… ist das Gatekeepertum. Sind die Fragen von Künstlern, die ich teilweise wirklich mag, menschlich, künstlerisch, die fragen, ob ich nicht was zu ihrer nächsten Ausstellung, zu ihrer nächsten Premiere schreiben würde. Ich rede nicht von Promotern, deren Bettelmails von wegen „Wir suchen regelmäßig nach niveauvollen Lifestyleblogs und wollten einen Linktausch mit deiner tollen Seite anregen“ ich mittlerweile nicht einmal ignoriere, die landen ungelesen im Spamordner, und ich gehe davon aus, dass sich die Vetreter dieses verachtenswerten Berufsstandes dessen auch bewusst sind. Nein, ich rede von den Künstlern, die mir persönliche Mails schreiben und von ihrem neuen Projekt schwärmen, und denen ich dann sagen muss, dass ich trotzdem nichts drüber schreibe. Weil es nicht ins Profil passt. Weil ich da gar keinen Einfluss drauf habe, worüber was geschrieben wird und worüber nicht. Weil ich grundsätzlich nicht über Leute schreibe, die ich persönlich kenne, also, „Kennen“ im Sinne von „mehr als mal Hallo sagen und auf Facebook befreundet sein“. Weil ich es nicht berichtenswert finde, das auch.

Ich habe meinen Beruf immer als einen beschreibenden verstanden, als: Ich schreibe auf, was ist. Seit einiger Zeit wird mir klar, dass das nicht funktioniert, ich beschreibe nicht, was ist, ich treffe eine ziemlich harte Auswahl, was ich überhaupt besuche, und dann mache ich nochmal eine Auswahl, über was ich dann schreibe. Das ist nicht immer fair, das ist mir auch klar.

Mittlerweile schreiben mir Künstler per Post. An meine private Adresse, wenn man tief genug in der Bandschublade nach dem Impressum sucht, dann findet man die. Ich möchte das nicht. Ich möchte keine Kataloge von irgendwelchen Malern ungefragt zugeschickt bekommen, mit der Aufforderung, sie zu besprechen. Es vergrößert die Chancen auf eine Besprechung nicht, wenn man möglichst penetrant agiert.

Und dann die Enttäuschung. Und dann die Wut, die auf die Enttäuschung folgt. Der Kollege Till Briegleb bekam sie zu spüren, als er auf Deutschlandradio Kultur sagte, dass zum Theatertreffen immer nur die großen Bühnen aus Wien, Berlin, Hamburg eingeladen würden, weil dort eben das „bemerkenswerte“ Theater produziert würde, dort, nicht in Kassel, Augsburg, Magdeburg. Falls Briegleb demnächst in Kassel, Augsburg, Magdeburg vorbeischauen sollte, dann wird er wahrscheinlich von beleidigten Dramaturgen gelyncht, aber in Wahrheit sagte er nur, was eigentlich klar ist: Man kann sich nicht alles anschauen. Man ist ein Gatekeeper, zwangsweise, und vor einem stehen noch weitere Gatekeeper: Die FAZ hat was über die Kunsthalle Emden geschrieben, also schau’ ich mir die auch mal an. Falk Schreiber hat was übers Theater Oldenburg geschrieben, also fahr’ ich mal nach Oldenburg.

Mir gefällt das nicht. Eine Lösung habe ich nicht.

12. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Über das Nichtweiterkommen · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , ,

Die Münchner Theaterwissenschaftlerin Luise Bundschuh hat mir eine Mail geschrieben. Frau Bundschuh schreibt ihre Magisterarbeit über „Theaterkritik im zeitgenössischen Sprechtheater“, und hierfür möchte sie wissen, ob ich als Kritikerin (Frau Bundschuh, es ist nicht nett, einfach den Formbrief, den Sie zuvor an eine Kollegin geschickt haben, per Copy and Paste an mich weiterzuschicken) schon einmal Theaterabende erlebt hätte, bei denen mir die danach zu schreibende Rezension besonders schwer fiel. Was für eine Frage! Natürlich habe ich das schon erlebt, ständig! Wollte ich schreiben. Aber nachdem ich ein wenig nachdachte, wurde mir klar, dass die Antwort gar nicht so einfach ist, wie es zunächst den Anschein hat. Weil nämlich das Prinzip „Kunstkritik“ genau solche Momente des Nichtverstehens, des Nichtweiterkommens braucht. Als Material. Mit der freundlichen Genehmigung von Frau Bundschuh publiziere ich hier meine Antwort – weil ich denke, dass mir das Verschriftlichen dieser Gedankengänge ein wenig hilft, zur Selbstvergewisserung in meinem Beruf, der ja eigenartig zwischen den Stühlen sitzt.

