Menschen, die sagen, sie seien nicht auf Facebook, weil da nur Belanglosigkeiten ausgetauscht würden,
Menschen, die keinen Unterschied kennen zwischen Foren, Blogs und Sozialen Netzwerken,
Menschen, die denken, amerikanische Serien seien diese Filme, bei denen immer übertriebenes Hintergrundgelächter eingeblendet würde,
Menschen, die es als Auszeichnung verstehen, kein Smartphone zu haben
Und keinen Fernseher,
Menschen, die nichts gegen Schwule haben, aber!,
Menschen, die vom „öffentlich-rechtlichen Rotfunk“ sprechen
Und vom Gender-Mainstreaming, ohne Ahnung, was das eigentlich ist,
Menschen, die Angela Merkel „Mutti“ nennen
Oder „IM Erika“,
Menschen, die glauben, der „Tatort“ am Sonntag werde sicher gut, weil SpOn einen Verriss geschrieben habe,
Menschen, die voller Hass gegen Lehrer sind,
Gegen Journalisten, Politiker, Künstler, Juristen, Wissenschaftler, kurz:
Gegen alles, was kein Ingenieur ist,
Menschen, die glauben, man dürfe nicht sagen, wer an ihrer Misere schuld ist,
Die schweigende Mehrheit, die nicht mehr lange gewillt ist, stillzuhalten,
Der hässliche Deutsche.

Das geschätzte Festival Dockville findet dieses Jahr vom 16. bis 18. August statt, ist also noch was hin. Wöchentlich geben die Organisatoren erste Bands auf Facebook bekannt, bislang eher Kandidaten für die Nebenbühnen, Woodkid aus Reims etwa, die Crystal Fighters aus Navarra und London, Erdbeerschnitzel aus, öh, Berlin?, das sind Bands, die man nicht kennen muss, die man aber kennen kann. Jedenfalls waren die Kommentare auf die Bekanntgaben vergangenen Freitag recht vorhersehbar: „Alter. Ich kenne keine einzige Band! Bin ich ignorant?“, „Ich gehe seit 4 jahren zum dockville und kenne davon eine band. Große enttäuschung!“ oder „ääähhh kenn ich nix von?!“ hieß es da in Facebook-typisch problematischer Rechtschreibung. Die Dockville-Macher antworteten verhältnismäßig klar: „Dann hack Dich doch mal etwas rein in die Bands, dann kennst Du sie.“ Punkt.

Ist diese Antwort arrogant?

Nein, ist sie nicht. Niemand muss alles kennen, aber das ist ja das Schöne am Internet: Man hat die Möglichkeit, sich zu informieren. Es gibt Spotify, es gibt Vimeo, es gibt Youtube.

Anderes Beispiel: Eine Kollegin wirft mir vor, dass ich in einer Filmbesprechung den Namen Abbas Kiarostami nenne, ohne zu erklären, wer das sei. Abbas Kiarostami ist der Regisseur von „Quer durch den Olivenhain“, einem Film, der vor 20 Jahren auch in der Bundesrepublik im Kino lief, was natürlich verhältnismäßig wenig aussagt. Man muss den nicht gesehen haben, aber eine kurze Googlerecherche erklärt auch, mit wem wir es zu tun haben, mit zwei Klicks kann man Kiarostami einordnen: als bedeutendsten iranischen Regisseur der Gegenwart. Ist es wichtig, dass man das dazuschreibt? Während man wie selbstverständlich beim Namen „Brad Pitt“ nichts erklären muss, den kennt man ja? (Nebenbei gefragt: Wer definiert eigentlich, wen man kennt und wen nicht? Yellow Press wie die Bunte? Nichts gegen Brad Pitt, übrigens.)

Die Kollegin sagt, ich sei arrogant. Ich sage, es ist arrogant, sein Publikum zu unterschätzen. Das Publikum ist nicht so stumpf, das kann selbst ein wenig recherchieren, und wenn das Publikum sagt, das Dockville sei doof, die eingeladenen Bands sind so unbekannt, dann braucht es womöglich nur einen ganz kleinen Schubs, um sich mit den Bands bekannt zu machen. Der wunderbare Knarf Rellöm singt in „What’s that Music“: „Warum will die Mehrheit keine Veränderung? Weil sie doof ist? Zu einfach und gleichzeitig zu kompliziert. Weil sie doof gemacht wird? Zu verschwörungstheoretisch. Weil sie denkt, nichts anderes ist möglich, es gebe nichts anderes? Dann wären wir gefragt.“ (Hätte mir nicht irgendwann ein Musikjournalist Knarf Rellöm nahe gebracht, ohne zu denken, ach, Knarf Rellöm, über den müssen wir nichts schreiben, den kennt doch niemand – ich hätte diesen Musiker nie kennengelernt.)

