Also. Der September war ein ganz akzeptabler Monat, von den Besucherzahlen her. Ach, was soll die Koketterie: Der September war besucherzahlenmäßig ein toller Monat, hier, auf der Bandschublade. Was allerdings damit zu tun hatte, dass die „Tatort“-Saison begonnen hat: Die nach der Homepage häufigsten Zugriffe verzeichnete der Post „Der Betonfleck an der Förde“, der den großartigen Kieler Krimi „Borowski und der stille Gast“ behandelt. Das muss man leider so sagen: Abseits von den „Tatort“-Rezensionen ist die Bandschublade absolutes Nischenprogramm. Und jetzt? Schreibe ich ausschließlich über den „Tatort“, weil ich das große Publikum will? Schreibe ich überhaupt nicht mehr über den „Tatort“, weil mich das große Publikum anwidert? Oder wäre es vielleicht am Besten, wenn ich alles so lasse, wie es ist? Vielleicht.

1. „sophie rois nackt“ Ich zähle nicht mehr, wie häufig nach Brüsten, Titten, Busen der doofen Sophia Thomalla gesucht wird. Bei der Suche nach der nackten Sophie Rois hingegen drücke ich ein Auge zu, weil, da habe ich Verständnis für, wenn jemand diese tolle Schauspielerin nackt sehen möchte. Vor einem Monat habe ich auch ein paar Tipps gegeben, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

2. „fabio mauri documenta“ Es gab eine ganze Reihe Künstlersuchen in Verbindung mit der documenta, die meisten in Bezug auf den 2009 gestorbenen Italiener Fabio Mauri. Wer das wohl sucht? Galeristen, die wissen wollen, wie über ihren Schützling berichtet wird? Kunststudentinnen, die zu faul waren, selbst nach Kassel zu fahren?

3. „sarah wagenknecht privat“ Ja, was wird da wohl sein? Voll die Schreckschraube, mit der man es keine fünf Minuten in einem Raum aushält? Voll die kluge Gesprächspartnerin, mit der man sich tagelang über Goethe, zeitgenössische Kunst und Geschlechterdekonstruktionen unterhalten kann? Voll die charmante Gastgeberin, die einen sa-gen-haften Marmorkuchen macht? Man weiß es nicht.

4. „schwul islam“ Das ist ein Thema, was mich auch mal interessieren würde. Darüber geschrieben habe ich allerdings nie etwas, was nachvollziehbar ist, weil ich hier absolut keine Ahnung habe. Falls jemand mehr weiß: Hier sind schon zwei, die sich über Infos freuen würden.

5. „katalanischer modernismus“ Da weiß ich durchaus was. Eine Stilrichtung in Architektur, Design und Kunst, die in Katalonien ziemlich viele Städte prägt und dort „Modernisme“ genannt wird. Andernorts heißt sie Art Déco oder Jugendstil, wobei diese drei Begriffe nicht deckungsgleich sind, aber parallel verwendet werden können. Wichtigstes Bauwerk ist die Basílica de la Sagrada Família in Barcelona von Antoni Gaudí.

6. „rene pollesch schwul“ beziehungsweise „devid striesow schwul“ Boah, Kinder, wird euch das nicht langweilig, langsam mal? Also, soweit ich weiß, der eine ja, der andere nein, um genaueres zu erfahren, solltet ihr einfach mal direkt fragen, die meisten Leute sind da ja nicht so etepetete und erzählen durchaus, was Sache ist. Traut ihr euch aber nicht, oder? (Ich will übrigens niemanden verurteilen, der auf die Frage „schwul oder nicht?“ eine eindeutige Antwort hat, allein: Spannender finde ich ja die Leute, bei denen die Antwort schillert, bei denen eben nichts eindeutig ist, Leute wie Jens Friebe, Andreas Spechtl, von mir aus auch Pollesch oder Striesow.) Ich beschäftige mich in der Regel auf fachlicher Ebene mit Leuten wie Striesow oder Pollesch, und weil auch das privateste Politisch ist, mag da nicht zuletzt Sexualität mit reinspielen – in der aktuellen theater heute bespreche ich die Premiere von Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ am Hamburger Schauspielhaus (Link funktioniert nur für Abonnenten), und, doch, da geht es auch um Sex:

