09. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Der Betonfleck an der Förde · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , ,

Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht. Ich meine, natürlich spielt Sibel Kekilli ihre Kieler „Tatort“- öh, Kommissarin? Was ist Frau Brandt denn überhaupt für ein Dienstgrad? Egal, natürlich spielt Kekilli die Sarah Brandt ganz bezaubernd, so wie Kekilli so ziemlich alles ganz bezaubernd wegspielt. Aber: Was ist das für eine Rolle? Weswegen ist Brandt immer so naseweis, ein paar Sekunden später kekst sie ihren Chef ganz unnötig aggressiv an, und noch ein wenig später treibt sie eine Zeugin in die Enge, mit Worten erst, dann auch mit konkret körperlicher Gewalt, und das, obwohl der arme Junkie Roswitha (Peri Baumeister) doch nicht verdächtig ist, sondern sich nur zurecht Sorgen um den entführten Sohn macht. Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.

Ansonsten ist dieser „Tatort: Borowski und der stille Gast“ natürlich ganz großartig. Erstens weil Lars Eidinger den Bösewicht spielt (den Bösewicht, der so böse vielleicht gar nicht ist … oder?), Lars Eidinger, den ich mehrfach schon in  schlechten Filmen gesehen habe, der aber selbst noch nie schlecht war (der bei seiner Drehbuchauswahl höchstens langsam mal aufpassen muss, dass er nicht auf die Serienkiller-Rolle festgelegt wird), Lars Eidinger, der mir vor einem Jahr fürs uMag das wahrscheinlich beglückendste Interviewerlebnis meiner bisherigen Journalistenkarriere schenkte, Lars Eidinger, dem man nur beim Brezelessen oder beim Zähneputzen zuschauen muss, und schon weiß man: Da zittert etwas hinter diesen Augenlidern, etwas Ungreifbares, Unheimliches. Da kann das Drehbuch (Sascha Arango) gerne Standardsituationen aus der Thrillerschublade aneinander reihen, da kann die Regie (Christian Alvart) mangelnde Originalität mit schick aussehenden Mätzchen zu kaschieren versuchen – sobald Eidinger mitspielt, nimmt man das hin, ich meine, Eidinger schaffte es schon vor zweieinhalb Jahren, den unerträglich seichten Ludwigshafen-Krimi „Tod auf dem Rhein“ mit einer ganz ähnlichen Performance wie hier halbwegs erträglich zu machen, und „Tod auf dem Rhein“ spielte eben nicht in Kiel.

Und das ist der zweite Grund, weswegen ich beglückt bin von diesem Krimi: Kiel. Hier traut man sich noch an eine Setzung, man behauptet einfach, dass Kiel, dieser Betonfleck an der Förde, die skandinavischste Stadt Deutschlands sei, weswegen man folgerichtig hier Schwedenkrimis (Naja, Schwedenkrimis ohne die rechtssozialdemokratische Moral der Vorlagen, ohne dieses „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber dass die alle hierher kommen und Verbrechen begehen, finde ich doch nicht so gut“, das bei Henning Mankell immer so unangenehm durchscheint) drehen könne. Da ist zwar überhaupt nichts dran, aber wenn man so eine Setzung macht, dann hat man einen Freibrief, die Schlagzahl zu erhöhen. Die Mörder sind jedenfalls unheimlicher, die Taten blutiger und die Ermittler (Borowski, Meister aller Klassen: Axel Milberg) kaputter als andernorts in Tatortland. Ach ja, zu den Ermittlern vielleicht noch: Eigentlich hat die Rolle des Kriminalrats Schladitz (Thomas Kügel) es nicht verdient, immer nur als halbtrotteliger Comic Relief verheizt zu werden, ein Minuspunkt für „Borowski und der stille Gast“. Überhaupt, wer braucht denn etwas zu lachen, in einem Krimi wie diesem?

Schließlich Borowski selbst. Der ermittelt nun auch schon seit rund zehn Jahren im Norden, und tatsächlich ist die Figur gewachsen, durfte sich entwickeln, vom halbwegs realistisch gezeichneten Polizisten der frühen Jahre (gab es nicht einmal auch einen Assistenten mit Migrationshintergrund, dem islamistische Tendenzen unterstellt wurden?) über die erotisch aufgeladenen, teilweise ins Absurde lappenden Fälle an der Seite der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) bis jetzt zu den an die Nieren gehenden Thrillern mit Besserwisserpolizistin Brandt. Und jede Phase: besser als die vorangegangene.

Ein paar Fragen sind offen: Geht das weiter, mit Sarah Brandt, die nach drei Fällen endlich als Epileptikerin geoutet ist, was sie ja eigentlich dienstunfähig machen dürfte? (Und: Falls es weiter geht, dann wird es ein großes Problem für Borowski geben, dass er ihre offenbare Krankheit verschwiegen hat, oder?) Ist die Figur Schladitz noch zu retten, oder bleibt das eine Knallcharge? Vor allem aber: Ist der Mörder am Ende eigentlich aus dem Krankenwagen entkommen? Gruselig!

„Es ist immer so eine Sache mit diesen Krimis, die nicht nach dem sogenannten ‚Whodunit‘-Prinzip funktionieren“: Kai-Oliver Derks auf tatort-fundus.de. „Kiel ist momentan state of the art“: Matthias Dell im Freitag. „Mama, Spanner, Kind“: Christian Buß auf SpOn. „Schüchtern stammelndes Phantom mit Hornbrille“: Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt. „Autor und Regisseur verließen sich zu sehr (…) auf den Ersatzschlüssel“: der Stadtneurotiker. „So endet eine große Liebe mit einem gewaltsamen Tod“: der Wahlberliner.

06. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“ · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Vielleicht musste der Superbulle ja so enden: mit einem ganz großen Wurf. Mit einer Auftragskillerin (Corinna Harfouch), die erstens autistisch ist und zweitens todkrank, Leukämie wahrscheinlich. Einem Mörderinnensohn (Jonas Nay), der eine Mischung aus Norman Bates und Schanzenjüngling darstellt und nach der Hälfte von der Mutter beiläufig gemeuchelt wird. Eine Bankerrunde, die heftigst overacted, besoffen vom Adrenalin. Einer Superbullenfreundin (die wunderbare Anna Bederke), die den gesamten Film über barfuß, blutbesudelt und derangiert durch die Szene stolpert. Und dem Superbullen selbst, Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der schon in den ersten Szenen dieses „Tatorts: Die Ballade von Cenk und Valerie“ erschossen wird. Groß. Pathetisch. Heftig.