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Jeder Kulturkritiker jammert, dass US-amerikanische Fernsehserien wie „Breaking Bad“ oder „Homeland“ so unvorstellbar besser seien wie der „Tatort“, ach was, wie jede x-beliebige deutsche Fernsehproduktion. Und das stimmt ja auch, nur, woran liegt das? Eric T. Hansen behauptet in der Zeit, dass das daran liege, dass die US-Popkultur eine antiintellektuelle Kultur sei, eine Fehlinterpretation, meiner Meinung nach. Ich denke eher, dass die US-Serien dem Zuschauer erlauben, etwas nicht zu wissen. Die Comedyserie „The Big Bang Theory“ handelt von einer Gruppe Physiker, und die unterhalten sich über Themen, die für sie wichtig sind – über Physik. Und zwar in einer Sprache, die schon Physiker benachbarter Disziplinen nicht mehr verstehen dürften. Versteht das der durchschnittliche Zuschauer? Nein. Ist das schlimm? Nein, nein, nein. Es ist sogar lustvoll: zuzugeben, dass man eben nicht alles versteht. Noch ein Beispiel? „My Name is Earl“, eine Familienserie, keine Fernsehkunst, sondern schlicht – Entertainment. In „My Name is Earl“ taucht die Latina Catalina (Nadine Velazquez) auf, und wenn die wütend ist, verfällt sie ins Spanische. Wer kein Spanisch kann, versteht ihren Sermon natürlich nicht, aber man darf annehmen, dass sie flucht. Macht sie aber nicht, sie sagt: „Ich möchte den Latinos unter den Zuschauern danken, dass sie die Sendung jede Woche einschalten. Und alle Nicht-Latinos möchte ich für das Lernen einer Fremdsprache beglückwünschen.“ Wäre dieser versteckte Gag lustig, hätte der Drehbuchautor sich zuvor überlegt, ob ihn alle verstehen? Nein, er ist nur deswegen lustig, weil ihn nicht alle verstehen.

Im deutschen Fernsehen wären Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „My Name is Earl“ unmöglich. Weil sofort ein Redakteur das Drehbuch zurückgehen lassen würde: Das versteht doch niemand! Und wer etwas nicht versteht, der schaltet ab! Der Redakteur denkt nicht an ein Publikum, er hat vergessen, dass er überhaupt ein Publikum hat, er hat nur noch eine Zielgruppe.

Und das ist arrogant.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen, Home of the Häuslesbauer.

Ich bin in Schwaben geboren und aufgewachsen. Ich mag die liebliche Landschaft im Norden des Bodensees, ich mag die schwäbische Küche, mag Zwiebelrostbraten und Spätzle und Seelen, ich mag es, wenn ein kalter Wind Nebelschwaden über die grauen Stoppelfelder der Albhochfläche bläst. Was ich nicht mag: die Religiosität der Schwaben, ihre Lustfeindlichkeit, ihren Konservatismus, ich wollte früh weg von dort. Ich habe Geisteswissenschaften studiert, ich mache beruflich „was mit Medien“. Ich wohne in einer norddeutschen Großstadt, im Zentrum, in einer verhältnismäßig großen Wohnung in einem Gründerzeitviertel. Ich lebe ein durchaus bürgerliches Lebensmodell, verheiratet, gesettlet, mit Freude an gutem Wein.

Ich bin der Typ, den Wolfgang Thierse nicht mag.

Thierse hat ja irgendwo recht mit seinem Bashing gegen die Schwaben, die den Prenzlauer Berg angeblich prägen würden (statistisch gesehen ist diese Meinung anscheinend nicht ganz richtig, andererseits, wer einmal versucht hat, Statistiken aufzustellen, weiß, dass das recht unzuverlässige Werkzeuge sind, die Wirklichkeit zu beschreiben). Zur Erinnerung: SPD-Politiker Thierse hat dem rechtskonservativen Springer-Blatt Welt ein Interview gegeben und sich darin über die Veränderungen in seinem Wahlkreis beklagt.

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. (…) Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause.

Was soll man darauf sagen? Ganz sicher nicht das, was Thierse aus dem Süden geantwortet wird, dieses bräsige „Wenn wir fleißigen Schwaben nicht fett in den Länderfinanzausgleich einzahlen würden, dann könnte Berlin aber mal sehen, wo es bleibt!“, das eigentlich genau die Vorurteile bestätigt, die Thierse in seiner ganzen Selbstgerechtigkeit vor sich herträgt. Es ist ja wirklich so: In Schwaben ist vieles nicht in Ordnung, es kommt nicht von ungefähr, dass ich da weg wollte. Es ist auch tatsächlich ein Problem, dass bestimmte Berliner Stadtviertel, der Prenzlauer Berg zählt sicher dazu, überschwemmt werden von Binnenmigranten, die gut ausgebildet sind, die (zumindest für Berliner Verhältnisse) gut verdienen, und die die eingesessene Bevölkerung aus dem Viertel verdrängen, nicht zuletzt, indem sie Wohneigentum erwerben. Letzteres ist aber eigentlich nicht die Schuld der Neuankömlinge, es ist die Schuld einer vollkommen verfehlten Wohnungsbaupolitik, die dem Eigentum immer den Vorrang gegenüber dem Mietwohnungsbau durch die öffentliche Hand gegeben hat, und die zumindest in Berlin federführend von Thierses eigener Partei verantwortet wurde.