Natürlich tue ich mich (…) nicht immer leicht. Natürlich gibt es Inszenierungen, die einen bestimmten kulturellen Bezugspunkt haben, und von diesem Bezugspunkt verstehe ich unter Umständen nichts. Zum Beispiel Alvis Hermanis„Eugen Onegin“ vor einem Jahr an der Schaubühne, wo explizit auf das Russland der Puschkin-Zeit angespielt wurde, da musste ich schlicht passen: Ich konnte nicht nachvollziehen, was diese Bezüge bedeuteten. Das passiert, im Zweifel kann man dann nichts schreiben.
Meist nehme ich das eher als Ansporn für meine Texte: die Momente, an denen ich nicht weiter weiß. In der Regel ist es ja so, dass meine Verständnisprobleme an ähnlichen Stationen auftauchen wie bei anderen Zuschauern. Und da stellen sich dann Fragen: Warum verstehe ich hier etwas nicht? Beeinträchtigt die Beantwortung der Fragen die Inszenierung? Ist die Frage womöglich der Kern der Arbeit? Ich glaube nicht, dass eine gute Theaterkritik unbedingt jede Frage beantworten muss, im Gegenteil, manchmal reicht es durchaus, die Frage in Worte zu fassen.

Natürlich habe ich trotzdem meine Probleme. Das hat weniger mit den einzelnen Inszenierungen zu tun, sondern eher mit der Situation des Theaterjournalisten an sich: Manchmal weiß ich eben doch mehr als der durchschnittliche Zuschauer, schlicht weil ich in der privilegierten Situation bin, unglaublich viele Stücke sehen zu dürfen, und dann fällt mir womöglich gar nicht auf, dass es beim Publikum ein Verständigungsproblem gibt. Manchmal ist eine Inszenierung zu nah dran an meinen persönlichen Themen, und dann schreibe ich gar nicht mehr über die einzelne Aufführung, sondern ausschließlich über mich (zum Beispiel bei She She Pops „Sieben Schwestern“ ging es mir so). Und manchmal fehlt die professionelle Distanz zu den Ausführenden. Die lässt sich einfach nicht immer durchhalten, die Szene ist klein, da entwickeln sich Freundschaften, Interessenskonglomerate etc. … Und über kurz oder lang ist man in der Situation, über den Menschen eine Kritik zu verfassen, mit dem man vor kurzem noch knutschend in der Kantine saß. Ein weiterer Punkt ist das Finanzielle: Ich möchte nicht behaupten, dass Journalisten bestechlich seien, aber natürlich wird man von Theatern gefragt, ob man mal einen Beitrag für ein Programmheft verfassen könnte. Oder ob man als Moderator auf ein Podium gehen würde. Und da fließt dann auch Geld, nicht viel in der Regel, aber trotzdem. Ich bin als festangestellter Redakteur da noch verhältnismäßig gut dran, aber wer die Honorarsätze für freie Journalisten kennt, versteht, wie man da in Kalamitäten geraten kann.

Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.

Als ich vor einem knappen Jahr fürs uMag ein Interview mit Milo Rau und Jens Dietrich von der schweizerisch-deutschen Theater- und Recherchegruppe International Institute of Political Murder (IIPM) führte, war ich der Meinung, Raus Theater sei eine Variante der von mir geschätzten (wenn auch ein wenig zu häufig gesehenen) Rimini-Protokoll-Ästhetik: Stücke, die eine unglaublich aufwändige Recherche voraus setzen, bei denen lange Interviews geführt werden, Quellenforschung betrieben wird, Thesen aufgestellt und Thesen wieder verworfen werden, bevor man überhaupt etwas hat, das annähernd als Probe bezeichnet werden kann. Auf der Bühne entsteht dann Monate später etwas, das man nicht wirklich als theatrale Situation bezeichnen kann, zumindest nicht im traditionellen Sinn: Es geht eher um eine Art Vortragssituation, echte Menschen und keine Schauspieler (Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mag den Begriff „Laien“ nicht, er spricht von „Experten des Alltags“) dröseln da ein Thema auf, und am Ende hat man einen Erkenntnisgewinn. Ich kannte vor einem Jahr das Stück „Die letzten Tage der Ceausescus“ vom IIPM, ein Nachspielen des Prozesses gegen den rumänischen Diktator, und irgendwie erschien mir das vom Ansatz her vergleichbar.

