Gerade noch rechtzeitig aus Bremen zurückgekommen, um „Tatort“ zu schauen. Endlich mal wieder aus München, „Ein neues Leben“, einen Krimi mit den Immer-noch-ganz-weit-vorne-Kommissaren Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Sich freuen, dass „Ein neues Leben“ kein betulicher Krimi ist, sondern ein Schocker, hart und konsequent, manchmal ein wenig an den Haaren herbei gezogen und manchmal auch klischeehaft, aber, hey!, ein Schocker darf das. Ein Schocker darf sogar die Liebe zwischen Psychopathin Isabella (Nina Proll) und Mäuschen Sandra (Mina Tander) als Abziehbild zeichnen, weil, ich weiß schon: Es gibt durchaus gleichgeschlechtliche Beziehungen, die nicht auf Manipulation, Irrsinn und Blut aufbauen. Selten, aber es gibt sie, und solange ich angespannt auf dem Sofa sitze, nehme ich die durchaus diskriminierenden Bilder insbesondere der weichgezeichneten Sexszene einfach mal hin. Nein, ich will weder Regisseur Elmar Fischer noch den Drehbuchautoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer etwas vorwerfen, ich will einen Post für die Bandschublade schreiben: dass „Ein neues Leben“ mal wieder ein richtig spannender, cooler „Tatort“ war, als wär’s ein Stück aus Kiel.

Und dann merke ich, dass ich überhaupt keine Lust habe.

Meine Beziehung zum „Tatort“ war viele Jahre eine ziemlich erfüllende Liebesbeziehung. Ja, man nervte sich auch mal, aber alles in allem war das schon weitgehend toll. Und irgendwie ist es das jetzt nicht mehr. „Hart ist nicht, wenn die Liebe vorbei ist“, meinte H. einmal sinngemäß, „hart ist der Moment, wenn man sich eingestehen muss, dass die Liebe vorbei ist.“ Und ich muss mir einfach eingestehen: Irgendwie wird das nichts mehr mit mir und dem „Tatort“, einer sicher guten Folge zum Trotz. Eine Woche der Nackenschläge: Die verehrte Nina Kunzendorf hat keine Lust mehr, in Frankfurt zu ermitteln. Der doofe Til Schweiger macht sich wichtig. Christian Ulmen und Nora Tschirner machen in Weimar, einer Stadt, die mich gelinde gesagt, überhaupt nicht interessiert, irgendwelchen komödiantischen Quatsch, der mich auch nicht interessiert. Leipzig. Ludwigshafen. Hannover. Das ist alles so langweilig.

Und deswegen schreibe ich heute einfach mal nichts. Weil mich „Tatort“, muss ich gerade leider sagen, zutiefst anödet.

„Den Standard der Reihe von einem leicht erhöhten Oben her performt“: Matthias Dell im Freitag. „Immer schön Tempo halten, aber bitte nicht theatralisch werden!“: Christian Buß auf SpOn. „Unterwanderung der ARD-Sonntagsunterhaltung durch pornographische Elemente„: Heinz Zimmermann auf tatort-fundus.de. „Dunkelrot zwischen grauen Gestalten“: der Stadtneurotiker. „Alle versuchen einander zu bescheißen„: der Wahlberliner.

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.