08. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo die Häuser von außen verkachelt sind · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ach Köln. Viel gescholtenes Tatort-Team, treu nur dem Genre des Thesenkrimis, oft vorhersehbar, selten originell niemand mag euch. Und wenn ein Krimi wie der heutige „Tatort: Keine Polizei“ mal so richtig stark anfängt, klassisch aber stark, mit durchaus schluckenmachenden Härten und einer Reihe von Verdächtigen und einem Toten, von dem man erst gar nicht versteht, was er mit der Geschichte zu tun hat, wenn also ein Krimi so stark anfängt, nur um einen dann nach 60 Minuten auf die Uhr schauen zu lassen, „Was, der Film dauert ja noch eine halbe Stunde?“, eine halbe Stunde, in der die Kommissare zum ersten Mal auf die Idee kommen, das Umfeld des schnöde vergessenen ersten Toten zu checken … Dann weiß ich auch nicht mehr, dann habt ihr, Kölner Tatort-Macher (in dem Fall Kaspar Heidelbach als Regisseur und Norbert Ehry als Drehbuchautor) auch irgendwo selbst schuld dran, dass euch keiner mag.

Und doch, Köln, irgendwo mag ich euch. Das liegt nicht an den Krimis, bei Krimis wie heute abend möchte ich ins Sofapolster beißen, dass ich meine Zeit für sie verplempere anstatt, zum Beispiel, das Bad zu putzen. Das liegt auch nicht am Team, Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die machen ihren Job so, wie es die Kritiker immer wieder beschreiben, bisschen gut abgehangen, bisschen betulich, wahrscheinlich wirklich bisschen auserzählt, tut mir leid, da hilft auch die Tatsache nichts, dass die Drehbücher dem alten Max ein wenig Continuity in den Lebenslauf geschrieben haben, will sagen, eine feste Freundin (Juliane Köhler), die mittlerweile seit drei Folgen nervt, naja. Nein, irgendwie hat man den Eindruck, dass die Bücher und die Locationscouts sich in Köln Mühe geben. In den Kölner Krimis tauchen tatsächlich Figuren auf, die es gibt und die eine Geschichte erzählen, die über die Antwort auf das geblaffte „Wo waren sie gestern zwischen halb neun und zehn?“ hinaus geht, hier Handwerker, die  zunächst in den Ruin, dann in die Würdelosigkeit und schließlich in die Kriminalität getrieben werden – und zwar nicht etwa von bösen Verbrechern, sondern vom System. Vom System, das keine Unterschiede macht, ob es den Fahrlehrer trifft, den Malermeister oder gar den Besitzer einer Baufirma, der, als er Geld braucht, gerade mal 400000 zusammenkratzen kann, mehr ist nicht drin.

Und diese echten Figuren, die wohnen im echten Köln, dem Ort, wo die Häuser von außen verkachelt sind, wo ein „Park“ genannter Tatort eine Beton-Dreck-Fläche ist, wo man sich mit nahezu unerträglicher Sentimentalität gegen die Erkenntnis wehrt, dass dieser Ort die Hölle ist. Die Hölle, aus der man nie mehr raus kommt, selbst wenn man das große Ding noch schaffen sollte, die Entführung des Industriellensohns, „Eine Million, keine Polizei!“

Und weil „Keine Polizei“ eben immer wieder solche, nein, keine Figuren, solche Menschen zeichnet, und weil „Keine Polizei“ die Orte zeichnet, in denen diese Menschen leben, deswegen mag ich die Kölner Krimis doch irgendwie. Was ganz konkret diesen Krimi allerdings kein Stück weit besser macht.

(Abgründig: Christian Buß auf SpOn. FDP-mitleidig: Matthias Dell im Freitag. Erwachsen: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. Ein Hoch: der Wahlberliner. Verzwitschert: der Stadtneurotiker.)