Milo Rau wehrte sich gegen diesen Vergleich. Mir war Rau während des Gesprächs nicht unbedingt sympathisch, da sollte man sich als Journalist frei von machen, aber man kann sich letztlich nicht ganz frei machen, man kann nur versuchen, sich im Text dann gegen diese Beeinträchtigung zu wehren, trotzdem objektiv zu bleiben. Jedenfalls: Ich nahm Raus Verwehren gegen den Rimini-Protokoll-Zusammenhang nicht ganz ernst, mir kam das vor als ob da ein Nachwuchskünstler Angst davor hatte, als Epigone mit einem schon etablierten Künstler in eine Schublade gesteckt zu werden. Entsprechend schaute ich mir „Hate Radio“, das Stück, das Anlass meines Interviews gewesen war, auch erstmal nicht an, ich verpasste den Hype, der sich daraufhin um die Aufführung entwickelte, ich beobachtete aus der Ferne, wie innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Feuilletons über das IIPM berichteten, wie „Hate Radio“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde (was für eine freie Produktion mehr als überraschend kam), wie die Inszenierung mehrfach in der Theater heute-Kritikerumfrage der vergangenen Saison genannt wurde. Und ziemlich schnell war klar: Bei der nächsten Gelegenheit muss ich mir das Stück doch noch ansehen. Die nächste Gelegenheit: ein Dreivierteljahr nach der Premire auf Kampnagel.

„Hate Radio“ verhandelt den Genozid in Ruanda (1994), ein Thema, mit dem ich mich zur Vorbereitung des IIPM-Interviews recht umfangreich beschäftigt hatte. Mehr oder weniger gesichert schien mir bei dieser Beschäftigung vor allem eines: Man kann bis heute nur schwer sagen, was damals eigentlich passierte, in diesem winzigen zentralafrikanischen Land, weswegen Nachbarn, die bislang friedlich zusammengelebt hatten, plötzlich anfingen, einander umzubringen. Milo Rau sucht hier ebenfalls nicht nach Antworten, stattdessen konzentriert er sich auf den ruandischen Radiosender Radio Television Libre des Mille Collines (PDF-Link), was er im uMag-Interview erklärte:

RTLM war eine Radiostation, in der ein Prozess der Globalisierung stattfand (…). Die spielten nicht nur zentralafrikanische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt. Man hat MC Hammer gehört, man hat Nirvana gehört, man hat die gleiche Musik gehört wie bei uns, nur sind in Ruanda andere Dinge passiert.“ Über das Programm eines Radiosenders in Kigali stellt Rau eine Verbindung zu seiner eigenen Kindheit her: Rau wurde 1977 in Bern geboren, wuchs in St. Gallen auf und hörte als 17-jähriger Schweizer praktisch die gleiche Musik auf DRS 3 wie der 17-jährige Hutu auf RTLM. Wobei der Hutu nach Sendeschluss loszog, um seine Tutsi-Nachbarn abzuschlachten.

„Hate Radio“ besteht (neben einer kurzen Einführung in die Hintergründe des Ruanda-Konflikts) vor allem aus dem detailgetreuen Nachstellen einer einstündigen RTLM-Radiosendung. Drei Moderatoren und ein DJ spielen Popmusik, beantworten Hörerfragen, verlesen Nachrichten und veranstalten ein Quiz. Und außerdem hetzen sie gegen die „Fremden“, gegen die Tutsi, die sie konsequent „Kakerlaken“ nennen. Und während des Stücks wird klar, weswegen Rau nicht in einer Reihe mit Riminin Protokoll stehen möchte. Während Rimini Protokoll die theatrale Situation unterlaufen, baut das IIPM theatrale Situationen nach: Gerichtsverhandlungen, Radiosendungen, das sind ja schon Inszenierungen. Ein Stück wie „Hate Radio“ ist keine Geschichtsstunde, es vollzieht vielmehr nach, welche Prozesse innerhalb solcher Inszenierungen ablaufen.

