Als Theatergänger bin ich ein unsicherer Liebhaber. Einer, der schon viele Affären hatte, alle endeten sie schmerzhaft, und als sich eine neue Freundin ankündigt, da weiß er nicht, wie stark er sich auf sie einlassen soll. Sicher, noch ist alles schön mit ihr, sie interessiert ihn, und von wegen Sinnlichkeit ist auch alles, wie es sein soll, aber irgendwie war das doch zuvor auch immer so, mit den anderen, und trotzdem endete es jedesmal in einer Katastrophe – was, wenn es diesmal wieder so schlimm werden würde? Sollte er sich überhaupt freuen auf seine neue Freundin? Oder besser das Thema von vornherein verloren geben?

Das Hamburger Schauspielhaus war die vergangenen Jahre genau das: eine Katastrophe. Es gab immer wieder auch Lichtblicke, klar, die Arbeiten von Volker Lösch, eine Schauspielerin wie Jana Schulz, die im Zweifel das gesamte Ensemble mit queerer Körperlichkeit mitzureißen wusste, chaotisch-entertainende Zwischenspiele von Studio Braun, meist aber doch nur: Mängelverwaltung. Dramaturgische Unentschlossenheit. Ein von Anfang an aufgegebener Kampf gegen den Fluch des Hauses.

Im Herbst wird Karin Beier Intendantin am Schauspielhaus, wie man hört, wird sie alles anders machen, da wünsche ich ihr Glück. Was ich von Beier als Regisseurin gesehen habe, hat mich nie wirklich vom Hocker gerissen, aber ein guter Intendant muss kein guter Künstler sein, und als Intendantin hat Beier immerhin den Ruf, das einst völlig runtergewirtschaftete Kölner Schauspiel auf Vordermann gebracht zu haben. Andererseits: Das heißt auch nichts, Ulrich Khuon galt als Chef des Hamburger Thalia als bester Theaterleiter der Republik, aber als er das Deutsche Theater Berlin übernommen hatte, machte er dort angeblich von einem Tag auf den anderen alles falsch. Es ist kompliziert, und ich weiß nicht, ob ich mich auf Karin Beier freuen soll.

Wer sich ganz klar freut, ist der Kollege Wolfgang Höbel vom Spiegel. Höbel hat ein Buch über die designierte Schauspielhaus-Intendantin geschrieben, “Karin Beier. Den Aufstand proben”, und ich habe dieses Buch für die aktuelle Theater heute rezensiert. (Nach dieser Rezension werde ich wohl nie in meinem Leben einen Text im Spiegel veröffentlichen, weil Höbel den Text wahrscheinlich als Verriss verstehen wird, obwohl er das gar nicht ist. Ach, doofe Journalistenehre.)

Wer noch nie eine Inszenierung Beiers gesehen hat, der kann sich nach der Lektüre kaum vorstellen, für welches Theater sie eigentlich steht, und wer mit ihrer Arbeit vertraut ist, der fragt sich, ob ihre Deutung von Schillers „Jungfrau von Orléans“ am Burgtheater sich tatsächlich dadurch auf den Punkt bringen lässt, dass die von Karoline Eichhorn gespielte Titelheldin statt eines Helms einen Blumentopf auf dem Kopf trägt. Es bleibt der Eindruck eines Theaters, das irgendwie sinnlich ist, irgendwie melancholisch, irgendwie musikalisch. Und auch politisch, irgendwie.

In der gleichen Ausgabe findet sich übrigens auch meine Besprechung von David Greigs “Gelber Mond” am Theater Bremen. Just for the record, die Links sind wie bei Theater heute üblich nur für Abonnenten abrufbar.

Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman “So was von da” am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband “Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs” bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

„Verrücktes Blut“ ist schuld. Mit dieser Produktion setzte das Berliner Ballhaus Naunynstraße vor zwei Jahren den Begriff „postmigrantisches Theater“ auf die Agenda – Migrationsprozesse sind demnach in Deutschland abgeschlossen, bleiben aber dennoch in der Lebensrealität der Zuwanderer spürbar. Das Theater soll diese Realität sowohl inhaltlich wie ästhetisch abbilden, und selbst wenn „postmigrantisches Theater“ als Genrebegriff zu hoch gehängt ist, liegt hier zweifellos Einiges im Argen. Wo die postmigrantische Generation längst in Kino, Kabarett, Tanz und Comedyszene angekommen ist, ist das deutsche Stadttheater weiterhin Hort kultureller Homogenität. Außer in der Kreuzberger Naunynstraße.

