Ich habe nie wirklich verstanden, wie die amerikanischen Zensurbestimmungen funktionieren. Ich meine, weswegen gilt für die Motion Picture Association of America ein Film schon als halber Porno, sobald irgendwo die Andeutung einer (weiblichen) Brustwarze zu sehen ist, auch wenn die nackte Haut inhaltlich vollkommen schlüssig begründet ist? Und weswegen geht ein expliziter Film wie Steve McQueens “Shame” anscheinend problemlos durch die Zensur? Weil die MPAA-Zensoren denken, och, Steve McQueen, das ist doch so europäischer Kunstkram, das schaut ohnehin niemand? Oder weil die Zensoren denken, dass “Shame” doch eigentlich eine hochmoralische Position gegenüber Sexualität einnimmt, und um diese Position zu vermitteln, wäre Full Frontal Nudity recht hilfreich?

Ich fand “Shame” ärgerlich. Nicht wie Carsten, der auf Post Artcore zwar am Ende eine Wendung ins Homophobe bemängelt, den Film ansonsten aber durchaus lobt. Nein, für mich ist der homophobe Schluss kein Ausrutscher, sondern der konsequente Höhepunkt einer Entwicklung, die dieser Film schon viel früher eingeschlagen hat. “Shame” kam bei mir an als einzige Warnung vor dem Leben in der Großstadt (es ist dort so unglaublich anonym, man kann gar nicht anders als gefühlskalt zu werden!), als einzige Warnung vor einer ungezähmten Sexualität. Ich möchte nicht behaupten, dass ungezähmte Sexualität die Lösung für jedes Problem sei, ein Film wie John Cameron Michells “Shortbus” (2006) ist in seiner verspielten Nettigkeit fast ebenso unerträglich wie “Shame” in seinem Moralismus – aber Einhegungen und Zwänge können nicht wirklich die Lösung sein, nein? Eine Figur behauptet aber genau das: dass es keine Rettung geben kann außer der monogamen Zweierbeziehung. Und weil McQueen keinen Satz, keine Handlung einfach zufällig in den Raum stellt, lässt er seine Hauptfigur Gordon (Michael Fassbender, der wirklich gut ist, das schwärmerische Porträt von Kollege Volker im uMag geht schon in Ordnung) ausgerechnet mit ihr im Bett schwächeln. Merke: Wenn du dir zu häufig einen runterholst, dann klappt es nicht mehr, wenn es wirklich drauf ankommt.

Es tut mir leid, da mögen Fassbender und vor allem die immer großartigere Carey Mulligan noch so toll spielen, da mag der Film mit noch so durchkomponierten Bildern aufwarten, die die Künstlervergangenheit McQueens verraten, da mag das Drehbuch sich noch so hübsche Kabinettstückchen leisten wie eine wunderbare Restaurantszene, in der ein Kellner immer dann, wenn es wirklich ans Eingemachte gehen könnte, ein weiteres Detail zur Weinkarte anzubringen versucht: Wenn der Preis für ein wenig Nacktheit im US-Kino solch widerlicher “True-Love-waits”-Moralismus ist, dann schaue ich mir zukünftig nur noch Filme mit bekleideten Darstellern an. Oder wahlweise einfach keine amerikanischen mehr.

Ich bin nun also auch zum Sexisten geworden. Weil ich für eine Frauenquote in Redaktionen eintrete und deswegen bei ProQuote unterschrieben habe. So eine Unterschrift ist sexistisch, weil sie nämlich bedeutet, dass ich Frauen nicht zutraue, aus eigener Leistung ihre Position im Erwerbsleben zu erreichen, nein, ich glaube, nur strenge Vorgaben bringen 30 Prozent Frauen in Führungspositionen, also in Positionen, in die Frauen naturgemäß eigentlich nicht gehören würden. Ich Sexist, ich fieser. Wobei solche Vorwürfe natürlich in erster Linie von Leuten kommen, die glauben, es gehe irgendwie gerecht zu in diesem Wirtschaftsleben, von Leuten, die der Meinung sind, im Großen und Ganzen würde das alles schon funktionieren. Das sind Leute, die sich noch nie die Frage gestellt haben, wie es angehen kann, dass ein Windbeutel wie Karl Theodor zu Guttenberg trotz erwießener Unfähigkeit immer wieder weich fällt, in diesem ach so fairen System. Ach Kinder, die ihr mich Sexisten schimpft, geht doch FDP wählen.

In Wahrheit ist es doch so: Ich bin aus reinem Egoismus für die Quote. Weil ich als irgendwie ja doch Mann glaube, dass mehr Weiblichkeit in den Chefetagen nur gut tun könnte, nicht nur den Chefinnen sondern auch ihren Untergebenen. Nicht weil ich finde, dass Frauen per se bessere Vorgesetzte seien oder weil ich überhaupt ein großer Fan von beruflichen Hierarchien wäre. Sondern grundsätzlich: Es geht gar nicht um Frauen im biologischen Sinn, es geht um Weiblichkeit im kulturellen Sinn. Ein Beispiel ist die Genderdabatte: Die wurde von der feministischen Forschung auf Tapet gebracht, und die Schwulenbewegung sollte dem Feminismus auf Knien danken, dass es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit ist, heteronormative Argumentationen als steinzeitlich abzulehnen. (Dass die meisten Schwulen sich lieber das Gesamtwerk von Chuck Norris auf DVD reinziehen würden als dem Feminismus irgendein positives Urteil zuzugestehen, sagt natürlich einiges über die männliche Abstraktionsfähigkeit aus.)

