11. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Full Frontal Nudity · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Ich habe nie wirklich verstanden, wie die amerikanischen Zensurbestimmungen funktionieren. Ich meine, weswegen gilt für die Motion Picture Association of America ein Film schon als halber Porno, sobald irgendwo die Andeutung einer (weiblichen) Brustwarze zu sehen ist, auch wenn die nackte Haut inhaltlich vollkommen schlüssig begründet ist? Und weswegen geht ein expliziter Film wie Steve McQueens „Shame“ anscheinend problemlos durch die Zensur? Weil die MPAA-Zensoren denken, och, Steve McQueen, das ist doch so europäischer Kunstkram, das schaut ohnehin niemand? Oder weil die Zensoren denken, dass „Shame“ doch eigentlich eine hochmoralische Position gegenüber Sexualität einnimmt, und um diese Position zu vermitteln, wäre Full Frontal Nudity recht hilfreich?

Ich fand „Shame“ ärgerlich. Nicht wie Carsten, der auf Post Artcore zwar am Ende eine Wendung ins Homophobe bemängelt, den Film ansonsten aber durchaus lobt. Nein, für mich ist der homophobe Schluss kein Ausrutscher, sondern der konsequente Höhepunkt einer Entwicklung, die dieser Film schon viel früher eingeschlagen hat. „Shame“ kam bei mir an als einzige Warnung vor dem Leben in der Großstadt (es ist dort so unglaublich anonym, man kann gar nicht anders als gefühlskalt zu werden!), als einzige Warnung vor einer ungezähmten Sexualität. Ich möchte nicht behaupten, dass ungezähmte Sexualität die Lösung für jedes Problem sei, ein Film wie John Cameron Michells „Shortbus“ (2006) ist in seiner verspielten Nettigkeit fast ebenso unerträglich wie „Shame“ in seinem Moralismus – aber Einhegungen und Zwänge können nicht wirklich die Lösung sein, nein? Eine Figur behauptet aber genau das: dass es keine Rettung geben kann außer der monogamen Zweierbeziehung. Und weil McQueen keinen Satz, keine Handlung einfach zufällig in den Raum stellt, lässt er seine Hauptfigur Gordon (Michael Fassbender, der wirklich gut ist, das schwärmerische Porträt von Kollege Volker im uMag geht schon in Ordnung) ausgerechnet mit ihr im Bett schwächeln. Merke: Wenn du dir zu häufig einen runterholst, dann klappt es nicht mehr, wenn es wirklich drauf ankommt.

Es tut mir leid, da mögen Fassbender und vor allem die immer großartigere Carey Mulligan noch so toll spielen, da mag der Film mit noch so durchkomponierten Bildern aufwarten, die die Künstlervergangenheit McQueens verraten, da mag das Drehbuch sich noch so hübsche Kabinettstückchen leisten wie eine wunderbare Restaurantszene, in der ein Kellner immer dann, wenn es wirklich ans Eingemachte gehen könnte, ein weiteres Detail zur Weinkarte anzubringen versucht: Wenn der Preis für ein wenig Nacktheit im US-Kino solch widerlicher „True-Love-waits“-Moralismus ist, dann schaue ich mir zukünftig nur noch Filme mit bekleideten Darstellern an. Oder wahlweise einfach keine amerikanischen mehr.