Die Figur des Cenk Batu ist eine starke Setzung im „Tatort“-Konzert: kein Kommissar bei der Mordkommission, wie die ganzen Kollegen von München bis Leipzig, sondern ein verdeckter Ermittler, ein geschichtsloser Zombie in einem Penthouse dieses von mir immer mehr gehassliebten Hamburg, der von Fall zu Fall in bestimmte Szenen eingeschleust wird. Das macht die Geschichten mit Batu schwierig, weil der Aufbau solch eines Krmis immer ähnlich ist: 1. Verdeutlichung des Themas 2. Einschleusen Batus bei den Bösen 3. Überraschende Wendung 4. Aufdeckung der wahren Identität Batus 5. Schluss/Action. Irgendwann dürfte solch eine stark formatierte Drehbuchästhetik langweilen, entsprechend ist es sinnvoll, dass Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner die Figur sterben lässt, nach nur fünf Krimis (wenn ich richtig gezählt habe). Selbst um den Preis, dass ich immer noch nicht so richtig verstanden habe, was diesen Batu eigentlich antreibt, dass da noch einiges ist, das nicht erzählt wurde. Zum Beispiel der Migrationshintergrund Batus: im ersten Fall („Auf der Sonnenseite“, 2008) war der noch Thema, ebenso wie in „Der Weg ins Paradies“ (2011), wo der verdeckte Ermittler unter Islamisten geriet, aber sonst? Ist dieser Batu denn Muslim? Immerhin trinkt er Alkohol. Aber womöglich ist das genau die Qualität dieser kurzen Krimreihe: dass Fragen offen bleiben, dass eine Figur gar nicht wirklich erkannt wird. Weil ein Erkennen viel zu kompliziert ist, um es in fünf Mal 90 Minuten zu erfassen.

Die Krimis waren nicht immer stimmig, das nicht. Woher hat Batu überhaupt sein Wissen, um in kürzester Zeit in unterschiedlichsten Szenen als Insider durchzugehen? Und weswegen wird er überhaupt in seiner Heimatstadt eingesetzt, der Stadt, in der ihm jeden Augenblick ein Bekannter auf der Straße begegnen könnte? Auch Matthias Glasner ist da ein wenig schlampig, wo er eine Gruppe hochgepushter Banker auftreten lässt, mit Dreitagebart und durchschlafenem T-Shirt, während der einzige, der hier im Anzug auftritt, der verdeckte Ermittler ist – und keiner stellt fest, „Moment mal, der gehört ja gar nicht zu uns“? Aber: Das ist egal. Weil es hier um etwas ganz anderes geht.

Es geht hier darum, eine ganz große Geschichte zu erzählen. Eine vollkommen unironische Geschichte von einem Mann, der zutiefst liebt (und der es entsprechend nicht aushält, als seine Liebe in einer politischen Strategie aufs Spiel gesetzt wird). Eine Geschichte von einem Mann, der scheitern muss. Ein Liebesduell: Die Killerin nimmt ihren Gegner als erotischen Partner wahr, nicht erst, als sie ihn „Liebster“ nennt, sondern schon zu Beginn, als sie ihn außer Gefecht setzt und nicht etwa schnöde fesselt, sondern in einem Shibari-Bondage-Ritual kunstvoll verschnürt. Den Tod sowohl der Killerin als auch des Superbullen verstehen wir nicht nur als Höhepunkt des Krimis, sondern eben auch als vergrößerte Form des „kleinen Todes“, als gemeinsames Kommen, und das ist schon sehr radikal.

„Die Ballade von Cenk und Valerie“ ist radikal, ein großer Wurf. Eine Radikalität, die man keinem anderen „Tatort“-Team so zutrauen würde, ich meine, Münster? Köln? Ich werde Cenk Batu vermissen.

(„Unfreiwillig komisch“: Torsten Thissen auf Welt Online. „Metaphernschweres Melodram“: Christian Buß auf SpOn. „Verdammt ernst“: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. „Grandioser Schmarrn“: Matthias Dell im Freitag. „Im Grunde ein Klassiker“: der Wahlberliner. „Schnüff. Und uff“: Mark Heywinkel.)

01. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Die traurige Ballade von Ziska und Pit Zuckowski · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , , ,

Kein Tatortteam hat es geschafft, sein Image so nachhaltig zu versauen, wie die Berliner. Jahrelang war man an der Spree besoffen von der eigenen Metropolenhaftigkeit, ließ die (ungeschickt als Buddie-Team konzipierten) Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) zwischen Bundespolitik und Hochfinanz ermitteln, inszenierte Berlin als Stadt, die New York sein wollte und sich nach Frankfurt streckte – und ignorierte dabei, dass der Reiz Berlins weniger in den Glasfassaden des Potsdamer Platzes lag als vielmehr in den verrottenden Altbauten Kreuzbergs, in der am Boden liegenden Ökonomie, der Migrationsgesellschaft, vielleicht auch der Party- und der Kunstszene. Mit anderen Worten: Das Berlin, das sich der RBB da erträumte, war ein Wunschbild der Neunzigerjahre, während das Stadtmarketing mit Wowereits „Arm aber sexy“ schon ein paar Schritte weiter war. Da half es auch nichts, dass das Berliner Team zuletzt mit Folgen wie der zu Recht hochgelobten Hinterhoffolge „Hitchcock und Frau Wernicke“ den Blick in die sträflich vernachlässigten Viertel öffnete, konkret nach Neukölln: Eine Ausnahme war das, ungeachtet der Tatsache, dass den Inszenierungen, vor allem aber dem Spiel Raackes nach und nach immer stärker eine wohltuende Altersmelancholie eingeschrieben war, wissend um die Tatsache, dass die eigene Attraktivität so sehr schwindet wie die westberliner Heimeligkeit. Wir ignorierten, dass die Folgen immer mehr die Lebenslüge thematisierten, dass man in einer echten Weltmetropole sein Kommissarsdasein fristen würde – Berlin, das würden immer die Möchtegerncoolen bleiben.