Man versteht nicht viel mehr über Ruanda, nachdem man „Hate Radio“ gesehen hat, aber man versteht etwas über die Manipulation von Massen. Mir ist das Stück nahe, weil es mich bei meiner Skepsis gegenüber Popkultur abholt: Pop ist in meinen Augen immer Propaganda, hierzulande erstmal nur für eine widerwärtige Konsumgesellschaft, 1994 in Ruanda für den Völkermord. Pop braucht dafür nicht einmal andere Formen, andere Strukturen, andere Inhalte, Pop funktioniert genau gleich. Rape me.

Foto: (c) Daniel Seiffert

15. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Ästhetik des Scheiterns (6): Ein Pfund Fleisch/Blumenkohl · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Einmal erzählt Shylock, wie Antonio sein Vermögen gemacht habe: Antonio gab Kredite nach Afrika, damit die Afrikaner europäische Firmen beauftragen konnten, Infrastrukturprojekte zu stemmen. Das Geld blieb also in Europa, während Afrika immer mehr Schulden anhäufte, die dann mit Rohstoffen getilgt werden mussten – nur damit die Afrikaner am Ende auf ihren neu gebauten Straßen verrecken. Kapitalismus, wie ihn sich Klein-Erna vorstellt. Dass das System aber viel raffinierter ist, dass am Ende gar niemand mehr durchsteigt, wer jetzt warum welchen Gewinn macht, das ahnt dieses Stück nicht einmal.

Was gibt es zu erzählen, über die Premiere von Albert Ostermaiers „Ein Pfund Fleisch“ am Hamburger Schauspielhaus? Vielleicht dies: dass ich die Einordnung des Lyrikers Ostermaier unter die Dramatiker für ein großes Missverständnis halte. Und dass das Schauspielhaus allen Unkenrufen zum trotz immer noch dichte, konzentrierte Theaterabende zustande bekommt, selbst wenn die Vorlage nur naja ist. Und alles weitere steht bei der Nachtkritik.

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Ich mache derweil lieber noch eine kleine Ästhetik des Scheiterns. Blumenkohl mit Tomatenconfit und Oliven. Hmm.

Versuchsanordnung:

1. Zwei Esslöffel Olivenöl in einem großen Topf erhitzen, eine Zwiebel und vier Knoblauchzehen anschwitzen und die Hälfte von 750 g reifen Kirschtomaten dazugeben (im Rezept wurde sogar ein Kilo Tomaten verlangt, aber das erschien mir dann doch allzu tomatig). Ungefähr zehn Minuten erhitzen, immer wieder stark rühren, bis sich die Haut von den Tomaten löst, leicht zerdrücken. Eine halbe Tasse Wasser zugeben (das Rezept verlangte 100 ml, aber seit der Küchenrenovierung finde ich den Messbecher nicht mehr, es ist ein Kreuz!), mit Salz, 1 EL Honig und den Blättern einiger Zweige Thymian würzen.

2. Von einem mittelgroßen Blumenkohl die Blätter weitgehend abschneiden. Blumenkohl in den Topf legen, mit den restlichen Tomaten bedecken, aufkochen, rund 15 Minuten bei schwacher Hitze bissfest kochen.

3. Währenddessen 100 g Feta zerdrücken und mit 1/2 Bund Basilikum zerdrücken. Fertigen Blumenkohl mit Basilikumfeta und 100 g klein gehackten schwarzen Oliven bestreuen. Mit ein bis zwei Esslöffeln Olivenöl beträufeln und mit Basmatireis servieren..

Ergebnis: Ungewöhnlich lecker, das. Immer noch ziemlich tomatenlastig, ein Pfund hätte es auch getan, aber sonst: topp. Optisch allerdings nach einem Tag ein ziemlich unansehlicher, rot-weiß-grünlicher Matsch. Das Rezept empfahl als Beilage Quinoa, ich aber halte Quinoa für ein Verbrechen an der Kulinarik und hielt mich an den Reis. Eine gute Entscheidung.

27. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Mit Lebensmittel rumsauen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit „La Macarena“ mit minimal abgeändertem Text: „Eeeeh … Makarenko!“, toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Wenn Konservative sich über das zeitgenössische Theater aufregen, dann motzen sie eigentlich immer darüber, dass da ohne Unterlass gebrüllt werde. Dass ununterbrochen mit Lebensmittel rumgesaut werde. Dass es immer total eklig sei. Und dass die Schauspieler ständig nackt seien. Mit anderen Worten: So wie in „Fuck your Ego!“ der ersten (mehr oder weniger ganz großartigen) deutschen Produktion der estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper am Thalia in der Gaußstraße. Für nachtkritik.de habe ich ein bisschen was von der Premiere aufgeschrieben.

15. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Vorbemerkung: Nachdem ich gestern diesen Post geschrieben hatte, dachte ich, dass klar würde: Es geht hier nicht um eine Abwertung dessen, was landläufig als „Provinz“ bezeichnet wird, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die konkret ich mit Provinz habe. Im Laufe des Abends dachte ich mir: Doch, das versteht man falsch! Man denkt, ich würde mich mokieren! Man denkt, ich würde mich für was Besseres halten! Dann schrieb Mark einen Text, in dem er beschreibt, wie glücklich er über seinen Umzug von Hamburg nach Berlin ist. Dann fragte mich K., wie es gewesen sei, „in der Provinz.“ Und als ich meinte, dass das keine Provinz war, weil ich doch eine tolle Theaterinszenierung gesehen hätte, antwortete sie, dass es doch eine Stadt nicht vom Provinzmakel befreien würde, wenn es dort tolles Theater gebe: „Braunschweig! Da gibt es doch nichts!“ Und da dachte ich mir: Vielleicht ist das Thema ja doch komplizierter als gedacht. Vielleicht ist es doch nicht falsch, den Artikel stehen zu lassen.

Die schöne, kluge Frau ärgert sich darüber, wenn ich über die Provinz herziehe, und natürlich hat sie damit recht. In Hamburg zu leben, ist keine Leistung, auf die man wahnsinnig stolz sein muss, im Gegenteil, 1,7 Millionen Menschen leben hier, und wenn man mal von den Problemen absieht, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, wird einem dieses Leben nicht wirklich schwer gemacht. Beziehungsweise, ich denke, es würde einem schwerer gemacht, wenn man zum Beispiel in Cottbus leben müsste. Und schwul wäre. Und/oder dunkelhäutig. Und/oder linksradikal. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, und wenn ich über Cottbus rede, dann ziehe ich eigentlich schon wieder über die Provinz her, erwischt!

Aber warum ziehe ich eigentlich über die Provinz her? Weil ich meinen eigenen, zutiefst provinziellen Charakter nicht losbekomme. Weil ich höllisch darunter leide, dass Hamburg selbst von Tag zu Tag provinzieller zu werden scheint. Weil erst C. nach Berlin zog und dann M., und gestern bekomme ich auch noch eine Mail von T., der Berlinhasserin T., die sich fragt, ob es nicht das Beste wäre, aufzugeben, die Koffer zu packen und loszuziehen, nach Berlin. Mein kleines, liebes Blog, mein Schreiben über „das Leben in der Stadt“ (wie ich es in meiner Kurzbio auf Nachtkritik formuliert habe), das ist doch nur ein Abarbeiten an der Provinz. Provinz, das ist nicht das Land (doch, das liebe ich), das ist auch nicht die Metropole (doch, die liebe ich auch), das sind die derzeit 65 Städte zwischen 100000 und 500000 Einwohnern, in denen die meisten Einwohner Deutschlands leben, prozentual mehr als in jedem anderen Land Europas. Halle, Bottrop, Salzgitter, Städte, die nie in den Nachrichten auftauchen, nie in den Feuilletons, Städte, in denen man nicht tot überm Zaun hängen möchte, was tun die Leute dort, um Himmels Willen? (Ich nehme einfach mal an: Sie leben. Sie arbeiten, besuchen Ausstellungen, gehen auf Konzerte, sie verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich. Häufig leben sie wahrscheinlich ganz glücklich, dort.)

