Ich bin niemand, der es exzessiv treibt. Ich habe Kleinstadtjugend, Studium, Punkselbstverständnis, linkes Bewusstsein und Zeiten der Arbeitslosigkeit überstanden, ohne regelmäßig harte Drogen zu konsumieren, ich bin gleichzeitig nicht zum Propheten der Enthaltsamkeit geworden, ich finde das durchaus … nicht schlecht. Das ist das eine. Das andere ist natürlich: Ich bin nicht jede Nacht unterwegs, dazu bin ich wahrscheinlich zu faul, und ich behaupte, dass mein 40 Jahre alter Körper so etwas auch nicht mitmachen würde, wahrscheinlich ist da was dran. Aber manchmal eben dann doch, in Nächten, denen Tage folgen, an denen ich über meinen schmerzenden Kopf jammere, in Nächten, nach denen ich für lange Zeit überhaupt nicht mehr ausgehen will, weil ich denke: Ich packe das einfach nicht mehr.

Ich liebe diese Nächte.

Vielleicht liegt das ja daran, dass diese Nächte keine Selbstverständlichkeit sind für mich, Nächte, in denen ich trinke und laute Musik höre und auf einer Welle der hinreißenden Oberflächlichkeit in Bars geschwemmt werde, in denen ich noch nie war, in Bars, in denen ich immer weiter trinke, und irgendwann fange ich plötzlich wieder an, zu rauchen, meine Güte, Rauchen!, habe ich ja schon seit Monaten mehr gemacht. Und wenn ich halbwegs vernünftig bin, ziehe ich irgendwann die Reißleine, solange das Geld noch reicht für ein Taxi nach Hause. Leben als Nachteule, das ist mehr als das dumme, gedankenlose Feiern, das Pinnebeg und Tostedt Samstagabends auf den Kiez treibt, voller Hoffnung auf die Nacht aller Nächte, und wenn Pinneberg und Tostedt auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu dämmern beginnt, dass das heute nichts mehr wird mit einer irgendwie außergewöhnlichen Nacht, wenn sie kapieren, dass sie heute so ungeküsst bleiben werden wie immer, dann beginnen sie, aggressiv zu werden. Davon rede ich nicht.

Ich rede von der schönen Langeweile, während der man ins Gespräch kommt mit einer Frau, die man eigentlich uninteressant findet und plötzlich nicht mehr weiß, was an ihr eigentlich so uninteressant ist. (Dieser Moment als man überlegt: Ich fand den Menschen mir gegenüber doch immer fade, weswegen eigentlich? Und dann realisiert man, dass man nicht mehr verstehen kann, weswegen.) Ich rede von Worten die aus einem fließen, während laute, schöne Musik in einen fließt. (Ich kenne diese Musik überhaupt nicht, noch nie hat mir jemand gesagt, wie schön die ist!) Ich rede vom Ausklinken aus den Zwängen des Erwerbslebens, ich rede vom bewussten Sich-Untauglich-Machen. Von der Negation irgendwelcher moralischer Regeln: Ab heute gilt nur noch, was niemandem wehtut.

Und genau deswegen schmerzt es mich tatsächlich, dass Jorinde Dröse die Dramatisierung von Tino Hanekamps Ausgeh-Roman „So was von da“ am Hamburger Schauspielhaus sowas von in den Sand gesetzt hat. Genauer begründe ich das in der aktuellen Theater heute (Link nur für Abonnenten abrufbar):

An zwei Stellen gelingt es Dröse, sich von der Vorlage zu lösen. Einmal in einer Konzertszene, bei der die (ansonsten überraschend zurückhaltend eingesetzten) 1000 Robota im Hintergrund einen Song spielen, während auf der Bühne (Natascha von Steiger hat hier eine teils kaputte, teils versiffte, teils urgemütliche Klubsituation ge­staltet) eine ganz andere Aktion abläuft und der Text parallel eine dritte Bedeutungsebene aufmacht. Und dann in der Mitternachtsszene, als Nebelschwaden die Bühne verdunkeln. Man sieht nichts mehr, hört Oskar reden, die Band spielt eine sanfte Melodie: Das ist der Moment, an dem man sich küssen sollte.

P.S. Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Pina Otey haben den Sammelband „Das Ende der Enthaltsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs“ bei Edition Nautilius herausgegeben, den sie heute abend in der Bar Golem vorstellen. Kann ich nur empfehlen.

31. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Dezember 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , ,

Seit Mai mache ich diese Analyse der Googleanfragen auf der Bandschublade, und seit Mai ärgere ich mich: darüber, dass sich immer nur Anfragen nach nackten und/oder schwulen Halbpromis hier sammeln, nie aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder zumindest nach einer tollen Theaterinszenierung. Mit anderen Worten, es brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich kapiert habe, dass spannend nicht die häufigsten Anfragen sind (im Dezember war das, wer hätt’s gedacht, „sophia thomalla brust“, mal wieder), sondern diejenigen, die nur ein-, zweimal auftauchten. Ansonsten ist Google aber auch ein komisches Tool – weswegen dieses kleine Blog Platz eins bei der Eingabe „Oh, Danke“ ist, weiß wohl nur ein irre gewordener Server, irgendwo in der schwedische Einöde. Egal, hier kommen ein paar ausgewählte, nicht allzu häufig aufgerufene Anfragen.

1. „tino hanekamp berlin“ Habe ich mich auch schon gefragt – was passiert, wenn Tino Hanekamp, diese zentrale Figur des Hamburger Nachtlebens, irgendwann das macht, was alle machen, nämlich nach Berlin ziehen? Bricht dann hier alles zusammen? Aus berufenem Munde kann ich Entwarnung geben: Anscheinend lebt Hanekamp noch in Hamburg, wenn auch am Stadtrand Richtung Berlin, aber die Hauptstadt ist auch nicht mehr das, was sie mal war, und über kurz oder lang zieht man vielleicht eher richtig aufs Land?

2. „porno schlechtes gewissen“ Muss man meiner Meinung nach keines haben.

3. „ich verstehe die rolle der sarah brandt nicht“ Lustig, ein Beitrag auf der Bandschublade begann ganz ähnlich, eine der mir mittlerweile unlieb gewordenen „Tatort“-Besprechungen: „Ich verstehe die Figur der Sarah Brandt nicht.“ Nunja, was soll ich dazu sagen? Anscheinend verstehen mehrere Leute diese von der geschätzten Sibel Kekilli gespielte Figur nicht, und ein wenig Licht ins Dunkel bringt womöglich dieses Blog hier.

4. „was macht eigentlich heidi brühl“ Die ist tot. Schon seit 21 Jahren, sie starb gerade mal 49-jährig nach einer Krebsoperation.

5. „krabbeltiere auf nackter haut erotisch“ Aerch. Irgendwie habe ich gerade total das Bedürfnis, mich zu kratzen.

6. „roter sack in bochum“ Zuerst dachte ich, da sucht jemand eine Kneipe, nur gibt es in Bochum keine namens „Roter Sack“. Mittlerweile habe ich erfahren, dass der Windelsack in Fröndenberg „viel diskutiert“ wird, von Fröndenberg ist es nicht allzu weit nach Bochum, es könnte also sein, dass ein Bochumer von diesen Diskussionen erfahren hat und wissen möchte, ob es so etwas auch in Bochum gibt. Soweit ich das verstanden habe: Gibt es nicht.

7. „islam einen geblasen bekommen“ Ich habe keine Ahnung, was der Islam zu dem Thema sagt. Ich könnte was zur katholischen Sicht auf die Sache erzählen, da ist Oralsex explizit verboten – der dient ja nicht der Reproduktion, und weil Katholiken ausschließlich deswegen Sex haben, blasen sie nicht. Im Islam denken sie wahrscheinlich ähnlich, vielleicht nicht ganz so radikal. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es hier das Konzept, dass etwas „makruh“ ist, nicht verboten, aber missbilligt. Wobei es in der Praxis wohl so ist: der eine Imam sagt das, der andere jenes, und am Ende schlagen sich alle die Köpfe ein.

8. „dem intendanten des theaters bremen es geht immer nur um geld“ Das klingt jetzt vielleicht doof, aber: Das Spielzeitthema in Bremen ist momentan tatsächlich „Geld“ (auch wenn Michael Börgerding, der Intendant, das ein wenig differenzierter sieht), entsprechend kann man dem gesuchten Satz vielleicht wirklich zustimmen. Aber wahrscheinlich war das anders gemeint, oder?

Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: „Taxi Altona“, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie „Durch die Nacht mit …“: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit „Hamburg, meine Perle“- und „Schönste Stadt der Welt!“-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der „Taxi Altona“-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

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