Vergangenen Monat ist wenig passiert, hier, auf der Bandschublade. Kunststück, vergangenen Monat war ich ja mit den verehrten Kollegen auch damit beschäftigt, in der Nachbarschaft Les Flâneurs zum Laufen zu kriegen, da war wenig Zeit für leidenschaftliches Privatbloggen, und wirklich ein schlechtes Gewissen habe ich dabei auch nicht, Texte von mir gibt es ja weiterhin zu lesen. Wer beispielsweise einen längeren Artikel möchte, kann sich morgen die junge Welt kaufen, da gibt es nämlich meine Besprechung zur Ausstellung „Böse Dinge“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. (Wer nichts kaufen will, kann natürlich auch einfach hier auf den Link klicken.)

»Böse Dinge« gewinnt dort einen unwiderstehlichen Reiz, wo Pazaureks Kategorien auf heutige Produkte angewandt werden: Plötzlich steht man auf einem Trödelmarkt des Grauens, starrt einen Flaschenöffner aus einer Tierpfote an (»Wunderliches Material«), eine Europalette aus Mahagoni (»Materialprotzereien«) und einen Aschenbecher in Form eines weiblichen Unterleibs (»Konstruktions­attrappen und Künstlerscherze«). Und mittendrin plötzlich etwas, das eigentlich als gelungenes Design anerkannt gilt, das aber ebenfalls vor Pazaureks strengem Blick nicht besteht: Philippe Starcks Alessi-Zitronenpresse »Juicy Salif«, die in die Kategorie »Unzweckmäßigkeiten« fällt. Tja.

Was mich allerdings wirklich in meinem Selbstverständnis irritiert, sind die Besucherzahlen auf der Bandschublade im Mai. Die sind nämlich gestiegen, im Vergleich zum April. Will sagen: Wenn ich nichts schreibe, kommen mehr Leser. Die freuen sich dann, Hurra, endlich nichts neues zum Lesen, und tummeln sich auf alten Texten. Dann lass‘ ich es doch am Besten gleich bleiben, oder?

1. umag porno Vor Jahren schrieben Carsten Schrader, Alexander Rolf Meyer und ich einmal ein Dossier namens „Generation Porno“ im u_magazine, dem Vorläufer des heutigen uMag – einen Text daraus, Alex‘ „Beziehungsweise Porno“, findet man heute noch im Netz. Die Recherchen zu diesem Dossier machten damals großen Spaß – aber ich fürchte, der Googler suchte gar nicht nach unseren journalistischen Frühwerken, sondern nach einem Porno, der in dem istrischen Urlaubsort Umag spielt. Oder?

2. linksgrüne medienverschwörung ist ein Kampfbegriff, der hauptsächlich von weit rechts verwendet wird, meist von Leuten, die auch von „Gutmenschen“ sprechen und von „Systempresse“. Was mich daran erinnert: Ich wollte ja mal einen Leitfaden schreiben, an welchen Floskeln man die Neunazis erkennt.

3. videos von frauen die sich splitternackt ausziehen Ja, das habe ich auch schonmal gehört, dass es sowas geben soll.

4. reinhard stuth senator Der CDU-Politiker Reinhard Stuth war kurzzeitig Kultursenator in Hamburg, und zwar für gut sechs Monate ab Sommer 2010, im in Auflösung befindlichen schwarzgrünen Senat unter Christoph Ahlhaus. Stuth machte den Job so unvorstellbar schlecht, dass er wohl in keiner politischen Koalition je wieder ein Ministeramt führen dürfte. Hoffentlich.

5. sophie rois nippelig Bitte? Nippelig? (Klingt eigentlich recht herzig, das. Ich hoffe, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.)

6. rotkohl durcheinander rezept Ich würde den Rotkohl klein schneiden, kochen, Gewürze dazu, Flüssigkeit, vielleicht ein bisschen Wein und dann noch ein paar Kochbananen. Schon hat man ein großes Durcheinander. (In einem ähnlichen Kontext dürfte die Anfrage „rezept pfundfleisch“ enstanden sein.)

7. film gedreht im gängeviertel Fatih Akins „Soul Kitchen“ hat ein paar Szenen, die im Gängeviertel spielen: Die Hauptfigur wohnt da.

8. schorsch kamerun klug Ich würd‘ ja sagen: ziemlich.

Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Da kann die Selbstinszenierung noch so glamourös daherkommen: Blogging ist einfach over.

Skandal! Schon den dritten Monat in Folge nachlassende Besucherzahlen auf der Bandschublade! Und dann alles Besucher aus solch unglamourösen Herkunftsorten wie Hamburg, Berlin und Flensburg! Irgendwie hat das keine Zukunft mehr, Blogging ist echt sowas von over, und sogar Mark ist der Meinung, dass Blogs im Grunde etwas sind, womit man eigentlich nichts zu tun haben will. Das muss aufhören, das macht einfach kaum noch Spaß, das macht sogar so wenig Spaß, dass ich jetzt schon meinen Monatsrückblick bastle, Tage vor dem Monatsende, okay, ein wenig hat das auch damit zu tun, dass ich gerade Zeit habe, währenddessen ich das kommende Wochenende und auch die Folgetage irre viel zu tun habe, und dann wäre schon Mai, und die Ironblogger sanktionieren ja ebenfalls sehr schnell, wenn man nicht schnell genug liefert … Wie dem auch sei. Im April gab es verhältnismäßig wenig Suchen nach dem unbekleideten Körper von Sophia Thomalla, das freut mich. Wie schon in den Vormonaten wurde nach „Sophie Rois nackt“ gesucht, aber für diesen Wunsch habe ich Verständnis, das ist okay. Bemerkenswert ist die mehrfache Suche nach „falk schreiber privattheatertage“, aber ich vermute, dass das meine momentane Praktikantin war, die ich beauftragt hatte, ein wenig zum Thema Privattheatertage zu recherchieren, also auch eher unspektakulär. Google ist auch nicht mehr, was es mal war, es muss echt mal was anders werden.

1. „wo auf den dockville tickets steht, dass ich fürs camping bezahlt habe?“ Gute Frage. Ich campe ja nicht, wenn ich aufs Dockville fahre, weil ich ein alter Mann bin, und alte Männer sind fürs Campen zu gebrechlich, außerdem habe ich ja ein bequemes Bett in Hamburg. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Tickets inclusive Camping eine andere Farbe haben als diejenigen, die ausschließlich Kunstgenuss ermöglichen.

2. „ist peter jordan ein schwabe?“ Klare Antwort: Nein. Jordan ist geboren und aufgewachsen in Dortmund, wurde an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg ausgebildet, spielte an Bühnen in Rostock, Bochum, Hamburg und Berlin und ist verheiratet mit der Schauspielerin Maren Eggert, die aus Hamburg kommt. Das ist alles voll unschwäbisch.

3. „die subversion der sexualität“ Hm, ja. Könnte man viel drüber schreiben, ich denke, diese Subversion muss man sich immer wieder neu erarebieten. Weil Sexualität ja eigentlich etwas total konventionelles ist, ich meine, selbst FDP-Wähler haben Sex. Und trotzdem auch subversiv, irgendwie. Ziemlich kompliziert, das ganze.

4. „peer steinbrück warum wählen“ Weiß ich, ehrlich, auch nicht.

5. „muss man sich als schauspielerin ausziehen“ Ja, muss man. Schon alleine, um das Kostüm anzuziehen, empfiehlt es sich, sich vorher auszuziehen. Duschen funktioniert auch besser, wenn man nackt ist. Oder Sex, wobei, da gibt es auch interessante Bekleidungsvarianten. Und manchmal ist es nicht die schlechteste Regieidee, wenn sich Schauspielerinnen (und Schauspieler) auf der Bühne ausziehen. Manchmal ist das auch eine doofe Idee. Mal so, mal so.

6. „wo steht das theater heute?“ In Hamburg steht eines am Hauptbahnhof, in der Kirchenallee. Und eines an der Binnenalster, Alstertor heißt die Straße. Über die Stadt verteilt gibt es aber noch mehr. In Berlin gibt es ganz spannende am Halleschen Ufer und am Rosa-Luxemburg-Platz, nur mal so als Beispiel.

7. „wo fand man in hamburg die gängeviertel“ In der Innenstadt, innerhalb der Wallanlagen, übelste Massenunterkünfte, in denen erbärmliche hygienische Zustände herrschten. Heute ist nur noch ein ganz kleiner Rest übrig, und auch der stand zeitweise vor dem Exitus.