Ich habe in diesem sympathischen kleinen Blog schon mehrfach erwähnt, dass ich unzufrieden bin mit der nationalen Homogenität im deutschen Stadt- und Staatstheater, gerade wenn ich Stücke gesehen habe wie “Hajusom in Bollyland” der Hamburger multinationalen Gruppe Hajusom, oder “Open for everything” von Constanza Macras’ Gruppe Dorky Park. Weil ich bei solchen Arbeiten immer spürte, welche Kraft, welche Sinnlichkeit, auch welche Aggression in einem Multikulturalismus steckt, der die Grenzen des Nationalen überwindet. In der morgen erscheinenden Ausgabe von Theater heute habe ich unter dem Titel “Ihr werdet jetzt alle assimiliert!” einen längeren Text über den Trend hin zum postmigrantischen Theater geschrieben, anlässlich des Kampnagel-Minifestivals “Krass” Ende des vergangenen Jahres.

(In besagter Theater heute-Ausgabe findet man, ebenfalls von mir, Besprechungen zu “Männer Frauen Arbeit” am Hamburger Schauspielhaus sowie zu “Die Affaire Rue de Lourcine” am Theater Bremen, es gibt diesen Monat also recht viel Falk fürs Geld. Links sind, wie bei Theater heute üblich, nur für Abonnenten zugänglich.)

Edit: Fürs das aktuelle uMag habe ich ein Interview mit Constanza Macras geführt, in dem ich mit der Choreographin unter anderem über das Thema Migration rede.

08. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Bretter · Tags: , ,

Es geht um Geld. Genau genommen war das Finanzielle immer schon das prägende Thema am Bremer Theater, ob Kurt Hübner, Hansgünther Heyme oder Klaus Pierwoß, alle Intendanten kämpften mit der strukturellen Unterfinanzierung des Hauses. Selbst Hans-Joachim Freys Intendanz scheiterte am Ende nicht wegen der Anspruchslosigkeit des Spielplans, sondern wegen des ökonomischen Himmelfahrtskommandos eines eigens geschriebenen Musicals namens “Marie Antoinette”, das kaum jemand sehen wollte und das die Liquiditätslücke des Theaters mit einem Schlag verdoppelte. Wenn man so will, kann man selbst die berühmtesten Performancekünstler der Stadt als Wirtschaftsopfer sehen: “Etwas Besseres als den Tod finden wir überall”, klagen die “Bremer Stadtmusikanten” in Grimms Märchen. Nicht etwa Abenteuerlust treibt sie, sondern Hunger. Und echte Aktion fängt ohnehin erst an, als die Musikanten unter Räuber geraten sind.

Theater heute hat mir die Möglichkeit gegeben, die Entwicklung eines Theaters über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Ich habe für die Dezemberausgabe der Zeitschrift ein Feature (Link nur für Abonnenten zugänglich) zum Saisonstart des Bremer Theaters geschrieben, die erste Saison des neuen Intendanten Michael Börgerding. ich fuhr immer wieder an die Weser, habe mehrere Premieren besucht und mehrere reguläre Aufführungen, habe ein Interview mit Börgerding geführt und im Foyer die Gespräche des örtlichen Publikums belauscht. Und nach und nach kapiert, dass die Art wie Kulturjournalismus in der Regel läuft, eigentlich am Thema vorbei geht: Hinfahren, Anschauen, Wegfahren, Daumen hoch, Daumen runter, das ist es nicht. Kultur läuft anders, Kultur ist ein Prozess, und dieser Prozess lässt sich nicht an einem Abend verfolgen, eigentlich muss man Sachen immer wieder anschauen, eigentlich muss man sich auf Kleinigkeiten konzentrieren, Kleinigkeiten, die erst in der Summe ein Bild ergeben, man muss sehen, dass Manches funktioniert und Manches nicht, und der Kritiker als Oberlehrer, der Zensuren verteilt, hat keine Chance. Der Kritiker muss Teil des Prozesses werden, muss seine Distanz aufgeben und die Distanz dann in einem durchaus schmerzhaften Akt wiederherstellen.

