszenierung Beiers gesehen hat, der kann sich nach der Lektüre kaum vorstellen, für welches Theater sie eigentlich steht, und wer mit ihrer Arbeit vertraut ist, der fragt sich, ob ihre Deutung von Schillers „Jungfrau von Orléans“ am Burgtheater sich tatsächlich dadurch auf den Punkt bringen lässt, dass die von Karoline Eichhorn gespielte Titelheldin statt eines Helms einen Blumentopf auf dem Kopf trägt. Es bleibt der Eindruck eines Theaters, das irgendwie sinnlich ist, irgendwie melancholisch, irgendwie musikalisch. Und auch politisch, irgendwie.

In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch meine Besprechung von David Greigs “Gelber Mond” am Theater Bremen. Just for the record, die Links sind wie bei Theater heute üblich nur für Abonnenten abrufbar.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman “So was von da” am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband “Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs” bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

Ein guter Februar, dieses Jahr. In absoluten Zahlen natürlich nicht ganz so der Burner, klar, ist ja ein kurzer Monat, aber ein hoher durchschnittlicher Tagesbesucherwert. Da merkt man, dass das Wetter so entsetzlich ist, es gibt schlicht wenig zu tun außer sinnlos rumzusurfen. Interessant auch die am häufigsten gegooleten Begriffe: Erstmals sind das nicht “Thomallas Titten” oder so etwas, es ist “Sarah Wagenknecht nackt”. Linkskonservative Masturbatoren oder Rechte, die den Linken am Zeug flicken wollen, man weiß es nicht, aber was man wissen sollte, ist das: Sarah Wagenknecht, die macht doch den Drecksjob für die Rechten! Behauptet, eine Linke zu sein, ist aber in allem, was sie sagt so weit rechts, da schlackert die CSU mit den Ohren! (Mit den roten Ohren übrigens, weil sie sich gerade vorgestellt hat, wie ihr Gottseibeiuns nackt aussieht. Hihi.) Andere Suchbegriffe waren aber auch schön.

1. senf ins gesicht frittenbude Es gibt die früher Münchner, jetzt Berliner Band Frittenbude, aber die spritzt in der Regel nicht mit Senf. Frittenbude veröffentlichen ihre Musik auf dem Hamburger Label Audiolith, und auf Audiolith ist es auch eine weitere Band aus München unter Vertrag, Tubbe. Jedenfalls: Es existiert von Tubbe ein Video zum Song “Liebe.Fertig”, und am Ende dieses Videos ejakuliert ein riesiger Phallus der Sängerin etwas ins Gesicht. Aber das ist, glaub’ ich, kein Senf. Hm. Oder geht es bei der Frage überhaupt nicht um die Band Frittenbude, sondern vielleicht um versicherungsrechtliche Fragen, wenn man an einer Bude Senf … äh. Dann kann ich nicht helfen. Jetzt weiter mit Musik.

2. die frau mit schubladen salvador dali was bedeutete es Das ist so eine typische Schülerfrage. Ich stelle mir einen pickligen Dreizehnjährigen vor, nennen wir ihn Kevin, der am nächsten Tag ein Referat im Kunstunterricht halten muss, aber zu faul ist, sich selbst mit einem Kunstwerk zu beschäftigen, ach, im Internet wird sich schon was finden. Wird sich sicherlich, Kevin, irgendwo. Aber nicht hier. Und ob dir das, was du da findest, weiterhilft, da wäre ich mir auch nicht zu 100 Prozent sicher.

3. roger vontobel/jana schulz Hier hat sich hingegen wirklich jemand Gedanken gemacht. Theaterregisseur Roger Vontobel (den ich durchaus mag) arbeitet sehr gerne mit Schauspielerin Jana Schulz (die ich extrem mag) zusammen, leider nicht mehr in Hamburg, was mit dem kulturpolitischen Desaster am Schauspielhaus zu tun hat. Zuletzt machten die beiden, denke ich, zusammen Shakespeares “Richard III” am Schauspielhaus Bochum.

4. linsen und spätzle sind unglaublich lecker.