Der „Tatort: Alles hat seinen Preis“ geht diesen Weg weiter. Auch der jüngste Berliner Krimi spielt in einem ungenannten aber westberlintypischen Kiez, Kreuzberg wohl nicht, vielleicht Moabit: Die Gewerbehöfe sind runtergeritten, die Altbauten schön siffig, aber im Vorderhaus versucht sich ein Feinkostladen. Der allerdings so wenig eine Zukunft hat wie der kleine Taxibetrieb, dessen Chef zu Beginn in seinem Blut gefunden wird: Die fies kapitalistische Bank (da haben wir wieder die Glasfassaden, die uns der RBB jahrelang als typisch Berlin verkaufen wollte. Diesmal passen sie aber, weil, es gibt sie ja mittlerweile wirklich, diese Banken!) gibt nämlich einem Shoppingmallprojekt auf der anderen Straßenseite einen Kredit, und nicht dem lieben Serranoschinkengeschwisterpaar Ziska (Alwara Höfels) und Pit Zuckowski (Christian Blümel). Dieses Millieu ist klug beobachtet, und außerdem bekommt die traurige Geschwisterballade von Ziska und Pit noch einen sanft homoerotischen Unterton, das gefällt. Wobei die Milleuzeichnung eigentlich das einzige ist, was wirklich gefällt an diesem Tatort von Florian Kern (Regie) und Michael Gantenberg sowie Hartmut Block (Buch).

Das muss man leider sagen: „Alles hat seinen Preis“ ist kein guter Film. Dass der Film als Krimi ein bieder runtergedrehter Whudunit ist, dessen Auflösung (ein klassisches Familien-Langzeitgeliebte-Eifersuchtsdrama) kaum hinterm Ofen vorlockt – geschenkt, ich schaue „Tatort“ als letztes wegen des nervenzerrenden Thrilleransatzes. Aber dass die Kapitalismuskritik so billig daher kommt wie hier, in einer Zeit, in der Kritik an Bankgebahren, Gentrifizierung und Kapitalkonzentration nicht nur in Berlin auf der Straße liegt, das ärgert dann doch. Dass die Figuren zum Gotterbarmen chargieren, müsste nicht sein: Wenn ein eigentlich schön ironischer Darsteller wie Oktay Özdemir trotz einiger guter Sätze nur den Klischee-Aggro-Türken geben darf, wenn die eigentlich als Episodenstar eingekaufte Nicolette Krebitz immer nur somnambul ins Weite starren darf, dann fragt man sich schon, wo hier eigentlich die Schauspielerführung geblieben ist. Und wenn dem Drehbuch zum Themenkomplex Taxifahren-Großstadt kein anderer Running Gag einfällt als zwei Kommissare, die sich Wettrennen Fahrrad-Dienstwagen durch die baustellengeplagte Hauptstadt liefern, dann … ach, dann weiß ich auch nicht.

Aber vielleicht muss ich schon dankbar sein, dass man bei Berliner Krimis mittlerweile mitbekommt, dass sie auch wirklich in Berlin spielen. Andererseits: muss ich?

„Mit erfrischend leichter Hand und viel Sinn für Ästhetik“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Fatalistisch dahermackernd“: Matthias Dell im Freitag. „Arg bedächtiges Requiem“: Christian Buß auf SpOn. „Der Berliner Tatort verschläft die Gegenwart“: der Wahlberliner. „Mit jeder Minute langweiliger“: der Stadtneurotiker. „Aufdringlich sozialkritisch“: Eco.

Es ist so einfach, den Münsteraner „Tatort“ doof zu finden. Alte skandinavische Krimischule: Im Kriminalfilm geht es um Menschen, denen das System keine andere Chance lässt als kriminell zu werden, und wo es um diese Menschen geht, da gibt es nichts zu lachen. Wohingegen der westfälische Provinzkrimi (der wie die meisten WDR-Produktionen hauptsächlich in Köln gedreht wird und von Münster entsprechend nur die Sehenswürdigkeitsklischees zeigt, das Rathaus, den Aasee, den Prinzipalmarkt) ein einziger Witz ist. Witzfiguren machen halbwegs lustige Dinge, und am Ende klärt sich ein Mord irgendwie selbst auf, Polizeiarbeit jedenfalls gibt es keine zu sehen. Nur: So einfach ist es leider nicht.

Denn die Münsteraner „Tatorte“ mögen Klamotten sein, es sind aber gut gemachte Klamotten. Filmisch geben diese Krimis meist einiges her und lassen ihre Pendants aus Stuttgart oder, Gott bewahre!, Leipzig weit hinter sich. Und schauspielerisch warten die Krimis gerade in den Nebenrollen mit einigen Schmankerln auf. Klar, die Hauptdarsteller Axel Prahl und Jan-Josef Liefers mögen Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Friedrich Börne knallchargenhaft als Karrikaturen anlegen, aber erstens machen sie das mit unübersehbarer Freude am Irssinn und lassen zweitens neben sich viel Raum, dass andere ihre Figuren mit hübschen Feinheiten ausarbeiten. Wenn im aktuellen Münster-Fall „Hinkebein“ (Regie: Manfred Stelzer) Martina Eitner-Acheampong, eine Schauspielerin mit Starqualitäten übrigens, die sich andernorts nicht in einer Drei-Sätze-Nebenrolle verheizen lassen würde, als bodenständige Wirtin der „Westfälischen Stuben“ empfiehlt: „Probierense das Töttchen. Da machense nüscht falsch mit“, dann sagt das viel aus über den Charakter dieser Stadt, die gleichzeitig nett ist und andererseits ganz schön derb. Töttchen ist nämlich Kalbsfleisch in Senfsauce, ein schweres Arme-Leute-Essen, das einen durch den niedlichen Diminutiv ganz schön auf die falsche Spur führt. Außerdem spricht es für die Rafinesse des Drehbuchs (Stefan Cantz und Jan Hinter), dass der Diminutiv am Ende noch einmal eine weitere, fallentscheidende Rolle spielt. Gegen das Drehbuch spricht, dass einen das eigentlich gar nicht interessiert.