Die politische Schärfe früher Arbeiten wurde abgelöst von einem umfangreichen Liebesdiskurs, bei dem selbst klassische Pollesch-Slogans nicht mehr so zünden wie gewohnt. „Denkst du etwa, von einer 26-jährigen Großbusigen einen geblasen zu bekommen, wäre ein Vergnügen für mich?“, das ist auf den ersten Blick witzig und auf den zweiten ziemlich blöde, trotz der genderpolitischen Souveränität, mit der der Autor diesen Satz eine Frau sagen lässt.

7. „katzen hängen übern gartenzaun“ Ich möchte gar nicht wissen, was diese Suchanfrage motiviert hat. Aber Cat Content geht ja immer.

8. „nackte penisse auf der bühne“ Ich sah einmal ein Stück, in dem eine klagende „Wandermöse“ auftrat, gildet das auch?

Ich bin heterosexuell. Ich schlafe gerne mit Frauen, obwohl das meinem Selbstverständnis als Mann irgendwie widerspricht, ich meine, als kulturaffiner Geistesmensch, geschlagen mit zwei linken Händen und ohne nennenswertes Interesse für Dinge wie Fußball, Biertrinken oder Gockelgehabe müsste ich nach dem Klischee eigentlich schwul sein. Außerdem habe ich ein grundsätzliches Problem mit dem Akt an sich: Einen Frauenkörper zu penetrieren, dass ist ein Akt der Gewalt, ich nutze den Körper meiner Partnerin, um meine maskuline, gewalttätige, aggressive Lust zu befriedigen, ich mache meine Partnerin zum Objekt, und ist es nicht wirklich so, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist? (Ich absolvierte mein Politikstudium Mitte der Neunziger, zu einer Zeit, in der ein gewisser Vulgärfeminismus gerade in den letzten Zügen lag, vielleicht merkt man das an manchen Stellen dieses halbironischen Bekenntnisses.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich verstanden hatte, dass das alles nicht so einfach ist. Dass zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne mal nur Körper sein wollen, dass sich zum Beispiel manche Frauen von Zeit zu Zeit ganz gerne zum Objekt machen lassen. (Was die Sache so unglaublich kompliziert macht, sind die beiden Begriffe „manche“ und „von Zeit zu Zeit“.) Was mir geholfen hat: dass es Vorbilder gab. Männer, die ebenfalls nicht dem klassischen Bild des Machomaskulinisten entsprachen und die dennoch ihr Begehren zu leben wussten. Es ist weiterhin nicht immer einfach, aber: Diese Vorbilder brachten mich an den Punkt, an dem ich bereit war, meine tragische Veranlagung zu akzeptieren.

So, und jetzt ist mal gut, mit dieser billigen Ironie. Kein Heterosexueller wird hierzulande diskriminiert. (Außer im Seminar der Uni Gießen, „Einführung in die feministische Politikwissenschaft“ bei Prof. Barbara Holland-Cunz… Tschuldigung, ich wollte doch aufhören!)

Im Gegensatz zu Schwulen, Asexuellen, Polyamourösen, jeder denkbaren sexuellen Randgruppe. Und gerade deswegen erscheint es mir ungaublich wichtig, dass sich hier Vorbilder outen, dass hier Vorbilder ebenfalls zu ihrem Begehren stehen. (Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das da oben eigentlich überhaupt nicht ironisch gemeint war.) Man stelle sich einmal vor: Ich wäre ein junger, schwuler Mann, in einem Provinzkaff, sagen wir im Saarland. Ich wäre katholisch, konservativ, nicht besonders attraktiv, und außerdem würde ich in meinem Umfeld praktisch keine anderen Schwulen kennen. Da würde es mir sicher helfen, wenn ein Spitzenpolitiker, womöglich aus einer konservativen Partei, sich hinstellen würde und sagen: „Ja, ich fühle auch so. Ist keine große Sache, aber ist okay.“ Was mir sicher nicht helfen würde, ist, wenn dieser Politiker die Presse zu sich nach Hause einladen würde, um zu erzählen, wie schön es sich als „eingefleischter Junggeselle“ lebe, wobei, schade sei das schon, so ganz ohne Partnerin oder Familie, aber „der liebe Gott“ habe das eben nicht gewollt.