5. müssen darsteller in modernen inszenierungen nackt sein Nein, müssen sie nicht. Tatsächlich habe ich sogar schon mehr Inszenierungen gesehen, in denen die Darsteller nicht nackt sind, als Inszenierungen, in denen die Darsteller nackt sind. Andererseits kann es durchaus vorkommen, dass ein Schauspieler nackt ist. Das kann inhaltliche Gründe haben (in Stefan Puchers “Othello”, 2004 am Hamburger Schauspielhaus, duscht Alexander Scheer in der Titelrolle und verliert dabei in Teilen seine schwarze Hautfarbe, da wäre es lächerlich, würde er eine Badehose tragen). Es kann aber auch damit zu tun haben, dass ein Schauspieler nackt seine Professionalität verliert, was eine ästhetische Entscheidung ist (Einar Schleef hat einmal sinngemäß gesagt, dass nackte Schauspieler sich nicht mehr hinter ihrem Handwerk verstecken können). Und manchmal ist es auch schlicht aufgesetzt.

6. wiener schnitzel dekonstruktion Das ist so ziemlich meine Lieblingsanfrage. Postmoderne, gutes Essen, Wien, alles drin.

7. intellektuelles niveau petersburger schlittenfahrt Hust. Wenn ich es richtig weiß, ist die “Petersburger Schlittenfahrt” eine Sexstellung: Der aktive Partner hat die Knie angewinkelt, der Passive ruht auf diesen Knien und wird dabei penetriert. Ist für den Aktiven ein wenig unbequem, aber durchaus lustvoll. Aber: intellektuelles Niveau?

8. darf man beim cirque du soleil fotografieren? Darf man nicht. Klare Frage, klare Antwort.

15. September 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Was gibt es zu erzählen, über die Premiere von Albert Ostermaiers “Ein Pfund Fleisch” am Hamburger Schauspielhaus? Vielleicht dies: dass ich die Einordnung des Lyrikers Ostermaier unter die Dramatiker für ein großes Missverständnis halte. Und dass das Schauspielhaus allen Unkenrufen zum trotz immer noch dichte, konzentrierte Theaterabende zustande bekommt, selbst wenn die Vorlage nur naja ist. Und alles weitere steht bei der Nachtkritik.

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Ich mache derweil lieber noch eine kleine Ästhetik des Scheiterns. Blumenkohl mit Tomatenconfit und Oliven. Hmm.

Versuchsanordnung:

1. Zwei Esslöffel Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, eine Zwiebel und vier Knoblauchzehen anschwitzen und die Hälfte von 750 g reifen Kirschtomaten dazugeben (im Rezept wurde sogar ein Kilo Tomaten verlangt, aber das erschien mir dann doch allzu tomatig). Ungefähr zehn Minuten erhitzen, immer wieder stark rühren, bis sich die Haut von den Tomaten löst, leicht zerdrücken. Eine halbe Tasse Wasser zugeben (das Rezept verlangte 100 ml, aber seit der Küchenrenovierung finde ich den Messbecher nicht mehr, es ist ein Kreuz!), mit Salz, 1 EL Honig und den Blättern einiger Zweige Thymian würzen.

2. Von einem mittelgroßen Blumenkohl die Blätter weitgehend abschneiden. Blumenkohl in den Topf legen, mit den restlichen Tomaten bedecken, aufkochen, rund 15 Minuten bei schwacher Hitze bissfest kochen.

3. Währenddessen 100 g Feta zerdrücken und mit 1/2 Bund Basilikum zerdrücken. Fertigen Blumenkohl mit Basilikumfeta und 100 g klein gehackten schwarzen Oliven bestreuen. Mit ein bis zwei Esslöffeln Olivenöl beträufeln und mit Basmatireis servieren..

Ergebnis: Ungewöhnlich lecker, das. Immer noch ziemlich tomatenlastig, ein Pfund hätte es auch getan, aber sonst: topp. Optisch allerdings nach einem Tag ein ziemlich unansehlicher, rot-weiß-grünlicher Matsch. Das Rezept empfahl als Beilage Quinoa, ich aber halte Quinoa für ein Verbrechen an der Kulinarik und hielt mich an den Reis. Eine gute Entscheidung.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. Hatte ich noch nicht, ich war schon froh, mit Stefan Pucher etwas anfangen zu können, von wegen ultrazeitgenössicher Regie, damals, Ende der Neunziger. Außerdem war Pollesch mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, nach seinem Studium bei Andrzej Wirth in Gießen, wie man hörte, machte er freies Theater in der hintersten pfälzischen Provinz, Frankenthal oder Pirmasens. M. aber war er aufgefallen, während des Studiums in den ausgehenden Achtzigern, als ich noch längst nicht in Gießen war.