Da wurde also eine Ex-Polizistin ermordert, die erstens ein Alkoholproblem hat, zweitens einen Sorgerechtstreit mit dem Ex-Mann und drittens Stress mit einem Zuhälter namens „Hinkebein“ (Fiesling-Allzweckwaffe Wolfram Koch, den man zuletzt ein wenig zu oft gesehen hat), den sie vor Jahren wegen Mordes hinter Gitter brachte, obwohl der anscheind unschuldig war. Außerdem sind in Münster russische Austauschpolizisten zu Gast, und in einen verliebt sich Kommissariatsdarling Nadeshda (Friederike Kempter), was Thiel Gelegenheit zu einem denkwürdigen Telefongespräch mit ihr gibt, irgendwann nachts: „(Laberlaber Ermittlungskram) … Nadeshda, ich höre, dass da jemand im Hintergrund spricht … Das ist doch russisch! … (kleinlaut) Sie haben recht, das geht mich gar nichts an.“ Das geht ihn gar nichts an, eben! Frank Thiel ist echt der netteste Kommissar im gesamten „Tatort“-Universum!

Aber so schön das auch ist: Der Fall ist langweilig. Sterbenslangweilig. Ständig tauchen neue Verdächtige auf, die einen nicht interessieren, ständig gibt es kaum durchdachte Witze auf Kosten der russischen Gastpolizisten. Auf Kosten Börnes. Oder auf Kosten der kleinwüchsigen Hilfsgerichtsmedizinerin (ChrisTine Urspruch, die diesmal leider nicht die Souveränitätsbombe gibt, die man von ihr gewohnt ist). Börne: „Die ist so wenig promoviert wie Guttenberg!“ Haha. Am Ende wars der Polizeipressesprecher, oh, ‚tschuldigung, das war ein Spoiler, aber die Frage nach dem Mörder ist hier doch ohnehin vollkommen uninteressant, oder? Auf jeden Fall war der anscheinend pervers, also, auf eine durchaus reizvolle aber auch irgendwie abstoßende Weise, und als Perverser brachte er also vor Jahren eine Prostituierte um. Weil aber seine Geliebte bei der Mordkommission die Tat deckte, konnte er Karriere machen und in die Presseabteilung wechseln (Karriere?), außerdem konnte er seine Geliebte schwängern, die gleichzeitig noch verheiratet war und zudem ein Techtelmechtel mit Börne hatte. Und weswegen brachte er sie jetzt um? Weil sie Angst vor dem plötzlich aus dem vietnamesischen Exil zurückgekehrten (Äh? Warum kehrt der eigentlich zurück, wo er doch gesucht wird? Und bestellt als erstes im Haus seiner alten Mutter die Handwerker?) Hinkebein hatte und so zum Unsicherheitsfaktor zu werden drohte. Es hilft nichts, es ist wirr, es ist öde. Es ist irgendwie wie ein Witz, der zwar nicht lustig ist, den man aber verzweifelt zu Ende erzählt, in der Hoffnung, dass sich da doch noch was draus entwickelt.

Und das nächste Mal hätte ich gerne wieder einen ganz traditionellen skandinavischen, sozialkritischen Krimi. Oder einen Actionreißer. Oder ein Politdrama. Oder ein Töttchen, nein, ein Törtchen, ja?

(Alles wie immer: Christian Buß auf SpOn. Konzentration aufs Kerngeschäft: Matthias Dell im Freitag. Altbekannte Ingredienzen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Tatörtchen: der Stadtneurotiker. Höchst durchschnittlich: der Wahlberliner.)

 

München wieder. Da mag es Frankfurt geben, Kiel, noch einmal Hamburg, und man wird begeistert sein, es ist egal. Wenn der Bayerische Rundfunk einen „Tatort“ zeigt, dann ist der in der Regel von einer Qualität, dass die übrigen Sendeanstalten eigentlich aufhören könnten, Filme zu drehen, da kommen sie ohnehin nicht ran. „Tatort“ aus München, das ist: ein Buddymovie ohne Kriminalistenkarikaturen wie in Münster. Ein Thesenkrimi ohne Didaktik wie in Ludwigshafen oder Köln. Ein Großstadtkrimi ohne billige Urbanitätspose wie in Berlin oder Stuttgart. Wenn die Münchner „Tatorte“ gut sind, wenn sie wirklich gut sind (viele sind auch nicht so gut. Besser als Stuttgart und Berlin zusammen sind sie dann immer noch), dann zeigen Sie ein München (und zwar nur München! Nirgendwo anders als in der bayerischen Landeshauptstadt können diese Filme spielen!) auf der absoluten Höhe der Zeit, das München von Laptop und Lederhose, allerdings mit Fokus auf die Menschen, die von dieser Mischung aus liberaler Fortschrittsbegeisterung und konservativer Heimattümelei nicht mitgenommen werden. Was wird aus den einfachen Handwerkern im Glockenbachviertel und in Sendling, wenn die Grundstückspreise in der Boomtown durch die Decke gehen, nur mal so zwischenrein gefragt? Und könnten solche Umstände vielleicht auch Basis für einen Fernsehkrimi hergeben?

Vor etwas über einem Jahr zeigte der BR „Nie wieder frei sein“, wahrscheinlich der bemerkenswerteste Münchner „Tatort“ der jüngeren Geschichte, in der ein (wegen eines Verfahrensfehlers frei gekommener) Vergewaltiger umgebracht wurde. Shenja Lacher spielte diesen unscheinbaren jungen Mann so ultrabrutal und fies, dass man nicht anders konnte, dass man denken musste: Ja, der hat den Tod verdient. Ja, manchmal hilft der Rechtsstaat nicht mehr, manchmal hilft nur noch, dass der Verbrecher stirbt. „Nie wieder frei sein“ erhielt den Grimmepreis zu Recht, aber ein ungutes Gefühl hatte man doch, nachdem man diesen Film halbwegs verdaut hatte. Auch im heute gezeigten „Tatort: Der traurige König“ stirbt ein Verbrecher. Ein junger Mann bedroht zunächst eine junge Polizistenauszubildende (Sylta Fee Wegmann) und dann Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Und der schießt.

„Der traurige König“ zeigt: Es gab wohl keine Alternative zu den Schüssen, richtig sind sie damit aber noch lange nicht. Der Tote ist ein Verbrecher, ja – böse ist er nicht, zumindest nicht von Grund auf. Was man aber nicht wissen kann, wenn man eine Knarre vor die Stirn gehalten bekommt. Selten hat man solch einen differenzierten Krimi gesehen, selbst die immer wieder schnell als Unsympath angelegte Rolle des Internen Ermittlers (Torsten Michaelis) muss zwar Leitmayr anklagen, bekommt aber dann eine Szene von erschütternder Ehrlichkeit geschenkt: „Lieber beschuldige ich zehn gute Polizisten zu unrecht, als dass ich einmal einen schlechten laufen lasse, der denkt, nur weil er eine Uniform trägt, muss er sich nicht an die Regeln halten!“ Holla! Und so etwas im konservativen Genre Fernsehkrimi!

