05. Mai 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (April 2014) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Auf den ersten Blick mache ich gerade: wenig. Auf den zweiten: doch so. Ich habe viel geschrieben, im April, nur eben einiges für die Halde. Entsprechend sieht das so aus wie: Boah, war Falk faul! War er nicht, versprochen.

Im uMag zum Beispiel habe ich über die Stadt geschrieben, die ich gleichzeitig von Herzen verachte und doch irgendwie mag: München.

München ist eine Stadt, in der die Stadtmenschen am Stadtrand leben müssen. Wenn es wenigstens schöner Stadtrand wäre, so wie in Hamburg das Alte Land oder in Berlin Brandenburg. In München heißt die Gegend „Münchner Schotterebene“, das klingt nicht nur wie ein Parkplatz, das sieht auch so aus.

Außerdem habe ich im gleichen Heft ein wenig nachgedacht über Cédric Klapischs Film „Beziehungsweise New York“ (nicht online). Den ich (im Gegensatz zu den meisten Kritikerkollegen) ziemlich gut fand und auch für die kulturnews rezensiert habe.

Die Figuren sind älter geworden, sind an Ehen, Kindern und Jobs mehr oder weniger gescheitert, und über verschiedene Wirrungen treffen sie sie sich in New York wieder. „Wieso wollt ihr alle leben wie vor 20 Jahren?“ fragt Xavier (Duris) entnervt, als sich erste WG-Strukturen wieder auszubilden beginnen. Aber seine Freunde haben etwas kapiert, was er noch nicht verinnerlicht hat: dass die Zeit in Barcelona die beste Zeit ihres Lebens war, dass ihnen keine Türen offenstehen, und dass die coole Großstadt sie nur deswegen nicht sofort wieder ausspuckt, weil sie ziemlich uncool die Einwanderungsbehörden austricksen.

Theaterkritiken gab es auch. Und zwar auf der Nachtkritik. Die erste zu Herbert Fritschs „Die Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus:

Das hier ist kein Klamauk, das ist auch nicht die ans Musiktheater angelehnte Abstraktion, zu der Fritsch manchmal, in seinen besten Arbeiten, neigt, das ist eine Geschichte von Unterdrückung und Manipulation, eine Geschichte, in der es zur Sache geht, eine Geschichte, deren Hauptfigur Arnolphe am Ende gebrochen ist. Zu Recht ist er gebrochen, aber man leidet dennoch mit ihm mit, wie er in seiner zynischen Abgeklärtheit einsam wird und von der Einsamkeit in den Wahnsinn abgleitet. Schon wegen der Radikalität, mit der Meyerhoff solche Einsamkeit unter Fritschs Anleitung spielt, lohnt diese „Schule der Frauen“.

Und dann auch noch eine zweite, zu „Ende einer Liebe“ von Pascal Rambert im Thalia in der Gaußstraße:

Und nach und nach wächst in einem die Erkenntnis: Gezeigt wird zwar das Ende einer Liebe, dieses Ende ist aber in erster Linie das Nachdenken über Anfang und Alltag der Liebe. Die Träume vom gemeinsamen Altern, der Kinderwunsch, das Ejakulat im Rachen. Schön.

Das wars. Das wars? Fast. Ich habe nämlich noch einmal die Rollen getauscht und ein Interview gegeben. Für das wunderbare Projekt „Was machen die da?“ (Note: Ich sollte mal wieder die Blogroll aktualisieren) von Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm. Und worum ging es? Darum, was ich hier eigentlich mache.

Ich habe eine sehr hohe Meinung von Künstlern, und zwar unabhängig davon, dass das, was sie machen, dann auch blöd sein kann. Aber mir macht es großen Spaß, mich mit dem zu beschäftigen, was ein Künstler tut. Wahrscheinlich gilt das für jede Kunstform, wobei es schon so ist, dass ich vom Theater und mit Einschränkung von bildender Kunst am meisten verstehe. Das heißt, da ist mir der Zugang am leichtesten. Tanz vielleicht auch noch.

