21. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Ende der Diskussion · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,
Hipster mit Hund auf der ohnehin recht hipnessgefährdeten Plaza dos de Mayo in Madrid.

Hipster mit Hund auf der ohnehin recht hipnessgefährdeten Plaza dos de Mayo in Madrid.

Dieser Text ist ein Abschluss. Dieser Text wird der letzte Text sein, in dem ich den Begriff Hipster verwende. Weil der Begriff nichts mehr aussagt, weil der Begriff überlagert ist von Hate Speech, Konformitätsdruck, Rechthaberei, weil „schon alles gesagt wurde, nur noch nicht von jedem“ (frei nach Karl Valentin).

Ganz grundsätzlich mag ich Hipster ja nicht besonders. Die Gleichförmigkeit. Das Radiohead-Hören (ja, schon Indie, aber bitte nicht allzu obskur. Eine Band, deren Musik soviel klüger ist als ihre Fans). Die unangenehme Art, das eigene Empfinden als Maßstab für alles und jedes zu setzen. Das Beharren darauf, Hedonist zu sein, aber das Wort „Lust“ nicht einmal buchstabieren zu können. Die selbstgewählte Bulimie. Die Wurstigkeit gegenüber Bildung. Der Vegetarismus (nichts gegen Vegetarismus, übrigens, gute Sache). Die falsch verstandene Ironie. Der Sexismus. Die Konsumgeilheit. Apple. Die Begeisterung für Berlin ohne den Hauch eines Verständnisses dafür, was das ist: Berlin. Das bringt mir alles nichts mehr, dass ich mich da drüber aufrege. Die Diskussion ist vorbei.

Wären da nicht die Hipsterhasser.

Die Hipsterhasser, das sind leider nicht die Leute, die die oben beschriebenen Charakterzüge ebenfalls unangenehm finden, die Hipsterhasser sind die Leute aus den Vororten. Und was sie hassen, ist nicht der Hipster, was sie hassen ist die Großstadt, beziehungsweise das, wofür die Großstadt steht. Mulitikultur. Vieldeutige Sexualität. Eine heterogene Gesellschaft. Tatsächlich Hedonismus, Drogen, die mehr sind als der Alkoholrausch am Wochenende, Leidenschaft, die mehr ist, als den Partner heimlich mit seinem besten Freund zu betrügen. Überhaupt, all das, was nicht mehr überschaubar ist. Die Kontrolle zu verlieren, Kontrollverlust, das fürchtet Thilo Sarrazin (Achtung, Link verursacht Übelkeit) am meisten. Indem man sich gegen Hipster stellt, steht man in einer Reihe mit diesen Figuren, und in dieser Reihe will ich nicht stehen.

Ich will etwas neues. Ich will Hipster jenseits der Hipsteridiotie. Ich will einen anderen Begriff finden. Für das Wahre, für das Schöne. Von Hipstern will ich nicht mehr sprechen.

(Auch andere beackern das Feld. Enrico Ippolito beschrieb heute in der taz, weswegen das Hipstertum mittlerweile an allem schuld ist. Und Nike Jane konstatierte schon vor ein paar Tagen, dass die Diskussion nirgendwo mehr hinführt.)

13. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Weswegen ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode ermöglichen werde · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , , , , , , ,

2013 wird es eine Premiere in meinem politisch bewussten Leben geben. 2013 findet eine Bundestagswahl statt, und ich werde zum ersten Mal auf mein Wahlrecht (das ich immer auch als Wahlpflicht verstanden habe) verzichten. Es ist nicht so, dass es daran liegt, dass ich mich nicht mit einem Wahlprogramm identifizieren könnte, solche Probleme hatte ich schon häufig, dann habe ich strategisch gewählt oder das kleinere Übel, irgendwas ging immer. Aber dieses Jahr ist es so, dass es kein kleineres Übel geben wird. Alle angetretenen Parteien überbieten sich in ihrer abgrundtiefen Schlechtheit. Und dieses Jahr gibt es keine Strategie, die ich verfolge, ich habe tatsächlich Angst vor jedem denkbaren Wahlergebnis, vor jeder denkbaren Koalition.

2013 werde ich nicht wählen.