Der Artikel “Unter Räubern” hat mir dieses Teilnehmen am Prozess ermöglicht. Aber Journalismus läuft meistens, fast immer anders, solch ein zeit- und vor allem kostenintensives Projekt leistet sich kaum noch ein Verlag, in Zeiten der Medienkrise. Ich habe das Feature gerne übernommen, aber auf lange Sicht wird so etwas niemand finanzieren. “Unter Räubern” war einmalig, das macht die Arbeit extra wertvoll, aber in Zukunft werde ich doch wieder in die Premieren stiefeln und Urteile fällen müssen. Geht gar nicht anders.

(Die Medienkrise ist ein stinkender Hund.)

„Privattheatertage“ ist ein eigenartiger Name für ein Festival. Eigenartig, weil „Privattheater“ eine ökonomische und keine ästhetische Kategorie ist: Ein Privattheater ist ein Theater in privater im Gegensatz zum Theater in öffentlicher Trägerschaft. Und weil private Träger Geld verdienen wollen, hängt diesen Bühnen der Ruf an, ein leicht verdauliches Programm zu fahren. Was zwar schon eine ästhetische Frage ist, allerdings verschleiert, dass Privattheater nicht völlig ohne Förderung durch die öffentliche Hand auskommen müssen, das heißt: ihre Dramaturgie nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Kriterien auszurichten brauchen.

Wer dieses Blog hin und wieder liest, der weiß, dass ich grundsätzlich kein Freund des Prinzips Marktwirtschaft bin. Wobei ich an manchen Stellen mit mir reden lasse, ob Markt nicht (wenn man ihn ernst nehmen würde) vielleicht zeitweise eine ganz akzeptable Organisationsstruktur des Zusammenlebens sein mag. An manchen – aber keinesfalls darf marktwirtschaftliches Denken meiner Meinung nach drei Bereiche prägen: 1.) Soziales/Gesundheit 2.) Bildung/Wissenschaft und 3.) Kultur. Das bundesrepublikanische System ist für mich nicht zuletzt deswegen eine Zumutung, weil es die ersten beiden Bereiche immer stärker marktwirtschaftlich durchmischt. Die Kultur hingegen funktioniert halbwegs als dem Markt enthobener Schutzraum, zumindest in manchen Disziplinen (Theater, Kino, öffentlich-rechtliches Fernsehen).

Entsprechend skeptisch besuchte ich vor vier Wochen die ersten Hamburger Privattheatertage, ein Festival, organisiert vom Altonaer Theater, das sich ziemlich viel darauf einbildet, zumindest nicht unmittelbar am Subventionstropf zu hängen, das sich aber gleichzeitig auch von der Staatstheaterszene unfair behandelt fühlt: Nie wird man zum Theatertreffen eingeladen, wo man doch so anspruchsvolles Theater mache! Wie gesagt, ich war sehr skeptisch. Und dann ziemlich angetan, vom Ballhaus Naunynstraße, vom Jungen Theater Göttingen, vom Grips. Und eben auch entsetzt, wie so ziemlich bei jedem Festival. Wie genau ich es fand, habe ich für die aktuelle Theater heute aufgeschrieben. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)

Ein wenig erinnert das an den US-Hair-Metal der späten Achtziger: künstlich bis in die ondulierten Haarspitzen, laut, politisch fragwürdig, nicht ohne kaputten Reiz, weswegen auch folgerichtig in einer alptraumhaften Szene Guns ’n Roses’ „Welcome to the Jungle“ im Halbplayback läuft.

Ich erinnere mich kaum noch daran, wie ich vor zwei Monaten Anna Bergmanns “Katze auf dem heißen Blechdach” am Staatstheater Braunschweig gesehen habe. Ein Hirn wie ein Sieb, und langsam aber sicher geht es ja auch bei mir auf die 40 zu. Vor allem scheine ich aber auch zuviel Theater zu sehen, das überschreibt sich ja alles ständig, und irgendwann ist das eine Stück wie das andere. Zur Erinnerung: In der aktuellen theater heute steht, wie ich es fand. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)