Es gibt so Tage, an denen schäme ich mich richtig für meinen Beruf.

Tage, an denen sich in Wolgograd zwei schlimme Bombenanschläge ereignen, 31 Tote, in einer politisch aufgeladenen Situation, in einem Staat, dessen Führung jede Gelegenheit wahrnehmen dürfte, die Daumenschrauben anzuziehen. Da ereignen sich dann also zwei solche Anschläge, und der verantwortliche Redakteur der wichtigsten Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen bestimmt: „Lass mal, Wolgograd machen wir unter ferner liefen, die Startmeldung wird sein, dass ein deutscher Promi nach einem Skiunfall in Frankreich im Koma liegt. Er liegt im Koma, die Ärzte können nichts sagen, egal, wir machen einen Fünf-Minuten-Bericht, fünf von fünfzehn Minuten füllen wir mit der Nachricht, dass es keine Nachricht gibt. Und dann machen wir Wolgograd.“

Michael Schumacher liegt also im Koma. Michael Schumacher, 44 Jahre alt, Autorennfahrer. Ein Mensch, dessen Lebensleistung darin bestand, mit einem Rennwagen im Kreis zu fahren. Ein Mensch, der mit einer zutiefst umweltschädlichen, zutiefst sinnlosen Beschäftigung ein obszön großes Vermögen verdient hat. Ein Mensch, der fern der Piste durch die Alpen jagte, ein Mensch, der ausschließlich durch eigenes Verschulden, durch eigenes Fehlverhalten einen schlimmen Unfall erlitt. Ein Mensch, dessen widerwärtiges Verhalten die Tagesschau, ja, die wichtigste Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens, die Sendung für die ich meine „Demokratieabgabe“ eigentlich gerne zahle, rührselig verniedlicht: „Michael Schumacher liebte es, abseits der Piste zu fahren.“

Besteht die Möglichkeit, dass es unter den 31 Toten in Wolgograd jemanden gibt, bei dem Mitleid angebrachter wäre als bei so einem Typen?

Mit dem großen Interesse an einer Person des Zeitgeschehens argumentieren die Verantwortlichen. Und dafür verachte ich euch, Tagesschau-Redaktion: dass ihr euch nicht gegen dieses Interesse stellt. Dass ihr nicht sagt: Ja, es ist schlimm, wenn ein Mensch ins Koma fällt, aber 31 Tote in einer politisch aufgeheizten Situation sind objektiv schlimmer, wir melden den Unfall Schumachers da wo er hingehört: ohne Filmbeitrag, kurz vor dem Wetterbericht. Wir bedienen die Führersehnsucht des deutschen Fernsehzuschauers nicht, sondern wir lenken den Blick auf das, was wirklich wichtig ist. Und wenn dann noch Platz ist, machen wir einen Bericht über die Gefahren verantwortungslosen Skifahrens.

Aber okay, Michael Schumacher, Schumi, halt durch. Ich wünsche niemandem, dass er im Koma liegt, echt nicht.

17. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Vervettelung · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , ,

Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass die ARD das Finale von Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von einem undankbaren Sendeplatz auf einen noch undankbareren Sendeplatz verschoben hat. Das haben schon andere kommentiert, und ich wäre nicht so wahnsinnig origineller. Außerdem habe ich die Serie ja ohnehin nicht im Ersten geschaut, sondern einzelne Folgen im Frühjahr auf arte (und den Rest werde ich mir wohl demnächst mal auf DVD holen), da kann ich nicht behaupten, dass die ARD-Entscheidung für mich den Untergang des Abendlandes darstellen würde. Nicht schön ist das, gut, aber es gibt Vieles auf der Welt, das nicht schön ist. Darüber muss man nicht weinen.

Ich zahle GEZ-Gebühren, auch wenn ich nur wenig fernsehe. (Nämlich mal: Einzelne Folgen von „Im Angesicht des Verbrechens“ auf arte.) Ich zahle GEZ-Gebühren, weil ich glaube, dass es wichtig ist, ein Massenmedium zu haben, das unabhängig von den Wünschen der Wirtschaft agiert, im Kulturbereich und im Politikbereich. Wer das nicht glaubt, der braucht sich nur mal die Nachrichten der Privatsender anzuschauen, ich hoffe, dass er danach nicht mehr behauptet, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen unwichtig ist. Ich war immer der Meinung: In den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sitzen Journalisten, also Leute wie ich, und die machen ihren Job sehr gut. Das will ich honorieren, das will ich vor allem finanziell gut ausgestattet wissen.
Und dann schaue ich vergangenen Sonntag Tagesschau, das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Journalismus-Anspruchs. Und werde mit dem Aufmacher geschockt, dass eine südhessische Provinznase Weltmeister im Im-Kreis-Fahren geworden sei, kulturlos und laut und umweltschädlich. Als Aufmachermeldung. Aber nicht nur das, es blieb nicht bei der Meldung: Nachfolgend gab es eine gefühlt fünfminütige Reportage aus dem Heimatkaff des, Glückwunsch auch!, Weltmeisters. Dramaturgischer Höhepunkt: Während des Public Viewings in Südhessen fiel für kurze Zeit der Beamer aus (am Ende war aber alles gut). Andere Themen wie die Vorbereitungen zum CDU-Bundesparteitag, die Gesundheitsreform, die Freilassung von Aung San Suu Kyi mussten sich dafür ein wenig kürzer fassen, klar, ist ja auch nicht so wichtig. Ich kotzte.
Ulkigerweise scheint man sich auch in der Tagessschau-Redaktion für diese journalistische Meisterleistung zu schämen. Zumindest auf Youtube hat „Tagesschaubackup“ eine ungewöhlich verstümmelte Version eingestellt: Gerade mal 30 Sekunden wird vom Motorsport berichtet, dann geht es nach Karlsruhe zur CDU. Allerdings ist der Clip auch nur 12 Minuten lang, im Gegensatz zu den 15, die am Sonntag gesendet wurden.

Es ist so peinlich. Weswegen unterstütze ich das, bitte?

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