Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich lese ja praktisch keine Krimis. Die interessieren mich nicht besonders, auch wenn ich weiß, dass es da literarisch recht anspruchsvolle Exemplare gibt: Es gibt auch literarisch überaus anspruchsvolle Science-Fiction-Romane, die lese ich praktisch auch nicht, weil sie mich nicht interessieren. Meine Güte, ich lese schon nicht alles, was mich interessieren würde, weil ich keine Zeit habe, weswegen soll ich dann Sachen lesen, die mich nicht interessieren? Zumal ich glaube, dass „Der Sturm“, ein sogenannter „Schwedenkrimi“ von Per Johannson auch nicht wirklich zu den literarisch spannendsten Beispielen zählt. Jedenfalls, Per Johannson ist ein Pseudonym. Und zwar von Thomas Steinfeld und Martin Winkler, und Thomas Steinfeld ist Feuilletonchef der geschätzten Süddeutschen Zeitung. In „Der Sturm“ wird ein Journalist ermordet, und dieser Journalist trägt die Züge von Frank Schirrmacher, Feuilletonist und Mitherausgeber der weniger geschätzten aber geachteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so genau habe ich das nicht verstanden, und, wie gesagt, es interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Alles in allem ist „Der Sturm“ wohl so eine Art Hahnenkampf unter so Journalisten-Alphatierchen, und wenn mich etwas noch weniger interessiert als Kriminalromane, dann sind das Alphatierchen.

Jan Fleischhauer, notorisch unorigineller Rechtsausleger beim Spiegel hat das in einem für Fleischhauer-Verhältnisse ganz amüsanten Text so ähnlich analysiert. Es geht weniger um den Roman (der, wie ich annehme, das Lesen nicht lohnt, andererseits, woher nehme ich eigentlich diese Arroganz?), es geht über weite Strecken um die Person Schirrmacher, und weswegen Fleischhauer dem kritisch gegenüber steht, schließlich auch, weswegen er ihn eigentlich bewundert. (Man müsste sich wirklich mal Gedanken darüber machen, inwiefern dieser typisch rechte Hass auf alles Fremde in Wahrheit ein entsetzlich verkehrt sublimiertes homoerotisches Begehren darstellt.)

Und dann, in den letzten beiden Absätzen seines Textes, schmeißt Fleischhauer alles um. Plötzlich geht es nicht mehr um Schirrmacher und Steinfeld und Schwedenkrimis, plötzlich geht es ums Feuilleton. Fleischhauer schreibt:

Feuilleton ist in erster Linie Peergroup-Journalismus: Der eigentliche Adressat sind nicht die Leser, von denen der Chefredakteur ständig quasselt, sondern die Kollegen in den anderen Kulturabteilungen, also etwa 200 bis 300 Leute, die hoffentlich gehörig davon beeindruckt sind, wie virtuos man die Pussy Riots durch die Adorno-Mühle gedreht oder ein völlig unauffälliges Bürogebäude zum hässlichsten Hochhaus Berlins erklärt hat.

Man teilt sich die Vorurteile, die Kneipen und praktischerweise auch die Wohnviertel, also etwa fünf Kilometer rund um das Grill Royal in der Mitte der Hauptstadt. Kein Wunder, dass sich umgekehrt jemand allein durch die Tatsache verdächtig macht, wenn er dort nicht verkehrt, sondern lieber an seinem See am nächsten Bestseller sitzt. Das ist zwar ebenfalls elitär, aber auf eine so exzentrische Weise, dass es für diese Art kleinkollektiver Dünkelhaftigkeit völlig ungeeignet bleibt

