Kurz vor der schlimmsten Jahreszeit für den Kulturjournalisten, der Saure-Gurken-Zeit, drehe ich noch einmal auf. Und veröffentliche auf einen Schlag Text um Text … Wobei ihr längst verstanden habt: So etwas heißt nicht, dass mich plötzlich die Arbeitswut gepackt hat, so etwas heißt nur, dass sich eine ganze Reihe Artikel auf Halde angesammelt hat. Wie ein aufgestauter See – irgendwann brechen eben die Dämme.

Für die Nachtkritik habe ich das Live Art Festival auf Kampnagel besucht. Also, ich habe mich dem Exzess hingegeben – „Excess yourself“ lautete das Thema. Für meinen Festivalbericht besuchte ich unter anderem Arbeiten von HGich.T, Neal Medlyn und Ariel Efraim Ashbel.

Exzess ist eine gefährliche Sache. An der Bar in der Kampnagel Music Hall hängt jedenfalls ein Ausschnitt aus einer Klatschzeitschrift mit der Überschrift „Beauty-Killer Alkohol“, was einem exzessives Verhalten schon im Vorfeld vermiesen soll. Andererseits sind Beauty, Würde, Struktur ohnehin Konzepte, die man mal hinterfragen sollte, und das „Ja!“ zum Exzess ist wohl der erste Schritt zu diesem Hinterfragen.

Es gab noch mehr Festivals, vergangenen Monat, darunter das Körber Studio Junge Regie in der Gaußstraße, über das ich in der Theater heute einen längeren Text veröffentlichte (der, wie immer bei diesem Medium, online nur für Abonnenten zugänglich ist):

Elf Jahre existiert das Körber Studio Junge Regie am Hamburger Thalia in der Gaußstraße als Leistungsschau der deutschsprachigen Regieschulen. Elf Jahre, in denen die unterschiedlichen Schulen ihre Profile schärfen konnten, elf Jahre, in denen sich aber auch Vorurteile verfestigten. Zum Beispiel: Die Unis Hildesheim und Gießen stehen für Postdramatik, die Hamburger Theaterakademie für gut abgehangene Ironie und die Berliner Ernst Busch Schule für Exzess und körperliche Entgrenzung. Und wie meist sind solche Vorurteile eine self-fulfilling prophecy: Wer es darauf anlegt, in Hildesheim Postdramatik zu finden, der findet sie dann auch.

Ebenfalls in der Theater heute schrieb ich noch eine Doppelkritik über zwei Abende am Theater Bremen: „Die zehn Gebote“ in der Regie Dušan David Pařízeks und „Lost“, inszeniert von Alexander Giesche.

Was diese „Zehn Gebote“ ganz und gar nicht sind, ist – religiös. Gut, das ist auch die Vorlage von Kieślowski und Piesiewicz nur in dem Sinne, dass hier auf ein biblisches Regelwerk Bezug genommen wird, aber die Konsequenz, mit der Pařízek allgemeine menschliche Verhaltensregeln ohne jeglichen Rückgriff auf eine höhere Macht durchdekliniert, irritiert dann doch. Zumal wenig später ein weiterer Fernsehstoff am Bremer Theater zur Aufführung kommt, der im Grunde nichts anderes macht als eben eine solche Macht zu umkreisen: Alexander Giesches „Lost“ nach Motiven aus der gleichnamigen TV-Serie.

Für das uMag habe ich Ebba Durstewitz interviewt – die kennt man hauptsächlich als Musikerin bei JaKönigJa, sie ist aber auch Literaturwissenschaftlerin. Und Künstlerische Leiterin des Dockville-Satellitenfestivals Scienceville.

uMag: Ebba Durstewitz, ich kann mir etwas unter dem Dockville als Musikfestival vorstellen. Das Artville als Kunstfestival geht auch. Und auch das Lüttville als Kinderfreizeit. Aber Scienceville?
Ebba Durstewitz: Die Vorgabe war „Kunst und Wissenschaft“, und mir war ziemlich schnell klar, was ich nicht machen möchte: ein Festival, wie es sie in Science Centern oder Museen gibt, bei dem es darum geht, was Kunst und Wissenschaft überhaupt miteinander zu tun haben. Das Thema ist ziemlich abgefrühstückt. Unser erstes Anliegen ist, wissenschaftliche Themen aus der Uni rauszuholen, und da passt das Motto „Nichtwissen, Nichtverstehen“ ganz gut. Die Lehre vom Nichtwissen nennt sich Agnotologie, die Lehre vom Nichtverstehen nennt sich negative Hermeneutik – das ist einfach ein Perspektivenwechsel, der gerade in den Wissenschaften stattfindet, der aber noch nicht durch alle Feuilletons genudelt wurde.