8. „was ist kulinarisch gegen brühwürfel einzuwenden?“ Eigentlich nichts. Ist halt Convenience Food, das ist immer ein Problem, weil einem da die Souveränität der Zubereitung vorenthalten wird, aber, meine Güte, es sind Brühwurfel!

Kinder, demnächst wird alles anders. Bis dahin vielleicht noch: ein wenig Hipstersound?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qlJm2SsV4MM]

Also. Der September war ein ganz akzeptabler Monat, von den Besucherzahlen her. Ach, was soll die Koketterie: Der September war besucherzahlenmäßig ein toller Monat, hier, auf der Bandschublade. Was allerdings damit zu tun hatte, dass die „Tatort“-Saison begonnen hat: Die nach der Homepage häufigsten Zugriffe verzeichnete der Post „Der Betonfleck an der Förde“, der den großartigen Kieler Krimi „Borowski und der stille Gast“ behandelt. Das muss man leider so sagen: Abseits von den „Tatort“-Rezensionen ist die Bandschublade absolutes Nischenprogramm. Und jetzt? Schreibe ich ausschließlich über den „Tatort“, weil ich das große Publikum will? Schreibe ich überhaupt nicht mehr über den „Tatort“, weil mich das große Publikum anwidert? Oder wäre es vielleicht am Besten, wenn ich alles so lasse, wie es ist? Vielleicht.

1. „sophie rois nackt“ Ich zähle nicht mehr, wie häufig nach Brüsten, Titten, Busen der doofen Sophia Thomalla gesucht wird. Bei der Suche nach der nackten Sophie Rois hingegen drücke ich ein Auge zu, weil, da habe ich Verständnis für, wenn jemand diese tolle Schauspielerin nackt sehen möchte. Vor einem Monat habe ich auch ein paar Tipps gegeben, wo sich dazu Gelegenheit bietet.

2. „fabio mauri documenta“ Es gab eine ganze Reihe Künstlersuchen in Verbindung mit der documenta, die meisten in Bezug auf den 2009 gestorbenen Italiener Fabio Mauri. Wer das wohl sucht? Galeristen, die wissen wollen, wie über ihren Schützling berichtet wird? Kunststudentinnen, die zu faul waren, selbst nach Kassel zu fahren?

3. „sarah wagenknecht privat“ Ja, was wird da wohl sein? Voll die Schreckschraube, mit der man es keine fünf Minuten in einem Raum aushält? Voll die kluge Gesprächspartnerin, mit der man sich tagelang über Goethe, zeitgenössische Kunst und Geschlechterdekonstruktionen unterhalten kann? Voll die charmante Gastgeberin, die einen sa-gen-haften Marmorkuchen macht? Man weiß es nicht.

4. „schwul islam“ Das ist ein Thema, was mich auch mal interessieren würde. Darüber geschrieben habe ich allerdings nie etwas, was nachvollziehbar ist, weil ich hier absolut keine Ahnung habe. Falls jemand mehr weiß: Hier sind schon zwei, die sich über Infos freuen würden.

5. „katalanischer modernismus“ Da weiß ich durchaus was. Eine Stilrichtung in Architektur, Design und Kunst, die in Katalonien ziemlich viele Städte prägt und dort „Modernisme“ genannt wird. Andernorts heißt sie Art Déco oder Jugendstil, wobei diese drei Begriffe nicht deckungsgleich sind, aber parallel verwendet werden können. Wichtigstes Bauwerk ist die Basílica de la Sagrada Família in Barcelona von Antoni Gaudí.

6. „rene pollesch schwul“ beziehungsweise „devid striesow schwul“ Boah, Kinder, wird euch das nicht langweilig, langsam mal? Also, soweit ich weiß, der eine ja, der andere nein, um genaueres zu erfahren, solltet ihr einfach mal direkt fragen, die meisten Leute sind da ja nicht so etepetete und erzählen durchaus, was Sache ist. Traut ihr euch aber nicht, oder? (Ich will übrigens niemanden verurteilen, der auf die Frage „schwul oder nicht?“ eine eindeutige Antwort hat, allein: Spannender finde ich ja die Leute, bei denen die Antwort schillert, bei denen eben nichts eindeutig ist, Leute wie Jens Friebe, Andreas Spechtl, von mir aus auch Pollesch oder Striesow.) Ich beschäftige mich in der Regel auf fachlicher Ebene mit Leuten wie Striesow oder Pollesch, und weil auch das privateste Politisch ist, mag da nicht zuletzt Sexualität mit reinspielen – in der aktuellen theater heute bespreche ich die Premiere von Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ am Hamburger Schauspielhaus (Link funktioniert nur für Abonnenten), und, doch, da geht es auch um Sex:

Die politische Schärfe früher Arbeiten wurde abgelöst von einem umfangreichen Liebesdiskurs, bei dem selbst klassische Pollesch-Slogans nicht mehr so zünden wie gewohnt. „Denkst du etwa, von einer 26-jährigen Großbusigen einen geblasen zu bekommen, wäre ein Vergnügen für mich?“, das ist auf den ersten Blick witzig und auf den zweiten ziemlich blöde, trotz der genderpolitischen Souveränität, mit der der Autor diesen Satz eine Frau sagen lässt.

7. „katzen hängen übern gartenzaun“ Ich möchte gar nicht wissen, was diese Suchanfrage motiviert hat. Aber Cat Content geht ja immer.

8. „nackte penisse auf der bühne“ Ich sah einmal ein Stück, in dem eine klagende „Wandermöse“ auftrat, gildet das auch?

Hurra, Google ist wieder da! Keine Ahnung, woran das liegt, aber auf jeden Fall hat die Krakensuchmaschine dieses kleine Blog seit Mitte des Monats wieder gelistet. Was auf der einen Seite zur Folge hat, dass die Besucherzahlendurststrecke vom Juli vorbei ist, auf der anderen Seite aber auch, dass mir die Besucherstatistik von all den „sophia thomalla brust“-, „sophia thomalla titten“- und „simone thomalla sex“-Googlern verhagelt wird. Ach, was für unappetitliche Fetische es doch gibt!

Egal, jeder, der hier vorbei schaut, ist erstmal willkommen, zumal wenn er sich ordentlich benimmt! Und das tun die meisten ja auch, zumindest üble Beschimpfungen im Kommentarbereich gab es schon lange keine mehr. Und vielleicht kann ich auch ein paar Fragen beantworten, die hoffnungsfrohe Menschen ins Suchfeld ihres Browsers eingeben haben?

1. „kunst, sexualität und geschlechterkonstruktionen“ Immerhin fünfmal tauchte diese Anfrage in der Statistik auf, meine Lieblingsanfrage. Weil, Leute, die sich für solche Themen erwärmen, die will ich auf meiner kleinen, netten Seite haben – und eben keine Dumpfbacken, die sich nur dafür interessieren, ob Devid Striesow schwul sei (neun Anfragen). Letzteren sei zum x-ten Male um die Ohren gehauen: Nein, ist er, soweit ich weiß, nicht. Wobei „schwul“, „hetero“, „bi“: Solche Kategorien sind sowas von Neunziger! Beschäftigt euch mal ein wenig mehr mit Kunst, Sexualität und Geschlechterkonstruktionen, dann kapiert ihr, dass es Cooleres gibt, als nach der Veranlagung eines geschätzten Schauspielers zu googlen.

2. „filme mit sophie rois nackt ansehen“ Ich empfehle „Drei“ von Tom Tykwer, da ist die verehrte Frau Rois mehrfach nackt zu sehen (und mit ihr auch, als kleines Plus, Devid Striesow, ich meine ja nur!). Es gab auch mal einen alten, österreichischen Tatort mit nackter Rois, „Passion“, 2000 von Felix Mitterer gedreht. Oder verstehe ich die Frage falsch? Geht es darum, selbst nackt zu sein, während man einen Film mit Sophie Rois schaut? Oder gar darum, einen Film gemeinsam mit Sophie Rois zu schauen, und beide Zuschauer sind nackt?

3. „schmalste straße ulms“ Puh. Ich würde sagen, im Fischerviertel, ein Verbindungsweg zwischen Schwörhaus- und Fischergasse. Aber der ist nur für Fußgänger. Ob das als Straße zählt? Einfacher beantworten ließe sich die Frage nach der längsten Straße Berlins: Das ist das Adlergestell. Wollte nur niemand wissen.

