Vielleicht ist S.‘ Meinung in ihrer Uneindeutigkeit des Eindeutigste, was ich erwarten kann. Grau sei der Bereich, in dem ich mich bewege, nicht schwarz, nicht weiß, nicht verwerflich aber auch nicht mehr zweifellos in Ordnung. Okay.

Mir war unwohl, als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel schreiben möchte für ein Buchprojekt, das die fünf Jahre rekapituliert, die Matthias von Hartz Leiter beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel war. Für ein Buch, dessen Texte verfasst würden von Wissenschaftlern, Künstlern, Theaterfunktionären. Und von einem Journalisten, von dem ein kritischer Kommentar zu den vergangenen fünf Jahren erwartet wurde: von mir. Mir war unwohl, weil das bedeuten würde, dass ich plötzlich auf der Seite derer stehen würde, über die ich ansonsten berichte, kritische Rekapitulation hin oder her, nicht zuletzt ökonomisch würde das einen Interessenskonflikt bedeuten. Oder?

Ich fragte meine Freunde auf Facebook. „Mach das, gar kein Problem!“ antworteten die Freunde, die nichts mit Journalismus zu tun haben, Künstler meist, Theatermacher, Schriftsteller. „Geht gar nicht!“ antworteten die Freunde, die journalistisch arbeiteten. „Grau“, antwortete S.

Die Grenzen verschwimmen. Ich mag das Theater ja, ich interessiere mich für Theaterthemen, und wenn es gut läuft, dann merken die Theatermacher: Da ist einer, der interessiert sich wirklich für uns. Man beginnt, sich zu mögen. Aber wo ist die Grenze, ab welchem Punkt ist man kein kritischer Beobachter mehr? Dort, wo man sich mag? Sobald man mit der Pressesprecherin betrunken unterm Tisch liegt, sobald man mit dem Dramaturgen knutscht? Oder sobald man Aufträge annimmt, hier in eine Jury geht, dort einen Text für ein Programmheft schreibt, da als Fachmann auf einem Podium sitzt?

Ich habe versucht, mich als Journalist aus der Berichterstattung übers Sommerfestival so gut es geht rauszunehmen. Das Interview mit dem Schwabinggrad Ballett fürs uMag führte nicht ich, sondern meine Praktikantin Nele. Theater heute zog den Wunsch nach einem Artikel von sich aus zurück, nachdem ich von meiner Situation berichtete. Für die Nachtkritik habe ich zwei Texte geschrieben, wenn ich sie heute noch einmal lese, fällt mir auf: Womöglich war ich kritischer als es angemessen gewesen wäre, womöglich versuchte ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das ist alles keine Lösung. Aber niemand soll glauben, dass ich es mir leicht machen würde.

(Lesetipp: Falk Schreiber, Immer diese Widersprüche. In: Matthias von Hartz (Hg.), Besser wär’s, es gäbe wirklich was zu feiern. Kunst und Politik beim Internationalen Sommerfestival Hamburg 2008-2012. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012. S. 24-29)

Nur mal zum Mitschreiben. Damit ich wirtschaftlich verhältnismäßig unbeleckte Kulturnase auch mal etwas kapiere: Was passiert hier eigentlich gerade? Was für Verwerfungen, was für Zusammenbrüche, Europa?

1. Wir sehen ein kleines Land am Rande des Kontinents, ein kleines Land, das Teil eines größeren Staatenbundes ist. Dieses kleine Land geriet vor vier, fünf Jahren in wirtschaftliche Schieflage. Zum Teil konnten die Bewohner nichts dafür, ökonomisch sieht es gerade nirgendwo auf der Welt gut aus, zum Teil waren die Probleme aber auch hausgemacht: Über Jahrzehnte haben die Eliten des Landes ein System aufgebaut, irgendwo zwischen Günstlingswirtschaft und offener Korruption, ein System, das wirtschaftlich unglaublich ineffektiv war und sich nur deswegen so lange halten konnte, weil der Staatenbund den korrupten Eliten immer wieder unter die Arme griff. Man brauchte das kleine Land in Zeiten der Systemkonfrontation als Bollwerk des kapitalistischen Westens gegen den sozialistischen Osten, ebenso wie man das kleine Land heute als Bollwerk des christlichen Europas gegen das islamische Asien braucht.

(Habe ich soweit alles richtig verstanden?)

2. Auf ewig konnte das nicht gut gehen. Und so brach die Wirtschaft des Landes in den größeren Unbillen der Weltwirtschaft zwangsläufig zusammen. Die Führer des Staatenbundes waren entsetzt, plötzlich trat die Misswirtschaft zu Tage, die zuvor niemandem aufgefallen war. Für den Staatenbund gab es nur ein Heilmittel: massive soziale Einschnitte, Lohnzurückhaltung, Rentenkürzungen. Mit anderen Worten, für den Staatenbund schien es alternativlos, die Leute für die Krise bezahlen zu lassen, die am wenigsten für sie konnten: Arbeitnehmer, Studenten, Rentner, Arbeitslose.

3. Alternativlos? Eine Partei wagte es, die Frage zu stellen, ob es womöglich doch Alternativen geben könnte, zum Beispiel: die Eliten an den Kosten der Krise zu beteiligen, zum Beispiel mit Steuererhöhungen. Mochte der Chef besagter Partei noch so unsympathisch sein, die Reaktion des Staatenbundes rechtfertigte das nicht: Sollte die Partei bei den kommenden Wahlen die Mehrheit erlangen, dürfe das kleine Land am Rande des Kontinents eben nicht mehr im Bund mitspielen, forderten sie, aus der wirtschaftlichen Solidargemeinschaft würde es dann eben ausgeschlossen. Und dann wurde gewählt.

4. Und dann wurde gewählt, und besagte Partei landete nur auf dem zweiten Platz, zumindest wurde das so bekanntgegeben. Die Wahl gewonnen hatten angeblich die Konservativen, also die Vertreter der Eliten, die schon im Vorfeld der Krise die Verantwortung für das Land trugen. Die dann auch postwendend mit der Regierungsbildung beauftragt wurden, während im Staatenbund aufgeatmet wurde: Alle großen Zeitungen kommentierten am Folgetag, dass die Wahl eine Entscheidung der Vernunft gewesen sei, dass das kleine Land sich, endlich!, zu Reformen bereit zeigen würde, die ja eigentlich keine Reformen sind, sondern schlicht Kürzungen, die massive Verelendungen der Bevölkerung nach sich ziehen werden, ja, natürlich, aber SIE! SIND! ALTERNATIVLOS! (Und wer an diese Alternativlosigkeit immer noch nicht glauben mochte, dem würde man es schon beibringen, mit Polizeiknüppeln und Tränengas. Auch mit solchen Mitteln hatte der Westen ja schon seine Erfahrungen, auch in diesem kleinen Land, im Kampf gegen die kommunistische Gefahr.) Auch die Wirtschaft zeigte sich erleichtert, diejenigen, die immer schon die Mittel hatten und die sie weiterhin haben werden. Und, tut mir leid, wenn Wahlen so aussehen wie hier, dann fick dich, Demokratie.

(Hintergrundinformationen: Die Ergebnisse der Wahl in Griechenland am 17.6.2012. Das Blog von Michalis Pantelouris, der konstatiert: „Diejenigen, die das Land in die Situation gebracht haben, in der die Bevölkerung stärker als jede andere in Europa unter der Schuldenkrise leidet, sind belohnt worden.“ Eine europäische Presseschau auf sueddeutsche.de. Und das Hamburger Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett, das momentan in Athen recherchiert.)