Außerdem im uMag: ein Fragebogen mit der wunderbaren Electroclash-Gendertrouble-Heldin Peaches:

uMag: Deine Botschaft an die Frauenhasser dieser Welt?
Peaches: Seid keine!

Und ein Überblick über die großen und kleinen Theaterfestivals diesen Sommer. Kann man ja immer brauchen.

Sommer heißt: Theater machen Spielzeitpause. Und Spielzeitpause heißt: Festivalzeit! Was schade ist um den Sommerurlaub der Theatermacher, aber schön für uns.

Und schließlich schrieb ich auch noch ein rauchschwangeres Hohelied auf meine Wunschheimat, das Ruhrgebiet.

Das Ruhrgebiet ist natürlich Provinz, da braucht man nichts zu beschönigen. Trotz eines urbanen Raums mit fünf Milionen Einwohnern, trotz einer tollen Hochschullandschaft, trotz atemberaubender Industriearchitektur und trotz großartiger Theater, Museen und Fußballvereine. Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist ein Stadtkonglomerat, das aus der Zeit gefallen scheint, irgendwann seit Mitte der Neunziger. Da fing man an, das Ruhrgebiet zu übersehen, da zogen die Coolen alle weg, nach Berlin oder ins Ausland, und die Zielstrebigen zogen nach München und nach Hamburg. Im Ruhrgebiet blieben die, die sanft den Tag wegkifften, mit Blick auf das Dortmunder Stadtentwicklungsquartier Phoenix West. Im Sonnenuntergang.

Im Kino war ich auch, nur geht es hier ebenfalls um Theater. Mainstream-Regisseur Joss Whedon neuverfilmte „Viel Lärm um nichts“ – die Kritik steht in der kulturnews.

„Viel Lärm um nichts“ mag die Arthouse-Fingerübung eines Blockbustermachers sein, aber in seiner Beweisführung der Heutigkeit von Shakespeares Versen ist der Film durchaus beeindruckend. Zumal Whedon ein wunderbar aufgelegtes Ensemble zur Verfügung hat, das den zwar konventionell, aber in edlem Schwarzweiß gedrehten Film ohne Durchhänger spielt.

Ächz. Kommenden Monat setzt diese hübsche Rubrik aus, Sommerloch, ihr wisst ja. Bis dahin: viel Spaß beim Lesen.

27. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Juli 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Es nervte: Hier, auf der Bandschublade, auf Artikel zu verweisen, die ich andernorts veröffentlicht habe, für Geld. Das hatte sich zu so einer Pflichtgeschichte entwickelt, immer zum Monatswechsel schrieb ich einen Post nach dem anderen, weil ich (zumindest im Printbereich) sehr auf Monatsmedien fixiert bin, die Bandschublade war dann für ein paar Tage nur noch ein Durchlauferhitzer auf andere Seiten, während es im restlichen Monat so aussah, als ob ich nur auf der faulen Haut liegen würde. Das muss anders werden: Von nun ab sammle ich zum Monatsbeginn, was ich geschrieben habe. Und tagesaktuelle Texte, mal was aus der jungen Welt, mal was aus der Nachtkritik, können sich ja immer noch dazwischenschmuggeln.

Fürs uMag habe ich ein frustrierendes MIttagessen im ansonsten sehr empfehlenswerten Café Johanna protokolliert. Beziehungsweise den Monolog am Nebentisch.

Was ich abends so mache? Och, ich gehe ständig ins Kino, zweimal die Woche, mindestens. Aber immer nur mit Männern. Mit Frauen ist das nicht so … Keine Ahnung, wann da das letzte Mal was gelaufen ist, das war jedenfalls noch in München. Sicher, immer mal wieder bisschen rumgemacht, aber irgendwie lerne ich einfach keine Frauen mehr kennen, also, ich mein‘, ich lerne Frauen nicht mehr richtig kennen. Das liegt auch daran, dass wir alle immer im Wettbewerb stehen, der Mann braucht richtig Kohle, einen großen Schwanz, muss gut aussehen, witzig sein, HAHAHAHAHA, sicher, trifft alles auf mich zu, trotzdem … Ich glaube, das geht alles viel zu schnell heute, man ist gleich am ersten Abend miteinander im Bett, man bewertet sich sofort, da können sich doch keine tieferen Gefühle mehr entwickeln. Zumindest bei mir nicht.