Ich weiß nicht, weswegen Fleischhauer das macht. Ich fürchte, er saß am Ende seines Texts und stellte fest: „Meine Güte, ich habe einen ganzen Artikel geschrieben, und ich habe bisher kein einziges Mal auf eine Verschwörung hingewiesen, auf linke Eliten, die sich zusammenrotten und dem gesunden Volksempfinden mittels Political Correctness vorschreiben, was es zu denken hat! Das geht nicht, da muss ich noch ein Feindbild konstruieren, und weil Islam, Feministinnen oder Grüne partout nicht in meinen Text passen, nehme ich eben das Feuilleton.“ Wenn ich, Falk Schreiber, da mal aus meinem Nähkästchen plaudern darf: Ich glaube, der Adressat meiner Texte sind sehr wohl die Leser. Eigentlich war es in jeder Kulturredaktion, in der ich bislang war (und so wenige sind das ja nun nicht) so, dass einem immer eingebläut wurde, dass man bei seinen Texten nicht an ein Fachpublikum zu denken habe, auch nicht an die Redakteurskollegen, sondern bitte immer an die Leser. Und in der Regel wurde das auch immer befolgt. Ich glaube, der einzige, der diesem Ratschlag nicht folgt, ist der politische Feuilletonist Jan Fleischhauer: Der schreibt nicht für Leser, der schreibt dafür, dass Kollegen wie ich den Artikel lesen und sich beleidigt fühlen.

Wenn man allerdings die Kommentare unter dem Text liest, dann stellt man fest, dass Fleischhauer durchaus einen Nerv getroffen zu haben scheint. Journalisten sind per se schon nicht wahnsinnig beliebt in der Bevölkerung, aber besonders unbeliebt unter den unbeliebten Journalisten sind anscheinend die Feuilletonisten. „Das bestätigt meine wildesten Vorurteile gegen Journalisten des ‚Kulturteils‘ der Medien. Wie armselig und lächerlich ist das denn …… . Wie kann so ein Schreiberling denken, irgendwen außerhalb seines Biotops interessiert seinen Hass gegen einen Konkurrenten? Einfach nur abgrundtief infantil!“ schreibt „geleeman“. „(Dieser Skandal) ist der untaugliche Versuch der Feuilleton-Zombies dem Leser vorzugaukeln das Feuilleton habe Lebendigkeit. Diese Buchalter der politischen Korrektheit – die es für eine Unverschämtheit halten, dass Physiker ihnen vorschreiben, dass das Jahr 1968 schon der Vergangenheit angehört – schreiben im Feuilleton, weil jedermann/frau weiss, dass sie dort am wenigsten Schaden anrichten können. Außer ihren paar Hundert Gleichgesinnten liest es sowie so niemand und so können sie dort – befreit von der Last der Realität – an ihren Legenden arbeiten. Ärgerlich nur dass man diese ewig gestrigen durch den Kauf einer Zeitung mitfinanzieren muß“, schreibt „HolgerS“. „Wie gut muss es Deutschland gehen, dass wir uns Schirrmacher und Fleischhauer noch leisten können. Wenn es uns wirklich nicht gut ginge, wären das zwei Posten, die schnell von der Lohnliste runter könnten, ohne das ein wirklicher Verlust wäre. ;-)“ schreibt „lini71“. So immer weiter, Feuilleton ist „links“, nutzlos, bald kommt auch der Vorwurf des „Gutmenschentums“, den Fleischhauer-Fans immer schnell zur Hand haben. (Dass das Feuilleton der eher rechten FAZ tatsächlich einen leichten Zug nach links hat – geschenkt. Dass aber das Feuilleton der eher linken taz eher ins Bürgerliche tendiert, wird fröhlich ignoriert.) Könnten sie, dann hätten diese sympathischen Figuren Journalisten wie mich längst arbeitslos gemacht. Könnten sie, dann hätten sie noch ganz andere Dinge mit mir gemacht. Mir ist schlecht.

Ich muss aufhören, mir das alles immer so zu Herzen zu nehmen.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich wahnsinnig über Bild aufregen. Ich behaupte nicht, dass dieses Unterhaltungsmedium ein echtes journalistisches Angebot sei. Ich bin angewidert vom ultraemotionalisierten, antiintellektuellen Ton, mit dem die großen Schlagzeilen mich anbrüllen. Ich habe Probleme mit der politischen Macht dieses Mediums, mit der politischen Macht, die im Zweifel grundsätzlich nach rechts pendelt, chauvinistisch, sexistisch, sozialdarwinistisch, populistisch, rassistisch. Ich sehe die juristischen Taschenspielertricks, mit denen Bild arbeitet, Tricks, die darauf abzielen, Menschen verächtlich zu machen, Leben zu zerstören, grundsätzliche Persönlichkeitsrechte zu verletzen, regelmäßig dokumentiert im seit Jahren ununterbrochen lesbaren Bildblog. Würde ich einen Journalistenpreis erhalten, den auch Kollegen von der Bild bekommen, ich würde ablehnen.

Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, die 60-Jahre-Jubiläums-Bild ungefragt in den Briefkasten gesteckt zu bekommen. Fand ich müßig, auch ein wenig wohlfeil, so einen einfachen Protest. Inhaltlich möchte ich nicht über dieses Druckerzeugnis urteilen, zumal die Redaktion Kreide gefressen zu haben scheint, angesichts der Tatsache, dass wohl auch einige Bild-kritische Geister das Blatt im Briefkasten haben dürften. Mir ist allerdings unwohl dabei, dass ein Großteil der Empfänger das Machwerk gleich ins Altpapier stecken werden: was für eine widerliche Ressourcenverschwendung! Aber: Wenn der Springer-Verlag seine Texte verschenken will, dann soll er doch. Wobei, „verschenken“ ist das falsche Wort. Wie man hört, hat der Verlag seine Anzeigenpreise für diese Ausgabe verzehnfacht, auf vier Millionen Euro pro Seite – die Jubiläums-Bild ist, wenn diese Rechnung aufgeht, ein ganz schönes Geschäft für den Verlag. Das bezahlt wird von den Firmen, die hier Anzeigen geschaltet haben – und die werden ihre Ausgaben mit Sicherheit an ihre Kunden weiter geben, also an uns. Zumindest, wenn wir Kunden dieser Firmen sind.

Die folgende Liste soll kein Boykottaufruf sein, meinetwegen kann jeder kaufen, was er will. Aber überlegen, ob man eine Firma unterstützen möchte, die Bild ihr Geld in den Rachen wirft, das darf man schon. Die Jubiläums-Bild enthält Anzeigen von

Sky

VW

DHL/meinpaket.de

Lidl

Opel

Media Markt/Media-Saturn-Holding

Telekom

C&A

Haribo (Mist!)

Vodafone (über deren Netz dieser Post gerade online gestellt wird)

O2/Teléfonica

Auto Teile Unger

(Ich persönlich fände es übrigens auch wunderbar, gäbe es vergleichbare Listen auch mit Firmen, die Werbeblöcke im Privatfernsehen schalten.

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.

I got a letter from the government the other day.
I opened and read it; it said they were suckers.
They wanted me for the army or whatever,
Picture me given‘ a damn – I said never!
Here is a land that never gave a damn
About a brother like me and myself, because they never did.

(Public Enemy, Black steel in the hour of chaos, 1989)

Ich habe nicht gedient. Dass ich ausgemustert wurde, da bin ich nicht stolz drauf, vor allem, weil die Ausmusterung in erster Linie auf Grund einer Sexualmoral passierte, die schon damals überkommen war, einer Sexualmoral, von der ich allerdings profitieren konnte. Die Nachgeborenen können das vielleicht nicht verstehen, aber damals gab es für junge Männer gerade mal die Möglichkeit, zwischen Zivildienst und Bundeswehr zu wählen (wobei rechtlich diese Wahlmöglichkeit gar nicht existierte, man war juristisch gezwungen, zum Bund zu gehen, die Gewissensentscheidung, lieber Zivildienst zu machen, wurde nur starfrechtlich nicht verfolgt, in Ordnung war sie deswegen noch lange nicht). Die meisten meiner Mitschüler hatten solche Gewissensgründe, okay, die meisten Coolen, die meisten Netten. Die gingen ins Altersheim oder in die Behindertenwerkstatt, einer ging zum Bund für Umwelt und Naturschutz, über den witzelten wir, „Haha, Martin macht Zivi beim Bund!“
Die meisten Netten, die meisten Coolen fanden meine Ausmusterung scheiße. Auf die Schultern klopften mir die Arschlöcher, die schnell ihr knappes Jahr Bundeswehr runterrissen, um dann holterdipolter ins BWL-Studium zu jagen, panisch, weil ihnen ein Jahr gestohlen worden war, beim Rattenrennen. Mir war dieses Schulterklopfen unangenehm, sie dachten, ich wäre auf ihrer Seite. Die Bundeswehr, das war damals kein Dienstleistungsunternehmen, geschaffen, um die Interessen der deutschen Wirtschaft mit Waffengewalt durchzusetzen, das war eine pädagogische Einrichtung, ein Ort, an dem junge Männer aufs Vaterland eingeschliffen werden sollten, und die Arschlöcher sahen keine Möglichkeit, diesem Zwang zu entgehen, also wollten sie ihn so schnell und stumpf wie möglich hinter sich bringen.
Zivildienst war in meinen Augen nur eine Variante dieser pädagogischen Einrichtung. Zivildienst, Bundeswehr, hier wie dort sollte man sich selbstlos in den Dienst des Landes stellen, hier mit Gewehr, dort mit Windeln in der Hand. In den Dienst eines Landes, das ich von Herzen verachtete, Deutschland, frisch wiedervereinigt und besoffen vor Freude, Doitschland, reaktionäres und korruptes Kohl-Regime, keinen Finger krumm machen wollte ich für dieses Drecksland, dieses Drecksvolk. Deswegen hielt ich die Kritik der Netten aus, deswegen hielt ich das Schulterklopfen der Arschlöcher aus: weil ich tief in mir wusste, dass ich doch das richtige machte (wenn auch mit falschen Mitteln, unter Ausnutzung einer eigentlich abgelehnten Moral. Egal. Ich war kein Märtyrer, der als Totalverweigerer in den Knast gehen wollte, ich wollte einfach nur nicht Deutschland dienen).