Kein Problem ist meiner Meinung nach, wenn im Prenzlauer Berg eine Bäckerei aufmacht, die Wecken verkauft. Wer Schrippen kennt, der wird sich vielleicht freuen, wenn er auch mal etwas anderes angeboten bekommt, und wer Wecken nicht mag, der bekommt eine Ecke weiter Bagel, Börek, Pumpernickel, es ist doch alles da, das macht die multikulturelle Großstadt doch so charmant! Ich bin verletzt, wenn ein dummer, alter Mann mit dem Spruch von der Kehrwoche um die Ecke kommt, genauso, wie ich verletzt bin, wenn man mir hier im Norden erklärt, dass „im Süden ja alle katholisch“ seien – Schwaben ist mehrheitlich pietistisch geprägt, soviel verlangt ist es doch nicht, sich zu informieren, worüber man da spricht, oder? Mich verletzt es, wenn der Hamburger sich als Zentrum der Welt versteht, einer Welt, in der östlich von Bergedorf der unbestimmte „Osten“ beginnt (strukturiert gerade mal durch den nicht ignorierbaren Fettfleck Berlin in der Mitte) und südlich von Lüneburg ausnahmslos alles „Bayern“ ist. Und mich verletzt es, wenn Schwaben alle Klischees bestätigen, die über sie im Umlauf sind.

Fies, arrogant, überheblich-dumm, das sind natürlich nicht nur Berliner. Im großartigen „Tatort“ vorletzten Sonntag, „Der tiefe Schlaf“ aus München, bekommen die Kommissare (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) einen neuen Assistenten (Fabian Hinrichs), und sie machen das, was sie mit jedem Assistenten machen: Sie machen Witzchen, demütigen ihn ein wenig, zeigen, dass er nicht dazu gehört. Sie mobben ihn. Gisbert, der Assistent, ist aber auch wirklich nervig, er ist übereifrig, er ist besserwisserisch, er reißt mit dem Hintern ein, was er mit den Händen beziehungsweise seinem Superhirn aufgebaut hat. Vor allem aber ist er Preuße. Und das geht in München gar nicht.

Und als der Assistent dann, nach der Hälfte des Films, tot ist, verstehen die Münchner Polizisten die Welt nicht mehr. Sie haben doch nur Spaß gemacht, wie Wolfgang Thierse.

26. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Alle wollen mich immer nur körpern · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Eine zieht durch die Kneipen, gerät an den Falschen, ist tot. Einer säuft, als ersten Schritt auf dem langen Weg zur Liebe, zum Bumsen, und irgendwann ist der erste Schritt der einzige Schritt, um den es geht, da folgt nichts mehr, „Lernen sie oft Frauen in Kneipen kennen?“ „Wenn, dann hier.“ Einer ist eine arme Sau, ein anderer genauso, und so etwas wie Hoffnung bietet in dieser Welt nichts mehr, nicht hier, nicht im Frankfurter Gallusviertel, und am allerwenigsten Hoffnung bietet die Religion, deren überforderter Vertreter seine Überforderung wegsäuft, abends in der Sichtbetonhölle des katholischen Gemeindezentrums. „Alle wollen mich immer nur körpern, aber nie will mich jemand küssen“, so geht es hier zu.

Ich bin meinem Gelübde untreu geworden.

Eigentlich wollte ich nichts mehr schreiben zum „Tatort“, weil ich übersättigt bin, gelangweilt. Und dann zeigt der geschätzte Hessische Rundfunk am zweiten Weihnachtsfeiertag eine so mutig unweihnachtliche Folge wie „Im Namen des Vaters“, dass ich gar nicht anders kann, ich muss den Hut ziehen, vor Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, der sich hier traut, eine Welt absoluter Tristesse zu entwerfen, schonungslos, brutal, genau und nicht ohne bitteren Humor. Hier weiß jemand sehr detailliert, was er für eine Geschichte erzählen will, er kennt die Leute gut, von denen er erzählt, er kennt die Gegend, in der die Geschichte spielt, und dass er am Ende glaubt, den Krimikonventionen entsprechen zu müssen, dass er am Ende eine halbherzige Spannungsdramaturgie verfolgt, in der der jämmerliche Pfarrer (Florian Lukas) entführt wird, darüber sehe ich gnädig hinweg. Weil alles andere an diesem Krimi so gelungen ist.

Worüber ich nicht hinweg sehe, ist Nina Kunzendorfs Kommissarin Conny Mey. Die ist nämlich die spannendste Polizistinnenfigur im deutschen Fernsehen, laut, prollig, hochintelligent und angetrieben von einem guten Charakter. Jemand, in den ich mich sofort verliebe. Aber Kunzendorf hört auf, „Im Namen des Vaters“ war ihr vorletzter Fall. Und, tut mir leid, so sehr ich ihren Partner Joachim Król schätze, ohne Kunzendorf ist der Frankfurter „Tatort“ einfach nichts. Der „Tatort“ wird in Zukunft langweilig werden, ich schaue den nicht mehr. Und wenn, dann schreibe ich nichts mehr drüber.

