Vergangenen Monat ist wenig passiert, hier, auf der Bandschublade. Kunststück, vergangenen Monat war ich ja mit den verehrten Kollegen auch damit beschäftigt, in der Nachbarschaft Les Flâneurs zum Laufen zu kriegen, da war wenig Zeit für leidenschaftliches Privatbloggen, und wirklich ein schlechtes Gewissen habe ich dabei auch nicht, Texte von mir gibt es ja weiterhin zu lesen. Wer beispielsweise einen längeren Artikel möchte, kann sich morgen die junge Welt kaufen, da gibt es nämlich meine Besprechung zur Ausstellung „Böse Dinge“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. (Wer nichts kaufen will, kann natürlich auch einfach hier auf den Link klicken.)

»Böse Dinge« gewinnt dort einen unwiderstehlichen Reiz, wo Pazaureks Kategorien auf heutige Produkte angewandt werden: Plötzlich steht man auf einem Trödelmarkt des Grauens, starrt einen Flaschenöffner aus einer Tierpfote an (»Wunderliches Material«), eine Europalette aus Mahagoni (»Materialprotzereien«) und einen Aschenbecher in Form eines weiblichen Unterleibs (»Konstruktions­attrappen und Künstlerscherze«). Und mittendrin plötzlich etwas, das eigentlich als gelungenes Design anerkannt gilt, das aber ebenfalls vor Pazaureks strengem Blick nicht besteht: Philippe Starcks Alessi-Zitronenpresse »Juicy Salif«, die in die Kategorie »Unzweckmäßigkeiten« fällt. Tja.

Was mich allerdings wirklich in meinem Selbstverständnis irritiert, sind die Besucherzahlen auf der Bandschublade im Mai. Die sind nämlich gestiegen, im Vergleich zum April. Will sagen: Wenn ich nichts schreibe, kommen mehr Leser. Die freuen sich dann, Hurra, endlich nichts neues zum Lesen, und tummeln sich auf alten Texten. Dann lass‘ ich es doch am Besten gleich bleiben, oder?

1. umag porno Vor Jahren schrieben Carsten Schrader, Alexander Rolf Meyer und ich einmal ein Dossier namens „Generation Porno“ im u_magazine, dem Vorläufer des heutigen uMag – einen Text daraus, Alex‘ „Beziehungsweise Porno“, findet man heute noch im Netz. Die Recherchen zu diesem Dossier machten damals großen Spaß – aber ich fürchte, der Googler suchte gar nicht nach unseren journalistischen Frühwerken, sondern nach einem Porno, der in dem istrischen Urlaubsort Umag spielt. Oder?

2. linksgrüne medienverschwörung ist ein Kampfbegriff, der hauptsächlich von weit rechts verwendet wird, meist von Leuten, die auch von „Gutmenschen“ sprechen und von „Systempresse“. Was mich daran erinnert: Ich wollte ja mal einen Leitfaden schreiben, an welchen Floskeln man die Neunazis erkennt.

3. videos von frauen die sich splitternackt ausziehen Ja, das habe ich auch schonmal gehört, dass es sowas geben soll.

4. reinhard stuth senator Der CDU-Politiker Reinhard Stuth war kurzzeitig Kultursenator in Hamburg, und zwar für gut sechs Monate ab Sommer 2010, im in Auflösung befindlichen schwarzgrünen Senat unter Christoph Ahlhaus. Stuth machte den Job so unvorstellbar schlecht, dass er wohl in keiner politischen Koalition je wieder ein Ministeramt führen dürfte. Hoffentlich.

5. sophie rois nippelig Bitte? Nippelig? (Klingt eigentlich recht herzig, das. Ich hoffe, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.)

6. rotkohl durcheinander rezept Ich würde den Rotkohl klein schneiden, kochen, Gewürze dazu, Flüssigkeit, vielleicht ein bisschen Wein und dann noch ein paar Kochbananen. Schon hat man ein großes Durcheinander. (In einem ähnlichen Kontext dürfte die Anfrage „rezept pfundfleisch“ enstanden sein.)

7. film gedreht im gängeviertel Fatih Akins „Soul Kitchen“ hat ein paar Szenen, die im Gängeviertel spielen: Die Hauptfigur wohnt da.

8. schorsch kamerun klug Ich würd‘ ja sagen: ziemlich.

09. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Dämmertörn mit High Society · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, Elbe, schönster Fluss der Welt! Die Elbe schlägt alles, in ihrer atemberaubenden Schönheit, in ihrer Mächtigkeit, ihrer Stille, ihrer Monströsität, die Elbe schlägt nicht zuletzt: die Kunst. Indem sie einfach da ist, nach Nordwesten fließt, nach Südosten fließt, je nach Tide. Die Elbe schlägt das Hafenrundfahrtkonzert „Die Ausgedehnten“, mit dem Schorsch Kammerun und Fabian Hinrichs das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffneten und damit, sorry für den Kalauer, krachend Schiffbruch erlitten.