Es gibt so viel zu loben an „Der traurige König“ (den Titel allerdings nicht, den habe ich einfach nicht verstanden – edit: Leser Hochofen klärt mich in den Kommentaren auf). Die kluge Zeichnung des Millieus der kleinen Leute, Eisenwarenhändler, die, obwohl sie längst in Rente sein müssten, den Eckladen noch weiter betreiben. Man müsste das Schauspiel loben, Wolfgang Hübsch und vor allem Elisabeth Orth, der der schönste Satz dieses Films gebührt, „Gott segne Sie, Franz Leitmayr!“, als Leitmayr ihr endlich gesteht, dass er es war, der den auf die schiefe Bahn geratenen Sohn erschossen hat, Vergebung! Vergebung! Man möchte die stille Regie (Thomas Stiller, no jokes with names!) loben und die Kamera Philipp Sichlers, die genau weiß, was für Bilder man braucht, für eine Verfolgungsjagd an einem hellen Sommernachmittag, in einem staubigen Stall: heftigstes Gegenlicht. Man könnte bemängeln, dass Leitmayrs eigentlich gleichberechtigter Kommissarskollege Ivo Batic (Miroslav Nemec) ein wenig an den Rand gedrängt ist, in diesem Krimi, kaum wirklich etwas zur Handlung beiträgt. Andererseits: Der hält das schon aus, demnächst gibt es auch wieder einen Film, bei dem er im Mittelpunkt steht.

(Sehenswert: Holger Gertz in der Süddeutschen. Trauma-Thriller: Christian Buß auf SpOn. Träge: Matthias Dell im Freitag. (Fast) Film noir: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Spannend auf die anspruchsvolle Art: der Wahlberliner. Besserer Durchschnitt: der Stadtneurotiker.)

Mein Verhältnis zum Bremer „Tatort“ ist ein gespaltenes. Einerseits dreht man an der Weser immer mal wieder kluge Genrefilme, die Verschwörungstheorie „Sheherazade“ (2005) oder die „Mörder auf hoher See“-Variation „Schiffe versenken“ (2009). Einerseits. Andererseits steht solchen Sternstunden auch immer wieder betulichster Durchschnittskram gegenüber, am schlimmsten das Popstar-Vehikel „Schwelbrand“ (2007), in dem ausgerechnet die leicht angebräunte Schlagergruppe Mia. eine gegen rechts engagierte Rockband verkörpern sollte. Kaum ein Fernsehsender kämpft mit solchen Qualitätsschwankungen wie Radio Bremen.

Ähnlich zwiespältig stehe ich der Bremer Kommissarinnenfigur Inga Lürsen (Sabine Postel) gegenüber. Ich schätze, dass hier eine Figur auftaucht, die weder Karrikatur ist (Leipzig!) noch tougher ist als alle bösen Jungs zusammen (Hannover! Ludwigshafen!) noch einem verunglückten Jugendwahn hinterherrennt (Stuttgart!). Ich schätze, dass hier eine Figur einfach ist, wie sie ist. Inga Lürsen allerdings ist in ihren schlechteren Fällen leider ein wenig arg viel, also, sie ist bewusst. Jammerig, übertrieben, unsympathisch, vor allem immer unheimlich von dem Geschehen angefasst. Rechte Schlechtmenschen ziehen gerne über diejenigen her, die sie als „Gutmenschen“ verspotten, wenn man sie fragt, wer denn nun eigentlich ein Gutmensch sei, fällt ihnen niemand ein – schön, dass die Rechten immer nur Privatfernsehen schauen, ansonsten würde ihnen Inga Lürsen Argumente liefern. Außerdem freue ich als Linker mich natürlich, dass mit Hauptkommissarin Lürsen eine TV-Polizistin das richtige Bewusstsein hat, inclusive radikaler Vergangenheit – aber ist so eine linke Biografie, die straight in den Polizistenberuf führt, überhaupt vorstellbar? Wo man selbst die Freunde und Helfer eigentlich immer nur als prügelnde Bullen kennenlernen durfte? Ich meine ja bloß: In den schlechten Bremer Fällen beißt sich die Figur Lürsen ziemlich ungut mit einem bestenfalls nur halb gelungenen Drehbuch.

Zum Glück ist der „Tatort: Ordnung im Lot“ ein guter Bremer Fall, sogar ein sehr guter Fall. Ein toter Tankstellenbetreiber namens Jure Tomic (Ex-Jugoslawen sind in den jüngsten Tatorten recht häufig in kriminelle Machenschaften verwickelt, vor einer Woche die Serben, diesmal die Kroaten), eine schizophrene Zeugin (Mira Partecke, ein großartiger Auftritt), die nur bruchstückhaft mitteilen kann, was sie gesehen hat, ein finsterer Typ mit Ekelkotelletten und serbokroatischem Zungenschlag, da weiß man natürlich, was passieren wird. Es passiert: etwas ganz anderes. Am Ende haben wir tatsächlich einen Mord, aber kein Verbrechen, zumindest keines, das über einen Versicherungsbetrug hinausginge. Wenn Schauspiel und Regie von „Ordnung im Lot“ ganz okay sind, dann ist das Buch (Claudia Prietzel und Peter Henning, die auch für die Inszenierung verantwortlich sind), ein echtes Meisterwerk, das sich Volten traut, die im „Tatort“ sonst verboten sind: keine Action, keine Witzchen, ein ständiges Unterlaufen der Erwartungen. Je länger dieser Film dauert, umso mehr wird er zum Psychokrimi, später dann zum Psychogramm einer verwirrten Seele („Absolut gestört!“ urteilt die Kommissarin an einer Stelle, gerade ihr hätte man mehr Sensibilität zugetraut, aber gut), vergleichbar vielleicht gerade mal dem ungleich actionreicheren „Eine unscheinbare Frau“ (2001), ebenfalls aus Bremen.

Die Kommissarin? Macht eigentlich gar nichts, in einer kurzen Passage macht sie sogar zu wenig, da geht es beinahe übel aus mit den Dämonen im Kopf der Geschundenen. Aber auch nur beinahe, ansonsten lässt sie die Geschichte sich entfalten, bis am Ende alle gut wird. Alles? Nein, für Familie Tomic geht es nicht gut aus, wahrscheinlich ist die erhoffte Rente futsch, ein Kollateralschaden also.