01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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14. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Über das Recht des Sechzehnjährigen auf Geschmacksverwirrung · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Das Publikum kreißte und gebar: ein altbackenes Theaterstück. Bei der mehr oder weniger demokratischen Spielplanwahl am Hamburger Thalia wurde Friedrich Dürrenmatts Politkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ in einem etwas undurchsichtigen Verfahren zum aufführenswertesten Stück der Spielzeit gekürt – und die arme Christine Eder musste es inszenieren. Dürrenmatt, mit dem habe ich eine Geschichte, ähnlich wie mit Woody Allen, Salvador Dalí und den Sisters of Mercy: Künstlern, die ich als junger Mensch toll und wichtig fand, was mir heute ein wenig peinlich ist. Muss es natürlich nicht sein, man hat als Sechzehnjähriger alles Recht auf Geschmackswirren, und es gibt ja auch wirklich schlechtere Dramatiker als Friedrich Dürrenmatt. Bloß aufführen, das muss man den alten Schweizer heute eigentlich wirklich nicht mehr.

Und was passiert, wenn man es doch macht, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Sätze wie „Der Westen hat die Freiheit verspielt, der Kommunismus die Gerechtigkeit“ mögen in Zeiten der Systemkonkurrenz ihre Relevanz gehabt haben, heute aber klingen sie hohl, selbst wenn der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawn im Programmheft nicht ungeschickt versucht, den Marxismus als Welterklärungsmodell zu retten.

Übrig bleibt ein, freundlich ausgedrückt, fragwürdiges Frauenbild: „Wer auf dich baut, wird untergehen!“, das ist, was diese zwar lächerlichen, aber dennoch von Idealen beseelten Männer zu ihrem Objekt der Begierde zu sagen wissen. Und übrig bleibt eine Regisseurin, die mit dem Stück fremdelt und die das minimalistische Bühnenbild nutzt, ihre bestens aufgelegten Darsteller Kabinettstückchen vollführen zu lassen: Geiße zuzuschauen, wie sie als neugieriges Zimmermädchen lauschend durch die Kulisse staubwedelt, ist jedenfalls ein großer Spaß.

Ich möchte die Brüderle-Diskussion nicht noch einmal aufwärmen, das Meiste wurde schon gesagt, von Berufeneren, von Frauen, die selbst alltagssexistische Erfahrungen gemacht haben: Antje Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich finde über einen Abend, an dem sie als Journalistin vom FDP-Unsympathen Brüderle angezotet wurde – ausgerechnet vom Stern möchte ich mir nicht erzählen lassen, was Sexismus ist, Entschuldigung, Frau Himmelreich, nichts gegen Sie.) Das Thema ist auf dem Schirm, da muss nicht ausgerechnet ich noch meinen Senf dazu geben, einen Senf, der doch ohnehin nur die Wiederholung von Argumenten wäre, die schon längst gefallen sind.