Kurz darauf knallte mir Pollesch tatsächlich ins Gesicht, mit wildromantischen Textflächen: “Drei hysterische Frauen” beim Praterfestival oder wie das hieß, 1998 an der Volksbühne, “Superblock” am Berliner Ensemble, einem extrem musikalischen Text über die Klötzchenarchitektur am Potsdamer Platz, der natürlich nicht ahnen konnte, wie schlimm sich das alles tatsächlich entwickeln würde, “Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat” am Frankfurter Mousonturm, ein Stück toller als das andere, großartige Schauspieler, eher sogar: Schauspielerinnen, die hochtourig schwer theoretische Textwasserfälle übers Publikum kippten, anstrengend, lustig, durchgedreht, immer wieder unterbrochen von Schreiattacken, ihr FICKSÄUE! Pollesch wurde wiederentdeckt von der damaligen Luzerner Intendantin Barbara Mundel, die Pollesch noch vom Studium kannte und ihn aus der einen Provinz Pfalz in die andere Provinz Zentralschweiz rettete. Und von Luzern aus ging es dann ganz schnell mit Polleschs irgendwie verspäteter Karriere: Als ich 2001 nach Hamburg zog, war er schon da und inszenierte am Schauspielhaus seine Soap “www-slums”.

Das war damals noch neu: die Erkenntnis, dass sich unter gut ausgebildeten, hoch mobilen, extrem anpassungsfähigen und technikaffinen, naja, Leistungsträgern eine Art intellektuelles Subproletariat herausbildete. Und vor allem, dass es ziemlich kompliziert werden dürfte, den möglichen widerständigen Charakter dieses High-End-Proletariats herauszukitzeln. Weil wir Leistungsträger der kreativen Klasse uns erfolgreich einreden ließen, dass es doch eine coole Sache sei, so ungebunden, selbstausbeuterisch, unterbezahlt zu werkeln, wie es im Künstlertum doch Usus ist! (Und weil Künstlertum das Coolste überhaupt ist, lässt sich das doch wunderbar ausweiten. Auf Journalisten, Werber, Sachbearbeiter, Busfahrer: alles Künstler! Alle glücklich, wenn sie ausgebeutet werden!) Ich fraß Pollesch-Stücke, “Smarthouse” in Stuttgart, “Die Welt zu Gast bei reichen Eltern” am Hamburger Thalia, “24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York” an der Volksbühne, wo Pollesch bald die künstlerische Leitung des Praters übernahm, alle Stücke mehr oder weniger mit der gleichen These: Wie lässt sich, bitteschön, ein revolutionäres Subjekt konstruieren, wenn die Lebensumstände schon so entfremdet sind, dass man die Entfremdung als ganz natürlichen Zustand ansieht? Ich ignorierte, dass Polleschs politische Analyse oberflächlich blieb, in etwa auf dem Niveau Slavoj Zizeks, der ja ebenfalls mehr cool als gedanklich scharf ist, aber, hey!, was gibt es denn gegen Coolness einzuwenden? Ich ignorierte, dass Pollesch zumindest ein diskutables Autorenbild vor sich herzutragen schien, ein Autorenbild, das an einen Gottkünstler denken ließ, der seine Stücke grundsätzlich nicht zum Nachspielen freigab, weil niemand sie so gut inszenieren konnte wie der Meister selbst. (Dieses Bild wurde unfreiwillig revidiert durch den alles in allem misslungenen Episodenfilm “Stadt als Beute”, in dem Pollesch sich selbst spielte und dabei eine Art Einblick in das gab, was bei ihm Theaterproben sind: weniger ein Hinarbeiten auf eine Premiere zu, als ein kollektiver Diskurs, der sich eben nur in einer einzigen Inszenierung findet. Der Gedanke an eine Nachinszneierung dieser Stücke wäre entsprechend nicht defätistisch, aber doch ziemlich absurd.)

Spätestens ab “Fantasma”, 2008 am Wiener Burgtheater, hatte Pollesch dann seine Form gefunden: die durch den diskursiven Fleischwolf gedrehte Künstlertragödie. Der Künstler als tragischer Held des Neoliberalismus, sich fürs System aufopfernd: in “Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung” am Hamburger Schauspielhaus oder in “Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen” am Frankfurter Schauspiel tauchte er explizit auf, und man kam nicht umhin, hier René Pollesch zu sehen, wie er ein Stück nach dem anderen inszeniert, wie er Kritik am System übt und damit doch das System eigentlich stützt. “Ihr seid doch gar kein Chor, wie soll ich denn da eine Oper auf die Beine stellen?”, ruft Catrin Striebeck verzweifelt in der jüngsten Pollesch-Arbeit “Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!”, einer Coproduktion von Volksbühne und Hamburger Schauspielhaus. “Wir sind ein Netzwerk!”, antwortet der Chor.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. M., der als Redakteur beim Gießener Anzeiger arbeitete, erst in der Kultur, dann in der Politik, schließlich im Lokalen, sobald er sich in eine Redaktion reingearbeitet hatte, wurde er versetzt, M., der perfekte Arbeitnehmer, der Künstler, der selbstausbeuterische Selbstverwirklicher.