Thesenkrimis sind eine schwierige Sache. Einerseits: schwer formatierte Geschichten, vorhersehbar, kaum spannend. Andererseits: Man spürt beim Thesenkrimi, dass der Drehbuchautor mehr will als bloße Unterhaltung, er will den Finger in eine Wunde legen, er will von einem gesellschaftlichen Missstand erzählen. Thesenkrimis sind damit die Nachfolger des klassischen Fernsehspiels, Kriminalfilme aus dem Geist des Geimeinschaftskundeunterrichts, in letzter Konsequenz sozialdemokratisch. Ich mag die Sozialdemokraten ja, immer noch, irgendwie.
Unter den hartgesottenen Tatort-Fans schätzt kaum jemand Thesenkrimis. Was vor allem daran liegt, dass diese Disziplin im Tatort-Konzert vor allem von Teams gepflegt wird, die nicht wirklich für Innovation stehen, man könnte sogar sagen: die ihren Zenit längst hinter sich haben. Das ist zum einen sicher Köln, wo die These grundsätzlich dialektisch diskutiert wird. Wenn in Köln zu Beginn die Leiche eines Schwarzafrikaners gefunden wird, dann behauptet Kommissar Schenk, dass der doch sicher ein Drogendealer war, während Kommissar Ballauf die Meinung vertritt, dass Schwarze alles in allem dufte Typen seien, nur damit in den letzten fünf Minuten des Krimis an der ikonographischen Würstchenbude erörtert werden kann, dass in diesem konkreten Fall wohl wirklich mit Drogen gedealt wurde, Schwarze aber alles in allem aber dennoch ganz in Ordnung sind, also: Menschen wie du und ich, mit Fehlern.

Für den Tatort „Tödliche Häppchen“ wurde die Würstchenbude von Köln rheinaufwärts nach Ludwigshafen verlegt, allerdings bietet sie hier ausschließlich Tofuwürstchen an, weil die zu erörternde These in der Pfalz lautet: In der Lebensmittelindustrie gehts eklig zu. Wir sind beim zweiten Thesenkrimiteam, den Ludwigshafenern Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe). Stehen aber die Kölner unter der Verantwortung des SPD-nahen Westdeutschen Rundfunks, kommen die Ludwigshafener vom deutlich konservativeren SWR. Mit Dialektik haben es Konservative aber nicht so, also stellen sie eine These in den Raum, die gefressen werden soll. Wobei Fressen hier eine hübsche Doppelbedeutung hat, wir lernen, nein, wir wissen schon längst, dass derjenige, der Tiere tötet, auch bereit ist, Kindergärten mit ungenießbarem Schlachtabfall zu beliefern beziehungsweise einer verletzten Mitarbeiterin final das Genick zu brechen. Und weil wir das längst wissen, müssen wir nicht noch langwierig diskutieren oder ermitteln, stattdessen wird dem offensichtlichen Mörder solch ein gekünsteltes Lachen verpasst, dass auch der letzte Zuschauer kapiert: Der muss es gewesen sein.
Vorneweg: „Tödliche Häppchen“ ist nicht spannend. Macht keinen Spaß. Hat eigentlich auch keine These, zumindest nichts auch nur annähernd Kontroverses. „Tödliche Häppchen“ ist, das kann man ohne jedes schlechte Gewissen sagen, der bis dato schlechteste Tatort des Jahres. Es ist zum Heulen, was die eigentlich geschätzte Ulrike Folkerts hier spielen muss (Regie: Josh Broecker), an manchen Stellen glaubt man sogar zu spüren, wie diese Schauspielerin leidet. Als ihre Kommissarin im Kühlhaus eingeschlossen wird, schlunzt Folkerts diese eigentlich hochdramatische Szene zum Ultralangweiler runter, sie hat so wenig Bock, das ist nahezu Arbeitsverweigerung. Wobei, Langweiler, das passt natürlich zur Tofuwürstchenszene.
Vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Komödie, manchmal hat man den Eindruck: in den unvorstellbar gekünstelten Dialogen, in denen Kopper die möchtegern-sexy Tanzlehrerin (Kathrin Kühnel) beim Rumbatanzen nach ihrem Alibi fragt und das durch den Raum wabert, was ein Regisseur wie Broecker für Erotik hält. Vielleicht haben wir das ja ganz falsch verstanden, vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Satire auf Fernsehkrimikonvention? Ach, hätten wir es doch nur falsch verstanden!

Aber nein. Es ist ganz einfach so: Der CDU-Sender SWR ist gegen das Behandeln von gesellschaftlichen Problemfeldern im Fernsehkrimi, deswegen produziert er Tatorte, die das Image des Thesenkrimis ins Bodenlose fallen lassen sollen. Tatorte, die jenseits allen Niveaus stehen, Tatorte, die dem Reihentitel Hohn sprechen, überall könnten sie gedreht sein (Ludwigshafen! Größter Chemieindustriestandort des Landes! Hat man schon einmal einen SWR-Tatort gesehen, in dem dieser Industriezweig vorkommt?), und, tatsächlich, er wird ja auch überall gedreht, in Karlsruhe, in Baden-Baden, in irgendeiner namenlosen Mittelgebirgslandschaft, nur nicht in Ludwigshafen selbst.
Sogar die Würstchenbude, sie steht am falschen Rheinufer. In Mannheim nämlich, ach.