Außerdem habe ich mir Gedanken über die Veränderungen in der freien Theaterszene gemacht, angesichts der Tatsache, dass Matthias von Hartz neuerdings das Berliner Festival Foreign Affairs leitet. Was in dem Text vielleicht ein wenig zu kurz kommt: Ist es beunruhigend, wenn eine einzige Personalie die ganze Szene durcheinander wirbelt? Und nimmt der (im übrigen sehr geschätzte, ich bin in dieser Frage nicht ganz unabhängig) von Hartz womöglich im freien Theater die Funktion eines Paten ein?

Jetzt aber hat von Hartz seine Jobs in NRW und Hamburg aufgegeben und führt ab diesem Sommer das Festival Foreign Affairs im Rahmen der Berliner Festspiele. Da macht er das, worin er bislang auch schon gut war: Er zeigt internationales, mehr oder weniger der postdramatischen Richtung verpflichtetes Theater vom Nature Theatre of Oklahoma oder von William Forsythe. Dazu gibt es feines, kunstnahes Musikprogramm mit Bands wie Gravenhurst, The Notwist und Apparat. „Ein Festival ist immer eine Ausnahmesituation, in der Begegnungen möglich sind, für die der Alltag keinen Raum lässt“, sagt von Hartz.

Und schließlich habe ich (ausschließlich online) einen Text geschrieben über neue weibliche Role Models im US-Fernsehen und nach und nach auch im Kino. Der Beitrag ist eher resümmierend, nichts neues also für TV-Junkies, die sich jede Serie schon kurz nach der Erstausstrahlung aus dem Netz ziehen, und womöglich wäre es auch besser gewesen, hätte das eine Frau geschrieben. Aber: Auf die Überschrift „Begnadete Schussel“ bin ich wirklich recht stolz.

Alle sind sie ungeschickt, ach was, es sind begnadete Schussel. Und alle sind sie zutiefst menschenfreundlich. Mag das Schicksal es auch noch so hart mit ihnen meinen, sie denken nicht an ihren Vorteil, sondern wollen die Welt einerseits naiv, andererseits grundsympathisch ein wenig besser machen – sie sind Gutmenschen im besten Sinn, das unterscheidet sie von den neoliberalen Trullas aus „Sex and the City“.

In Theater heute habe ich einen längeren Artikel veröffentlicht zum Themenwochenende „Old School“ auf Kampnagel, einem Wochenende, mit dem ich mich vor einiger Zeit schon für meine momentan bloggermäßige Hauptspielwiese Les Flâneurs beschäftigt habe (wie immer macht Theater heute seine Artikel nicht frei online zugänglich, daher hier keine Links).

Der Chor singt Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“, gar nicht einmal schlecht, aber dann schleichen sich Misstöne ein, einzelne Sänger brechen aus, die Streicher spielen plötzlich minimal neben der Melodie, jemand beginnt, zu plaudern, dann löst sich auch das Bühnenbild auf … Und mit einem Schlag ist die Struktur dahin, die Kontexte des Stücks zerfallen wie die schwächer werdenden Körper der Protagonisten.

Ebenfalls in der Theater heute gibt es noch eine Besprechung von Schillers „Die Räuber“ am Theater Bremen in der Regie Felix Rothenhäuslers, quasi der Abschluss meiner einjährigen intensiven Beschäftigung mit diesem Haus.

Die Bühne ist nackt, und nackt ist auch Claudius Franz, der als Franz von Moor erste Worte ans Publikum richtet, zögernd, textnah, den ganzen, inhaltlich nicht unproblematischen Monolog eines zu kurz Gekommenen: „Warum gerade mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen?“ Man glaubt dem (allen landläufigen Kriterien nach durchaus gutaussehenden) Schauspieler dieses Lamentieren freilich nicht, mehr noch: Er selbst scheint nicht zu glauben, was er da erzählt, Körper und Text fallen auseinander, nur ganz langsam tastet sich Franz in seine Rolle vor.

Außerdem habe ich noch Kurzbesprechungen veröffentlicht, in der kulturnews: über „Fliegende Liebende“, den neuen Film von Pedro Almodóvar:

Optisch erinnert das ein wenig an eine sympathische Variante von Tuntenkomödien wie „(T)Raumschiff Surprise“. Almodóvar aber darf das, weil er selbst bei Pupswitzen nicht nur an den Lacher denkt, sondern auch an die Geschichte des Pupswitzes.