Und, ja, ich bin davon überzeugt, dass Sexualität keine Privatsache ist. Sondern zutiefst politisch. (Ich verweise auf die Diskussion bei Stefan Niggemeier und der Mädchenmannschaft.)

31. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Porno! Schlimm! Verboten! · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , ,

Ich brauche mich nicht zu beschweren. Wenn ich mich auf zwielichten Websites rumtreibe, wenn ich der Meinung bin, dass ein Freeware-Virenscanner und die Windows-eigene Firewall einen Rechner schon ausreichend schützen dürften, wenn ich in blöd antiamerikanischer Ignoranz Produkten aus dem Hause Apfel grundsätzlich die kalte Schulter zeige, dann brauche ich mich nicht zu beschweren, wenn über kurz oder lang ein böser Trojaner sich auf meiner Festplatte festsetzt. Und solange ich mich in der Rolle des Technik-Laien sonne, brauche ich mich auch nicht zu beschweren, wenn ich den Schädling selbst nicht mehr losbekomme und den Rechner entsprechend zum Computerladen schleppen muss, wo ich spöttisch gemustert werde, „Entschuldigung, ich habe mir einen Trojaner eingefangen, bitte helfen Sie mir“, um dann einen horrenden Stundenlohn abzudrücken. Ich bin ja selbst schuld.

Worüber ich mich aber beschwere, das ist die Argumentation, mit der der (sinnigerweise als „BKA-Trojaner“ bezeichnete) Trojaner an mein Geld will. Weil das Ding nämlich behauptet, dass ich mich auf pornografischen Seiten rumgetrieben hätte, was ja schon per se verwerflich ist, wenngleich nicht ganz klar wird, wie das zur Folge haben könnte, dass mein „Computersystem an eine kritsche Grenze angekommen“ ist, egal. Es geht hier nicht um Technik, es geht darum, dass der Virus einem ein schlechtes Gewissen einzuimpfen versucht, Porno!, Schlimm!, Verboten!, obwohl, ist Pornographie denn verboten? Egal. (Es gibt anscheinend auch eine Variante des Trojaners, die versucht, einem einzureden, dass das BKA den Rechner stillgelegt habe, weil auf der Festplatte schwarz gebrannte Software gefunden worden sei, was noch einen Tacken perfider ist, weil es sich dabei ja tatsächlich um eine Straftat beziehungsweise ein Vergehen handeln würde.) Die Computerkriminellen suchen sich also gezielt Opfer, die ein schlechtes Gewissen wegen ihres Verhaltens haben, Opfer, die sich ein paar nackte Brüste auf dem Bildschirm angeschaut haben und jetzt vor Angst zittern, weil sie entdeckt wurden. Was ein wenig an einen jungen Mann erinnert, der seiner Familie nach Jahren des Verdruckstseins gesteht, schwul zu sein, worauf die Familie ihn nach dem ersten Schreck anfleht, das Ganze bloß unter den Tisch zu kehren: „Lass das besser niemanden wissen!“ Womöglich fällt dem jungen Mann ein, dass Homosexualität straffrei ist, aber die Familie erinnert sich noch an die Adenauer-Jahre und lässt solche juristischen Feinheiten nicht gelten: „Das kann sich ganz schnell wieder ändern!“ Besser, man kehrt so ein verfehltes Begehren ganz tief unter den Teppich, besser man schämt sich auch ein wenig dafür, dass man ist, wie man ist, love the sinner, hate the sin. (Wobei mir S. vor kurzem einen Artikel zukommen ließ, der eben das beschreibt: wie Gesetze auf den Weg gebracht werden, die zwar nicht die Homosexualität als solche unter Strafe stellen, wohl aber das selbstbewusste Reden darüber, in Russland zwar, aber trotzdem.)