(Erwartungen erfüllt: der livebloggende Stadtneurotiker. Spannungsfrei: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Traurig: Matthias Dell im Freitag. Angeekelt: Christian Buß auf SpOn. Voller Mitleid: der Wahlberliner.)

22. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Volpe! · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Ein paar Jahre spielte der WDR mit im „Polizeiruf 110“-Konzert. Zwischen 1995 und 2004 entstanden acht Krimis, die nicht nur in Bezug auf den Sendeplatz sondern auch inhaltlich die Vorläufer zu den heutigen „Tatort“-Folgen aus Münster waren: explizit provinziell, selbstironisch, mehr Krimikomödien als echte Krimis. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Während der „Tatort“ in einer zwar provinziellen aber dennoch realen Stadt (nämlich Münster) spielt, war der „Polizeiruf“ mit den beiden Dorfpolizisten Sigi (Martin Lindow) und Kalle (Oliver Stritzel) in Volpe beheimatet, einem fiktiven Dorf im Bergischen Land, irgendwo zwischen Köln und Lüdenscheid – also im absoluten, metaphorischen Nirgendwo. Das machte es den Krimis leichter, die Grenzen der Realität hinter sich zu lassen, sorgte aber auch für die Gefahr der hemmungslosen Klamotte. Außerdem ließ dieser Kunstgriff die Geschichte von Sigi und Kalle verhältnismäßig schnell an ein Ende kommen: Dass in Münster immer mal wieder Verbrechen passieren, mag man ja noch glauben. Aber in Volpe? Einem Dorf von geschätzt vielleicht 15000 Einwohnern?

Wenn man sich jetzt, zehn Jahre später, noch einmal die vorletzte Volpe-Folge „Fliegender Holländer“ anschaut, dann merkt man schon, wie stark der Zahn der Zeit an dieser Ästhetik genagt hat. Zwar spielen Stritzel und Lindow ihre Provinzler mit einigem Charme (überhaupt ist das eine erfrischend andere Herangehensweise, mal keine Kommissare ins Zentrum der Handlung zu stellen, sondern Streifenbullen), zwar traut sich Regisseur Ulrich Stark, die Krimihandlung (das LKA vermutet Drogenhändler in Volpe) immer wieder durch Abschweifungen auszubremsen. Was aber nicht darüber hinweg täuscht, dass einige Witze nicht mehr als Schenkelklopfer sind, dass insbesondere die Nebenrollen mehr als ungenau ausgeführt sind und nicht zuletzt dass die filmischen Mittel 2001 anscheinend noch erschreckend in der Fernsehkonvention gefangen waren.
Das aber ist egal, wenn man sich anschaut, wie Volpe (als eigentlicher Hauptdarsteller der WDR-Polizeirufe) gezeichnet wird: eben nicht als das schmucke Bilderbuchdorf als das Münster in den späteren „Tatorten“ immer wieder auftaucht, sondern so hässlich wie es Dörfer und Kleinstädte hierzulande eben sind. Selbst Fachwerkhäuser wirken in Volpe nicht malerisch, sondern wie schnöde Zweckbauten, die vor allem der Durchgangsstraße im Weg stehen. Und am Ortsrand wartet das typische Gewerbegebiet mit den Würfelbauten, vordergründig modern, tatsächlich absolut reizlos. Und erst die Bewohner: Autoritätshörig buckeln alle vor den Dorfhonoratioren, alle saufen sie, alle haben sie Dreck am Stecken, und wenn davon was rauskommt, dann schmieren sie den Dorfbullen Kalle beziehungsweise vögeln ihn, also, die Frauen (dieser negative Charakterzug aus dem ersten Volpe-Krimi „1A Landeier“ ist in „Fliegender Holländer“ allerdings zum harmlosen Provinzcasanovatum abgeschliffen). Bei allem Humor zeigen die Volpe-Krimis eben auch die Abgründigkeit des Dorfes, eine Anlage, die der WDR Jahre später in der von mir schon einmal massiv empfohlenen Serie „Mord mit Aussicht“ fortführte, diesmal allerdings in einem (ebenso fiktiven) Dorf in der linksrheinischen Eifel und nicht im rechtsrheinischen Bergischen Land.