(Psycho-Theater: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. Ein großer Wurf: Christian Buß auf SpOn. Keinen Bock mehr: Matthias Dell im Freitag. Unheimlich schlecht: der Stadtneurotiker. Leicht aufgeblasen: der Wahlberliner.)

Und ich denk‘ mir noch: Eigentlich komisch. Da sind die Jugoslawienkriege erst ein paar Jahre vorbei, und doch sind sie überhaupt kein Thema für die Popkultur. Gedanken hatten wir uns gemacht darüber, dass es plötzlich Massenerschießungen gab, ein paar hundert Kilometer südlich, Massenerschießungen und Konzentrationslager und Heckenschützen, doch irgendwie ist das vergessen. Keine Theaterstücke schreibt man über diese Kriege, mal abgesehen von Biljana Srbljanović, die irgendwie auch kaum noch aufgeführt wird, oder täusche ich mich da?, keine Ausstellungen kuratiert man, keine Popsongs spielt man. Nicht einmal eine nennenswerte Zahl Krimis gibt es, obwohl doch zumindest ein „Tatort“-Kommissar, der Münchner Ivo Batic, einen kroatischen MIgrationshintergrund hat (wenigstens in der 2003er-Folge „Der Prügelknabe“ wurde das dann doch thematisiert, die große Ausnahme). Angesichts des konservativen Grundverdachts, den ich dem deutschen Fernsehkrimi entgegen bringe, behaupte ich, dass die Erinnerung an serbische Christenmenschen, die mit dem Schlachtruf „Der Islam gehört nicht zu Europa!“ bosnische Moslems schlachten gingen, vielleicht zuviel Parallelen zu Hans-Peter Friedrich und Alexander Dobrindt zeigen könnte. Wobei, das ist eine Verschwörungstheorie, die verwerfen wir ganz schnell wieder, zumal, das sollte nicht vergessen werden, die Serben keinesfalls die einzigen Schlächter waren in diesem recht unübersichtlichen Konflikt.

Andererseits fällt es natürlich schon auf, dass jetzt, wo sich mit dem „Tatort: Kein Entkommen“ endlich mal wieder ein Fernsehkrimi dem Thema Ex-Jugoslawien annimmt, der eben nicht von einem deutschen ARD-Sender kommt, sondern vom österreichischen ORF (wobei die Österreicher zwar keinen Dobrindt haben, dafür einen Strache, Mensch, die Theorie funktioniert echt überhaupt nicht). Schad‘, dass „Kein Entkommen“ in seiner Zeichnung des Konflikts ein bisschen ungenau bleibt, die Serben sands halt die Bösn, und gespielt werden sie von den Schauspielern, die im deutschen Fernsehen immer die osteuropäischen Quadratschädel spielen müssen, Gennadi Vengerov etwa, Marco Pustisek oder Giorgi Gvinadze. Was solls, gibt anscheinend keine anderen, die überzeugend „Davaj! Davaj!“ in die Kamera bellen können. Ist aber auch egal, um Erkenntnis geht es in diesem Krimi nicht. Um Spannung allerdings auch nicht, weil von Anfang an klar ist, dass der nette Kinderarzt (Michael König) in Wahrheit der Oberfiese ist, zumal er genauso ausstaffiert ist wie Radovan Karadzic nach seinem Untertauchen.

Um eine auf tatort-forum.de gern gebrauchte Formel zu verwenden: „Kein Entkommen“ ist kein „Tatort“. Dafür ist es ein gar nicht mal unspannendes Psychogramm des Kommissars Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, der schon immer als Schauspieler schwer unterschätzt wurde). Der stolpert grippegeplagt durch Wien, brüllt Verdächtige hübsch rassistisch zusammen („Wenn du noch einmal Serbisch mit mir redst, dann bring‘ ich dich eigenhändig runter ins Kosovo! Und zwar mitten rein!“) , versemmelt die Verhaftung eines kalaschnikowschingenden Killers im klischeesatten Serben-Porno-Café fast katastrophal, hat den wohl höchsten Bodycount der „Tatort“-Geschichte zu handlen (15 Tote zählt Matthias Dell) und stellt seiner endlich trockenen Alkoholikerkollegin Bibi (Adele Neuhauser, falls es irgendwo in Wien übrigens einen Bibi-Fellner-Fanclub geben sollte, würde ich gerne eintreten) als Höhepunkt ein Glas Sliwowitz hin: hilft alles nichts mehr.

Und dass dieses Wrack von Kommissar Eisner am Schluss der guten Bibi Tipps fürs Grippeauskurieren gibt, während ein paar Stockwerke höher zwei weitere Quadratschädelkiller den einzigen Zeugen (Christoph Bach) mutmaßlich massakrieren – für diese wohl heftigste Volte seit es „Tatort“ gibt, verzeihen wir Regisseur Fabian Eder auch, dass er uns über Jugoslawien rein gar nichts zu erzählen weiß, sieht man einmal ab von ein paar fiesen, hübsch gewalttätigen Bildern.

(Herausragend: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Totaldesillusioniert: Matthias Dell im Freitag. Verstörend: Christian Buß auf SpOn. Hochprozentig: der Stadtneurotiker. Doppelbödig: der Wahlberliner-)

30. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , ,

Es gibt „Tatort“-Teams, bei denen freue ich mich auf jede neue Episode, München etwa, Kiel, immer noch Frankfurt. Es gibt ein Team, das ich boykottiere, Leipzig, ich mag das einfach nicht mit ansehen, wie sich der tolle Martin Wuttke an Drehbüchern, Regie, Mitspielern aufreibt. Es gibt ein oberes Mittelfeld, aus dem immer mal wieder spannende Episoden kommen, Berlin, Köln, Wien. Und es gibt ein ganz breites unteres Mittelfeld, ein Feld der Enttäuschung, das ich nicht aufgeben will, das allerdings praktisch nicht mehr lohnt, geschaut zu werden: Ludwigshafen, Münster, Stuttgart. Und Konstanz. Konstanz, womöglich der dankbarste Tat-Ort, in einer Landschaft, die unverwechselbar ist, einer Landschaft, so schön, dass man den Atem anhalten möchte, außerdem direkt an der Grenze gelegen, der einzig echten Grenze, die dieses Land noch hat, an der Schweizer Grenze. Was könnte man daraus machen!