Ich halte nichts von Argumenten wie dem, dass ich als Mann die Quote ablehnen müsste, weil ich damit den Ast, auf dem ich sitze, absägen würde. Das ist so eine widerliche “Entweder die oder wir”-Argumentation, entweder “die Muslime” oder “wir Christen”, entweder “die EU” oder “wir Deutschen”, entweder “die Frauen” oder “wir Männer”, ich mag das nicht, ich glaube, es führt auch nirgendwo hin. Eigentlich sollte es doch im Interesse aller liegen, ein möglichst angenehmes Zusammenleben hinzubekommen, nein? Und bezüglich dieses Zusammenlebens habe ich gewisse Erfahrungswerte: Ich habe in meinem bisherigen (allerdings noch nicht allzu lange andauernden) Berufsleben unter insgesamt drei Frauen gearbeitet – und kann nicht klagen. Was man natürlich nicht verallgemeinern sollte: “Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer”, schrieb Antje Schrupp schon vor eineinhalb Jahren. Meine Quotenbefürwortung ist entsprechend rein subjektiv: Ich konnte mit Chefinnen einfach immer besser als mit Chefs. Und deswegen darf ich auch für die Quote sein, Punkt.

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Auf die Idee, bei ProQuote zu unterschreiben, brachte mich übrigens Silke Burmester, mit der ich anlässlich ihres hübschen Essays “Beruhigt euch!” ein kurzes Interview fürs aktuelle uMag geführt habe:

uMag: Silke Burmester, ich habe vor kurzem Stéphane Hessels “Empört euch!” gelesen und mir dabei gedacht: “Ja, der Mann hat durchaus recht!” Und direkt im Anschluss habe ich “Beruhigt Euch!” gelesen und mir dabei gedacht: “Ja, die Frau hat durchaus recht!” Bin ich ein hoffnungsloser Opportunist?
Silke Burmester: Nein, das sind Sie nicht. “Beruhigt Euch!” ist auch kein Gegenentwurf, es ist eine Ergänzung. Und zwar insofern, als dass ich mit Hessel absolut d’accord bin. Ich bin die Erste, die für jeden, der auf die Straße geht, eine Tüte Haribo aufmacht. Aber ich ärgere mich über die Medien, die die Menschen mit Pseudothemen abfüllen.

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Außerdem werde ich ein paar Tage nicht online sein. Kommentiert kann natürlich werden, das Freischalten der Kommentare wird aber unter Umständen ein bisschen dauern. Nicht böse sein, ja?

21. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , ,

Was bei Gerstenbergs raffinierter Konstruktion allerdings ein wenig verloren geht: die Erkenntnis, dass Sex unkorrekt sein kann, demütigend, schmerzhaft – und gerade deswegen für alle Beteiligten lustvoll. In den ausführlichen Hardcore-Szenen von “Spiel mit ihr” schwingt immer auch das Dunkle mit, der Schritt vom spielerischen Austesten von Grenzen zum realen Missbrauch ist nahe. “Kristine wird erst noch blasser, bekommt dann rote Flecken im Gesicht. ,Nein’, flüstert sie, ,lass sie da raus.’” Kristine ist entsetzt, als Reinhard vorschlägt, die Fetisch-Inszenierungen auszuweiten, auf ihre kleine Tochter Emma – dass das böse Spiel irgendwo anders hinführen kann als zum realen Bösen, das will sich dieses Buch nicht vorstellen.

Franziska Gerstenbergs “Spiel mit ihr” ist ein kluges Buch, das sich am Ende ein bisschen zu wenig traut. Eine ausführliche Rezension habe ich in der kommenden kulturnews veröffentlicht.

Wenn ein politischer Begriff gleichzeitig von Silvio Berlusconi (Popolo della Libertà), Jörg Haider (Freiheitliche Partei Österreichs) und Guido Westerwelle (FDP) für sich reklamiert wird, wenn dieser Begriff kulturell darüber hinaus von südtiroler Halbrechtsrockern, einer intellektuell verbrämten anarchokapitalistischen Zeitschrift und Berliner antiislamischen Spießern als sinnstiftend angesehen wird, dann braucht sich niemand zu wundern, dass ich alles, was in Zusammenhang mit diesem Begriff genannt wird, von Herzen ablehne.

Freiheit ist für mich ein absolutes No-go. Freiheit, das meint für mich die Freiheit weniger Besitzender, den vielen Besitzlosen ihren Willen aufzudrücken.

“Du wärst auch ein guter Nazi geworden”, meint Frau K., als ich mich über die bescheurten Hamburg Harley Days aufrege. Ja, ich rege mich darüber auf, dass sich ein paar provinzielle, dickbäuchige, reaktionäre Dösbaddel die Freiheit nehmen, ein Wochenende lang den Stadtbewohnern die Luft zu verpesten. Und es gefällt mir nicht, deswegen als Nazi beschimpft zu werden.
Norberto Bobbio zeichnet in seinem Buch “Rechts und Links” (1994) eine Skala, in der er politische Rhetoriken miteinander vergleicht. Bobbio kommt zu dem Schluss, dass jemand auf dieser Skala umso weiter links steht, je stärker er das Motiv der Gleichheit betont – und umso weiter rechts, je wichtiger ihm das Motiv der Freiheit ist. Wenn man Bobbio ernst nimmt, dann sollte man einen Gegner der Freiheit also nicht unbedingt als Nazi bezeichnen. (Ich, übrigens, beschäftigte mich 1994 erstmals mit Bobbio. Und ich war entsetzt – frisch ans Institut für Politikwissenschaft gewechselt und geflasht von der ungleich größeren Freiheit, die Sozialwissenschaftsstundenten im Vergleich zu denen am stark verschulten Matheinstitut gewährt wurde.)
Und hier gerate ich in eine Problemzone, aus der ich nicht so ohne Weiteres rauskomme. Jedes politische Nachdenken sagt mir, dass Freiheit als Kategorie abgelehnt gehört. Aber gleichzeitig bin ich ein großer Freund individueller Freiheit. Ich fand mein Studium in seiner Unordnung und mangelnden Formierung klasse, ich bin entsetzt, wie durch die Umsetzung des Bologna-Prozesses die Strukturen an den Unis immer verschulter und damit unfreier wurden. Ich schätze politische Freizügigkeit, wegen meiner könnte die noch deutlich weiter ausgebaut werden, auf europäischer, gerne auf internationaler Ebene, bis jetzt bin ich aber schon dankbar, von Baden-Württemberg nach Hessen, von Hessen nach Berlin, von Berlin nach Hamburg ziehen zu können, ohne dass mir nennenswerte Steine in den Weg gelegt werden. Gleichzeitig finde ich toll, dass übergeordnete moralische Institutionen, vulgo: Kirchen, mir nicht mehr vorschreiben können, wann ich mit wem wie schlafen darf. (Dass die Kritik an dem in jeder Hinsicht kritisierbaren Guido Westerwelle oft einen homophoben Unterton bekommt, lässt mich fast zum FDP-Wähler werden. Aber nur fast.) Schließlich werde ich immer an vorderster Front die Freiheit der Kunst verteidigen, Gewalt, Pornografie, immer her damit! Und trotzdem ist Freiheit nicht grundsätzlich erstrebenswert.