Solche Menschen sind die bevorzugten Opfer obiger Trojaner-Attacke. Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben im Leben, Menschen, die sich ihrer Position in der Gesellschaft unsicher sind, Menschen, die sich dafür schämen, dass sie sind, wie sie sind. Und so etwas finde ich, tut mir leid, zum Heulen ungerecht. (Surprise: Kriminelle verhalten sich nicht gerecht!)

Wie hätte ich eigentlich reagiert, wäre ich tatsächlich über Pornoseiten gesurft (und nicht auf anderen, eigentlich viel peinlicheren Seiten)? Hätte ich den geforderten Betrag gezahlt, nur um hinterher den Trojaner natürlich nicht loszuwerden? Bin ich weniger typisches Opfer, nur weil ich (auf Grund der arg eigenwilligen Rechtschreibung auf der obigen Warnseite) recht schnell gemerkt habe, dass da etwas faul ist? Ich brauche mich überhaupt nicht weit aus dem Fenster zu lehnen. Und zu beschweren brauche ich mich auch nicht.

Edit: Eine weiter Infoseite mit Hilfsangeboten findet man hier.


Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=3hBJIbSScBM]

Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich bei den Pet Shop Boys, älteren, schwulen Briten mit Hang zur Operette und zumindest in Deutschland einer Tendez zum hausfrauigen Publikum. War klasse. Und bei Elton John könnte es vielleicht entsprechend ganz ähnlich werden.

Elton John erlebt ja gerade so eine Art verspätete, zweite Anerkennung. Plötzlich wird festgestellt, nö, das ist ja nicht nur ein Clown mit großer Brille, der Schnulzen wie „Nikita“ singt, die Musik für das unsägliche Disney-Musical „Der König der Löwen“ schreibt und seinen Platz in der Musikgeschichte vor allem der Tatsache verdankt, dass er ein altes Lied nach dem Tod einer Prinzessin geschäftstüchtig schnell auf diese umdichtete. Nein, Elton John, das ist doch großartige Musik! Das sind tolle Texte (die nicht von John sondern von Bernie Taupin stammen, aber immerhin), und das sind auch tolle Kompositionenen! Ja, die Songs sind gut, bisschen 08/15-Harmonien, aber immer, wenn es zu konventionell wird, dann haut John einen schrägen Ton rein, einen Rhythmuswechsel oder eine Verschiebung in der Tonart. Das ist schon ziemlich raffiniert, raffinierter jedenfalls als man beim ersten Hören denken würde.
Außerdem ist John ein guter Pianist. Das hört man ja bei diesen entsetzlich überproduzierten 80er-Hits nicht raus, heute spielt John allerdings solo, gerade mal unterstützt von dem Perkussionisten Ray Cooper (und einigen billigen Synthiestreichern, über die wir hier den Mantel des Schweigens breiten). Das heißt: Es gibt keine Gitarristen, die Rücken an Rücken Riffs runterbrettern, es gibt keine Backgourndsängerinnen, es gibt keine Saxofonsoli. Und dann hört man: Songs wie „I guess that’s why they call it the blues“, „Rocket man“ oder „Ballad of the boy in the red shoes“ sind einfach groß, ohne Einschränkungen.