So sieht es aus: Am frühen Abend treffen sich geladene Gäste an den Landungsbrücken, Politiker sind da, Kulturprominenz, lokale Größen, Journalisten auch. Erwartet wird eine Barkasse, bestiegen wird aber die MS Hamburg, eine Art Großyacht, Glamour für den Großburgwedeler Baggersee. Und mit der schippert man dann eine halbe Stunde elbabwärts, eine halbe Stunde elbaufwärts, an Containerterminals entlang, an Villen, irgendwann auch mal am Rohbau der Elbphilharmonie. Theater gibt es derweil auch. Man sieht Fabian Hinrichs nicht, aber er erzählt übers Bordmikro: wieviele Flachbildschirme in so einen Container passen, meine Güte, wer soll das alles anschauen? Das sind so die Momente, an denen der Abend das Sommerfestival-Motto „Grenzen des Wachstums“ aufzunehmen scheint, aber dann schaut man doch wieder dem Anzugträger auf der Reling zu, wie er auf das mit Bürobauten zugepflasterte Elbufer zeigt, „Perlenkette“ nennen die Stadtplaner dieses Quartier, und man denkt sich, dass der unbekannte Anzugträger wahrscheinlich ein Investor ist, der seinem Gesprächspartner gerade vorrechnet, welche Rendite eine Immobilieninvestition hier abwerfen würde. So denkt man, und man verpasst, was Hinrichs weiter erzählt, man verpasst auch, dass längst nicht mehr erzählt wird, sondern gesungen, im mittlerweile klassischen Goldene-Zitronen-Sound zwischen Krautrock, Elektronik, Jazz und spätem Postpunk. Man sieht ja auch nichts, das einzige, was man sieht, ist die Elbe, die wunderschöne Elbe.

Ach, es ist schade, dass dieser Abend so tranig den Fluss runtersuppt. Weil Schorsch Kamerun ein toller Querschläger in der Theaterwelt ist, der sicher einiges hätte sagen können, zu diesem Fluss, der gnadenlos durchkommerzialisiert die Stadt durchquert, wirtschaftliche Schlagader und touristischer Hotspot, einiges hätte Kamerun sagen können, wenn man ihm nur zugehört hätte. Es ist auch schade, weil Fabian Hinrichs ein göttlicher Performer ist, den man gerne erlebt hätte, live und nicht nur durch eine viel zu leise Schiffslautsprecheranlage. Und nicht zuletzt ist es schade, weil dieses Sommerfestival, für das „Die Ausgedehnten“ ja doch irgendwie ein Fanal sein soll, ein Startsignal, weil dieses Sommerfestival das letzte ist unter der Leitung Matthias von Hartz‘, dem wahrscheinlich politischsten Kopf, der momentan in der Theaterszene unterwegs ist, und der zukünftig das internationale Theaterprogramm „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele kuratieren soll. Da hätte man sich schon gewünscht, dass dieser zutiefst politisch denkende Theatermacher einen Abschied aus Hamburg bekommt, der vielleicht wirklich politisch ist und nicht nur dieser Dämmertörn mit High Society, als den man „Die Ausgedehnten“ leider wahrnimmt.

Aber die Elbe! Die versöhnt einen dann auch wieder, das ist wahr. Monströs und hässlich und atemberaubend schön: der schönste Fluss der Welt.

10. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Schorsch Kamerun preist einen Supermarkt, Melissa Logan ein Industriebier und Kristof Schreuf einen Versanddienst, ein Schauer läuft einem über den Rücken. Diese per Video eingespielten Perlen der Songwriterkunst tragen die erste Hälfte des Abends, weil sie a) in ihrer textlichen wie musikalischen Scheußlichkeit an einen Autounfall auf der Gegenfahrbahn erinnern, b) ein Wiedersehen mit 21 einst geschätzten und mittlerweile ein wenig aus den Augen verlorenen Musikerpersönlichkeiten ermöglichen, c) im Arrangement eigentlich gar nicht mal schlecht klingen. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass das Stück zur Nummernrevue verkommt: Man wartet, wer als nächstes auf der Leinwand erscheint und achtet überhaupt nicht mehr auf die Schauspieler.

Und das ist wirklich schade: Das sind ja keine besseren Statisten, das sind gestandene Darsteller wie Robert Stadlober und Pheline Roggan, die über weite Strecken auf der Bühne allein gelassen werden. Vor lauter Verzweiflung retten sie sich ins Bauerntheater, spielen gekünstelt Big Business und lassen ihre Figuren dabei hemmungslos in Richtung Karikatur rutschen (Roggan immerhin eskaliert apart zu Jens Rachuts Verpunkung einer Lebensmittelmarkt-Hymne).

Guilty Pleasures: Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo, in einem Film, in einem Theaterstück, in der S-Bahn Pheline Roggan sehe. Das ist ungewöhnlich, weil Roggan in ihrer Mädchenhaftigkeit eigentlich gar nicht der Typ ist, für den ich ansonsten so schwärme, egal, ich mag diese Attitüde, das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken geben zu wollen. Wobei es natürlich bezeichnend ist, dass auch Roggan nicht dafür sorgen konnte, dass mir Thomas Ebermanns Satire „Der Firmenhymnenhandel“ auf Kampnagel halbwegs etwas sagte. Na, für einen freundlichen Verriss auf Nachtkritik hat’s gereicht.

Ich habe mal wieder ein bisschen auf meiner Blogroll aufgeräumt. Lisa Neun ist weg und A byootiful Day von Maike Plenzke. Nicht, weil ich die beiden Comicbloggerinnen plötzlich doof fände, sondern weil die eine im Orkus verschwunden ist (was vielleicht nur ein Softwarefehler ist) und die andere nur noch per Anmeldung zugänglich (was damit zu tun haben könnte, dass die Hardcore-Darstellungen überhand genommen haben und zum Schutz vor minderjährigen Comicblogafficionados verständlich wäre).

Kommt ihr mal wieder? Dann nehme ich euch in der Roll auch wieder auf, versprochen.

Außerdem verweise ich auf unsere derzeitige Praktikantin Linda, die gerade Schorsch Kameruns Theaterstück „Die Verschwundenen von Altona“ blogmäßig bis zur Premiere am 2. 3. im Thalia Gaußstraße begleitet. Sehr lesenswert.

Edit: Lisa Neun ist wieder drin, yik!

05. September 2010 · Kommentare deaktiviert für In Richtung Nordsee tröten · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=zICbt6BZmz8]