Am Wochenende jedenfalls war ich Braunschweig. Ich kenne Braunschweig nur vom Durchfahren, der Blick vom Bahnhof: ein Alptraum in Brutalismus, aber Blicke von Bahnhöfen sind nicht besonders repräsentativ für eine Stadt, schon klar. Ansonsten ist Braunschweig Provinz für mich, 250000 Einwohner, geographisch wie metropolenmäßig zwischen Chemnitz und Gelsenkirchen. Allerdings mit riesigem Theater: 900 Plätze, das ist fast das Niveau des Hamburger Thalia, da fragt man sich schon, weswegen diese Bühne es überregional schwer hat. Zumal in der aktuellen Saison hier Leute wie Stephan Rottkamp inszenieren, Patrick Wengenroth oder Mareike Mikat – das sind ja alles keine Provinztrottel, das sind Leute, die ansonsten fest an der Schaubühne inszenieren, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Münchner Volkstheater, ich meine ja nur. Und auch die Premiere, die ich mir anschaue, Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in der Inszenierung von Anna Bergmann hätte in dieser Form problemlos in Hamburg oder Berlin gezeigt werden können, wobei, vielleicht ist das schon wieder der doofe Metropolenblick, der einer Kulturinstitution gönnerhaft zugesteht, „berlinfähig“ zu sein. Vielleicht hätte man auch einfach sagen können: Diese „Katze auf dem heißen Blechdach“ war eine gute Inszenierung, Punkt. Eine gute Inszenierung, von der niemand erfährt, weil, Braunschweig, das ist doch Provinz, da fährt man nicht hin.

(Was tatsächlich überall in der Provinz rumsteht: Häuser von Friedensreich Hundertwasser, Architektur an dem Punkt, an dem die Avantgarde in Kitsch umschlägt. In Braunschweig gibt es kein Hundertwasser-Haus, dafür aber eines von James Rizzi. Sieht auch nicht besser aus.)

23. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Volk von Paris · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , , , ,

„Wir sind das Volk“

Am Abend des 9. November 1989 stand ich in einer Menschenmenge, die Faust erhoben, in meinem Ohr die Rufe: „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war. Am Abend des 9. November war ich Statist im Ulmer Theater, wir hatten Premiere, Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“, und ich stand als „Volk von Paris“ auf der Bühne. Dass ein paar hundert Kilometer nordöstlich tatsächlich ein Volk demonstrierte, wusste ich zwar, es interessierte mich aber nicht wirklich. Richtig interessant wurde es erst, als die Massen statt „Wir sind das Volk“ plötzlich „Wir sind ein Volk“ zu skandieren begannen, aufgestachelt von Bild und westdeutscher CDU. Da wurde mir das, was ich zunächst für einen berechtigten Widerstand gegen ein Spießerregime gehalten hatte, plötzlich unsympathisch: Was fiel denen im Osten eigentlich ein, sich so einfach mit mir gemein zu machen? Die mochten ein Volk sein, meines aber waren sie nicht.

Polen

Als ich Mitte der Achtziger mit meinen Eltern eine Woche nach Berlin fuhr, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der DDR. Man fuhr über eine Grenze, man ratterte über Autobahnen, die sich anders anhörten als diejenigen auf unserer Seite der Mauer, man sah Fahrzeuge, die ulkig aussahen, irgendwo bei Leipzig überquerten wir eine Bahnstrecke, und auf dieser Bahnstrecke fuhr ein Zug mit Dampflok. Wir durchquerten Ausland. Ich wunderte mich zwar, dass im Radio deutsch gesprochen wurde (und außerdem westdeutsche Musik gespielt wurde, Nenas „?“, die ganze Platte durch), eigentlich hatte ich erwartet, dass hier russisch die Verkehrssprache sein müsste, aber gut. Österreich war ja auch Ausland, obwohl sie dort ebenfalls so etwas wie deutsch sprachen, und das hier war dem Schwaben durchaus fremder als ein Kurztrip nach Tirol, das hier war so etwas wie Polen. Diese These vertrat ich noch Jahre später, im Gemeinschaftskundunterricht, der schon vereinigungsbesoffen das Jahr 89 hinter sich gebracht hatte: Die DDR, das ist doch Ausland. Ich wurde ausgebuht und vom Lehrer geschnitten. Elf Jahre später schrieb ich eine Glosse im Usinger Anzeiger, in der ich diese jugendlichen Ansichten humorig reflektierte – beinahe gesteinigt hätte mich die hessische Landbevölkerung des Jahres 2000. Die Aussage „DDR ist für mich Ausland“ scheint für manche Leute einer Beleidigung gleichzukommen, „Ausland“, das ist für diese Leute beleidigend. Was deutlich macht, in welche Richtung dieser Vereinigungsprozess bald gehen sollte.