Doch, eine Einschränkung. Nämlich die: Elton John. Er macht zuviel, immer. Wenn er eine leise Passage spielt, fängt er nach ein paar Takten an, die Töne zu verzieren, ein Schnörkel hier, ein Hüpfer da. Wenn es härter zugeht, dann haut er in die Tasten, als ob er sein Klavier zerhacken wollte. Und leider singt er auch so. Nach einer Kehlkopfoperation falsettiert er nicht mehr, nein, das sind keine Schnulzen, das nicht. Dafür hat ihm irgendjemand gesagt, dass er eine Bluesstimme hätte, und deswegen singt er jetzt den Blues, ganz tief von innen heraus, brünftig und schwer auszuhalten. Und dazu setzt Cooper nicht etwa einzelne Akzente, bewahre: Er schüttelt erst ein wenig das Tamburin, dann springt er zum Xylophon, spielt ein paar Takte Marschrhythmen auf der Snare und schlägt zum Finale einen Gong. Er nutzt das breite perkussive Instrumentarium aus, und zwar bei jedem Song. Und dann fiedeln die Synthies aus der Konserve, die hätten wir ja fast vergessen.

Eine Dramaturgie gibt es nicht, fast drei Stunden lang zieht sich dieses Konzert, zu laut, zu nuancenlos. John freut sich, geht an den Bühnenrand und signiert Eintrittskarten, minutenlang. John erinnert sich: wie er 1964 erstmals auf der Reeperbahn gespielt hat. John macht eine wütende Ansage zum „Boy in the red shoes“, in der er an den Welt-Aids-Tag vor einer Woche erinnert, von HIV in den frühen Achtzigern erzählt und schließlich die damalige US-Regierung unter Ronald Reagan anklagt, nichts aber auch rein gar nichts gegen die Epidemie unternommen zu haben. Das ist ehrlich und klug und schön.
Und dann rattert de Hitmaschine weiter, dann haut John in die Tasten, und Cooper haut auf die Pauke. Blues, das ist das Entsetzen darüber, wie schlimm etwas ist, nachdem man erkannt hat, wie schön es eigentlich sein könnte.

20. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für The Geek shall inherit the Earth · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , , , ,

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere „Toi toi toi“ zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film „3“ (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

27. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Steffen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.

(Pfadfinderabschiedslied, Text von Claus Ludwig Laue,
Melodie nach dem schottischen Volkslied „Auld Lang Sine“)

„Zahnwart?“ Keine Ahnung, wer der Mann ist, der mir hinterherruft, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, beim Heimatbesuch in der kleinen schwäbischen Stadt. „Kennsch mich nimmer?“ Ich habe ihn nicht verdrängt, ich weiß wirklich nicht, wer mir da gegenüber steht. „Steffen.“ Steffen. Natürlich kenne ich Steffen noch, klar, er ist ein wenig breiter geworden, er trägt keinen Bart mehr, die Kassenbrille wurde ersetzt durch ein modisches Modell. „Wo hats dich hinverschlagen?“ Hamburg, murmle ich, es ist mir peinlich, dass ich ihn nicht erkannt habe.

Steffen heißt nicht Steffen. So wie niemand in diesem Text seinen wahren Namen trägt, auch „Zahnwart“ kannte damals noch keiner. Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, von zuviel schmerzlicher Realität.