Und was macht der unselige SWR am Ende draus? Postkartenbildchen einer Urlaubsregion. Knallchargieren einer Theaterschauspielerin, Eva Mattes, die in jeder Szene zeigen muss, dass dieser Fernsehkram nun wirklich unter ihrer Würde ist. Drehbücher voll dunkeldörflicher Klischeeszenerie, für die selbst ein Bienzle sich vor 15 Jahren geschämt hätte. Ein-, zweimal gab es Ausbrüche zum Trash, da durfte La Mattes vollkommen unrealistische Verfolgungsjagden im deutschschweizer Grenzgebiet vollziehen, und der Kanton Thurgau durfte so tun als ob er Manhattan sei, 16 Blocks rheinabwärts. Das war lustig, führte das öde Krimigedümpel aber auch nirgendwo hin.

Aber wir sind nicht am Ende der Fahnenstange, wir sind nicht in Leipzig, wir sind nur im Feld der Enttäuschung, und aus diesem Feld gibt es Ausreißer, nach oben, ebenso, wie es aus dem oberen Mittelfeld auch immer wieder, ja, viel zu häufig, Enttäuschungen gibt. Im „Tatort: Schmuggler“ nämlich passt einiges ganz gut, das Setting Grenzkaff Konstanz ist tatsächlich in seiner Eigenart ernst genommen in dem Sinne, dass in diesem Krimi geschmuggelt wird, was hier eben wirklich geschmuggelt wird, Schwarzgeld nämlich aus der Bunderepublik in die Schweiz, Schwarzgeld von wohlhabenden Spießbürgern, die mit bösem Witz vorgeführt werden. Und auf der anderen Seite bekommen dann eben auch diejenigen ein Gesicht, die unter der Geldgier besagter Steuersparspießer zu leiden haben: die kleine Zollbeamtin (die ganz, ganz wunderbare Julia Koschitz, die sich langsam in meinen Kreis der gegenwärtig hübschesten wie carmantesten Filmschauspielerinnen vorspielt), die mit 1800 Euro brutto erstens Schulden und zweitens eine Teenietochter zu wuppen hat, worunter sie folgerichtig zusammenbricht. Aber auch die ökonomisch bessergestellten Hauptkommissare, die sich von einem fettigen Wurstfabrikanten sagen lassen müssen, dass ordentliche Polizeiarbeit doch auch mit weniger Etat gehen muss. Die Art, wie besagter Protokapitalist am Ende ausgespielt wird, hat Humor, geht aber am Thema vorbei, weil doch nicht die eine, fiese Wurst schuld an der Misere ist, sondern das System als Ganzes, aber so weit mag man beim christdemokratischen SWR vielleicht doch nicht gehen, von wegen Kapitalismuskritik. Schön wird aber gezeigt, wie leicht man sich in solch einem Effizienzsystem in Korruptionsbeziehungen verstrickt, einmal mit der Figur des halbbösen Zollamtschefs (Falk Rockstroh, klar, dass solch ein großer Schauspieler nicht nur einen kurzen Auftritt als Behördenleiter hat), der beschreibt, wie er sich vom Schweizer Banker erst einen Cognac spendieren lässt, dann ein Abendessen mit Freunden, und schließlich einen regelmäßigen Umschlag, gegen kleine Gefälligkeiten. Und einmal mit der Figur des (auf ewig unsympathischen) zweiten Kommissars (Sebastian Bezzel), dem auf Recherche im Luxusrestaurant eine Rehrückenterrine angeboten wird, „selbstverständlich aufs Haus“. „Oh, Danke!“, freut sich der Beamte.

Was auf der Strecke bleibt, ist da irgendwo der Krimi. War der tote Zöllner jetzt korrupt oder tatsächlich eine LIchtgestalt? Und wer brachte ihn nochmal um? Es ist nicht so, dass man das nicht verstanden hätte, es interessierte einen nur nicht wirklich. Außerdem, eine Kleinigkeit: Zwar ist Julia Koschitz schon 1974 geboren, wirkt aber selbst noch so jugendlich, dass man ihr nicht wirklich glaubt, eine halbwüchsige Tochter zu haben. Aber das ist eine lässliche Sünde, die man wohl nicht einmal Regisseur Jürgen Bretzinger vorwerfen muss, sondern, wenn überhaupt, dem Casting. Und um Krimiqualitäten geht es ja ohnehin kaum, wenn man „Tatort“ guckt, nicht wahr? Ein wenig geht es nämlich auch darum, wie der Bodensee diesmal aussieht. Und man muss sagen: Er sieht toll aus, mit diesen winterlichen Schwänen, die da über die spiegelglatte Wasserfläche schwäneln.

(Klassisch: Katharina Gamer auf tatort-fundus.de. Ruhig: Matthias Dell im Freitag. Eindringlich: der Wahlberliner. Antriebslos: Christian Buß auf SpOn. Stangenware: der Stadtneurotiker.)

22. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Im düster verwinkelten Reihenhäuschen · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Ach, Saarbrücken, Stiefkind der Tatort-Fans. Aber wie soll man auch ordentliche Krimis machen, wenn man ein Setting hat, das so hinter den (Pfälzer) Bergen gelegen ist, dass man sich aber auch rein gar nicht vorstellen kann, wie hier Spannendes passieren soll, in der (nach Konstanz) zweitkleinsten deutschen Fernsehkrimistadt (selbst das als Provinz-Tatort gelabelte Münster hat rund 100000 Einwohner mehr als die saarländische Hauptstadt). Wie soll man ausgefeilte Charaktere zeichnen, wenn der zuständige Saarländische Rundfunk gerade mal ausreichend Etat für einen einzigen Fernsehfilm jährlich hat? Und wie soll man überhaupt eine vernünftige Arbeitsbeziehung hinbekommen, wenn man den Eindruck haben muss, dass da im Sender ein Redakteur sitzt, der eigentlich gegen sein Team arbeitet und seine Schauspieler über die Medien wissen lässt, dass ihre Geschichte „auserzählt“ sei und man zukünftig mit einem neuen Kommissarsdarsteller arbeiten wolle? (Der Neue wird, darauf kann man sich freuen, Devid Striesow sein, Großschauspieler, der schon mit so ziemlich jedem guten Regisseur der Republik gearbeitet hat, von Christian Petzold bis Tom Tykwer. Was den Umgangston im Hause SR nicht besser macht.)