“Liberté, egalité, fraternité” waren die Ideale der französischen Revolution. Wer heute die politische Freiheit auf seine Fahne schreibt und sich damit indirekt auf diese Revolutionsideale beruft, vergisst in der Regel, dass mit dieser gleichwertig auch Gleichheit und Brüderlichkeit genannt sind. Und nimmt an den Harley-Days teil, strunzdumm und selbstgerecht und aggressiv: Ich bin so frei. Als gestern die Idioten des Schlagermove die S-Bahnen vollkotzten, Vorortschwachköpfe jenseits von Stil, Anmut oder Coolness, war mir klar: Nein, ich will nicht leben und leben lassen. Ich will, dass diesen Idioten ihr Idiotenvergnügen verboten wird, voll autoritär. Weil sie nicht einmal kapieren, dass die Freiheit zu diesem Vergnügen in seiner ästhetischen Armseligkeit ein Widerspruch ist zu Gleichheit und Brüderlichkeit. Oder, um mit einem Lied des großen Rocko Schamoni zu antworten: “Ihr seid zu dumm, um frei zu sein.”

Das eigentlich immer empfehlenswerte Magazin Dummy übrigens beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit Freiheit. Unter anderem schreibt Tobias Moorstedt einen klugen Essay (PDF-Download) über die Ideologiesierung des Freiheitsbegriffs in den USA und entsprechende Tendenzen in der Anti-Political-Correctness-Bewegung hierzulande:

Freiheitsberaubung lautet der Vorwurf, mit dem Abgeordnete und Strategen aus den Thinktanks gegen Krankenversicherung, Umweltbehörde und nationale Notenbank, gegen Bankregulierungsgesetze, Waffenscheine und Steuern im Allgemeinen auf die Barrikaden gehen.

Tolles Heft.

Und doch, ja, natürlich interessiere ich mich für Sex. Und doch, ja natürlich interessiere ich mich für deviante Körperpolitik. Und doch, ja, natürlich interessiere ich mich für Theater. Und doch, ja, natürlich bin ich der prototypische Zuschauer für ein Theaterstück wie “Libido Sciendi” von Pascal Rambert. Gut, ich war der prototypische Zuschauer, bis eine Boulevardzeitung auf die Idee kam, die Veranstaltung als “Live-Sex auf der Bühne” zu beschreiben und damit einen “Porno-Skandal” lostrat, auf den nicht zuletzt die leicht erregbaren Spießbürger der Bild ansprangen. Und Kampnagel ein volles Haus bescherte, das freut einen natürlich auch. (Das unvermeidliche “Ich als Steuerzahler weigere mich, solche Sauereien zu finanzieren”-Geblöke ignoriere ich dann mal, ja?)

Das Stück selbst hat dann, klar, rein gar nichts mit einem “Porno”-Skandal zu tun. Das Stück ist so wenig Porno, wie es nur sein kann: eine leere Bühne, keine Musik, kein künstliches Licht, einzig die Dämmerung erhellt die Fabrikhalle ein wenig. Ikue Nakagawa und Lorenzo de Angelis kommen aus dem Publikum, zwei Endzwanziger in Jeans und Schlabbershirt, stehen sich gegenüber, ziehen sich betont unspektakulär aus, küssen sich, lang und tief und sehr schön. Jagen über die Bühne, verknoten sich, streicheln sich. Frieren immer wieder in ihren Bewegungen ein, würde man jetzt ein Foto machen, dann hätte das einen pornographischen Charakter, ihre Hand an seinem Schwanz, aber niemand macht ein Foto. Nach einer knappen Dreiviertelstunde ziehen sie sich wieder an, setzen sich wieder ins Publikum, Schluss. Theater wie ein Dogma-Film (wobei die Dogma-Bewegung ja ebenfalls einen Hang zum Spiel mit pornografischen Zeichen hatte, sicher).
“Libido Sciendi” ist ein schönes Stück. “Libido Sciendi” ist aber auch ein Stück, das einen nicht wirklich weiter bringt. Man hat zwei Menschen gesehen, die das eigene Begehren, den eigenen Umgang mit Körperlichkeit dekonstruieren, das ist klug, das ist nicht zuletzt tänzerisch auf sehr hohem Niveau, aber viel mehr als realisieren, wie Körperlichkeit funktionieren kann, macht man hier auch nicht. Ikue Nakagawa und Lorenzo de Angelis sind ziemlich attraktive Menschen, das entwickelt sich im Rückblick zum Problem für “Libido Sciendi”: Weswegen goutieren wir eigentlich Sexualität aus der Betrachterposition (also: als Voyeure) lieber, wenn die Menschen, die da vor unseren Augen Sex haben, nach konfektionierten äasthetischen Maßstäben gut aussehen? Und: Würden wir, würde überhaupt jemand hier im Publikum so gut aussehen, stünde er nackt in der Mitte dieses Raumes?
Es hilft nichts. Dass Pascal Rambert zwei gutaussehende Darsteller gewählt hat, bricht seinem Stück am Ende das Genick. Denn es ist nicht egal, wer da gerade nackt ist, es ist eine Setzung, wenn der Nackte attraktiv ist. (Der Regisseur hat da natürlich so gut wie keine Chance: Es wäre ja auch eine Setzung, hier zum Beispiel einen extrem behaarten Menschen auf die Bühne zu stellen. Die einzige Möglichkeit wäre, das Argument durch Masse zu entkräften, das Video zu “Liebe ist alles” der anonsten gerne mal nervtötenden Band Rosenstolz geht diesen Weg, bei dem es irgendwann egal ist, ob da gerade Junge oder Alte vögeln, Dicke oder Dünne, Homos oder Heten. Nur ist das nicht Pascal Ramberts Thema.)
Diese Setzungen machen Sexualität zum Problem. Robert Gernhard sagte, dass es keinen ironischen Orgasmus gebe (zitiert nach der Riesenmaschine), was gut klingt, genau genommen aber eine Binse ist, die mehr über Gernhards Verhältnis zur Ironie aussagt als über das zu Orgasmen. Natürlich gibt es keinen ironischen Orgasmus, genauso wie es kein ironisches Abendessen gibt. Aber es gibt die ironische Darstellung eines Abendessens, und natürlich gibt es auch die ironische Orgasmus-Darstellung – Ironie in dem Sinne, dass eine Zwischenebene eingezogen wird, eine Distanzierung, ein Raum, in dem eine Überlegung über das Gezeigte, das Gesehene stattfinden kann. Das hilft bei der Auseinandersetzung, das erschwert aber auch die Darstellung, weil ab diesem Punkt alles überlegt sein will. Es geht nicht mehr, zwei Tänzer nackt auf die Bühne zu stellen, Sex auf der Bühne ist nie Sex, sondern immer nur die Darstellung von Sex.