Alternative

„Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“ Ich war nie der Meinung, dass die DDR ein gutes System war, im Gegenteil, ich war der Meinung, dass die DDR ein absolutes Dreckssystem war, organisiert von Spießern, Blockwarten, Sexisten, Nationalisten. Aber ich war immer der Meinung (und bin es auch heute noch), dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik (und nur mit der) das bessere System war. Was, nebenbei gesagt, nicht unbedingt für dieses Volk spricht, wenn es nichts Besseres gebacken bekommt als das DDR-System. Trotzdem, es war die Alternative. „Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?“, der Satz stammt aus dem Stück „Schubladen“ der Theatergruppe She She Pop, und er verdeutlicht, weswegen ich die Vereinigung als Verlust wahrnahm: Anstatt dass dieses blöde Volk sich hingesetzt hätte, die Stasi-, Politbüro- und Volkspolizeideppen in die Wüste geschickt und einen guten, gelungenen, menschlichen Sozialismus aufgebaut hätte, warf es sich ungefragt erst in unsere Arme und dann, als wir ungeschickt auf diese Verbrüderung reagierten, in die Arme derjenigen, die schon bereit standen, um ihr Süppchen auf der nationalen Hitze zu kochen. Und so verhalf das blöde Volk dem durch und durch korrupten Kohl-Regime zu zwei weiteren Amtszeiten, Danke auch.

Arbeit

In Christian Petzolds Film „Barbara“ stellt die von Nina Hoss gespielte Kinderärztin 1980 einen Ausreiseantrag aus der DDR; zur Strafe versetzt das Deppenregime sie an eine Klinik in der Provinz. „Die Arbeiter und Bauern haben dir ein Studium ermöglichst, jetzt gibst du ihnen erst einmal etwas zurück!“ giftet sie verächtlich über die Begründung ihrer Versetzung, „Klingt erstmal gar nicht so falsch“, gibt ihr Chefarzt (Ronald Zehrfeld) zurück. Stimmt, klingt gar nicht so falsch, aber Barbara hört nicht zu. Denn: Sie hat einen Geliebten aus dem Westen, und der hat längst eine Flucht eingefädelt. Eines abends, im Bett des Interhotels, bezirzt er sie: „Wenn du erstmal drüben bist, dann musst du nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.“ Das ist der Moment, in dem ihre Beziehung zerbricht, das ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nicht ergreifen wird – wenn die Flucht nur bedeutet, in ein Land zu fliehen, in dem alle angestrebten Ziele, Gleichberechtigung im Beruf, gleichwertiges Leben, bedeutungslos sind, ein Land, in dem das wenige, was man erreicht hat, rückgängig gemacht wird. In ein Land, in dem die Altnazis, die Christen, die Konservativen eine Macht hatten, von der sich die Bevölkerung der DDR emanzipiert zu haben glaubte. Vorbei.

She She Pop, „Schubladen“, bis 25. 3. und 28. bis 29. 3., Kampnagel, Hamburg (Foto: Benjamin Krieg). Christian Petzold, „Barbara“, noch hin und wieder im Programmkino und über kurz oder lang auf arte.

29. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wir sind Loman · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks‘ Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.

Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur „Ratte“ wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Mal ehrlich: Ist das doof, wenn ich hier ständig auf Seitensprünge verlinke, also, auf Texte, die ich anderswo veröffentlich habe? In diesem Fall: auf meine Besprechung von „Insisitieren“, dem neuen Stück von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, das gestern abend auf Kampnagel Premiere hatte und das ich heute früh auf nachtkritik.de besprach? Oder ist das vielleicht trotzdem okay, weil: Ich habe ja nur ein bestimmtes Maß an Worten, irgendwann versiegt der kreative Fluss, und dieses Maß ist ja eigentlich reserviert für meinen Brotjob, dann für die Abnehmer, die mir ein bisschen Geld pro Text zahlen, und wenn dann noch was über ist, dann kommt das in dieses kleine, lustige Blog, die Kür, die Bandschublade. Weil gerade aber ziemlich viel andernorts los ist, würde die Bandschubalde verwaisen, und das will doch auch niemand, oder? Also: Linkschleuder, für die, die das mögen.

Außerdem verweise ich auf ein recht spannendes Interview, das ich vergangenes Jahr mit Monika Gintersdorfer fürs uMag geführt habe.