Ach, Saarbrücken. Sarrebruck sagt man direkt hinter der Grenze in Frankreich, in einer Sprache, die weder französisch ist noch deutsch, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Der heutige „Tatort: Verschleppt“ ist exemplarisch für die Probleme des Saarland-Krimis. Einerseits hat Regisseur Hannu Salonen hier einen ziemlich nervenzerrenden Schocker zu Wege gebracht, mit spekulativen, für die 20.15-Uhr-Schiene in ihrer Brutalität durchaus avancierten Bildern im Torture-Porn-Stil der „Saw“-Reihe. Außerdem weiß Salonen, soziale Gefüge zu skizzieren, er zeigt ein Saarland nach dem Strukturwandel, er zeigt dreckige, runtergekommene Vororte, er zeigt Industrieruinen, in denen nichts mehr produziert wird und in denen die ehemaligen Arbeiter Frettchen im Plattenbau züchten oder aber im Keller noch Näharbeiten erledigen, „schwarz“. Am Ende geht die Begeisterung für die Genrebilder ein wenig mit dem Regisseur durch, da wird der Nachbar (Patrick Hastert), der doch nur helfen will und dabei die Augen vor dem Grauen verschließt, allzu eindeutig als Problemspießer gezeichnet, da wird der Pädophile klischeehaft als im düster verwinkelten Reihenhäuschen vegetierendes Mutter- (beziehungsweise: Tanten-)Söhnchen aufgebaut. Trotzdem, alles in allem funktioniert dieser Krimi, zumal die Anlage der Kommissare nicht uninteressant ist, mit Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) als aus Rosenheim zugezogener Karrierebulle (von Bayern ins Saarland, so funktioniert Binnenmigration, nicht über die doof ausgereizte „Karriere in den USA“-Schiene, die uns das Kölner Team verkaufen möchte) versus im Saarmief verwurzelter Freund und Helfer mit (das ist neu und verweist auf das oben angesprochene Problem der nicht stringenten Charakterentwicklung) Alkohol- und Aggressionsproblem.

Aber, ach, Saarbrücken, trotzdem, dieser Krimi ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist falsch aufgebaut, wahrscheinlich ist dieser Krimi vor allem: zuviel. Man bekommt die Geschichten nicht erzählt, was zum Beispiel ist mit dem zu Beginn verdächtigen Andi Mollet (Thomas Bastkowski), der wird irgendwann von einem verzweifelten Vater mit einem Messer angegriffen, aber dann? Was ist mit Deininger, der ja augenscheinlich heftigste Probleme mit sich rumschleppt? Der brüllt im Präsidium (was, übrigens, ist das für ein Präsidium? Eine Baustelle?) Kollegen wie Verdächtige zusammen, kippt eine ganze Pallette Kümmerlinge, fährt zum Tatort und bricht dort in Tränen aus, an der Schulter des Kollegen? Und was hat besagter Kollege für Alptraumflashs? (Cool gefilmte Flashs, die allerdings auf das überraschende Ende verweisen, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte.) Sind die Desintegrationsmomente der Inszenierung womöglich ein Verweis darauf, dass es zu Ende geht mit dem Saarbrücker „Tatort“? Und wäre es dann nicht wenigstens fair gewesen, dem Team Kappl/Deininger einen echten Abgang zu schreiben? Dienst quittiert, Suspendierung, angesichts Deiningers Abstürzen erschien mir sogar plötzlich eine ganz und gar schockierende Alternative möglich: Suizid des Ermittlers? Nichts davon, Fall gelöst, sogar noch mit der letzten, noch einmal wirklich schockierenden Wendung.

Aber trotzdem. Heftig spannend war’s.

(Trotz ganz großen Kinos frustriert: Heinz Zimmermann auf tatort-forum.de. Wütend: Christian Buß auf SpOn. Unfreundlich: Matthias Dell im Freitag. Unsaarländisch: der Wahlberliner. Durchwachsen: der Stadtneurotiker.)

– Du hängst auch immer mehr auf dem Sofa rum.

– Ich? Wieso?

– Wann warst du denn das letzte Mal im Theater?

– Am Freitag zum Beispiel, im Schauspielhaus, „Der große Gatsby“ in der Regie von Markus Heinzelmann. Und gestern abend im Thalia, „Quijote. Trip zwischen den Welten“ von Stefan Pucher.

– Ach. Und warum liest man auf der Bandschublade nichts daraüber? Früher hast du da immer etwas geschrieben.

– Naja, über den „Gatsby“ wollte ich eigentlich den gnädigen Mantel des Schweigens breiten.

– Und der Pucher-Abend?

– Der war klasse. Aber da wollte ich eine Besprechung für die junge Welt machen, kommende Woche. Kannst du dir ja kaufen, das wäre ohnehin gut, damit unterstützt du die Revolution.

– Ach was. Du bist jetzt revolutionär, bloß weil du für die junge Welt einen Text schreibst und nicht etwa für die Welt? Mach dir nichts vor: Du schreibst für denjenigen, der dich bezahlt und deiner journalistischen Eitelkeit schmeichelt, und wenn dich die Welt anrufen würde, dann würdest du für die auch etwas schreiben. Die Idee, durch bewussten Konsum das System zu ändern, ist doch ohnehin naiv. Als ob du mit deinem komischen nicaraguanischen Kaffee, den du da trinkst, irgendetwas ändern würdest.

– Immerhin geht der Gewinn direkt an die Kooperative und nicht an irgendwelche komischen Zwischenhändler.

– Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Naja. Aber heute abend gibt es wenigstens eine „Tatort“-Kritik auf der Bandschublade, oder?

– Nö, gibt es nicht.

– Weswegen denn nicht?

– Weil heute abend ein „Tatort“ aus Leipzig kommt. Und die Leipziger Krimis sind so schlecht, die tue ich mir einfach nicht mehr an. Ich mache anderes, lese was, kille Zombies, komme meinen ehelichen Pflichten nach, egal, auf jeden Fall schaue ich keinen „Tatort“. Und schreibe dann entsprechend auch nichts darüber.

– Das ist aber nicht der Job eines Kritikers. Der Kritiker muss doch dahin gehen, wo es wehtut, oder?

– Dafür trinke ich ja den nicaraguanischen Revolutionskaffee.