Sehr schön in diesem Zusammenhang: Leafs hübscher Versuch im Genre Sexcomic vor zwei Monaten. Ebenfalls hübsch: was Matthias vor ein paar Tagen auf der Rückseite der Reeperbahn gefunden hat.

Foto: Vincent Thomasset

Viel gibt es zu sagen über Tom Tykwers 3. Man könnte etwas erzählen über mehrmaliges Überschreiten der Grenze zum Kitsch, darüber, wie nervig handwerkliche Perfektion sein kann, man könnte aber auch von atemberaubend guten Schauspielerleistungen sprechen, von einer hübsch originellen Geschlechterkonstruktion, oder man könnte darüber sprechen, wie aufgesetzt Tykwers Zufallsmetaphorik ist und wie papiern die Figuren. Könnte man, und ich habe das ja auch, in der kulturnews, ein wohlwollendes Gemotze.

Worüber jedoch fast nie gesprochen wird, ist die berufliche Situation von zumidest zwei Drittel der titelgebenden Dreiecksbeziehung. Dabei ist gerade die interessant: Hanna (Sophie Rois) nämlich ist Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen, außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates, woraus ich schließe, dass sie wohl in Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie promoviert hat, alles Professionen, die nicht allzuviel Anerkennung genießen. Und ihr Freund Simon (Sebastian Schipper) ist Kunsttechniker, er baut also nach Anweisungen von Künstlern Installationen und Skulpturen auf. Das heißt, dass sowohl Hanna als auch Simon zwar an den Kunstdiskurs angedockt aber eben keine Künstler sind. Sie sind diejenigen, die dazu gehören und gleichzeitig auch nicht dazu gehören, die auf Vernissagen gehen aber immer irgendwie an der Seite stehen. Diese berufliche Situation problematisiert der Film nicht, sie ist einfach ein akzeptiertes Lebensmodell.
Mit diesem Lebensmodell hat Tykwer eine tatsächlich neue Sichtweise geschaffen, vor allem stellt er eine Verbindung zu mir her, indem er Hanna und Simon als sympathische Figuren einführt: eine Verbindung zum Kritiker, zum professionellen Beobachter. Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich für Kunst brenne, es bei mir zum Künstler aber schlicht nicht reicht (und auch nicht reichen muss). Bloß dem Rest der Menschheit scheint das nicht klar zu sein: Mit Siegfried Lowitz’ Bonmot “Kritiker sind wie Eunuchen: Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht” erntet man grundsätzlich mehr Lacher als mit Lessings abwägendem “Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.” Weil alle Welt nämlich insgeheim denkt, dass derjenige, der sich mit Kunst beschäftigt, doch im Grunde seines Herzens gerne selbst Künstler wäre.
Hanna und Simon wollen aber keine Künstler sein. Bei Simon ist das vielleicht am deutlichsten: Er entscheidet sich für das künstlertypische Leben der prekären Existenz, aber er verzichtet dennoch auf das Lob und auf die Anerkennung, die der Künstler genießt. Weil er kein Künstler ist: Er ist ein Handwerker, der mit Künstlern lebt, mit ihnen spricht, sie versteht.

Und weil Tom Tykwer Leute wie Simon zeigt, Leute wie mich, deswegen kann ich “3″ nur empfehlen. Auch wenn es ansonsten einiges gegen diesen Film zu sagen gäbe, echt.


Ich war noch nie in einem New-Burlesque-Club. Das ist bemerkenswert, lebe ich doch in einer Stadt, die für sich in diesem Bereich eine deutschlandweite Vorreiterrolle reklamiert, andererseits: Was reklamiert Hamburg nicht alles für sich, vielleicht ist das ja auch nur Geschwätz, und die Clubs sind gefüllt mit hemmungslosem Feierpublikum, Touristenschwaden, die nackte Haut sehen wollen, wer weiß. Das Queen Calavera, angeblich der beste Burlesque-Laden der Stadt, sollte jedenfalls an Wochenenden gemieden werden, von wegen Touristen-, Pinneberger- und Alkopop-Horden. Aber ich kenne den Laden ja ohnehin nicht.