Ach. Irgendwie passiert einfach nichts, zurzeit, in meinem Leben. Ich bin viel unterwegs, ich habe ziemlich aufwändig den Neustart des Theaters Bremen unter Michael Börgerding begleitet, und natürlich könnte man da drüber etwas schreiben, klar. Und ich schreibe ja auch, für Theater heute, im Dezember-Heft erscheint ein umfangreiches Feature. Aber dann noch einen zweiten Text, hier, für die Bandschublade, tut mir leid, da fehlt mir die Lust, die Inspiration auch. Ich könnte darüber schreiben, wie gerade der Journalismus (zumindest wirtschaftlich) den Bach runter geht, tschüss Frankfurter Rundschau (die mir immer wichtig war), tschüss Prinz (der für mich nie irgendeine Bedeutung hatte), damit würde ich offene Türen einrennen, andererseits, wer braucht das denn? Ich könnte wieder „Tatort“ besprechen, den am vergangenen Sonntag aus Dortmund fand ich recht gut, aber eigentlich wollte ich damit aufhören, mit dieser gierigen Klickhurerei, mit der Sucht nach Visitorverdopplung, nur weil man ein Mainstreamthema behandelt. Ich könnte darüber schreiben, wie eklig ich finde, dass Stefan Raab breitbeinig dasitzt und Testosteron versprüht, obwohl ich zugeben müsste, nie eine der Raab-Sendungen gesehen zu haben. (Ein Blog darf das, einfach nur ultrasubjektiv konstatieren, dass man nicht in einer Welt leben möchte, in der ein Stefan Raab irgendeine relevante Position inne hat, ein Blog darf auch Verwunderung darüber formulieren, dass Leute, die doch irgendwie geschmackssicher sind, Raab Respekt zollen, Respekt für was nochmal genau?) Andererseits, weswegen sollte ich? Ich könnte darüber schreiben, weswegen mich Katrin Göring-Eckardt nervt, weswegen mich Claudia Roth anwidert, und weswegen mich die ganzen Typen, die etwas gegen Roth haben, noch viel mehr anwidern, allein, was soll’s? Ich könnte mal wieder über Pop schreiben, darüber, wie großartig ich die neue Tocotronic-CD „Wie wir leben wollen“ finde, aber „Wie wir leben wollen“ erscheint erst im Januar, ich dürfte das Werk noch gar nicht kennen. Und irgendwie ist das das einzige Pop-Thema, das mich momentan umtreibt.

Ich könnte nach neuen Antworten suchen, was ich mit der Bandschublade eigentlich will. Auf jeden Fall will ich nicht: Erwartungen erfüllen, das, was ich in den vergangenen Wochen gefährlich häufig gemacht habe. Darüber mache ich mir jetzt Gedanken. Und währenddessen mag es hier vielleicht ein wenig langweilig sein.

Gerade noch rechtzeitig aus Bremen zurückgekommen, um „Tatort“ zu schauen. Endlich mal wieder aus München, „Ein neues Leben“, einen Krimi mit den Immer-noch-ganz-weit-vorne-Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Sich freuen, dass „Ein neues Leben“ kein betulicher Krimi ist, sondern ein Schocker, hart und konsequent, manchmal ein wenig an den Haaren herbei gezogen und manchmal auch klischeehaft, aber, hey!, ein Schocker darf das. Ein Schocker darf sogar die Liebe zwischen Psychopathin Isabella (Nina Proll) und Mäuschen Sandra (Mina Tander) als Abziehbild zeichnen, weil, ich weiß schon: Es gibt durchaus gleichgeschlechtliche Beziehungen, die nicht auf Manipulation, Irrsinn und Blut aufbauen. Selten, aber es gibt sie, und solange ich angespannt auf dem Sofa sitze, nehme ich die durchaus diskriminierenden Bilder insbesondere der weichgezeichneten Sexszene einfach mal hin. Nein, ich will weder Regisseur Elmar Fischer noch den Drehbuchautoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer etwas vorwerfen, ich will einen Post für die Bandschublade schreiben: dass „Ein neues Leben“ mal wieder ein richtig spannender, cooler „Tatort“ war, als wär’s ein Stück aus Kiel.

Und dann merke ich, dass ich überhaupt keine Lust habe.

Meine Beziehung zum „Tatort“ war viele Jahre eine ziemlich erfüllende Liebesbeziehung. Ja, man nervte sich auch mal, aber alles in allem war das schon weitgehend toll. Und irgendwie ist es das jetzt nicht mehr. „Hart ist nicht, wenn die Liebe vorbei ist“, meinte H. einmal sinngemäß, „hart ist der Moment, wenn man sich eingestehen muss, dass die Liebe vorbei ist.“ Und ich muss mir einfach eingestehen: Irgendwie wird das nichts mehr mit mir und dem „Tatort“, einer sicher guten Folge zum Trotz. Eine Woche der Nackenschläge: Die verehrte Nina Kunzendorf hat keine Lust mehr, in Frankfurt zu ermitteln. Der doofe Til Schweiger macht sich wichtig. Christian Ulmen und Nora Tschirner machen in Weimar, einer Stadt, die mich gelinde gesagt, überhaupt nicht interessiert, irgendwelchen komödiantischen Quatsch, der mich auch nicht interessiert. Leipzig. Ludwigshafen. Hannover. Das ist alles so langweilig.

Und deswegen schreibe ich heute einfach mal nichts. Weil mich „Tatort“, muss ich gerade leider sagen, zutiefst anödet.

„Den Standard der Reihe von einem leicht erhöhten Oben her performt“: Matthias Dell im Freitag. „Immer schön Tempo halten, aber bitte nicht theatralisch werden!“: Christian Buß auf SpOn. „Unterwanderung der ARD-Sonntagsunterhaltung durch pornographische Elemente„: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. „Dunkelrot zwischen grauen Gestalten“: der Stadtneurotiker. „Alle versuchen einander zu bescheißen„: der Wahlberliner.