Strunks Erinnerungen an eine Siebzigerjahrekindheit zwischen Triebstau, trister Vorortenge und rockigen Ausbrüchen als Aushilfsmucker bei der „geil abliefernden“ Schützenfestkapelle „Die Tiffanys“ sind von berührender Genauigkeit. Zudem schafft es das neue Schauspielhaus-Ensemble, gerade die „Tiffanys“-Szenen erschreckend lebensecht zu gestalten, nicht zuletzt Stephan Schad gibt Bandleader Gurki mit triefender Öligkeit, der zwischen die endlosen Karnevalsschlager heimlich auch eine Zwo-Drei-Vier-Version von Slimes „Bullenschweine“ schmuggelt. Was man wahlweise als Subversion in der Mitklatschhölle lesen kann oder als resignatives „Ist doch eh’ alles wurscht“.

Die junge Welt hat meinen Artikel zu Studio Brauns “Fleisch ist mein Gemüse” am Deutschen Schauspielhaus hinter eine Paywall gesperrt. Ausgerechnet die alten Marxisten. Andererseits bedeutet Marxismus ja nicht, dass man seine Arbeit freigiebig verschenken sollte, oder? Vielleicht sollte ich mich einmal genauer mit Bezahlmodellen im Internet beschäftigen? Ich könnte den Text natürlich einfach hier ein zweites Mal veröffentlichen, ist mir aber auch zu blöde. Wen es interessiert, wie ich die Premiere fand (auf eine unbefriedigende Weise gut), der kann sich eigentlich auch das Printprodukt kaufen. Oder ein Online-Kurzabo abschließen. Oder er kann mich fragen, die Leute sollten ohnehin mehr miteinander reden, finde ich.

Außerdem lasse ich alle Fünfe grade sein und spare mir auch die mittlerweile ungute Tradition gewordene Kritik zum Sonntagabendkrimi. Der war gestern ein Polizeiruf 110 namens “Einer trage des anderen Last” und war ganz großartig, ich meine, Charly Hübner geht mit seinen 200 Pfund Lebendgewicht auf immer dünnerem Eis, Anneke Kim Sarnau fällt ins Koma, und die leider verstorbene Maria Kwiatkowski wird von sexy Hans Löw gefoltert, was will man denn mehr, an einem Sonntagabend?

(Seit ich neben meiner eigentlichen Arbeit auch noch für andere Medien schreibe, fühle ich mich ein wenig wie eine alles in allem glückliche Ehefrau, die sich heimlich anderen Männern hingibt, gegen gar nicht einmal so besonders viel Geld. Ich bin Catherine Deneuve in Belle de Jour, glam!)

- Du hängst auch immer mehr auf dem Sofa rum.

- Ich? Wieso?

- Wann warst du denn das letzte Mal im Theater?

- Am Freitag zum Beispiel, im Schauspielhaus, “Der große Gatsby” in der Regie von Markus Heinzelmann. Und gestern abend im Thalia, “Quijote. Trip zwischen den Welten” von Stefan Pucher.

- Ach. Und warum liest man auf der Bandschublade nichts daraüber? Früher hast du da immer etwas geschrieben.

- Naja, über den “Gatsby” wollte ich eigentlich den gnädigen Mantel des Schweigens breiten.

- Und der Pucher-Abend?

- Der war klasse. Aber da wollte ich eine Besprechung für die junge Welt machen, kommende Woche. Kannst du dir ja kaufen, das wäre ohnehin gut, damit unterstützt du die Revolution.

- Ach was. Du bist jetzt revolutionär, bloß weil du für die junge Welt einen Text schreibst und nicht etwa für die Welt? Mach dir nichts vor: Du schreibst für denjenigen, der dich bezahlt und deiner journalistischen Eitelkeit schmeichelt, und wenn dich die Welt anrufen würde, dann würdest du für die auch etwas schreiben. Die Idee, durch bewussten Konsum das System zu ändern, ist doch ohnehin naiv. Als ob du mit deinem komischen nicaraguanischen Kaffee, den du da trinkst, irgendetwas ändern würdest.