Was ich seit Freitag kenne, ist Katharina Bosses Fotoserie “New Burlesque”. Weil die 42-Jährige nämlich noch bis 15. Januar bei Robert Morat ausstellt, außer “New Burlesque” auch noch ein paar Bilder aus der Serie “Portrait of the artist as a young mother” sowie Blumenbilder, sehr weiblichkeitsmystisch die einen, sehr formalistisch die anderen, beides nicht wirklich was für mich. Berührt haben mich hingegen die “New Burlesque”-Bilder, in ihrer ultrakünstlichen Buntheit, in ihrer Ironie, in ihrer Feier des unauthentischen Körpers. Und hier muss ich ein wenig ausholen.
New Burlesque, das ist Striptease. Und auch wieder nicht. Striptease ist eine Dienstleistung, deren Ziel Erregung ist, also, Erregung eines primär männlich-heterosexuellen Publikums. New Burlesque versteht sich nicht als Dienstleistung, sondern als Lust an der Erregung. Der Tanz ist hier nicht in erster Linie zielgerichtet: Das Ziel im Striptease wäre, offen gesprochen, die Erektion des Betrachters, im New Burlesque geht es eher um einen Spaß auf beiden Seiten, der Zuschauer soll sich ebenso amüsieren wie die Tänzerin. Zudem findet New Burlesque zumindest im Idealfall nicht in der hochkapitalisierten Welt statt, in der Striptease oft zu Hause ist, die Tänzerinnen sind hier ihre eigenen Unternehmerinnen, die die Einnahmen entsprechend behalten. Außerdem gibt es ein paar signifikante ästhetische Unterschiede: Zwar ziehen sich auch Burlesque-Tänzerinnen aus, allerdings nicht völlig – die Brustwarzen bleiben bedeckt, der Slip bleibt an. Und schließlich zeichnen sich Burlesque-Tänzerinnen dadurch aus, dass ihre Körper nicht normiert sind: Sie sind zwar nicht grotesk überzeichnete Körper (wie man sie in manchen Nischenbereichen der Pornographie findet), sie sind aber auch nicht die in ein ganz festes Schema gepressten Hardbodies der gängigen Erotikindustrie. Es sind: Frauen, mit Brüsten und Schenkeln und Polstern an Stellen, an denen andere Frauen unter Umständen keine Polster haben. Was nicht zum Trugschluss verführen sollte, dass wir es hier mit echten, also: authentischen Körpern zu tun haben würden. Im Gegenteil bewegen wir uns in einer durch und durch künstlichen Welt, die Frauen sind stark geschminkt, gestylt, tragen Schuhe, bei denen jeder Orthopäde Weinkrämpfe bekommen müsste.
Dieses Spiel mit Unauthetizität auf der einen, Ablehnung von strengen Normierungen auf der anderen Seite betont Cécile Camart in ihrem Text zu Bosses Serie:

Die spezifische Besonderheit der Welt des Burlesque, so wie sie von zeitgenössischen amerikanischen Darstellern neu interpretiert wird und die Katharina Bosse uns vorführt, ist von Hause aus ein Paradox : das der Verfremdung, der Defokussierung, manchmal bis zur Unendlichkeit.

Das macht New Burlesque noch nicht zur explizit politischen Aktion. Das Verhältnis von New Burlesque zum Mainstream-Erotik-Entertainment lässt sich vielleicht besser mit dem von Twee-Pop zur Musikindustrie vergleichen: Twee macht Spaß, Twee steht irgendwie außerhalb der üblichen Pop-Hierarchien, Twee will aber nichts wirklich umstürzen. Und so wie es im Twee-Pop Bands wie die Puppini Sisters gibt, gibt es im New Burlesque dann eben auch Dita von Teese: den Absturz einer Subkultur in den absolut massentauglichen, vulgären und ästhetisch wie politisch vollkommen uninteressanten Mainstream. Der dann das Einfallstor bietet für die Pinneberger, die wochenends Burlesque-Clubs auf der Reeperbahn stürmen und Ärger machen, wenn zum Showende der Slip nicht fällt.

Aber Katharina Bosse fotografiert keine Dita von Teese. Katharina Bosse fotografiert Babette LaFave, Candy Whiplash und The World Famous *Bob*, US-Amerikanerinnen, in vollem Wichs, aber nicht auf der Showbühne, sondern in typisch amerikanischen Suburbs, auf Parkplätzen, in Vorgärten, in Einfamilienhäusern. Eine Bruchlinie, eine Irritation: der unauthentische Körper in der unauthentischen Idylle.

Die Abbildung zeigt Katharina Bosses Fotografie der Tänzerin Dirty Martini aus der Serie “New Burlesque”. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

Ein Klassenfoto.

Ich bin der, der da in der Ecke steht. Ein bisschen rundlich, mit den dicken Brillengläsern und der Zahnspange. Ich bin der, bei dem man nicht so recht weiß, ob er wirklich dazu gehört, der Unsichere, der, der nicht selbstgewiss den Fotografen angrinst. Ich bin der Geek.
Spätestens ab dem Studium störte mich das nicht mehr. Spätestens ab 19 war mir klar, dass mein Leben interessanter werden würde als das der Mittelpunktjungs, spätestens ab 19 wohnte ich in den interessanteren Städten, beschäftigte ich mich mit den interessanteren Dingen und, ja, spätestens ab 19 küssten mich auch die interessanteren Menschen. Die Mittelpunktjungs, das zeichnete sich da schon ab, studierten Maschinenbau oder Wirtschaft und hingen ab 25 im Umfeld der Heimatstadt fest, mit Frau und Kind und Bausparvertrag. (Ich komme aus Schwaben, da trifft das Klischee durchaus zu, tut mir leid.) Ein wenig kultivierte ich mein Geektum, und irgendwie sah es so aus, als ob andere, manchmal tatsächlich überaus coole und spannende, Menschen da mitziehen würden. Das ist jetzt vorbei. Keine Geeks mehr, plötzlich wieder: Alphatierchen, die zum Workout rennen und sich fit machen, das Gegenüber wegzubeißen.

