„Die Folter endet nie/Wir werden dennoch siegen.“

(Tocotronic)

Mein erster James Bond-Film war „Octopussy“ (1983), gleichzeitig auch mein letzter, den ich für die folgenden 29 Jahre im Kino sehen sollte – James Bond war damals ziemlich klasse für mich. Zunächst fand ich diese im Grunde formelhaften Agentenkomödien tatsächlich spannend, nach einer Weile gefiel mir auch die Freizügigkeit der Geschichten (was das mit meinem Frauenbild angerichtet hat, darüber möchte ich mir lieber keine Gedanken machen), dann die Schauwerte der exotischen Drehorte, schließlich auch die kaum verhüllten SM-Bezüge und den Zynismus. Bis ich so 17, 18 war, dann verweigerte ich mich. James Bond zeigte nämlich, so behauptete ich, den Sozialismus im falschen Licht (ich war ein unvorstellbar humorloser Jugendlicher), außerdem war das Frauenbild nach dem Schema „Held vögelt Schönheit, die kurz darauf gemeuchelt wird, und kommentiert das Ganze mit einem lockeren Spruch“ womöglich auch diskutabel. Vor ungefähr zehn Jahren entschloss ich mich dann, dass ich über diesem Frauenbild stehe und dass die Diskussion „Sozialismus oder Kapitalismus“ womöglich nicht unbedingt auf der Folie des Popcornkino geführt werden muss. Und holte nach, was ich in den Jahren der Humorlosigkeit verpasst hatte, schaute DVD um DVD, die Vintage-coolen Filme mit Sean Connery, das gerne vergessene George Lazenby-Gastspiel, die bieder-ironischen Roger-Moore-Komödien, die Actionthriller mit Timothy Dalton und die von der Zeit überholten Pierce Brosnan-Filme, die in einer Epoche spielten, in denen man eigentlich keine coolen Geheimagenten mehr brauchte. Und ich schaute natürlich die Neuerfindung der Serie mit Daniel Craig, als sich James Bond mit Regisseuren wie Marc Forster und Sam Mendes zum anspruchsvollen Kunstkino hin öffnete. Alles auf DVD, bis jetzt. Jetzt schaue ich „Skyfall“, im Kino.

„Skyfall“ wurde fast durch die Bank gelobt, ein ernster Film sei das, das Männerbild werde vom Kopf auf die Füße gestellt, ganz still, ohne blöde Witze würden Geschlechterbeziehungen verhandelt, außerdem sei der Bösewicht Silva (Javier Bardem) die viel interessantere, tiefgründigere Figur. Dazu ist zu sagen: Eigentlich war bislang in jedem halbwegs gelungenen James-Bond-Film der Bösewicht die interessantere Figur, zumindest, solange er nicht allzusehr als Karrikatur des Bösen angelegt war. Und zum auf die Füße gestellten Männerbild, naja … Es gibt eine Szene, in der Silva dem gefesselten Bond (Daniel Craig, der mit gerade mal 44 Jahren schon recht alt daherkommt) durchaus sexuell konnotiert nahe kommt, was von manchen Kritikern als queere Neudeutung der Figur gelesen wurde – ich denke, das ist eine Überinterpretation. Wenngleich man natürlich konstatieren muss, was für ein Quantensprung das sexualpolitisch ist, im Vergleich zum schwulen Killerpärchen Mr Wint (Bruce Glover) und Mr. Kitt (Putter Smith) in „Diamonds are forever“ (1971). Und zur Frage der Geschlechterbeziehungen: Bond gebraucht immer noch Frauen, die (Bérénice Marlohe!) erstens toll aussehen und zweitens nach dem Beischlaf ohne viel Federlesens entsorgt werden, so wirklich eine Entwicklung sehe ich da nicht. Allerdings: Die Formel „1.) Beiläufiger Sex mit eine Figur, die später nicht einmal mehr erwähnt wird 2.) Sex mit einer sympathischen Figur, die kurz darauf von den Bösen umgebracht wird 3.) Sex mit einer Figur, die sich später als Böse entpuppt und kurz vor Schluss von Bond umgebracht wird, gerne auch mit einer sadistischen Wendung und schließlich 4.) abschließender Sex mit einer Figur, die den gesamten Film über nervte, sich zum Schluss aber als Verbündete entpuppt“ wird hier nicht weiter geführt. Eigentlich hat Bond nur einmal Sex (am Anfang, mit einer Strandbekanntschaft in der Türkei, zählt nicht, da ist unser Held ja auch dauerbetrunken), recht unvermittelt, und entsprechend doof ist die Szene in ihrer Unter-der-Dusche-Softporno-Ästhetik auch – zumindest, wenn ich richtig verstanden habe, dass die neu eingeführte Miss Moneypenny (Naomie Harris, Moneypenny ist jetzt dunkelhäutig, solch ein eindeutiges Bekenntnis zum multikulturellen England wäre früher auch nicht möglich gewesen!) Bond nicht vögelt sondern nur rasiert.

Überhaupt macht Regisseur Sam Mendes das gar nicht ungeschickt: Er baut in „Skyfall“ Standardsituationen auf, die er minimal abändert und gibt dem Film damit einen anderen, etwas modernen Dreh. Natürlich werden exotische Locations abgefilmt (obwohl, „exotisch“: Istanbul und Shanghai, da kommt man mittlerweile auch problemlos mit Pauschalarrangements hin), nur um nach ungefähr 50 Minuten in die Londonor U-Bahn abzutauchen, wo dann lehrbuchgerechte aber Bond-untypische Großstadtaction abgefeiert wird. Wie immer hat der Bösewicht ein Versteck auf einer eigenen Insel – wobei es sich in „Skyfall“ um die japanische Insel Hashima handelt, und die ist keine Kommandozentrale des Bösen, sondern nur eine trostlose Ruine. Und der Titelsong Adeles ist beim ersten Hören stilvoller Retrosoul („Langweilig!“ motzt die kluge, schöne Frau, ein wenig hat sie recht), beim zweiten Hören aber ein nicht uncooles Zitat wirklich großer Bond-Songs, das hübsch in eine videoclipartige Titelsequenz eingewoben wird. Um ehrlich zu sein, wünscht man sich ein wenig, dass diese Titelsequenz überhaupt nicht mehr aufhört, immer noch mal ein Crescendo, „Let the Sky fall!“

„Skyfall“ ist natürlich nicht spannend, aber der Film macht Spaß. Man schaut zwei Stunden (verhältnismäßig altmodischer) Action zu, freut sich über mehrere selbstironische Brechungen (wer hat eigentlich den Blödsinn verzapft, dass dieser Film so unglaublich ernsthaft sei?) und amüsiert sich alles in allem nie unter Niveau. Es geht eben um alte Männer (und Frauen: Judy Dench als Bonds Vorgesetzte M hat weitaus mehr zur Handlung beizutragen als sonst), die sich irgendwie gegen das Alter auflehnen: mittels Physis, mittels Emotion, mittels Sex. Ist okay, darf man machen, das ist weitaus mehr als die Pseudocoolness früherer Bond-Entwürfe. Als Neuerfindung einer Figur aber taugte Daniel Craigs Bond-Debüt „Casino Royale“ (2006) mehr als „Skyfall“, ich mein‘ ja bloß.