- Immerhin geht der Gewinn direkt an die Kooperative und nicht an irgendwelche komischen Zwischenhändler.

- Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Naja. Aber heute abend gibt es wenigstens eine “Tatort”-Kritik auf der Bandschublade, oder?

- Nö, gibt es nicht.

- Weswegen denn nicht?

- Weil heute abend ein “Tatort” aus Leipzig kommt. Und die Leipziger Krimis sind so schlecht, die tue ich mir einfach nicht mehr an. Ich mache anderes, lese was, kille Zombies, komme meinen ehelichen Pflichten nach, egal, auf jeden Fall schaue ich keinen “Tatort”. Und schreibe dann entsprechend auch nichts darüber.

- Das ist aber nicht der Job eines Kritikers. Der Kritiker muss doch dahin gehen, wo es wehtut, oder?

- Dafür trinke ich ja den nicaraguanischen Revolutionskaffee.

Du musst dein Leben ändern. So wie es ist, ist es gut, aber gut ist nicht wirklich gut. Die Sehnsucht nach dem anderen, der Wunsch, auszubrechen, das war hier schon einmal Thema. Und weil sich schon das Jahr geändert hat, ändert sich auch das Leben, kurzfristig, man hört mit Rauchen auf, man verzichtet auf Fleisch, man macht Sport, zweimal die Woche, so etwa. Man singt Lieder.
Ein Wunsch fürs neue Jahr meinerseits: Das, was ich als “intellektuelle Ungebundenheit” meines Berufs bezeichne, also quasi den einzigen echten Vorteil, den ich habe, endlich wieder ausleben. Fremd küssen, im übertragenen Sinne. Einem fremden Medium einen Text schreiben, bestenfalls: einen Text, wie ich ihn zuhause, im geschätzten, angestammten Medium so nicht schreiben würde. Zum Beispiel eine Theaterrezension.

Das ist Arbeit.

Was nicht unter solch einem Seitensprung leiden darf: das eigentliche Zuhause, will sagen mein echter Arbeitgeber. Was ich mache, soll ein Spiel sein, kein Sprung, sondern ein Tanz zur Seite. Was ebenfalls nicht leiden darf: mein Privatleben. Bleibt ein Drittes: die Bandschublade. In der wird zukünftig wohl weniger los sein, jetzt, wo wir 2012 haben und entsprechend alles anders wird. Was ein wenig schade ist, gerade erst wurde umgezogen auf die neue, eigene Domain, da soll hier schon die große Langeweile einkehren? (Obwohl, heute abend kommt ein Tatort, da wird vielleicht noch eine Rezension drin sein, und wie wir wissen, wird nichts in der Bandschublade so ausdauernd gelesen wie die Fernsehkritik.)

Zunächst geht es erst einmal um alles und um nichts, darum, Rollen auszuprobieren, Theater zu spielen, sich einmal ganz und gar ehrlich Gemeinheiten ins Gesicht zu sagen.

Ich habe einen Text geschrieben, für das geschätzte Internetfeuilleton nachtkritik.de: “Im Zombiewunderland”, eine Kritik zur Uraufführung von Oliver Klucks “Leben und Erben”, gestern abend im Hamburger Schauspielhaus. Es muss ja weiter gehen, irgendwie.

Man mag gar nicht mehr ins Schauspielhaus gehen. Nicht, weil das, was man dort zu sehen bekommt, so schlecht ist, wie behauptet wird (in Wahrheit ist es überhaupt nicht so schlecht), sondern weil man nicht mehr in der Lage ist, eine Meinung über das Gesehene zu formulieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nichts geschrieben habe über die letzte dort gesehene Premiere, Stephan Kimmigs “Fall der Götter”: Weil ich nicht schreiben konnte, dass die Inszenierung an allen Ecken und Enden auseinander fiel. Und dass das eigentlich aufheben würde, was mich an Kimmig immer ein wenig ärgerte, dass nämlich all seine Inszenierungen so perfekt funktionieren, so rund sind. Andere waren weniger skrupulös, Till Briegleb schrieb in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) von einem Theater auf FDP-Niveau, von einem Theater, das für die Szene gerade noch eine Relevanz von 1,8 Prozent habe (fiese aber tolle Formulierung, für so einen Einfall würde man als Journalist töten). Nathalie Fingerhut dagegen schrieb im Hamburger Feuilleton weniger polemisch aber ebenfalls nicht unkritisch, dass Kim­migs Kon­zept ehr­gei­zig sei, “und er scheint sich damit über­ho­ben zu haben.” Während Stefan Grund in der Welt eine Inszenierung lobte, die erschütternd ideologische Sattheit angreife, und, wer weiß, womöglich war das die bösartigste Kritik von allen. Weil man nicht mehr glauben kann, dass sie als Lob entstanden ist, weil man nur noch überhebliches Mitleid liest, Mitleid mit einem Theater, das von Tag zu Tag mehr den Bach runter gehen zu scheint. Nein, man mag nicht mehr ins Schauspielhaus gehen.