Es mag an meiner persönlichen Biografie liegen, dass ich hier überkritisch bin, aber: Ich kann mit dem „Tatort“ aus Stuttgart nichts anfangen. Schwaben, das wäre ja durchaus lohnendes Krimiterrain, dieser absurd weit verbreitete Wohlstand, der erkauft wurde durch eine massive Verhässlichung von Landschaft und Lebenswirklichkeit, durch eine extrem formierte Gesellschaft, die alles Abweichlertum bestraft, da ließe sich nachspüren, ob und wenn ja welche Kriminalität als Surrogat wirksam wird. Ein Regisseur wie Christian Petzold versuchte das einmal, in „Toter Mann“ (2001), einem ganz großen Film Noir, der einen wünschen ließ, dass Petzold vielleicht einmal einen „Tatort“ inszenieren würde, aber „Tatort“ und Petzold, das wird nicht passieren, das ist unter der Würde dieses Regisseurs. Wenigstens ein paar Abgründe zwischen Neckar und Donau aufdecken wollten die alten Stuttgarter Krimis mit Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck), wobei die filmästhetisch so jenseits von Gut und Böse waren, dass man sie nicht guten Gewissens anschauen konnte. Die aktuellen Krimis hingegen sind filmisch halbwegs up to date, dafür hat man aber allen inhaltlichen Anspruch aufgegeben.

Das geht schon beim Ermittlerteam los. Richy Müller legt seinen Kommissar Thorsten Lannert überdeutlich als „Ich bin ein gebrochener Mann, aber gerade deswegen bin ich so sexy“-Klischee an. Und Jungkompagnon Felix Klare als Sebastian Bootz schmiert einen „Ich lebe eine total gleichberechtigte Ehe auf Basis traditioneller Familienwerte“-Schmonzes hin, dass man nicht anders kann, man muss diese Rolle als Propaganda für konservative Familienpolitik sehen: Hey, es ist okay, wenn der Mann arbeitet und die Frau zu Hause im Vorort bleibt! Solange man sich liebt! (Dass Bootz‘ Frau Julia in der aktuellen Folge „Tote Erde“ an einer schweren Krankheit leidet, nährte kurz die Hoffnung, dass die verehrte Schauspielerin Maja Schöne sich nicht mehr länger für solch einen reaktionären Schrott hergeben würde, aber: „Die Heilungschancen stehen nicht gut. Sie stehen sehr gut!“ heißt es am Ende. Geht anscheinend doch weiter. Naja, Schöne muss auch ihre Miete zahlen.) Außerdem gibt es eine Staatsanwältin (Natalia Wörner, die ist neu, bislang war das doch so eine Dunkelhaarige mit spanischem Hintergrund, gespielt von Carolina Vera, die allerdings einen ganz ähnlichen Frauentyp verkörperte: ultrakompetent und ultrasexy), die in ihrer ausgestellten Verliebtheit nicht so recht ins Schwäbische zu passen scheint: In Schwaben wird Sexualität schuldbewusst erduldet und nicht lustvoll gefeiert, wer so lebt wie diese Henrike Habermas (Drehbuchautor Wolf Jakoby und Regisseur Thomas Freundner bekommen einen doppelten Tritt gegens Schienbein fürs Ausdenken dieses Rollennamens), der bringt es in Stuttgart nicht einmal zur Rechtsreferendarin.

Der Fall jedenfalls ist so unübersichtlich wie blöde: Ein Politikwissenschaftsstudent („Powis, das sind die ganz Harten!“ sagt Lannert, eigenartig: Während meines gesamten Politikstudiums hörte ich noch nie die Abkürzung „Powi“, und als allzu hart empfand ich mich auch nicht, aber vielleicht ist das heute anders?) stürzt bei einer Protestaktion gegen Umweltsünder von einem Brückenpfeiler. Weswegen die Polizisten überhaupt nachprüften, ob bei diesem Absturz nachgeholfen wurde, ist nicht so ganz klar, jedenfalls sind sie erfolgreich: Der Ökoaktivist wurde mit einem Luftgewehr beim Klettern beschossen, außerdem hatte sein Körper so viel Schadstoffe intus, dass er ohnehin in Kürze gestorben wäre. Weiterhin treten auf: ein weiterer ganz harter „Powi“ (Philipp Quest), dessen etwas naive Ex-Ex sowie Ex des Toten (Paula Kalenberg), ein fieser Montenegriner (Ljubisa Lupo Grujcic), eine schwäbisch-indische Wahrsagerin (Katharina Heyer), Nichte eines ultrasympathischen, typisch-schwäbischen mittelständischen Unternehmers (Mark Waschke) auf dem Sprung zum Global Player, der Staatsanwältin Habermas vögelt (man sieht aber nur den Brustansatz). Es ist alles unglaublich verworren, Dreck beziehungsweise kontaminierte Erde am Stecken hat am Ende der vielleicht doch nicht so sympathische Habermas-Beschläfer, die eigentliche Mörderin war allerdings die wahrsagende Inderin, weil die nämlich mit einer Stiftung groß ins Ökogeschäft einsteigen wollte, was ihr die zwar harten aber alles in allem allzu idealistisch-naiven Powis kaputt gemacht hätten. Tja.

Und das ist inhaltlich so dünn, so grottig gespielt, so uncharmant und ohne Gespür für die Location gedreht, dass mir klar wird: Meine Biografie kann nichts dafür, dass ich die schwäbischen Krimis nicht mag. Die sind ganz schlicht schlecht.