„Fliegender Holländer“ noch einmal gesehen zu haben, ist okay. Weil man aus diesem Film immer noch etwas mitnehmen kann, weil man immer noch etwas erfährt über das, was das Dorf so abschreckend, so eng, so gewalttätig macht. Es ist aber auch okay, weil man dadurch gnädiger wird gegenüber den Krimis der 2010er-Jahre: Man weiß, selbst der doofste Münsteraner „Tatort“ wird filmisch nicht so schwach daherkommen wie dieser Krimi. Und einen Schlussgag wie das pseudolesbische Liebesspiel im Biobauernhof, nein, den würde man sich in Münster auch nicht mehr trauen. „Fliegender Holländer“ sagt einem auch: Früher war nicht alles besser.

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)

Oft sprechen mich junge Menschen an, weil sie Probleme haben mit diesem Internet, von dem man gerade so viel hört: Zu wenig Sex gebe es dort, und man solle sich doch trauen, endlich mal ein richtig gutes Sexblog auf die Beine zu stellen. (Mich fragen sie, weil sie gehört haben, dass ich schon einmal Sex gehabt haben soll, angeblich.)
Fände ich gut. Also, wenn es jemand schaffen würde, unpeinlich und kreativ und unterhaltsam von Sex zu erzählen. Allein, ich glaube nicht, dass das jemand schafft. Weil ich den jungen Leuten aber nicht alle Hoffnung nehmen möchte, gebe ich ihnen ein Beispiel: Sie sollen sich den „Tatort“ von vergangenem Sonntag anschauen, „Schwarze Tiger, weiße Löwen“, da hat nämlich die Kommissarinnenfigur Charlotte Lindholm Sex. Ganz grauenhaft öden Sex. Und dass dieser Sex so öde aussieht, hängt natürlich einerseits damit zusammen, dass die Kommissarinnenverkörpererin Maria Furtwängler eine ganz schlechte Schauspielerin ist, die sich in keine Figur einfühlen will, sondern auch noch beim wüstesten Gevögel (das hier nicht einmal in Ansätzen zu sehen ist, sondern nur schwachbrüstige Konvention) in erster Linie darauf achtet, dass sie, Maria Furtwängler, gut aussieht. Ein weiterer Grund aber ist der, dass ein Regisseur, der Bilder für Sex sucht, immer wieder die gleichen, langweiligen Bilder findet, Finger, die sich in Laken verkrampfen, schweißglänzende Haut, geschlossene Frauenlider. (Das muss so sein, weil Sex ja nun wirklich häufig ganz ähnlich aussieht. Dass aber auf der Tonspur ausgerechnet ein Saxophon ein ultrabetttauglich-kitschiges Stück quäkt, das hätte nicht sein müssen.)

Dass der ganze Film kaum erträglich ist, liegt natürlich nicht nur an der Sexszene. Es liegt auch und wieder daran, wie Furtwängler ihre Kommissarin Lindholm anlegt: als Souveränitätsbombe, die nichts dabei findet, Fehler zu machen (den Dienstausweis beim Sex verschlampen!), und, wenn diese Fehler Probleme nach sich ziehen, Untergebene stumpf von oben herab zurechtzuweisen. Wozu gibt es denn auch Hierarchien, wenn man nicht denen, die unten stehen, mal so richtig gegens Schienbein hauen kann, auch wenn sie nun wirklich nichts dafür können? Was die „Tatorte“ mit Furtwängler echt schlimm macht: dass Lindholm mit dieser arroganten Masche immer wieder durchkommt und den Mörder, klar, schnappt. Man müsste wirklich mal analysieren, was hinter dieser Figur eigentlich für ein Gesellschaftsbild steckt.

Der Krimi selbst? Interessiert da schon kaum noch. Was schade ist, weil Regisseur Roland Suso Richter hübsch dräuende Bilder von der Gifhorner Kleinbürgerhölle gefunden hat, weil auch das Drehbuch von Ulrike Molsen und Eoin Moore ein paar hübsche Haken schlägt, und vor allem auch weil das Ensemble nicht uncharmant aufspielt, allen voran Inka Friedrich als lokal zuständige Polizistin und Michaela Caspar als schwer traumatisierte Opfergattin. Aber dass das nicht interessiert, liebe Zuhörer, das ist doch der beste Beweis dafür, dass man die Finger davon lassen sollte, von Sex zu erzählen. Weil das nämlich alles kaputt macht.