4. „makler hamburg für weniger geld“ Die Frage ist falsch gestellt. Es gibt keine Makler für weniger Geld, weil Makler ihre Gebührenordnung haben und schön blöde wären, wenn sie von der abweichen würden. Eine andere Frage ist, wofür Makler eigentlich ihr Geld bekommen: fürs Vermitteln von Wohnungen. Nur vermitteln sie in einer Hochpreisstadt wie Hamburg gar nicht, sie schließen vielleicht die Tür bei der Wohnungsbesichtigung auf, sie sammeln die Selbstauskünfte ein, und die leiten sie weiter an den Immobilienbesitzer. Für diese extrem anspruchsvolle Tätigkeit kassieren sie drei Kaltmieten Courtage. Ist das gerechtfertigt? Falls man diese Frage mit „Nein“ beantwortet, sollte man sich eine zweite Frage stellen: Weswegen stütze ich dieses System dann eigentlich noch?

5. „wie macht man einen seitensprung“ Nunja, ich fürchte, das passiert einem einfach. Oder geht es hier tatsächlich konkret um eine Handlungsanweisung, so von wegen Ausziehen, Knutschen, Finger hier, Lippen dort und dann hoffentlich auch noch irgendwo ein Kondom?

6. „heidi brühl mädels vom immenhof duschszene“ Diese Anfrage habe ich Kid37 zu verdanken, der im Vormonat kommentierte, dass bei ihm ständig Leser nach besagter Duschszene suchen würden. Ich habe keine Ahnung, ich weiß nicht einmal, was die „Mädels vom Immenhof“ sind, und dass die womöglich auch mal geduscht haben – mag sein, aber für mehr Informationen wäre es besser, wenn man bei berufenem Munde nachfragt: Das hermetische Café, ohnehin ein empfehlenswertes Blog.

7. „eheliche pflichten sex humor“ Das passt gar nicht zusammen, Sex und Humor. Und: „eheliche pflichten“, da geht es um Pflicht, da wird nicht gelacht, da wird die Pflicht erfüllt! Wegtreten!

8. „falk schreiber theater heute“ Ja, hier?

10. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Krieg · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Am 11. September 2001 um 14.46 saß ich am Schreibtisch und arbeitete. Ich weiß nicht mehr, was ich machte, aber: 11. September, das dürften irgendwelche Produktionsabschlussarbeiten gewesen sein, letzte Korrekturen, ein wenig Feintuning wahrscheinlich. Texte druckfertig machen. Auf jeden Fall kam kurz nach 14.46 jemand in mein Büro (heute denke ich, dass es Matthias war, ich kann mich aber auch täuschen) und meinte, dass es in New York ein Unglück gegeben habe, ein Flugzeug sei ins World Trade Center gestürzt, das Gebäude stehe in Brand. Ich versuchte, ins Internet zu kommen, aber keine Chance, die meisten Nachrichtenseiten waren überlastet, kein SpOn, kein tagesschau.de. Bald schaltete jemand den Fernseher im Konferenzraum ein, Sondersendung, wir sahen den brennenden Turm, und dann sahen wir das zweite Flugzeug, wie es im Südturm einschlug. Von da ab war klar, dass das kein Unglück war, das war ein Terroranschlag. Wir schauten eine Weile ungläubig auf den Bildschirm, dann gingen wir wieder an die Arbeit, die Oktoberproduktion musste zu Ende gebracht werden. Immer mal wieder schaute jemand in den Konferenzraum und berichtete: von einem dritten Flugzeug, das ins Pentagon stürzte, von einem vierten Flugzeug, das irgendwo in der Einöde niederging, von chaotischen Zuständen im Luftverkehr, Maschinen auf dem Weg in die USA mussten umkehren, wo eine Umkehr nicht mehr möglich war, mussten sie notlanden, in die USA selbst war kein Reinkommen mehr. Ich dachte daran, dass ich erst ein paar Wochen zuvor auf einem der beiden Türme gestanden hatte, übernächtigt, vom Jetlag durch den Wind, geflasht von den Eindrücken. Ich arbeitete.
Am Abend sah ich fern. Eigentlich wollte ich die verehrte Sophie Rois sehen, im Tatort „Passion“, keine Chance, immer wieder die Bilder der brennenden Türme, ich sah das ein, natürlich, es gab Wichtigeres an diesem Tag als einen Fernsehkrimi. Ich rief bei der schönen, klugen Frau an, in Gießen, die erzählte, dass sie an der Schule eine Gedenkminute abgehalten hätten. Das war mir unangenehm, plötzlich war mir vieles unangenehm, ich legte missmutig auf, kurz dachte ich, dass ja schlimm war, was da passierte, aber wenigstens traf es endlich einmal die Richtigen: die, die auf der Butterseite des Lebens saßen, die Banker im World Trade Center. Kurz darauf schämte ich mich für diesen Gedanken.
Und dann zeigte das Fernsehen neue Bilder, feiernde Menschen, angeblich Palästinenser, die sich, so der Kommentator, über die Anschläge freuten. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier alles aus den Fugen geriet, dass man da keine politische Demonstration sah, sondern ausschließlich Bilder von Menschen, die sich freuten, sonst nichts. Riefen sie etwas? Keine Ahnung, wenn, dann nur auf Arabisch, man konnte uns alles erzählen. (Später hörte ich, dass die Aufnahmen Bilder von einer Hochzeit gewesen seien, die freudigen Gesichter hatten nichts mit dem 11. September zu tun. Ich kann nicht nachprüfen, ob das stimmte. Das ist das Allerschlimmste: Ich kann so gut wie nichts nachprüfen.)