(„Die Handlung dieses Krimis mäandert halt gar so klischeehaft dahin“: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. „Die SWR-Tatorte gehen runter wie totalrationalisiertes Weltraumessen„: Matthias Dell im Freitag. „Ab auf die Deponie damit“: Christian Buß auf SpOn. „Ein Brückenpenner kommt nicht vor im Tatort, wie auch Überraschendes nicht vorkommt„: Holger Gertz auf sueddeutsche.de. „Es gibt nichts Neues, nichts Erbauliches, kein Aha, sondern nur noch ein müdes: War eh klar„: der Wahlberliner. „Ein bisschen Mystik, ein bisschen politische Korrektheit, ein bisschen Korruption„: der Stadtneurotiker.)

Wir werden einfach keine Freunde mehr, der „Tatort“ vom Bodensee und ich. Zu gefühlig ist mir das alles, zu narrativ anspruchslos, zu wenig wird dem Zuschauer hier zugemutet, sowohl in Bezug auf die Drastik des Gezeigten als auch in Bezug auf das Infragestellen klarer Gut-Böse-Scheidungen. Das ist nichts für mich, sieht man einmal von den kurzen Ausflügen der Reihe zum wüsten Trash vor ein paar Folgen („Der Polizistinnenmörder“, 2010) ab. So ist das, mit Konstanz.

Aberaberaber.

Von meinem persönlichen Geschmack abgesehen, lässt sich die aktuelle Bodensee-Folge „Nachtkrapp“ gar nicht einmal so übel an, wie es die teils heftigen Verrisse im Vorfeld vermuten ließen. Inhaltlich haben wir es mit einem verhältnismäßig konventionellen Lustmord-Krimi zu tun: Ein Junge wurde aus dem Schullandheim entführt, missbraucht und umgebracht, die Spur führt zum pädophilen Holger Nussbaum (Hansa Czypionka), den der (wie wir seit dem ersten Fall vor zehn Jahren wissen: mittlerweile tote) Mann von Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) einst hinter Gitter brachte und der seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Weil der tote Junge mit einer Schweizer Jugendgruppe am Bodensee war, gibt es noch ein wenig gar nicht so unplausible Kompetenzstreitereien mit dem Thurgauer Polizisten Lüthi (Roland Koch, der auch nichts dafür kann, dass er den Namen eines extrem unsympathischen Politikers trägt). Nach und nach werden die Verdächtigen abgeklappert, darunter auch der Herbergsvater (der große Hendrik Arnst, den man lange nicht mehr sah, man machte sich schon Sorgen) und der mitgereiste katholische Jugendpfarrer (Pfarrer: „Ich geh‘ mich um die Kinder kümmern.“ Herbergsvater: „Wie Pfaffen sich um Kinder kümmern, das weiß man ja!“, wunderbarer Dialog), das ist ein wenig öde, aber gar nicht so dumm, der Verbrecher wird hier eben nicht als der unbekannte Schänder hinterm Busch imaginiert, sondern als Vertrauensperson aus dem Nahbereich, was zwar der Realität entspricht, im Fernsehkrimi aber meist sträflich vernachlässigt wird. Am Ende ist es einer der Verdächtigen, und, klar, es ist derjenige, der bis dahin am sympathischsten wirkte. Das Ganze wird von Kameramann Ralf Nowak in hübschesten Herbstbildern gezeigt, der See: eine blassgraue Traumlandschaft, in der verwunschene Jugendherbergen stehen, in eigenwilligen Bildausschnitten fotografiert.

Leider verliert der Krimi nach ungefähr 45 Minuten an Stringenz: Nussbaum entführt Kommissarin Blum, weswegen ist nicht ganz klar, aber es gibt Gelegenheit, ein paar Ausflüge in die Schweizer Bergwelt um den Säntis zu zeigen (diese Schweizer! Überall stehen verlassene Bunker rum!) und außerdem das eidgenössische Unternehmen Postauto mehr als einmal deutlich ins Bild zu rücken. In Geiselhaft erfährt Blum, dass Nussbaum a) sehr wohl pädophil ist aber b) den Jungen nicht getötet hat. Was bedeutet: Der wahre Mörder läuft noch frei rum, und ein Objekt seiner Begierde steht auf dem Bootssteeg, wartet darauf, dass ein Fisch anbeißt, wo es selbst doch kurz davor ist, filettiert zu werden! Man versteht nicht so recht, weswegen der mittlerweile geläuterte Nussbaum Blum zwar die Möglichkeit gibt, die Kollegen in Konstanz telefonisch zu warnen, dann aber mit ihr durch die halbe Schweiz zurück an den Bodensee fährt, wo Kommissarin und Pädophiler gerade noch rechtzeitig ankommen, um den mittlerweile entführten Jungen zu retten (wo ist jetzt eigentlich die Konstanzer Polizei?). Wie das Drehbuch (Melody Kreiss) ohnehin recht frei mit geographischen Gegebenheiten umgeht (Hallo? Wenn die Schweizer Polizei eine Leiche auf dem Bodensee findet, dann wird sie diese doch wohl erstmal ans Ufer holen! Und sie dann nicht gerade mit einem Schiff nach Konstanz bringen, das ebenso wie die Schweiz am Südufer des Sees liegt!), das ist ja leider Usus in Konstanz. Dass der deutsche Fernsehkrimi sich keine andere Lösung für einen Pädophilen vorstellen kann als den Tod, entweder wie hier durch eigene oder aber durch Polizistenhand, das stößt auch ein wenig unangenehm auf. Aber dennoch: Regisseur Patrick Winczewski hat mit „Nachtkrapp“ deutlich besseres abgeliefert, als man erwarten durfte.