(Recht freundlich, diesmal: Matthias Dell im Freitag. Vom Sex nicht völlig verstimmt: Jens Szameit auf tatort-fundus.de. Nicht überzeugt: der Wahlberliner. Gelangweilt: der Stadtneurotiker. Fies: Anna im Wunderland.)

04. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für „Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“ · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , ,

Das ist alles überlagert, jetzt. Man kann sich diesen „Tatort: Das Dorf“ nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken, was das für ein Film wäre, spielte nicht Ulrich Tukur die Hauptrolle, sondern Til Schweiger. Seit der NDR bekannt gab, dass Schweiger demnächst in der Krimireihe ermittelt, schaut man Tukur zu, wie er durch die hessische Provinz irrt, und fragt sich: Was würde Til Schweiger tun?

Das macht keinen Spaß mehr.

Wenn Schweiger als leichtverständlichster, massentauglichster Kommissar der Krimireihe angelegt sein dürfte, dann ist Tukurs Felix Murot der unzugänglichste. Nur selten zu sehen, „Das Dorf“ ist erst sein zweiter Fall nach dem schon recht speziellen „Wie einst Lilly“, und es ist … ein Querschläger. Das absolute Gegenteil dessen, was man sich von einem Fernsehkrimi erwartet, ein postmodernes Zitatspiel, eine Räuberpistole. Heinz Zimmermann stellt auf tatort-fundus.de klar:

Wer bei diesem TATORT die Realismus-Frage auch nur andenkt, hat schon verloren. Man muss sich völlig fallenlassen können in dieses einmalige Werk und Experimente auch mal zulassen, dann hat man für 90 Minuten größte Freude und kann den Blick nicht mehr vom Bildschirm wenden. Die Krimihandlung? Pfeif drauf!

Felix Murot hat einen Hirntumor, das wissen wir schon aus „Wie einst Lilly“. Dieser Tumor sorgt dafür, dass Murot haluziniert, und weil wir (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich Murots Blick folgen, haluzinieren wir eben mit. Wir sehen ein Spukschloss, wir sehen Alice und Ellen Kessler einen Bossanova tanzen, wir sehen Tobias Langhoff als mörderischen Diener Dietrich eine formvollendete Kinski-Choreographie abliefern, wir sehen eine großartige Szene in der Leichenhalle, die die „Tatort“-Tradition der humoristischen Pathologenszenen zitiert, nur damit Murot den übertrieben kichrigen Pathologen (Sylvester Groth) barsch zurechtweisen kann: „Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“ Was ja wohl die einzig angemessene Reaktion darauf ist, wenn jemand Witze macht, im Angesicht einer Leiche.
Ja.
Das Problem an „Das Dorf“ ist allerdings: Regisseur Justus von Dohnányi (den man vor allem als gern besetzten Psycho im Schauspielerfach kennt) macht eigentlich auch in erster Linie Witze, die nur so halblustig sind, wenn man einrechnet, dass hier gestorben wird. Er zitiert nach Herzenslust (wenn auch nicht so plump, dass man jedes Zitat sofort decodieren könnte, ich zumindest konnte es nicht), er scheut sich nicht vor einer drastischen (und für die Handlung vollkommen unnötigen) Mordszene, er lässt Kameramann Karl-Friedrich Koschnick wundervoll grobkörnige Bilder eines bedrückenden Hintertaunus malen. Aber er hat nichts zu erzählen, also macht er Witze, und dabei nicht immer nur gute, leider.
Doch natürlich, „Was würde Til Schweiger tun?“, ist dieser Krimi großartig. Als geschmäcklerischer Kunstfilm funktioniert er nämlich, und zwar weitaus besser als alle „Tatorte“, die sich bislang an so etwas versucht haben. Nur erfüllt er kaum die Kriterien, die ich an einen guten „Tatort“ lege: Er zeigt nicht, wie jemand zum Verbrecher wird (wer ist in dieser hanebüchenen Geschichte eigentlich wirklich der Verbrecher? Ja, klar, ich habe es schon verstanden, aber hat mich das überhaupt interessiert?). Er ist nur deswegen in einer bestimmten Region dieses Landes verortet, weil er den Hintertaunus so schonungslos hässlich, herzlos und abweisend zeigt, wie er tatsächlich ist (allerdings tut er nichtmal so, als ob es in Brandenburg, Schwaben, Niedersachsen und allen anderen Ecken dieses Landes nicht ähnlich trostlose Dörfer geben würde). Und er ist an keiner Stelle politisch, höchstens noch an dieser: Diese Gesellschaft ist krank, also ist auch die Hauptfigur krank. Und weil sich diese Krankheit einfach nicht aushalten lässt, flüchtet man sich ins Surreale, ja, das geht.
Gespielt wird übrigens durch die Bank grottig. Der große Devid Striesow: darf nur schwer atmend gucken. Thomas Thieme: manieriert. Claudia Michelsen: lässt sich von den Kesslers die Butter vom Brot nehmen. Das ist egal, darum gehts hier nicht.
Was am Ende bleibt, sind die Szenen in der Dorfkneipe, und das sind nun mal ehrlich Kabinettstückchen. Und von da ab gibt es nur noch: den Irrsinn. Und jetzt: Was würde Til Schweiger tun?