Dass ich CDU und FDP nicht wählen werde, versteht sich von selbst. Ich bin ein Linker, ich stehe für Werte wie Emanzipation, Solidarität, Arbeitnehmerrechte, ich stehe für Kunst und Kreativität, für Hedonismus und Lust. Ich werde sicher nicht rechts wählen.

Genauso wenig wie ich Die Linke wählen werde. Alte Männer, deren Rhetorik von internationaler Solidarität einem bräsigen Die-eigenen-Schäfchen-ins-Trockene bringen gewichen ist, Lafontaine, Gysi, Wagenknecht, Konservative, die nur so tun als ob sie links seien.

Ich werde Die Grünen nicht wählen, weil ich in Hamburg wohne, und in Hamburg habe ich gesehen, wozu Grüne fähig sind. In Hamburg sind die Grünen mit der CDU ins Bett gestiegen, mit der gleichen CDU, die nur ein paar Jahre zuvor eine Koalition mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eingegangen ist, in Hamburg brach die damalige Grünen-Chefin und Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch (all meine Verachtung für Sie, Frau Goetsch!) in Tränen aus, als die Koalition der Schande zerbrach. Grüne und Rechte, bei euch wächst zusammen, was zusammen gehört, und dass ich gerade so voller Aversionen bin, liegt auch daran, dass ich lange Jahre der Meinung war, ihr wärt die richtigen.

Ich werde die Piraten nicht wählen, weil ich nicht an dieses „Wir stehen jenseits von rechts und links“ glaube. Ich will eine Politik, die sich entscheidet, wo sie steht, und ich will die wählen, die sich entschieden haben, links zu stehen.

Und deswegen wähle ich auch die SPD nicht. Ja, wegen Steinbrück, dem ich in keiner Weise abnehme, eine linke Agenda zu vertreten. Aber auch wegen der Restpartei, in der ein Steinbrück mehrheitsfähig ist und der ich entsprechend auch nicht mehr glauben kann, unter einem rechten Kanzler Steinbrück (den es, gottlob!, ohnehin nicht geben wird) irgendwelche linken Programmpunkte zu verstecken. Ich wähle die SPD auch nicht wegen Sarrazin und Buschkowsky. Wegen Thierse, der alle Probleme des Neoliberalismus wegwischt mit einem billigen „Die Berliner Schwaben sind schuld“. Ich wähle die SPD als Hamburger nicht, wegen Johannes Kahrs, der den Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte (meinen Wahlkreis!) immer schön nach rechts offen hält. Und ich wähle die SPD nicht, weil sie die Chance einer strukturellen linken Mehrheit in dieser Republik seit Jahrzehnten verstreichen lässt und lieber mit der CDU koaliert als mit den Linken. Ihr seid nicht meine Partei, wahrscheinlich nie gewesen.

Und deswegen wähle ich dieses Jahr nicht, deswegen werde ich Angela Merkel eine weitere Wahlperiode lang einer rechten Koalition vorstehen lassen, mit welchem Partner auch immer. Und es wird mir wehtun, aber mich haben alle Alternativen verloren.

26. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jamboree/Ich bin Thilo Sarrazin · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Die Premiereneinladung kam per Facebook. Was ungewöhnlich ist, existieren doch mehrere berufliche Mailadressen, über die man mich ganz problemlos kontaktieren kann. Andererseits: Irgendwie passt diese Form der Kontaktaufnahme auch zu diesem, äh, naja: Theaterstück?, „Die Generalversammlung der Welt“ von Meyer&Kowski, im Museum für Völkerkunde. Immerhin auch mal eine Gelegenheit, diesen Ort zu besuchen, einen riesigen Jugendstilklotz in Rotherbaum, dessen Inneneinrichtung einen sofort berührt, ach, ich mag Jugendstil. Was hier überhaupt nichts zur Sache tut.