Steffen war ein Netter, vielleicht war Steffen sogar der einzige wirklich nette Pfadfinderleiter, damals, in den Achtzigern, beim katholischen Pfadfinderstamm in der kleinen schwäbischen Stadt. Rund 20 Jahre älter als wir, demnach Anfang, Mitte Dreißig, kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben, richtig erwachsen, aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Lustig, wenn er wollte, streng, wenn er musste, locker, wenn er durfte. Der perfekte Betreuer. Der mehr oder weniger seine gesamte Freizeit für die Pfadfinderei opferte, Steffen lebte alleine, besonders viele Freunde schien er nicht zu haben, also, Freunde, die keine Pfadfinder waren. Wir mochten ihn, eigentlich mochten ihn alle.
Irgendwann tauchte das Gerücht auf, dass Steffen schwul sei. Keine Ahnung, was da dran war, könnte gestimmt haben, könnte aus den Fingern gesaugt sein, könnte auch eine perfide Intrige gewesen sein. Auf jeden Fall war Steffens Karriere bei den Pfadfindern damit an ihrem Endpunkt angelangt, welche katholische Kleinstadtmutter würde ihre Kinder guten Gewissens mit so jemandem ins Zeltlager fahren lassen? Mich berührte das Thema weniger, ich hatte innerlich schon mit den Pfadfindern abgeschlossen, bald darauf auch formal meinen Austritt aus dem Stamm erklärt. Dass es mir um Steffen leid tat, war mir damals noch nicht klar.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass Steffens mögliche Homosexualität kein doofes Jugendlichengetratsche war. Das waren bewusst gestreute Gerüchte, und ich gehe davon aus, dass diese Gerüchte von Achim gestreut wurden. Achim, der Patriarch des Stammes, Vorsitzender, Gruppenleiter. Streng, selbstsüchtig. Voll Hass auf alles, was sein Selbstbild in Frage stellte: Frauen. Linke. Schwule. Künstler. Achim war damals um die Sechzig, alles lief darauf hinaus, dass über kurz oder lang sein Sohn Norbert die zentralen Positionen im Stamm übernehmen würde, bloß: Norbert war unbeliebt. Beliebt war Steffen. Der unverheiratete Steffen, der Steffen, der so gut mit den Jungs konnte. Der Steffen, der so einfach kaltzustellen war.

Jahre später erzählten mir meine Eltern, es habe diese Staffelübergabe tatsächlich gegeben, Norbert war Stammesvorsitzender, ein paar Monate lang, dann sei es zum Skandal gekommen. Große Mengen Geld seien veruntreut worden, im Zusammenhang mit der Insolvenz von Norberts Firma habe die Staatsanwaltschaft auch die Räume der Pfadfinder durchsucht, Norbert habe sich mit seinem Vater überworfen, der daraufhin die Macht wieder an sich gerissen habe. Achim leitet den Stamm immer noch, um die Achtzig dürfte er heute sein, er lebt zusammen mit einer ehemaligen Wölflingsleiterin, die seine Enkelin sein könnte, er ist unantastbar. Von Achim habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich ein Netzwerk aus bedingungslos solidarischen Jasagern aufzubauen. Bei den Pfadfindern habe ich gelernt, wie wichtig es ist, kritische Geister rücksichtslos wegzubeißen. Wenn man von Diktatoren spricht, die Macht abgeben und dennoch alle Fäden in den Händen behalten, dann spreche ich von Achim. Wenn man von Wladimir Putin spricht, dann spreche ich von Achim.

Zur Diskussion um Missbrauch in christlichen Jugendgruppen: Typen wie Steffen habe ich nie als irgendwie unangenehm empfunden. Was ich aber von Achim gelernt habe, das war Missbrauch. Wenn auch ohne jede strafrechtliche Relevanz.

„Bisch du noch häufig in der Stadt?“ fragt Steffen. Kaum, antworte ich. Ich will weiter, es ist mir unangenehm, mich zu erinnern, aber Steffen kommt ins Plaudern. „Ich hab ein kleines Häusle gekauft, droben, ganz in der Nähe vom Pfadfinderheim. Komm mal vorbei, wenn du magschd. Haschd du noch Kontakt zu den Leuten ausm Schdamm? Nächschdes Jahr ham mir Jubiläum. Haschd du Internet? Ich schreib dir mal die Adresse auf, da sind Fodos.“

Auf den Fotos ist Achim zu sehen, im Mittelpunkt. Grau ist er geworden, ansonsten sieht er aber immer noch so aus wie vor 25 Jahren. Auf einem erkennt man auch Steffen, halb abgeschnitten. Er lacht.