„Ziemlich plump entwickelter Plot“: Christian Buß auf SpOn. „Kühl und finster“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Dienst nach Vorschrift“: Matthias Dell im Freitag.

Ach, was hatt‘ ich mich gefreut. Endlich wieder „Tatort“ aus dem Pott, dacht‘ ich, Pott ohne die doch schwer unter dem Staub der Achtziger liegende Schimanski-Ästhetik, außerdem aus Dortmund. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund speziell sind so eine Art Sehnsuchtsorte für mich, ich hatte mich wirklich gefreut auf diesen ersten Dortmunder „Tatort“, „Alter Ego“.

Hömma! Was‘ das denn? „Alter Ego“ ist ein Desaster, und das liegt nicht am Fall. Der ist 08/15, Klemmschwuppe mit Vaterkomplex meuchelt offensiv lebende Schwule, weil die ihn emotional anfassen, dafür gewinnt Autor Jürgen Werner keinen Originalitätspreis, aber das kann man machen, gerade wenn man ein neues Team einführen muss. Dass „Alter Ego“ so misslungen daher kommt, liegt auch nicht am Team, das ist nämlich klasse. Jörg Hartmann als depressiver Stinkstiefel, Aylin Tezel als hardboiled Kekilli-Lookalike, Anna Schudt als Queen of Cool und schlechte Laune, Stefan Konarske als intellektuell nicht übermäßig beschlagener Sympathiebolzen, das sind kurz angerissene Biografien, die allesamt Lust machen, dass wir mehr über sie erfahren und die auch eine gewisse Spannung im Zusammenspiel versprechen. Nein, dass „Alter Ego“ so misslungen ist, das liegt ausschließlich an der Inszenierung des beim „Tatort“ viel beschäftigten Thomas Jauch.

Geht schon los, mit einer Sexszene, die so bieder abgefilmt ist, dass man glaubt, in einem garantiert jugendfreien Fitnessvideo gelandet zu sein, und die zumal gegengeschnitten wird mit Bildern des ersten Mordes, wobei man durchaus fragen darf, was solche eine Parallelführung von Sex und Gewalt eigentlich inhaltlich bedeuten soll. Geht weiter: mit Bildern (Kamera: Clemens Messow), die an die üble Videoästhetik der Mittneunziger-Berlin-Krimis erinnern, billigste Bilder, die mit Reißschwenks und vollkommen unmotivierten Zooms kaschiert werden. (Kinners! Das kann vielleicht Dominik Graf, die Beschränktheit der Mittel so ausstellen, dass man kapiert, was für eine ästhetische Entscheidung dahinter steht, Thomas Jauch aber kann das nicht!) Geht immer noch weiter: Weil dieser Krimi eigentlich überall spielen kann, haut man ein paar blaustichige Bilder von Sehenswürdigkeiten und Klischees dazwischen, das Dortmunder U, Zechentürme, am ärgsten: einen Taubenzüchter (Uli Krohm, der allerdings als Vater eines Opfers ein schauspielerisches Kabinettstückchen abliefert, inklusive der Jahrhundertsätze „Was haben die denn alle dagegen, wenn jemand anders ist? Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn die alle gleich sind“, der sich einerseits auf den aus der Bergmannstradition gefallenen schwulen Sohn bezieht, andererseits auf die Gentrifizierungstendenzen in Dortmunder Arbeitervierteln). Geht immer noch weiter: Die Kommissare ermitteln in einer Schwulenbar (wer sehen möchte, wie man so etwas klug, originell und nicht diskriminierend inszeniert, der schaue den alten Münchner Krimi „Liebeswirren“!), und vor der Bar treffen sie, hach wie peinlich!, die Borussenkumpels vom Sympathiebolzenbullen. Die ein solch billiges Bild abgeben, eine Handvoll gelbschwarzer Schalträger in der ansonsten leeren Dortmunder Innenstadt, dass man nicht umhin kann, sich vorzustellen, wie die Diskussion bei der Produktion gelaufen sein muss: „Wir brauchen da eine große Menge Fußballfans!“ „Hm, ja, für fünf Komparsen reicht der Etat noch.“ „Scheiße. Naja, dann staffieren wir sie am besten möglichst trottelig aus, dann wird das schon.“ Nein, Regie, das wird nicht! Im Gegenteil, das sieht lieblos aus, billig und nicht so, als ob ihr euch auch nur annähernd Gedanken gemacht hättet, was ihr mit euren Bildern eigentlich erzählen wollt!

Ich bin wrklich verärgert, echt jetzt. Und nur, weil ich glaube, dass in diesem Team noch ziemlich viel Potenzial steckt, freue ich mich jetzt schon auf die nächste Folge aus Dortmund. (Das ist wie beim Fußball. Nur weil die Borussia einmal verliert, bleibt der Fan am nächsten Wochenende doch auch nicht zu Hause.)

„Als wär’s die 72. Lena-Ödenthal-Folge“: Matthias Dell im Freitag. „Menschen sollte man machen lassen“: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. „Anschluss verpasst“: Christian Buß auf SpOn. „Viel Potenzial, aber Luft nach oben“: der Wahlberliner. „Die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze“: die Revierpassagen.