„Die Generalversammlung der Welt“ ist, das merkt man recht schnell, ein großer Fake. Also: Der chinesische Lehrer Lobo Chan reist durch die Welt, um die Menschheit zu überzeugen, sich friedlich zu treffen, im Jahr 2050, am besten in Australien, weil, in Australien ist ausreichend Platz. Im Völkerkundemuseum hören wir einen von Lobos Vorträgen, er sucht nach „Botschaftern“ für sein Vorhaben, also beschreibt er, wie er auf die Idee besagter Generalversammlung kam und was er damit bezwecken möchte. (Insbesondere bei letzterem Punkt bleiben die Ausführungen extrem unkonkret, was der Vortrag durch ein gehöriges Maß an Sympathie wieder wett macht.) Lobo ist begeistert, er ist auch ein wenig missionarisch, kurz überlegt man, in eine sektenähnliche Erweckungssituation geraten zu sein, aber dann übernimmt das theatrale Element, wir merken, alles ist nur Spiel. (Überhaupt, missionarisch, Lobo Chan ist doch überhaupt kein Lehrer aus Hunan, wie er behauptet, Lobo Chan ist ein britischer Opernsänger und Schauspieler, und für die, die das bis zum Schlussapplaus noch nicht kapiert haben, singt er noch eins!)

Wobei die Rafinesse des Theaterduos Meyer&Kowski (was ein hübsches Wortspiel ist und eigentlich den Regisseur Marc von Henning und die Dramaturgin Susanne Reifenrath meint) darin besteht, erstens das Gemachte ihrer Produktion nicht zu verstecken, wahrscheinlich niemand im Saal glaubt wirklich, es hier mit einem Vortrag und keinem Theaterstück zu tun zu haben – und zweitens die Inhalte dieser „Generalversammlung der Welt“ dennoch nicht zu denunzieren. Was Lobo da vorn erzählt, kommt bei einem an, auch wenn man weiß, was hier gespielt wird. Und was da ankommt, das ist nicht schön.

Denn die Idee, 2050 in Australien (beziehungsweise in Argentinien, im Verlauf des Stücks gerät das ein wenig durcheinander) zusammenzukommen, alle 50 Milliarden Weltbürger, hat in ihrer Monströsität etwas Erschreckendes. Was sollte diese Generalversammlung denn miteinander anfangen? Bestenfalls sich gleich die Köpfe einschlagen, schlimmstenfalls beieinander stehen, ohne Ahnung, was man miteinander reden soll, und über kurz oder lang vor Langeweile sterben? Zwei Meinungen zum Thema, wie Menschen miteinander umgehen, stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die einen glauben, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, sozialen Kontexts einfach grundätzlich nicht miteinander auskommen können und man deswegen allen Beteiligten etwas Gutes tut, wenn man dafür sorgt, dass sie sich nicht über den Weg laufen. Thilo Sarrazin zum Beispiel denkt so. Die anderen glauben, dass die Menschen, wenn sie sich nur einmal Auge in Auge gegenüber stehen, schon den Freund im Anderen erkennen werden, das ist die Idee des Jamboree, das ist die Idee, die die Lobo-Chan-Figur uns mit glühendem Blick nahebringen möchte. Ich aber möchte nicht den Freund im Gegenüber erkennen, falls das Gegenüber George W. Bush sein sollte, meine Güte, ich möchte mich ja nicht einmal mit einem Christdemokraten im gleichen Raum aufhalten!

Mein Gott, ich bin Thilo Sarrazin!

Wobei soziale Netzwerke wie Facebook tatsächlich eine Art „Generalversammlung der Welt“ im Kleinen herstellen. Was mir dieser, ja doch: Theaterabend mit auf den Heimweg gab, ist auch eine Erklärung, weswegen mir Facebook nicht ganz geheuer ist: weil sich da nämlich nicht nur sympathische Gruppen wie Gays against Guido tummeln, sondern halt leider auch der echte Guido Westerwelle. (Wenn ich nicht aufpasse, werde ich wirklich soziophob. Ich meine, will ich eigentlich noch mit einem Zug fahren, wenn womöglich die Gefahr besteht, dass in meinem Waggon auch ein FDP-Mitglied sitzt?) Es passiert nicht häufig, dass ich nach einem Theaterstück stundenlang über mich, über meine Weltsicht nachgrübelte – dass „Die Generalversammlung der Welt“ das geschafft hat, dafür kann man Meyer&Kowski durchaus loben.

Ach so, dafür, dass dieses Stück unter ganz klassischen Entertainmentaspekten funktioniert hat, dafür natürlich auch.

(„Die Generalversammlung der Welt“, 27. 1., 17., 18., 24. und 25. 2., Großer Hörsaal im Museum für Völkerkunde, Hamburg)

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.