Am 11. September 2001, vor zehn Jahren.

02. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Vom Zauber des an der Seite Stehens · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Viel gibt es zu sagen über Tom Tykwers 3. Man könnte etwas erzählen über mehrmaliges Überschreiten der Grenze zum Kitsch, darüber, wie nervig handwerkliche Perfektion sein kann, man könnte aber auch von atemberaubend guten Schauspielerleistungen sprechen, von einer hübsch originellen Geschlechterkonstruktion, oder man könnte darüber sprechen, wie aufgesetzt Tykwers Zufallsmetaphorik ist und wie papiern die Figuren. Könnte man, und ich habe das ja auch, in der kulturnews, ein wohlwollendes Gemotze.

Worüber jedoch fast nie gesprochen wird, ist die berufliche Situation von zumidest zwei Drittel der titelgebenden Dreiecksbeziehung. Dabei ist gerade die interessant: Hanna (Sophie Rois) nämlich ist Moderatorin einer Kultursendung im Fernsehen, außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates, woraus ich schließe, dass sie wohl in Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie promoviert hat, alles Professionen, die nicht allzuviel Anerkennung genießen. Und ihr Freund Simon (Sebastian Schipper) ist Kunsttechniker, er baut also nach Anweisungen von Künstlern Installationen und Skulpturen auf. Das heißt, dass sowohl Hanna als auch Simon zwar an den Kunstdiskurs angedockt aber eben keine Künstler sind. Sie sind diejenigen, die dazu gehören und gleichzeitig auch nicht dazu gehören, die auf Vernissagen gehen aber immer irgendwie an der Seite stehen. Diese berufliche Situation problematisiert der Film nicht, sie ist einfach ein akzeptiertes Lebensmodell.
Mit diesem Lebensmodell hat Tykwer eine tatsächlich neue Sichtweise geschaffen, vor allem stellt er eine Verbindung zu mir her, indem er Hanna und Simon als sympathische Figuren einführt: eine Verbindung zum Kritiker, zum professionellen Beobachter. Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich für Kunst brenne, es bei mir zum Künstler aber schlicht nicht reicht (und auch nicht reichen muss). Bloß dem Rest der Menschheit scheint das nicht klar zu sein: Mit Siegfried Lowitz‘ Bonmot „Kritiker sind wie Eunuchen: Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht“ erntet man grundsätzlich mehr Lacher als mit Lessings abwägendem „Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.“ Weil alle Welt nämlich insgeheim denkt, dass derjenige, der sich mit Kunst beschäftigt, doch im Grunde seines Herzens gerne selbst Künstler wäre.
Hanna und Simon wollen aber keine Künstler sein. Bei Simon ist das vielleicht am deutlichsten: Er entscheidet sich für das künstlertypische Leben der prekären Existenz, aber er verzichtet dennoch auf das Lob und auf die Anerkennung, die der Künstler genießt. Weil er kein Künstler ist: Er ist ein Handwerker, der mit Künstlern lebt, mit ihnen spricht, sie versteht.

Und weil Tom Tykwer Leute wie Simon zeigt, Leute wie mich, deswegen kann ich „3“ nur empfehlen. Auch wenn es ansonsten einiges gegen diesen Film zu sagen gäbe, echt.