Der „Tatort“ aus Bremen hat irgendwie keinen so besonders guten Ruf. Keine Ahnung, woran das liegt, vielleicht: Weil Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) nicht ins Fernsehformatklischee passt, weder jung ist noch sexy noch wirklich sympathisch? Und gleichzeitig all das zusammen, na gut, bis auf die Jugend, wobei die 58-Jährige da in aller Coolness auch gar nicht mitzuschwimmen versucht? Weil Bremen das in der Regel von rechts gedeutete Genre Kriminalfilm immer mal wieder von links denkt, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der den „Tatort“ bestückenden ARD-Anstalten, ganz im Gegensatz zu Hannover, Ludwigshafen, Konstanz? Und weil das dem meist auch eher konservativen „Tatort“-Schauer unangenehm aufstößt, dieses Bewusstsein: Der Feind steht meist rechts? Oder, vielleicht doch: Weil die Fälle aus Bremen doch von arg schwankendener Qualität sind, mal ein wunderbarer Herbstfilm wie „Stille Tage“ (2006), mal eine über jedes Ziel hinausschießende 9/11-Verschwörungstheorie wie „Sheherazade“ (2005), mal ein vollkommen durchgeknallter Schmonzes wie „Requiem“ (2005). Und dann leider auch ein unausgegorener Genremix wie „Hochzeitsnacht“, der aktuelle Fall.

„Hochzeitsnacht“ gehört zum Subgenre „Stadtkommissare fahren aufs Land“. Das gibt es bei nahezu jedem Team mal, Hannover baut ausschließlich auf solche Fälle, die eigentlich immer als groß besetzte Ensemblefilme daherkommen, allerdings auch schnell Gefahr laufen, allzu formatiert zu wirken. Immer geht es um dunkle Geheimnisse auf dem Dorf, von denen niemand etwas erfahren darf, immer sind irgendwie alle schuldig, immer ist das erotische Begehren ein dumpfes, dunkles Gruseln. In „Hochzeitsnacht“ wird dieses Subgenre allerdings gepimpt, indem es mit einem weiteren Subgenre verschmolzen wird: dem Geiselnahme-Thriller. Kommissarin Lürsen ist irgendwo in der platten niedersächsischen Einöde auf einer Hochzeit, als Begleitung ihres Untergebenen Stedefreund (Oliver Mommsen): Der Sohn von Stedefreunds Ex-Ruderkumpel heiratet, und der Eingeladene nimmt seine Chefin mit. (Macht man das so? Wenn man Single ist und zu wildfremden Menschen aufs Dorf fährt, dass man dann seine Vorgesetzte bittet, einen zu begleiten? Ich meine, nichts gegen meine Chefin, aber das passt irgendwie nicht.) Die Hochzeit wird überfallen, von Simon (Sascha Reimann aka Ferris MC) und Wolf (Denis Moschitto), der aus dem Kaff stammt und vor Jahren beschuldigt wurde, die Dorfschönheit umgebracht zu haben. Simon will nur die Kohle der Hochzeitsgäste (was nicht unbedingt für seine Intelligenz spricht: Er glaubt, dass ein Raubüberfall im Dorfgemeinschaftshaus wahnsinnige Reichtümer versprechen dürfte), Wolf will den wahren Mörder fangen. Die Handlung macht so ihre Kapriolen, Stedefreund verliert seine Hose und begegnet einem Wolf (einem Tier, nicht dem Geiselnehmer) irgendwo in der wunderschön gefilmten nordwestdeutschen Moorlandschaft, da rutscht der Film ganz kurz in Richtung Klamotte, dann aber gibt es wieder Szenen von arger Brutalität, der Film zeigt stellenweise eine Härte, die man dem Sonntagabendprogramm nicht zugetraut hätte. Und: Der wahre Mörder geht ebenfalls um, im Dorfgemeinschaftshaus. Erst wird ein Mitwisser gemeuchelt, dann beinahe noch Kommissarin Lürsen, derweil Stedefreund sich vor der Tür mit dem aus Bremen eingetroffenen SEK kabbelt. (Weswegen eigentlich aus Bremen? Polizei ist doch Ländersache, da müssten die doch aus Hannover oder aus Osnabrück oder wo auch immer herkommen, aber doch nicht aus dem polizeilichen Ausland Bremen?) Am Ende stürmen die Polizisten die Hochzeitsgesellschaft, und weil noch zehn Minuten über sind, wird der wahre Mörder ebenfalls noch gestellt. Es ist so uninteressant.

Und wenn ich nicht wüsste, dass die Macher dieses Films, Florian Baxmeyer (Regie) und vor allem Jochen Greve (Buch), auch ganz anders können, zumal Greve auch „Stille Tage“ geschrieben hat, dann würde ich übersehen, was für eine tolle Performance Sascha Reimann da abliefert, dann würde ich einstimmen in den Chor der Bremen-Verächter. So sage ich: War eben nichts, diesmal.

„Das Ergebnis ist ein Desaster“: Christian Buß auf SpOn. „Fancy Rollladenrunterlassen mit dem Teppichmesser“: Matthias Dell im Freitag. „Wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen“: Jakob Hein auf tatort-fundus.de. „Überwiegend blass“: der Wahlberliner.