Ach, hin und wieder macht es doch noch Freude, den Spiegel zu lesen. Zum Beispiel, wenn Alexander Osang einen Artikel schreibt. Aktuell einen Text über die Veränderungen im deutschen Selbstbild während der Fußball-WM, „Neue Deutsche Männer“, ein toller Text. Auch wenn ich nicht ganz Osangs Meinung bin, er konstruiert da ein positives Deutschland, das sich während der Weltmeisterschaft herausgebildet habe, ein spielerisches, ironisches, lustvolles Deutschland, und von dort ist es meiner Meinung nach nicht weit zum Gutfinden schwarzrotgoldener Besoffenheitsgefühle. Und dass ich damit, trotz Spiel und Ironie und Lust ein Problem habe, ist bekannt.

Osangs Text ist aus anderen Gründen großartig. Weil Osang genau hinschaut, weil er weiß, wann ein unwichtig erscheinendes Detail wichtig ist, weil er weiß, wie welche Aussage einzuordnen ist. An einer Stelle in „Neue Deutsche Männer“ beschreibt er Michael Becker, den Manager von Michael Ballack, dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der verletzungsbedingt nicht mit zur WM fuhr und mittlerweile als Musterbeispiel für eine gottlob überwundene Fußballästhetik gilt. Auf jeden Fall lästert Becker gegenüber Osang anscheinend freimütig über die seiner Meinung nach von schwulen Seilschaften durchzogene Nationalmannschaft:

Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: „Der ist halbschwul“, und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

Als ich diesen Satz las, blieb mir der Mund offen stehen. Nicht, weil Osang hier ganz elegant die Karriere eines Fußballspielers beendet – der zitierte Satz macht die Runde, dass Michael Ballack später noch irgendwo etwas reißen dürfte, ist fraglich, was vor allem deswegen fies ist, weil es hier um eine Aussage geht, die ja nicht einmal von Ballack selbst kommt. Aber eigentlich ist das auch egal, ob und wo Ballck in Zukunft auf Bälle tritt, interessiert mich herzlich wenig. Weswegen mir der Mund offen steht, weswegen ich Osang für seinen Artikel umarmen möchte, das ist ein Halbsatz: Osang hat erkannt, dass Leute wie Michael Becker „schwul“ nicht als Beschreibung einer sexuellen Präferenz sehen, sondern als Beschreibung von Leichtigkeit, von etwas Freudvollem. Von etwas, in dem man sich verirren kann. Verrückt. Dass ausgerechnet ein Artikel über Fußball kommen muss, damit ich verstehe, weswegen ich alte Hete mich so sehr für schwule Kultur interessiere: weil es gar nicht um „schwul“ im Sinne von Homosexualität geht. Wer wann was mit welchem Körperteil macht, ist eigentlich von meiner Warte aus … eher langweilig. Was wichtig ist, ist: alles nicht so bierernst zu nehmen. Freude daran haben, sich zu verirren. Leicht zu werden. Auf dem Schulhof und auf dem Fußballplatz nennt man das anscheinend: schwul.

Muss ich das auch so nennen? Ich finde ja, Osangs Beschreibung hat viel von Judith Butlers Queernessbegriff, mit dem ich mich viel eher anfreunden kann (ja, ich kenne Antje Schrupps kluge Argumentation gegen Butler, dank Kommander Kaufmann. Ich teile auch vieles, was Schrupp sagt, glaube aber, dass ihre Ablehnung stark mit der Person Judith Butler zu tun hat, Queerness ist damit aber noch längst nicht diskreditiert). Im Endeffekt sind wir damit aber auf der Terminologie-Ebene angelangt, auch Queerness hat ihren Ursprung in der Sexualität und wurde später erst in die Alltagskultur erweitert, wer lieber „schwul“ zu bestimmten Verhaltensweisen sagen möchte, der soll es doch. Wichtig ist nur, dass man diese Verhaltensweisen mal benennt: ob unter negativen Vorzeichen (wie Michael Becker) oder unter positiven (wie ich).

Nur die Deutschlandbegeisterung, die möchte ich weiterhin scheiße finden dürfen. Und das wäre dann auch gut so.