Die Schwarz-gelbe Koalition macht, was Rot-Grün nicht einmal versucht hat: Sie schafft die Wehrpflicht ab. Der von mir herzlich gehasste Starverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon vor einem halben Jahr im Spiegel:

Faktisch wird sie (die Wehrpflicht, F.S.) in zehn Jahren wohl abgeschafft sein. Bei einer hochprofessionellen, bestens ausgerüsteten und flexiblen Einsatzarmee haben Sie kaum noch die Kapazitäten, Rekruten auszubilden.

Mit anderen Worten: In zehn Jahren werden junge Männer nicht mehr in meiner Situation sein. Sie können sich für eine Berufslaufbahn als bezahlter Schützenkönig in Afghanistan (oder wo immer die deutsche Wirtschaft gerade Interessensdurchsetzer braucht) entscheiden oder sie können sich gleich ins Bachelor-Studium stürzen, damit sie mit spätestens 22 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, als stille Reserve, die dazu dient, das Selbstbewusstsein unter Arbeitnehmern möglichst klein zu halten. Was es dann allerdings nicht mehr gibt: Zivildienst. Sozialverbände, Kirchen und kulturelle Institutionen als hauptsächliche Nutznieser der Zivis sind (mit gutem Grund) entsetzt, fielen damit doch unzählige billige Arbeitskräfte weg. Sicher, man könnte an ihrer Stelle reguläre Mitarbeiter einstellen, nur sollten die eben auch regulär bezahlt werden, und da haben die Träger plötzlich gar kein Interesse mehr dran, Heuchler, die sie sind. Also jammern sie.
Worauf Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plötzlich behauptet, dass der Zivildienst (der mittlerweile nicht mehr so heißen darf, weil der Zivildienst ja mit der Wehrpflicht abgeschafft wird) unglaublich wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, Kristina Schröder, deren Parteifreunde Zivis noch vor ein paar Jahren als verweichlichte Drückeberger beschimpft haben. Auf jeden Fall wirbt Schröder jetzt für einen Freiwilligendienst, der auch Älteren offen stehen soll, der ganz toll die Persönlichkeit bilden soll, der nicht zuletzt entlohnt werden soll mit dem atemberaubenden Betrag von höchstens 324 Euro monatlich. Die Arschlöcher, die nur möglichst schnell einen letzten Krümmel vom Karrierekuchen abbekommen wollen, spricht sie damit natürlich nicht an. Die Waffennarren, die unbedingt mal scharf schießen wollen, auch nicht. Und schließlich auch nicht diejenigen, die die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber verstehen. Wen sie aber anspricht, das sind die Leute, mit denen ich immer gut konnte. Die Leute, die glauben, dass ein freiwilliges Pflichtjahr ihrer Persönlichkeit gut tun dürfte. Die Leute, die glauben, dass nach Studium oder Ausbildung ohnehin nur die Arbeitslosigkeit auf sie wartet, weswegen sie die Zeit gerne mit einer unterbezahlten Tätigkeit füllen. Und die Leute, die glauben, dieses Volk hätte irgendwo einen Dank verdient, dieses Volk, Deutschland, hätte verdient, dass man ihm ein Jahr lang dient, demütig. Die Leute, die nichts dabei finden, Krankenpflegern, Hausmeistern, Hilfskräften den Job wegzunehmen.