(Zum Vergleich, kritisch: Matthias Dell im Freitag. Voll des Lobs: Christian Buß auf SpOn. Freundlich: der Wahlberliner. Königlich amüsiert: der Stadtneurotiker.)

03. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Zwischen Kiel und Konstanz · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , ,

Ich schaue selten fern. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin, Fernsehen ist schon okay, nur mein Medium ist es eben nicht. Während des Studiums und auch in den Folgejahren hatte ich nicht einmal einen Fernseher (weswegen ich immer, wenn ich meine Eltern besuchte, bis spät in der Nacht vor dem Bildschirm saß, was zur Folge hatte, dass meine Meinung, dass Fernsehen grunddoof sei, bestätigt wurde: Niemandem tut es gut, stundenlang „Ally McBeal“, stupide verschnittene Actionfilme und Softpornos aus den Siebzigern zu schauen), erst nach meinem Umzug nach Hamburg entschied ich mich, dass ich mein mageres Volontärsgehalt nicht allabendlich ins überteuerte Nachtleben dieser ohnehin teuren Stadt tragen wollte und entsprechend andere Zerstreuung brauchte. Trotzdem, ich fremdelte weiterhin mit diesem Medium. Bis heute.
Eine Weile dachte ich, Fernsehen sei wichtig zur Information, um up to date zu bleiben. Lächerlich. Jede x-beliebige Agenturverwursterseite im Netz informiert mich umfangreicher als die Fernsehnachrichten, selbst tagesschau.de ist weit umfangreicher als die TV-Mutter. Privatfernsehen schaute ich nur sporadisch, meist extrem angewidert, früher manchmal Harald Schmidt (bevor es so doof selbstbezüglich wurde), manchmal „Fast Forward“ (bevor es als Nischenprogramm abgesetzt wurde), manchmal, „Wer wird Millionär?“, ja, Besserwisserkram. Und zwischendurch die Trailer, die Teaser, überhaupt die Werbeblöcke, so entsetzlich. Nicht meins. (arte schaue ich, übrigens, ebenfalls kaum.) Ansonsten schaue ich Fernsehformate auf DVD, „Breaking Bad“, „Mad Men“, momentan wühle ich mich durch „Lost“.