Nach den Geschehnissen in Oslo, nachdem sich abzeichnet, dass der Täter ein konservativer Christ voller Hass auf Muslime gewesen sein dürfte, nach all den Toten und den Verdächtigungen wäre es doch schön, wenn die islamophoben Deppen, wenn die Hassschürer von Politically Incorrect, von SOS Österreich, wenn all die verkappten Nazis, die hier grundsätzlich nicht verlinkt werden, weil ich diese Brut nicht in meinem Blogzuhause sehen möchte, für einen Augenblick innehalten würden. Sich überlegen würden, was ihr Hass, ihr Neid, ihre Angst vor dem ach so bösen Islam mit den Anschlägen in Norwegen zu tun haben könnten.

Und ferner wäre es auch schön, wenn all meine Kollegen, die schon kurz nach dem ersten Anschlag von einem islamistisch motivierten Attentat schrieben, teilweise mit hanebüchenen Argumenten (weil Al-Qaida skandinavische Staaten nicht unterscheiden kann, legen die dummen Muslime Bomben in Oslo, obwohl sie doch eigentlich Dänemark wegen der Mohammed-Karrikaturen treffen wollten), wenn die sich entschuldigen würden. Dass die Redaktion des ZDF-Kulturmagazins Aspekte am Tag der Oslo-Attentate ausgerechnet einen Beitrag über den großartigen Islamkenner Thilo Sarrazin bringt, in dem der betont, wie gefährlich diese Religion sich in westlichen Gesellschaften breit macht, ist in diesem Zusammenhang instinktlos – wäre es zuviel verlangt gewesen, wenn ein Redaktionsleiter sich hingestellt hätte, um zu sagen: Ja, der Beitrag war zu diesem Zeitpunkt ein Fehler, tut uns leid. Doch, wäre wohl zuviel verlangt.

Ansonsten bleibt nur zu wiederholen: dass ich den Islam nicht unkritisch sehe, mir konkret aber Muslime noch nie etwas getan haben. Im Gegensatz zu Christen.

Ach, die Sarrazin-Debatte, seit einem halben Jahr tobt sie. Man kann sich der Debatte stellen und die Zahlen des Autors zerpflücken, man hat dann gute Argumente, die einem nur nichts bringen, da die Fans des sozialdemokratischen Ex-Bundesbankers auf Argumente nicht besonders können. Man kann Sarrazins Fans analysieren und dabei Erkenntnisse gewinnen, die keine Erkenntnisse sind, weil sie einem schon von vonherein klar waren, dass diese Leute nämlich hauptsächlich Männer sind, älter und Freunde des „Volks- und Bauerntheaters“, haha. Man kann das Ganze mit Humor nehmen, das macht dann wenigstens Spaß. Oder man kann sich der Diskussion von vornherein verweigern, das hilft bloß nichts.

Verweigern, das hieße ja, dass wirklich alles in Ordnung ist, dass wir keine Probleme hätten. Das hieße, dass eine multikulturelle Welt tatsächlich die beste aller möglichen Welten wäre, und das ist sie wahrscheinlich nicht. Nur mal ein Beispiel: Ich habe mich doch nicht dafür unter Mühen, auch unter echten Schmerzen zum Atheisten entwickelt, nur um jetzt einen das Stadtbild immer stärker prägenden Islam mit Wohlwollen zu betrachten. Ich finde es gut, dass der Einfluss des Christentums in meinem Leben zurückgedrängt wird, wenn im Gegenzug der Einfluss des muslimischen Glaubens stärker wird, das ist doch Blödsinn! (Und nur, weil die lautstärksten Gegner des erstarkenden Islams die doof-chauvinistischen Islamophoben sind, muss ich das trotzdem nicht gut finden, so!)
Außerdem ist es meiner Meinung nach nicht verwerflich, zu wissen, wo man herkommt. Zu wissen, wo man herkommt, das heißt, Riten und Gebräuche und Traditionen zu kennen, zu pflegen, kritisch zu hinterfragen. Mir geht es nicht um einen selbstgerechten Traditionalismus, eher um einen ironischen Kommentar, der vor allem den Begriff „Kultur“ im Wort „Multikulturalismus“ groß schreibt. Als ganz kleine Nebenspielstätte: die Küche. Ich finde es gut, wenn man mit regionalen Zutaten kocht, ich finde es gut, wenn man lokale Rezepte weiter trägt, ich finde es gut, wenn man bei alledem nicht vergisst, dass man in einer multikulturellen Welt lebt. Demnächst möchte ich mal ins Restaurant Nido, austro-asiatische Küche mit Blick auf den Hamburger Hafen. Sushi und Schnitzel, wer Ahnung vom Kochen hat, der bekommt das hin, ohne dass das Ergebnis ein undefinierbarer Matsch wird.