Machs gut, Alphamann. Hallo, Alphamann.

Nur kurz zur Erinnerung, in welchem Bereich ich mich beruflich bewege: Journalismus. Und dann eine kurze Überlegung, wer eigentlich die wirklich wichtigen Journalisten dieses Landes sind, gehen wir doch einfach mal die Chefredakteure einiger Medien (was keine Aussage über deren Qualität sein soll, natürlich) durch: Thomas Osterkorn und Andreas Petzold (Stern), Hans Werner Kilz (Süddeutsche), Claus Strunz (Hamburger Abendblatt), Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo (Spiegel), Jan-Eric Peters (Die Welt), Kai Diekmann (Bild, wird hier nicht verlinkt), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Joachim Frank und Rouven Schellenberger (Frankfurter Rundschau), Sven Gösmann (Rheinische Post), Uwe Vorkötter (Berliner Zeitung) … Ermüdet? Ja, weil das eigentlich immer das gleiche ist (und so auch ewig weiter gehen könnte): In den Chefsesseln sitzen Männer. Fast ausschließlich: Einzig die taz leistet sich mit Ines Pohl eine Chefin, die kleine, gute taz. Ansonsten sind die großen, überregionalen Printmedien dieses Landes in fester Männerhand.
Ds ist ja nicht schlimm, ich bin kein Sexist, gleiche Chancen für alle, und wenn der Zufall eben gerade lauter Männer in bestimmte Positionen spült, dann bin ich der letzte, der eine Quote fordert, um da was dran zu ändern. Auch glaube ich nicht, dass Frauen bessere Menschen/Chefs/Journalisten als Männer sind, so. Ich glaube aber, dass weibliche (oder besser: als weiblich konnotierte) Prinzipien durchaus hin und wieder nicht schaden könnten, beispielsweise in der Wirtschaftswelt, beispielsweise im Journalismus: dass man immer wieder an sich selbst zweifelt, dass man kein Platzhirsch ist, dass man eher still urteilt, dass man um die eigene Fehleranfälligkeit weiß und das auch thematisiert. Die oben aufgezählten Chefredakteure aber sind keine Männer, die diese weiblichen Prinzipien kultivieren, es sind durch die Bank Alphatiere: selbstgewiss, autoritär, vor Testosteron strotzend (bei Vorkötter und di Lorenzo würde ich da eine Ausnahme machen, vielleicht). Möglicherweise braucht man das, um in strengen Hierarchien nach oben zu kommen, bloß: Es ist noch gar nicht lange her, da wurde behauptet, dass strenge Hierarchien auf dem freien Markt ein Wettbewerbsnachteil seien. Das scheint vorbei zu sein.
Es ist eigenartig: Gerade in einer Zeit, in der die explizite Männlichkeit im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verloren hat, als wir eine Frau als Kanzlerin haben und einen verheirateten, durchaus effeminierten Schwulen als Außenminister, drängt sich das explizite Männlichkeitsgehabe durch die Hintertür wieder in die Diskussion. Vielleicht ist es ja so, dass die genannten Politiker sich so unmöglich benehmen, dass man sich von ihnen deutlich abgrenzen möchte? Danke auch.
Man könnte das Spiel von oben nochmal spielen: Welche wichtigen deutschsprachigen Theater werden eigentlich von Frauen geleitet? Schauspiel Köln (von Karin Beier) und Schauspiel Zürich (von Barbara Frey), gut, aber sonst? Sonst sitzen überall die begnadeten Netzwerker, Ulrich Khuon am DT Berlin, Oliver Reese in Frankfurt, Hasko Weber in Stuttgart, Typen, die genau wissen, wem man bei der Premierenfeier wie lange die Hand schütteln sollte (und die, das sollte man auch nicht verschweigen, mit diesem Händeschütteln teilweise ganz großartiges Theater ermöglichen). Dazu kommen noch die klassischen Testosteronschleuder-Künstler, Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Thomas Ostermeier an der Schaubühne, vor deren Alphatiergehabe man ohnehin sofort in Deckung gehen möchte.
Ein einziger Theatermacher fällt mir ein, der nicht in dieses maskulin geprägte Schema passt: Friedrich Schirmer. Der allerdings am Hamburger Schauspielhaus vor kurzem aus unterschiedlichen Gründen scheiterte. Schirmer war ein stiller, zurückhaltender Mensch, einer, dem man ansah, wie unangenehm es ihm war, den Mitarbeitern vor der Premiere “Toi toi toi” zu wünschen. Und den das Spiel um Macht und Kontaktpflege nach und nach kaputt machte: Im aktuellen Spiegel (leider nicht online verfügbar) steht ein langes Interview, in dem Schirmer recht eindeutig darlegt, wie ihn die Arbeit am Schauspielhaus konsequent in die Depression führte. Schirmer war, allem Anschein nach, zu weich.

Gendertrouble.

Über kurz oder lang landen wir immer wieder bei Judith Butler, und, ja, ich weiß, dass die US-amerikanische Feministin nicht unumstritten ist, egal. Es war auf jeden Fall einmal ein Fortschritt, zu erkennen, dass das soziale Geschlecht etwas performativ beeinflussbares ist und dass es Spaß macht, damit zu spielen. Es war ein Fortschritt, dass Frauen sich als Butch in Lesbenbars rumtreiben und trotzdem mit Männern schlafen konnten, es war ein Fortschritt, dass heterosexuelle Männer sich schminken konnten, und es war ein Fortschritt, dass nicht jeder Schwule die effeminierte Dramaqueen geben musste. Es war ein Fortschritt, dass die Grenzen zwischen Mann und Frau, und homo- und heterosexuell sich aufzulösen begannen. Ich fürchte, das ist vorbei.
In Tom Tykwers Film “3” (ab Weihnachten im Kino) verliebt sich ein Paar (Sophie Rois und Sebastian Schipper) gleichzeitig in denselben Mann (Devid Striesow), und in einigen Dialogen macht der Film recht hübsch klar, dass es hier nicht um Homo-, Hetero- oder Bisexualität geht. Nur sind die Orte bezeichnend, an denen das Objekt der Begierde zuerst Kontakt mit seinen Affären aufnimt: Die Frau trifft er im Theater, den Mann aber im Schwimmbad, also beim Sport, sie schwimmen um die Wette, und hinterher wird der Sieger masturbiert.

Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass alle Geschlechtergrenzen, die zuvor niedergerissen wurden, durch dieses doofe Wettschwimmen gleich wieder aufgerichtet werden.

20. August 2010 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Franziska Finkenstein hat für jetzt.de, die Online-Überreste von Jugendlichkeit der Süddeutschen Zeitung, einen Essay über Musikvideos geschrieben. Titel: “Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos”. Dieser Essay hat mich ein wenig geärgert, und um sagen, weswegen, muss ich ein wenig weiter ausholen.

Musikvideos entstanden in den 1960er Jahren, kurze Filme zu einzelnen Songs beispielsweise der Beatles, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ihre Hochzeit hatte diese Mischform aus Musik, Film und Werbung in den 80ern, spätestens seit 1981 der US-amerikanische Fernsehsender MTV auf Sendung ging, der zunächst ausschließlich Musikvideos spielte. Was für die Form von Musikvideos prägend war: MTV war ein amerikanischer Sender und stand für eine typisch amerikanische Ästhetik (Gewalt konnte nur in Maßen gezeigt werden, Sex gar nicht), Videos, die nicht auf MTV gezeigt wurden, existierten praktisch nicht. Das änderte sich auch nicht, als mit Viva 1993 eine deutsche MTV-Kopie an den Start ging, gespielt wurden zwar anders als beim US-Original auch deutschsprachige Songs, die Bildästhetik aber blieb gleich: kein Sex, kaum Gewalt, praktisch keine Politik. Werbefernsehen.
Mittlerweile haben wir 2010, die (längst unter einem Dach firmierenden) Fernsehsender MTV und Viva haben sich in Trash-Boulevard-Resterampen ohne nennenswerten Musikvideo-Anteil gewandelt, der Werbeeffekt von Musikclips geht gegen Null, und die Plattenindustrie befindet sich ohnehin in der Krise. Was nicht heißt, dass es keine Musikvideos mehr gibt: Im Kunstkontext entstehen noch welche, quersubventioniert beispielsweise über den MuVi-Preis der Kurzfilmtage Oberhausen. An Filmhochschulen. Als Fingerübung. Oder als DIY-Spielerei. Im TV läuft sowas natürlich nicht mehr, dafür im Internet. Youtube mag als erste Anlaufstelle für Musikvideos im 21. Jahrhundert gelten, allerdings hängt Youtube immer noch der US-Moral nach und zensiert fröhlich alles, was nach nackter Haut aussieht. Außerdem sperrt das Unternehmen immer mehr Videos aus urheberrechtlichen Gründen, was die Clipsuche mitunter recht mühsam macht. Mehr Spaß bietet hingegen Vimeo: Auch Vimeo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, allerdings mit Kunsthintergrund, und in der Kunst darf vieles sein, was in der Unterhaltung verboten ist. Nicht zuletzt Sex.

Und hier setzt Finkenstein an. Sie schreibt:

(…) Die Fluktuation dort (auf youtube et al., F.S.) und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.

Ist das so? Tatsächlich gibt es auf Vimeo Sex. Angefangen von “Plug me in” (2000) von Add N to (X). Hier sehen wir noch ganz klassische Pornografie, allerdings mit einem Zug ins Spielerische.

Ebenfalls gibt es Prodigys “Smack my Bitch up” von 1997. Auch hier zwar Provokation, aber keine nennenswerte Verschiebung der Körperpolitik – wenn man vom hübsch überraschenden Gendertrouble-Moment in der letzten Minute absieht.

Schließlich Rammsteins “Pussy” (bei dem mir sicher niemand böse ist, wenn ich es hier nur verlinke aber nicht einbette): alles da. Und alles tolle Belege für Finkensteins These. Nur nennt sie diese Beispiele nicht. Sie nennt dagegen “Gobbledigook” (2008) von Sigur Rós, ein charmant-sinnliches Peace-and-Love-Filmchen.

Moment mal? Extreme Bildsprache, Provokationen, Schockeffekte? Bei spielenden Nackten im Park? Die Autorin geht weiter, zu “Kids in Love” (2010) von Mayday Parade:

Jugendliche ziehen sich aus, rangeln, vögeln. Extreme Bildsprache? An keiner Stelle, stattdessen friedliches, ein wenig langweiliges Glück. Kein Vergleich zu den gestählten Hardbodies, die US-kompatibel Sexualität andeuten, in den Mainstreamvideos von Pink, Christina Aguilera, Britney Spears. Nur benennt Finkenstein diesen Unterschied nicht, weil er ihr nicht in die These passt. Wäre ja auch blöde, zuzugeben, dass die Sexualität in den Videos von Mayday Parade und Sigur Rós nicht etwa provokant und pornographisch ist, sondern vielmehr das Gegenteil der zensierten Sexualität im Mainstream. Dass die Freiheit von Zensur auch eine Freiheit der Sexualität bedeuten könnte.

Ich schließe mit einem Video, das Finkenstein gar nicht erwähnt, vielleicht, weil es für den US-Geschmack verpixelt ist: “Lessons learned” (2009) von Matt and Kim. Weil auch hier eine sexuelle Befreiung zumindest angedeutet wird – und weil der durchaus verstörende Schluss diese Befreiung gleich wieder in Frage stellt. Das können Musikvideos nämlich, im Gegensatz zur Pornografie: Fragen stellen (und die ansonsten sehr geschätzte Frau Neudecker hat die Sache vor über einem Jahr ein bisschen falsch verstanden).