Alice Buddeberg sagt im Hamburger Abendblatt (vollständiger Artikel springertypisch nach Paywall) einen Tag vor der Premiere von Tschechows “Möwe”: “Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen.” Das ist heftig. Buddeberg, hochgelobte 29-jährige Nachwuchsregisseurin mit einigen Erfolgen an Theatern wie Frankfurt aber ohne jede Erfahrung auf der Riesenbühne, geht in die Vollen, weiß um die Probleme des Schauspielhauses und spricht sie an, bevor das gleiche Wissen sich über die Inszenierung legt. Angriff, von Anfang an.
Buddeberg macht aus der Not eine Tugend: Das Schauspielhaus ist in einer Krise? Also gehen wir offensiv mit der Krise um. Der Schnürboden wird renoviert? Machen wir das Beste draus: Das Ensemble spielt direkt an der Rampe, und damit sich niemand nach hinten verirrt, lassen wir Bühnenbildnerin Cora Saller eine Wand aufstellen, die sich nur am Schluss öffnen darf, als Knalleffekt, für den wir keine ausgefeilte Technik brauchen. Schade nur, dass Saller diese Wand aus Strohballen schichtet (Nein, keine Ballen, solche Strohschnecken, wie sie im Herbst auf den Feldern rumstehen, wie nennt man die denn korrekt? Kaventsmänner?), das sorgt dafür, dass Tschechows Figuren hier zu Dorfdeppen werden. Und dann erinnert man sich eben doch daran, dass Stefan Pucher vor zehn Jahren das gleiche Stück am gleichen Ort inszenierte, voll collem Ennui des Jahrtausendwendekünstlers, und wenn man sich daran erinnert, dann merkt man, dass Puchers Interpretation vielleicht doch ein wenig weiter reichte als die allzu nahliegende Interpretation Buddebergs.
Aber diese Erinnerung überdeckt eben auch: dass Buddebergs Inszenierung im Großen und Ganzen funktioniert. Dass die junge Regisseurin es schafft, eine irgendwie doch zeitgemäße Sicht auf dieses Stück zu entwickeln, indem sie das Scheitern der Tschechow-Figuren mit dem erwarteten Scheitern dieser Inszenierung kurzschließt, denn, mal ehrlich, am Schauspielhaus kann man doch nur scheitern, nein? Außerdem bricht Buddeberg tatsächlich die Angst des Ensembles, sie besetzt die Außenseiterin Nina mit dem Gast Johanna Falckner, und Falckner schafft es, aus viel zu häufig gesehenen Schauspielern wie Markus John oder Ute Hannig (ernsthafte Kritik: Warum müssen eigentlich vier, fünf Schauspieler in praktisch jeder Inszenierung tragende Rollen spielen, während der Rest des 26-köpfigen Ensembles nur sporadisch besetzt wird? Das schreit doch nach Verbrennen von Talent!) ungeahnte Facetten herauszukitzeln. Dazu kommt eine kluge Strichfassung (gerade mal 100 Minuten dauert diese “Möwe”), dazu kommt ein cooler, durchdachter Musikeinsatz (Stefan Paul Goetsch). Fertig ist die Laube, der Kirschgarten, eine alles in allem gelungene Arbeit.
Und schließlich leistet sich Buddeberg ein wenig Galgenhumor, zitiert sie Antú Romero Nunes’ Erfolgsinszenierung “Merlin oder das wüste Land” am benachbarten Thalia: Schaut es auch an, so muss Theater aussehen! Und das Publikum lacht, es applaudiert, verzweifelt. Eigentlich mag man nicht mehr ins Schauspielhaus gehen, aber diese Inszenierung, sie rührt doch etwas in einem an: weil diese “Möwe” in erster Linie von besagtem Nichtmögen handelt.