Der Bereich, in dem die multikulturelle Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche, tatsächlich ganz gut funktioniert, ist der Bereich, in dem ich mich am Besten auskenne: die Kunst, das Theater. Beziehungsweise, Teilbereiche des Theaters. Das Kölner Schauspiel versuchte, zu Beginn der Intendanz von Karin Beier der migrantisch geprägten Stadt Köln Rechnung zu tragen und nahm mehrere Schauspieler mit Migrationshintergrund ins Ensemble auf. Richtig durchschlagend war der Erfolg nicht (vielleicht auch überdeckt vom Erfolg der Intendanz Beiers auf anderen Ebenen), gerade mal Murali Perumal und Ilknur Bahadir konnten einen prägenden Eindruck hinterlassen. Auch hinter der Bühne ist das deutsche Schauspiel meist in deutscher Hand, Feridun Zaimoglu hat sich einen Namen als Dramatiker gemacht, Nuran David Calis als Regisseur, velleicht auch noch Neco Çelik, das wars dann auch schon. Die Intendanten aller großen Bühnen sind Urdeutsche, sieht man einmal von dem Niederländer Johan Simons an den Münchner Kammerspielen ab. Nein, das deutschsprachige Schauspiel ist ein Deutsches Nationaltheater (sorry, Weimar), trotz aller Bemühungen. Vielleicht liegt es an der Sprache, vielleicht am nationalbürgerlichen Ambiente der Schauspielhäuser, ich weiß es nicht.
Wo aber der Multikulturalismus zweifellos funktioniert, ist: im Tanz. Tanzcompagnien sind schon immer alles andere als ethnisch homogen, was einerseits an den wegfallenden Sprachschranken liegt (Lingua franca im zeitgenössischen Tanz ist Englisch), andererseits daran, dass der Körper als zentrales Tanzinstrument einen Kommunikationsrahmen jenseits der Herkunft ermöglicht. Und drittens daran, dass die prägenden Figuren des zeitgenössischen Tanzes in den 1980ern in Belgien und den Niederlanden sozialisiert wurden – und das sind Länder, die sich a) schon immer als multikulturelle Einwanderungsländer verstanden und b) durch ihre geringe Größe keine Chance hatten, die eigene, weltweit marginalisierte Sprache als Nonplusultra zu überhöhen. Drastisch gesagt: Wer glaubt, auf Flämisch in der Kunst einen Blumentopf gewinnen zu können, der fällt ziemlich schnell auf die Nase (auch wenn Nationalisten so etwas nicht gerne hören).
So ziemlich alle deutschen Tanzcompagnien sind geprägt von Nichtdeutschen, denen man ihre Herkunft teilweise deutlich ansieht: die Koreanerin Hyuong-Min Kim von der Berliner Gruppe Dorky Park (geleitet von der Argentinierin Constanza Macras), der Afroamerikaner Josh Johnson vom Frankfurter Ensemble Forsythe Company (geleitet vom US-Amerikaner William Forsythe), die Madegassin Zaratiana Randrianantenaina von der Berliner Gruppe Sasha Waltz & Guests (geleitet von der Badenerin Sasha Waltz). Man mag einwenden, dass gerade die den deutschen Multikulturalismus prägenden Migranten aus Nahost hier selten vertreten sind, das aber hat damit zu tun, dass das islamische Theaterverständnis sehr weit entfernt ist vom europäischen. Dennoch: Die deutsche Regisseurin Helena Waldmann konnte 2005 mit iranischen Tänzerinnen das Stück „Letters from Tentland“ fürs Fadjr Festival in Teheran entwickeln, Kontakte wären also auch hier möglich.
Gleichzeitig sind die wirklich guten Tanzcompagnien eng verknüpft mit ihrem Umfeld. Das großartige, internationale, multikulturelle Tanztheater Pina Bauschs wäre nicht möglich gewesen ohne die enge Verzahnung Bauschs mit ihrer zutiefst provinziellen Heimatstadt Wuppertal. Man kann die Arbeit von Constanza Macras‘ Dorky Park nicht verstehen, ohne von der Partyszene und der Subkultur im Berlin der 1990er nicht zumindest gehört zu haben. Und ein William Forsythe wäre nichts ohne Frankfurt, die kalte, durchdesignte Stadt, in der der US-Amerikaner seit einem Vierteljahrhundert lebt (und gerade deswegen ist es so erschreckend, dass die Stadt Frankfurt Forsythes Arbeit 2005 nicht mehr ausreichend fördert, wesweegen der weltberühmte Choreograph aus Dresden und anderen Städten quersubventioniert werden muss).