Die Leute, die nicht merken, wie sie das System aus seiner Verantwortung entlassen: aus der Verantwortung, jedem Alten, Kranken, Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Danke auch.

Ich habe mich entschieden, nicht über Thilo Sarrazin zu schreiben. Über Sarrazin haben schon andere geschrieben, ausführlicher, weitergehender, schärfer und lustiger als ich es gekonnt hätte. Also steht hier nichts über Sarrazin.

Hier steht etwas über Mavericks.

Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Maverick“ einen Querdenker. Einen Menschen, der Ansichten vertritt, die nicht konform mit dem Mainstream gehen, und der diese Ansichten polemisch, satirisch, manchmal auch verletzend artikuliert. Der Maverick handelt oft aus purer Lust an der Provokation, meist aber, weil er durch seine Polemiken einen Diskussionsprozess in Gang setzen will. Ein Maverick ist ein von allen Seiten unabhängiger Intellektueller.
Solche Mavericks scheint es in den USA zu geben, in der Bundesrepublik gibt es sie nicht. Weil Querdenken in der Bundesrepublik heißt: rechts zu denken. Das muss man erklären. Wenn man in der europäischen politischen Diskussion nur lange genug nachdenkt, dann landet man früher oder später unweigerlich links. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Hildegard Hamm-Brücher anschaulich, wie der Rechtsruck der FDP unter Guido Westerwelle mit einer intellektuellen Verflachung einher ging:

Er (Westerwelle, F.S.) hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer. (…) Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns?

Wenn Intellektualität in der politischen Diskussion aber bedeutet, offen nach Links zu sein, dann kann ein Querschläger zu diesem Denken schlicht nur offen nach rechts sein. Und so agieren die selbst ernannten deutschen Mavericks auch: Sie geben das Denken auf und kämpfen stattdessen gegen alles, was nach Reform, Entwicklung und Hierachieabbau klingt, sie sind, ganz klassisch, Rechte.
Sie kämpfen gegen die Rechtschreibreform, die sie mit ihrem unbeholfenen Sinn für Ironie konsequent „Schlechtschreibreform“ nennen. Sie hetzen gegen die kreative Weiterentwicklung von Sprache und lästern über „Dummdeutsch“ und „Denglisch“. Sie suchen ihr Heil im klassischen Bildungskanon und gründen Bürgerinitiativen zum Erhalt der Gymnasien. Sie sind gegen das, was sie sich unter „Regietheater“ vorstellen, ohne den Begriff auch nur rudimentär mit Inhalt füllen zu können. Sie haben sich noch nie mit dem Konzept der „Political Correctness“ beschäftigt, sind aber davon überzeugt, dass alles, was auch nur von fern den Anschein erweckt, pc zu sein, von übel ist. Sie lassen sich vom Pöbel feiern und glauben, todesmutig gegen den Meinungsmainstream gekämpft zu haben.
Und kommen dabei doch erst im Mainstream an.
Es tut mir leid, ich muss doch noch einmal auf Sarrazin zu sprechen kommen. Sarrazin, der Kämpfer gegen Denkverbote, Sarrazin, der unbequeme Wahrheiten ausruft, die doch niemand auszusprechen wagt: Er tut das per Vorabdruck seines Buches. In Spiegel und Bild. Vorabdrucke in den reichweitenstärksten Medien des Landes! Und so jemand wagt es, für sich in Anspruch zu nehmen, unterdrückten Meinungen eine Stimme zu geben!

Es hilft nichts: Wer sich hierzulande als Maverick geriert, der ist so was von Meinungsmainstream, das tut schon weh. Er ist einfach von der linken Konvention mit fliehenden Fahnen zur rechten Konvention übergelaufen. Nur aufs Denken und auf Intellekt hat er unterwegs verzichtet.