Was mir gefiel, war die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ (hier beschrieb ich das ein wenig ausführlicher). Und dann noch der „Tatort“, um ehrlich zu sein, ist „Tatort“ mittlerweile der einzige Grund, weswegen ich überhaupt einen Fernseher habe (mal abgesehen von seiner Funktion als Abspielgerät für DVDs, eine Aufgabe, die ein Beamer weit schicker übernehmen würde). Mark versuchte vor einem Jahr, sich den „Tatort“ schön zu schauen, eine Folge Frankfurt („grauenhaft“), eine Folge Münster („klasse“), eine Folge Berlin („ging so“), es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich da dran finde. (Was okay ist, ich verstand auch nicht, was andere Leute an den „Simpsons“ finden. Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.)
Und was finde ich da dran? Ich finde: dass der „Tatort“, wenn er gut ist, etwas aussagt über die Vielfalt dieses Landes. Ich bin häufig genug umgezogen, um sagen zu können: Dieses Land ist ein Flickenteppich. Und als Freund des Multikulturellen gefällt mir dieser Flickenteppich, womöglich ist er sogar das einzige, was mir an Deutschland wirklich gefällt. Das Bewusstsein: Es gibt riesige Unterschiede zwischen Kiel und Konstanz, ach was, es gibt riesige Unterschiede schon zwischen Mannheim und Ludwigshafen, hibbedebach und dribbedebach. Und wenn der „Tatort“ wirklich gut ist, dann arbeitet er diese Unterschiede raus, nicht als Ausstellen von Klischees, sondern als kreative Reibung (das Motiv der Binnemigration bekommt dabei nur das scheidende Saarbrücker Team halbwegs klug hin, das Team, das ansonsten leider mit öden Drehbüchern geschlagen ist: ein Polizist aus Rosenheim (Maximilian Brückner), der sich aus Karrieregründen ins Saarland versetzen lässt und feststellt, dass dort einiges anders ist als zu Hause, so etwas passiert ja. Ganz anders als in Stuttgart bzw. im von mir verachteten Münster, wo jeweils ein Hamburger Polizist (Richy Müller bzw. Axel Prahl) hin zieht und einmal gar nichts aus seiner Herkunft macht (Müller) und ein andermal eine Karikatur in St. Pauli-Bettwäsche (Prahl) darstellt). Außerdem schafft ein guter „Tatort“ das, was jeder gute Krimi schaffen sollte: Er erzählt etwas über die Verwerfungen der Gesellschaft, etwas darüber, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt. Der „Tatort“ ist in erster Linie ein Sozialdrama, und weil insbesondere die immer wieder aus ihren Löchern hervorkriechenden Rechtsdreher das bemängeln, bin ich den sozialkritischen Krimis treu. Wunderbar stupide die Kommentare zur aktuellen „Tatort“-Kritik von Christian Buß auf SpOn. „Der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte“, stammelt „böeseHelene“. „Mit ‚Weltverbesserer-Tatorte‘ meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt“, sekundiert „loeweneule“. Und „avollmer“ stellt schließlich unmissverständlich klar, mit wem wir es hier zu tun haben: „Realismus heißt an der Realität orientiert, nicht einer Klischee-Wirklichkeit folgend, die eine soziologische Lehrbuch-Realität nach Proporz und Political Correctness konstruieren“, na sicher, die Nasen, die überall die Macht der Political Correctness fürchten, fehlt nur noch der Hinweis auf „Gutmenschen“, die „linksgrüne Medienverschwörung“ und die „Klimalüge“. Dumpfbacken, gerade wegen euch schaue ich „Tatort“.

Einschub 1: Natürlich ist es so, dass 90 Prozent aller „Tatorte“ entsetzlich sind, grauenhaft durchformiert, klischeebeladen, ohne Sinn für die Eigenarten ihres Spielorts, ohne Sinn für die Charakterista des Formats Fernsehkrimi. Aber um die wirklich guten zehn Prozent zu finden, dafür muss man durch die übrigen 90 Prozent durch, hilft ja nichts.
Einschub 2: Meine Top 3 der „Tatort“-Teams: 3. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München (wenn die Drehbücher mal nicht allzu betulich sind) 2. Axel Milberg in Kiel 1. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt (leider Geschichte).

Seit ein paar Jahren hat sich im Kulturjournalismus die „Tatort“-Rezension als eigenes Genre durchgesetzt. Es gibt die wunderbar durchgeknallten Texte Matthias Dells im Freitag, es gibt die schön ausführlichen Feuilletons des Wahlberliners, es gibt die bajuwarische Coolness des Stadtneurotikers, es gibt die hitzigen und immer mehr eckkneipigen Diskussionen auf tatort-forum.de. Und in Zukunft gibt es auch in der Bandschublade Rezensionen zum „Tatort“, unter der neuen Rubrik „Kiste“. Wenn ich Lust habe. Und, weil man nicht päpstlich sein will, auch zur Schwesterreihe „Polizeiruf 110“, ja, ich weiß, das ist etwas ganz anderes, nur, was ist da eigentlich wirklich so ganz anders?
Und weswegen? Weil ich Spaß dran habe. (Und nicht etwa aus Erfolgssucht, wobei, wenn von den zehn Millionen Zuschauern einer Münsteraner Folge hinterher auch ein paar bei mir vorbei schauen wollen, um zu hören, wie schlecht ich es fand, will ich ihnen nicht den Stuhl vor die Tür stellen.)