Multikulturalismus, ohne dass man die Erdung, die Wurzeln vergisst. Schön. Nur was lernen wir daraus? Nix. Vielleicht gerade mal das: Dass der billige „Deutschland schafft sich ab“-Furor Thilo Sarrazins nicht mehr ist als kaum durchdachter Alarmismus, ein schwachbrüstiges Beschwören der Annahme, dass ein Zusammenleben der Kulturen nicht möglich sei. Der Blick ins Tanztheater zeigt zumindest eines: Herkunft ist nicht wichtig, wichtig ist, was man draus macht.
Wobei der Blick aufs Tanztheater den Volkswirt Sarrazin naturgemäß eher weniger überzeugen dürfte.

Das Bild oben zeigt übrigens eine Szene aus Constanza Macras‘ „The Offside Rules“, ab 26. Januar auf Kampnagel, Hamburg (Copyright: Market Theatre Johannesburg). Da freu‘ ich mich.

Ich bin ein Freund der Political Correctness. Ich kann mich nicht besonders für das Minderheiten-Quartett begeistern, das der Spiegelfechter als Weihnachtsgeschenk bejubelt. Ich habe auch schon mit Matthias (und, einmal, mit German Psycho) manch einen Strauß ausgefochten. Ich kenne, nein: Ich verstehe die Argumente, die kluge Leute gegen Political Correctness vorbringen, Denkverbote, Spießertum, Formierung der Sprache, alles richtig. Allein, ich teile sie nicht. Ich will einfach nicht von „Negern“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff diskriminierend gebraucht (oder zumindest empfunden) wird, ich will einfach nicht von „Gutmenschen“ sprechen, nachdem ich weiß, dass der Begriff in erster Linie in rechtsextremen Zusammenhängen eingesetzt wird, um all diejenigen zu diskreditieren, die nicht rechts sind. Tut mir leid, das liegt vielleicht an meinem Beruf, dass ich sprachliche Wendungen erstmal abklopfe, bevor ich sie verwende: Steht da vielleicht etwas zwischen den Zeilen, steht da vielleicht etwas, das nicht direkt ausgesprochen wird? Call me politically correct, call me linker Spießer, die Diskussion langweilt mich mittlerweile ein wenig.
Die spannende Frage ist ja auch nicht, ob man Politische Korrektheit als Religion vor sich hertragen sollte. Auf Metalust wird dem Spiegelfechter „neurechtes Agitieren“ vorgeworfen, wegen eines bei Licht betrachtet eher pubertären „Boah, ich trau‘ mich was!“-Artikelchens, na gut. So denke ich nicht. Nie würde ich jemandem vorwerfen, Regeln der politischen Korrektheit zu missachten, wer möchte – bitte. Nur gut finden muss ich das nicht. Politische Korrektheit, das ist für mich eher so eine Art Leitfaden, ein paar Kriterien, auf die ich mein eigenes Verhalten abklopfe: Mache ich gerade noch alles so, dass ich weiterhin in den Spiegel schauen kann? Ich brauche übrigens nicht zu erwähnen, dass ich diese Frage keinesfalls immer mit „Ja“ beantworte – und dennoch nichts an meinem Verhalten ändere. Inkonsequenz, sei mein Freund.

Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes erzählen. Eigentlich wollte ich die Ausstellung „Freedom of speech“ erwähnen, die noch bis Ende März im Hamburger Kunstverein zu sehen ist. „Freedom of speech“ geht als politische Kunstausstellung dahin, wo es richtig weh tut, stellt die Frage: Was darf Kunst? (Alles! sagt mein linksliberal geschultes Bewusstsein, voller Verachtung für jede Art von Zensur.) Aber ist dann eine Arbeit wie Olaf Metzels „Turkish Delight“ (2006, der Schnappschuss stammt von der Vernissage) tatsächlich nötig? Was bringt es der politischen Diskussion, eine nackte Muslima zu zeigen? Verhärtet das nicht, im Gegenteil, alle Fronten? (Tatsächlich macht es das: Die Skulptur stand zunächst vor der Wiener Kunsthalle und wurde nach Protesten und Vandalismus entfernt.) Und schon ist man ganz weit weg von jeglicher Kunstfreiheit, schon denkt man: Vielleicht ist Zensur gar nicht das allerschlechteste?
Der Kunstverein stellt diese Frage auch, er verpackt sie nur anders. Er fragt: „Was, wenn nur der sprechen dürfte, der die Wahrheit sagt?“ Schon denkt man, dass das durchaus besser wäre, Thilo Sarrazin etwa könnte gleich einpacken, wenn man ihm nachgewiesen hätte, dass seiner biologistischen Argumentation Hand wie Fuß fehlt. Aber: Wer entscheidet eigentlich, was die Wahrheit ist? Bei Sarrazin wäre das nicht schwer, eigentlich muss man nur zwei und zwei zusammenzählen, um zu merken, was für einen Blödsinn der Ex-Bundesbanker zusammenschwafelt, aber was ist mit Fällen, bei denen es nicht so eindeutig ist? Zum Beispiel bei Kunst, der Paradedisziplin des Uneindeutigen?
Was toll ist an „Freedom of speech“: dass die Ausstellung selbst uneindeutig bleibt. Sie zeigt die vor vier Jahren viel diskutierten Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten und provoziert damit einen billigen „Das muss man doch noch sagen dürfen!“-Ausruf. Dem stellt sie die Bild-Kampagne für Thilo Sarrazin „Wir wollen keine Sprechverbote“ gegenüber. Und kontrastiert das mit der Bild-Schlagzeile vom 15. Dezember: „Stephanie zu Guttenberg: Wir finden die gutt! Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“

„Freedom of speech“ macht es einem nicht leicht. Und weil man merkt, dass es hier nicht einfach zugeht, weil man hier keine klaren Antworten bekommt, wird einem auch deutlich, wie schal die eigene politische Korrektheit ist. Die nämlich läuft immer Gefahr, Redefreiheit in erster Linie für linke Positionen zu gewähren, während man rechts ganz gerne mal ein wenig Zensur üben würde. Allerdings behauptet die Ausstellung auch nicht, dass eine bloße Erweiterung der Redefreiheit alle Probleme lösen würde. Wäre alles gut, wenn links wie rechts ihre Argumente in den Raum blöken könnten?
Ein Blick auf die Mohammed-Karikaturen lässt einen Zweifeln.

Abbildung: Olaf Metzel, Turkish Delight (2006), Copyright Sammlung Hamburger Kunsthalle, Foto: Falk Schreiber

P.S. Die Bandschublade verabschiedet sich in die Weinachtsferien. Ich lasse die Kommentare offen, werde aber unter Umständen ein wenig brauchen, bis ich sie freischalte – nicht beleidigt sein.

Ich würde ganz gerne ein paar Aufgeregtheiten aus der Diskussion um Zuwanderung und Islamismus und Integration und Verweigerung derselben nehmen. Ich würde gerne in Zukunft nicht mehr über geifernde Kleinbürger sprechen, nicht mehr über Sarrazzin und Wilders und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört und das Christentum zur Türkei, von mir aus. Ich möchte anmerken: Ja, mag sein, dass es hier und da Probleme mit muslimischen Zuwandererjugendlichen gibt, es gibt ja häufig Probleme mit Jugendlichen, warum also nicht mit muslimischen. Mag alles sein, ich möchte nichts beschönigen, dass in muslimisch geprägten Sozialsystemen durchaus zu problematisierende Ansichten zu Frauenemanzipation, Homosexualität und intellektueller Selbstbestimmung vorkommen. Das mag ja sein.