Ich fange lieber einen ganz neue Diskussion an. Eine Diskussion, die auf den ersten Blick gar nicht soviel mit Brüderle zu tun hat: die Hassdiskssion, die sofort aufkommt, sobald ein Argument den Anschein hat, irgendwie „politisch korrekt“ zu sein. Das ist der zweite Feuilletonaufreger dieser Tage: dass der Thienemann Verlag aus den Kinderbüchern Otfried Preußlers die Begriffe „Neger“ und „wichsen“ (im Sinne von „prügeln“) streichen will. Da kommen dann all die Ratten aus ihren Löchern und behaupten, dass hier Zensur geübt werden würde, „Im Auftrag der Politischen Korrektheit“. Hallo! Es geht um Kinderbücher, in denen missverständliche Begriffe ausgetauscht werden (wer bitte denkt bei „wichsen“ heute noch an prügeln?), aber die tun so, als ob wir in Nordkorea leben würden! Weil sie der Meinung sind, es würden Sprachregeln existieren, die ihnen eine bestimmte Haltung vorgeben würden! Die gleichen Leute betonen dann, dass sie keinen „Tatort“ mehr schauen würden, weil ihnen dort nur „politisch korrekte Ideologie“ vorgesetzt würde (damit meinen sie: dass nicht in jedem Krimi der Ausländer der Täter ist), Ausnahme: der „Tatort“ aus Münster. Der nämlich sei „so herrlich politisch inkorrekt“. Mal ganz davon abgesehen, dass sich die gleichen Leute absolut verbitten würden, mit ihrer Terminologie perfekt in die Ideologie eines der bekanntesten deutschsprachigen Naziblogs (das hier aus gutem Grund nicht verlinkt wird) zu passen – was ist das eigentlich für eine politische Inkorrektheit, die beim Münsteraner „Tatort“ gepflegt wird? Eine Inkorrektheit, die viel damit zu tun hat, dass Personen ihre Machtposition ausleben. Der von Jan Josef Liefers gespielte Pathologe macht in jeder Folge mal mehr, mal weniger geschmacklose Witze über Ausländer, Behinderte, Realschüler. Und auch über Frauen, und da ist man wieder bei Brüderle.

Wenn Leute wie Brüderle „Herrenwitze“ über die Körbchengröße ihres Gegenübers machen, dann hat das nichts zu tun mit Sexualität, sondern mit Macht. Brüderle zeigt: Ich habe Macht über dich, deswegen reduziere ich dich auf deinen Brustumfang. Entsprechend gehen auch Argumentationen wie die, dass Brüderle doch nur ein verunglücktes Kompliment machen wollte, ins Leere: Ihm ging es gar nicht um die Frage, ob sein Gegenüber nun schöne Brüste hat oder nicht, er wollte keine Komplimente machen, er wollte nicht flirten, er wollte Machtverhältnisse klarstellen. Brüderle ist kein Casanova, der mit Frauen ein Spiel spielt, ein Spiel, bei dem immer auch eine Mitspielerin nötig ist, er ist ein Don Juan, dem es immer nur um die eigene Position geht, einer, der Frauen benutzt.

Und damit wären wir beim dritten Thema angelangt: Ich hätte mir ja gewünscht, dass Antú Romero Nunes‚ Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ am Hamburger Thalia Theater diese Thesen ein wenig aufnimmt. Hat sie nicht getan, schade. Wie die Premiere ansonsten war, habe ich für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Erotik ist ein zweischneidiges Schwert, das hat man insbesondere am Thalia schon mehrfach durchdekliniert, zuletzt in einem abgründigen „Sommernachtstraum“ von Stefan Pucher. Dass die Grenzen zwischen Verführung, Anmache und Übergriff immer wieder neu verhandelt werden müssen, ist eigentlich auch ein Thema in „Don Giovanni“, nur interessiert es diese Inszenierung anscheinend nicht. Sicher, Don Giovanni ist bei Mozart ein Libertin, und Rainer Brüderle ist nur ein Liberaler, das ist ein Gegensatz, den man gar nicht unbedingt thematisieren muss, nur: Wer Don Giovanni bei Nunes ist, das bleibt im Dunkeln. Er ist der Typ, der irgendwie alle Frauen ins Bett bekommt, aber wie er das schafft, ach, whatever.

Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.

02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.

27. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Mit Lebensmittel rumsauen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit „La Macarena“ mit minimal abgeändertem Text: „Eeeeh … Makarenko!“, toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Wenn Konservative sich über das zeitgenössische Theater aufregen, dann motzen sie eigentlich immer darüber, dass da ohne Unterlass gebrüllt werde. Dass ununterbrochen mit Lebensmittel rumgesaut werde. Dass es immer total eklig sei. Und dass die Schauspieler ständig nackt seien. Mit anderen Worten: So wie in „Fuck your Ego!“ der ersten (mehr oder weniger ganz großartigen) deutschen Produktion der estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper am Thalia in der Gaußstraße. Für nachtkritik.de habe ich ein bisschen was von der Premiere aufgeschrieben.