Edit: Dass gerade mal zehn Minuten nach Onlinestellen dieses Textes schon zwei Suchanfragen “Kids Porno” hier aufgeschlagen sind, ist natürlich widerlich.

27. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss
ist alle Wiederkehr,
die Zukunft liegt in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.

(Pfadfinderabschiedslied, Text von Claus Ludwig Laue,
Melodie nach dem schottischen Volkslied “Auld Lang Sine”)

“Zahnwart?” Keine Ahnung, wer der Mann ist, der mir hinterherruft, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof, beim Heimatbesuch in der kleinen schwäbischen Stadt. “Kennsch mich nimmer?” Ich habe ihn nicht verdrängt, ich weiß wirklich nicht, wer mir da gegenüber steht. “Steffen.” Steffen. Natürlich kenne ich Steffen noch, klar, er ist ein wenig breiter geworden, er trägt keinen Bart mehr, die Kassenbrille wurde ersetzt durch ein modisches Modell. “Wo hats dich hinverschlagen?” Hamburg, murmle ich, es ist mir peinlich, dass ich ihn nicht erkannt habe.

Steffen heißt nicht Steffen. So wie niemand in diesem Text seinen wahren Namen trägt, auch “Zahnwart” kannte damals noch keiner. Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, von zuviel schmerzlicher Realität.

Steffen war ein Netter, vielleicht war Steffen sogar der einzige wirklich nette Pfadfinderleiter, damals, in den Achtzigern, beim katholischen Pfadfinderstamm in der kleinen schwäbischen Stadt. Rund 20 Jahre älter als wir, demnach Anfang, Mitte Dreißig, kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben, richtig erwachsen, aus der Perspektive eines Zwölfjährigen. Lustig, wenn er wollte, streng, wenn er musste, locker, wenn er durfte. Der perfekte Betreuer. Der mehr oder weniger seine gesamte Freizeit für die Pfadfinderei opferte, Steffen lebte alleine, besonders viele Freunde schien er nicht zu haben, also, Freunde, die keine Pfadfinder waren. Wir mochten ihn, eigentlich mochten ihn alle.
Irgendwann tauchte das Gerücht auf, dass Steffen schwul sei. Keine Ahnung, was da dran war, könnte gestimmt haben, könnte aus den Fingern gesaugt sein, könnte auch eine perfide Intrige gewesen sein. Auf jeden Fall war Steffens Karriere bei den Pfadfindern damit an ihrem Endpunkt angelangt, welche katholische Kleinstadtmutter würde ihre Kinder guten Gewissens mit so jemandem ins Zeltlager fahren lassen? Mich berührte das Thema weniger, ich hatte innerlich schon mit den Pfadfindern abgeschlossen, bald darauf auch formal meinen Austritt aus dem Stamm erklärt. Dass es mir um Steffen leid tat, war mir damals noch nicht klar.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass Steffens mögliche Homosexualität kein doofes Jugendlichengetratsche war. Das waren bewusst gestreute Gerüchte, und ich gehe davon aus, dass diese Gerüchte von Achim gestreut wurden. Achim, der Patriarch des Stammes, Vorsitzender, Gruppenleiter. Streng, selbstsüchtig. Voll Hass auf alles, was sein Selbstbild in Frage stellte: Frauen. Linke. Schwule. Künstler. Achim war damals um die Sechzig, alles lief darauf hinaus, dass über kurz oder lang sein Sohn Norbert die zentralen Positionen im Stamm übernehmen würde, bloß: Norbert war unbeliebt. Beliebt war Steffen. Der unverheiratete Steffen, der Steffen, der so gut mit den Jungs konnte. Der Steffen, der so einfach kaltzustellen war.

Jahre später erzählten mir meine Eltern, es habe diese Staffelübergabe tatsächlich gegeben, Norbert war Stammesvorsitzender, ein paar Monate lang, dann sei es zum Skandal gekommen. Große Mengen Geld seien veruntreut worden, im Zusammenhang mit der Insolvenz von Norberts Firma habe die Staatsanwaltschaft auch die Räume der Pfadfinder durchsucht, Norbert habe sich mit seinem Vater überworfen, der daraufhin die Macht wieder an sich gerissen habe. Achim leitet den Stamm immer noch, um die Achtzig dürfte er heute sein, er lebt zusammen mit einer ehemaligen Wölflingsleiterin, die seine Enkelin sein könnte, er ist unantastbar. Von Achim habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich ein Netzwerk aus bedingungslos solidarischen Jasagern aufzubauen. Bei den Pfadfindern habe ich gelernt, wie wichtig es ist, kritische Geister rücksichtslos wegzubeißen. Wenn man von Diktatoren spricht, die Macht abgeben und dennoch alle Fäden in den Händen behalten, dann spreche ich von Achim. Wenn man von Wladimir Putin spricht, dann spreche ich von Achim.

Zur Diskussion um Missbrauch in christlichen Jugendgruppen: Typen wie Steffen habe ich nie als irgendwie unangenehm empfunden. Was ich aber von Achim gelernt habe, das war Missbrauch. Wenn auch ohne jede strafrechtliche Relevanz.

“Bisch du noch häufig in der Stadt?” fragt Steffen. Kaum, antworte ich. Ich will weiter, es ist mir unangenehm, mich zu erinnern, aber Steffen kommt ins Plaudern. “Ich hab ein kleines Häusle gekauft, droben, ganz in der Nähe vom Pfadfinderheim. Komm mal vorbei, wenn du magschd. Haschd du noch Kontakt zu den Leuten ausm Schdamm? Nächschdes Jahr ham mir Jubiläum. Haschd du Internet? Ich schreib dir mal die Adresse auf, da sind Fodos.”

Auf den Fotos ist Achim zu sehen, im Mittelpunkt. Grau ist er geworden, ansonsten sieht er aber immer noch so aus wie vor 25 Jahren. Auf einem erkennt man auch Steffen, halb abgeschnitten. Er lacht.