Aber: Ich lebe in einem zentralen Großstadtviertel mit überdurchschnittlich hohem Migrantenanteil. Ja, an den Ecken hängen sie manchmal rum, die Arschlochjungs, und starren einen böse an, das ist nicht schön. Nur echte Probleme, die hatte ich noch nie, mit den Arschlochjungs, tut mir leid. Das ist nur meine persönliche Erfahrung, aber mir haben die noch nie etwas getan.

Im Gegensatz zu den Christen.

Ich habe mich entschieden, nicht über Thilo Sarrazin zu schreiben. Über Sarrazin haben schon andere geschrieben, ausführlicher, weitergehender, schärfer und lustiger als ich es gekonnt hätte. Also steht hier nichts über Sarrazin.

Hier steht etwas über Mavericks.

Im amerikanischen Englisch bezeichnet „Maverick“ einen Querdenker. Einen Menschen, der Ansichten vertritt, die nicht konform mit dem Mainstream gehen, und der diese Ansichten polemisch, satirisch, manchmal auch verletzend artikuliert. Der Maverick handelt oft aus purer Lust an der Provokation, meist aber, weil er durch seine Polemiken einen Diskussionsprozess in Gang setzen will. Ein Maverick ist ein von allen Seiten unabhängiger Intellektueller.
Solche Mavericks scheint es in den USA zu geben, in der Bundesrepublik gibt es sie nicht. Weil Querdenken in der Bundesrepublik heißt: rechts zu denken. Das muss man erklären. Wenn man in der europäischen politischen Diskussion nur lange genug nachdenkt, dann landet man früher oder später unweigerlich links. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Hildegard Hamm-Brücher anschaulich, wie der Rechtsruck der FDP unter Guido Westerwelle mit einer intellektuellen Verflachung einher ging:

Er (Westerwelle, F.S.) hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer. (…) Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns?

Wenn Intellektualität in der politischen Diskussion aber bedeutet, offen nach Links zu sein, dann kann ein Querschläger zu diesem Denken schlicht nur offen nach rechts sein. Und so agieren die selbst ernannten deutschen Mavericks auch: Sie geben das Denken auf und kämpfen stattdessen gegen alles, was nach Reform, Entwicklung und Hierachieabbau klingt, sie sind, ganz klassisch, Rechte.
Sie kämpfen gegen die Rechtschreibreform, die sie mit ihrem unbeholfenen Sinn für Ironie konsequent „Schlechtschreibreform“ nennen. Sie hetzen gegen die kreative Weiterentwicklung von Sprache und lästern über „Dummdeutsch“ und „Denglisch“. Sie suchen ihr Heil im klassischen Bildungskanon und gründen Bürgerinitiativen zum Erhalt der Gymnasien. Sie sind gegen das, was sie sich unter „Regietheater“ vorstellen, ohne den Begriff auch nur rudimentär mit Inhalt füllen zu können. Sie haben sich noch nie mit dem Konzept der „Political Correctness“ beschäftigt, sind aber davon überzeugt, dass alles, was auch nur von fern den Anschein erweckt, pc zu sein, von übel ist. Sie lassen sich vom Pöbel feiern und glauben, todesmutig gegen den Meinungsmainstream gekämpft zu haben.
Und kommen dabei doch erst im Mainstream an.
Es tut mir leid, ich muss doch noch einmal auf Sarrazin zu sprechen kommen. Sarrazin, der Kämpfer gegen Denkverbote, Sarrazin, der unbequeme Wahrheiten ausruft, die doch niemand auszusprechen wagt: Er tut das per Vorabdruck seines Buches. In Spiegel und Bild. Vorabdrucke in den reichweitenstärksten Medien des Landes! Und so jemand wagt es, für sich in Anspruch zu nehmen, unterdrückten Meinungen eine Stimme zu geben!

Es hilft nichts: Wer sich hierzulande als Maverick geriert, der ist so was von Meinungsmainstream, das tut schon weh. Er ist einfach von der linken Konvention mit fliehenden Fahnen zur rechten Konvention übergelaufen. Nur aufs Denken und auf Intellekt hat er unterwegs verzichtet.