Und über „Flughunde“, die Graphic-Novel-Adaption von Marcel Beyers Roman durch die großartige Künstlerin Ulli Lust, mit der der schlingernde Suhrkamp-Verlag sich ziemlich eindrucksvoll im Bereich des visuellen Erzählens profliert:

„Flughunde“, eine verschachtelte, vielstimmige Erzählung aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kein leichtes Unterfangen, Beyer berichtet weder chronologisch, noch ist seine Perspektive immer so deutlich, dass eine eindeutige Bebilderung vertretbar wäre. Lust löst diese Problematik, indem sie tagebuchartige Passagen, surreale Bilder und den von ihr gewohnten reportagehaften Stil nebeneinander stellt, sie versucht gar keine einheitliche Bildsprache, sondern übernimmt Beyers Brüche und Uneindeutigkeiten in ihre ureigene Ästhetik.

30. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2012 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , ,

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2011, 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Zuletzt ein wenig zugelegt, ich schiebe es auf die Vorweihnachtszeit und bin hoffnungsfroh, dass das auch wieder weniger wird.

Haare länger oder kürzer? Auf jedem Foto 2012 trage ich die Haare ziemlich kurz. Aber es gab ja auch noch einen Teil des Jahres, der nicht fotografisch dokumentiert ist.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Keine Ahnung. Den Bildschirm sehe ich problemlos.

Mehr ausgegeben oder weniger? Deutlich mehr.

Der hirnrissigste Plan? „Ach, die alte Küche, die lassen wir nicht fachmännisch abreißen, das bekommen wir auch mit roher Gewalt selbst hin.“

Die gefährlichste Unternehmung? Wie schon im Vorjahr: Wirklich gefährlich war nichts in meinem Leben.

Die teuerste Anschaffung? Eindeutig die Küche, auch wenn wir die zu zweit bezahlten. Hat sich aber jetzt schon gelohnt.

Das leckerste Essen? Ein Glas Weißwein und eine Paella Mallorquin in einem der zwei Restaurants am Ortseingang von Fornalutx/Mallorca.

Das beeindruckendste Buch? Übermäßig viel gab es da nicht, vergangenes Jahr. Mir gefiel Rainald Goetz„Johann Holtrop“. (Eine Rezension habe ich für die kulturnews geschrieben.)

Der beste Comic? Camille Jourdy, „Rosalie Blum“. (Ebenfalls für die kulturnews rezensiert.)

Der berührendste Film? „Medianeras“, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. Wurde zwar schon 2011 gedreht, ich sah ihn aber erst dieses Jahr. Und zwar an meinem 40. Geburtstag.

Das beste Lied? Sophie Hunger, „Das Neue“. Die Platte berührt mich zwar nicht so, das Stück ist aber toll.

Die beste Platte? Barbara Morgenstern, „Sweet Silence“. Ich habe wenig neue Musik gehört, dieses Jahr. Irgendwie lebe ich nicht mehr wirklich da drin.

Das schönste Konzert? Santigold, die „Master of my Make Believe“-Tour auf Kampnagel, Hamburg. Verspätet, mit technischen Problemen, zu kurz. Und trotzdem herzerwärmend.

Die schönste Theatererfahrung? Jacques Offenbachs Opera Buffa “Die Banditen” in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Bremen. Oper, eigentlich gar nicht meins, hier aber wahnwitzigst.

Die interessanteste Ausstellung? Voll unoriginell: die documenta. Gab auch einen kleinen Text für die Bandschublade her.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.

Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.

Vorherrschendes Gefühl 2012? Neubeginn.

2012 zum ersten Mal getan? An Heiligabend das Wort „Familienfest“ neu gedacht.

2012 nach langer Zeit wieder getan? Meine journalistischen Texte als freier Autor auf den Markt geworfen. Die Erfahrung gemacht: Die will jemand haben. Selbstbewusstsein gestärkt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Medienkrise. Die Medienkrise. Die Medienkrise. (Und den Stress mit der Küche.)

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? „Das ist aber wirklich ein wichtiges Thema, da sollten wir einen Artikel drüber schreiben, also, ich sollte einen Artikel drüber schreiben.“

2012 war mit einem Wort…? Toll. Bestes Jahr seit Jahren.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Isabel Bogdan zurück, Eva Schulz, wortlos Mark.