21. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein paar abschließende Gedanken zum Hamburger Schauspielhaus · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

– Als Friedrich Schirmer 2005 die Intendanz des Hauses übernahm, war die Stimmung zumindest in meinem Umfeld ablehnend. Schirmer galt als Gegenentwurf zum gegen die damalige CDU-Schill-Regierung agitierenden Intendanten Tom Stromberg, installiert, um eine Oppositionsstimme auszuschalten. Ich meinte: Lasst Schirmer doch erstmal anfangen, als Intendant in Stuttgart verfolgte er jedenfalls keinen regierungsfrommen, gar rechten Kurs, und außerdem hatte ich Schirmer zu seinem Start interviewt, was er da sagte, hatte Hand und Fuß. Ich wurde enttäuscht.

– Die ersten Premieren waren künstlerisch unbefriedigende, politisch erschreckend harmlose Kulinarik, mein Umfeld schien recht zu behalten. Und gerade, als ich dachte, dass da nichts mehr kommen konnte, gab es plötzlich doch Erfolge, Inszenierungen von Volker Lösch und Sebastian Nübling, die sogar zum Theatertreffen eingeladen wurden. Plötzlich positionierte sich das Schauspielhaus auch politisch, ging in Opposition zur wachsenden sozialen Spaltung in der Stadt, der Ton würde schärfer, ich dachte, der Knoten sei geplatzt. War aber ein Strohfeuer.

– 2010 schmiss Schirmer seine Intendanz hin, das Haus war führungslos. Und wie wenn auf dem Segelschiff der Kapitän ausfällt, machte sich plötzlich anarchische Kreativität breit: Das Haus öffnete sich der Subkultur, das doofe Delphin-Logo Schirmers wurde durch einen Hai ersetzt, der Journalist Christoph Twickel konzipierte ein linkes Periodikum namens Hawaii, das kaum noch erwas mit dem Bühnengeschehen zu tun hatte, dafür aber viel mit Pop, Gentrifizierung, Stadt. Ich hoffte, dass sich aus dieser führungslosen Situation ein ganz neues Stadttheater entwickeln könnte, formlos, hierarchiefrei. Es entwickelte sich: Resignation.

– 2012 dann wurde der Bühnenturm erneuert, es wurde umgezogen auf eine Notspielstätte namens „Spielfeld“, wo das Repertoire nicht mehr aufgeführt werden konnte, also wurde für eine einzige Spielzeit noch einmal ein ganz neues Repertoire aus dem Boden gestampft. Ausschließlich Uraufführungen! Ich freute mich, vielleicht würde man sich trauen, endlich aggressiv die eigene Situation zu reflektieren, zu verlieren gab es ja nichts mehr. Man traute sich: nichts.

Gestern dann die letzte Premiere, bevor die designierte Intendantin Karin Beier, die personifizierte Zukunft, das Haus wieder auf Null stellt. Ein Abschiedsreigen: Samuel Weiss‚ „Ritt in die Sonne“. Ich habe die Aufführung für die Nachtkritik rezensiert (und bin dabei auch ein wenig auf meine Geschichte mit dem Haus eingegangen):

Das Bild des Ritts in die Sonne ist ein Bild der Hoffnung, und Weiss ruft diese Hoffnung ab, wenn er zu Beginn das (beinahe) vollzählige Ensemble aus der Unterbühne nach oben schweben lässt, in einen angedeuteten Saloon mit Bar und elektrischem Bullen (Bühne: Ralph Zeger). „Wir sind die, welche dachten, es würde immer weitergehen“, skandieren die Darsteller, aber schon die Landkarte beweist, dass jeder Ritt in die Sonne irgendwann am Pazifik enden muss, und da geht es dann nicht mehr weiter, da muss man neue Ziele suchen. Wie auch die Schauspieler: Kaum einer von denen, die da auf der Bühne stehen, wird im Herbst noch am Schauspielhaus sein.

Über die Zukunft habe ich mir auch Gedanken gemacht, zumal vergangenen Freitag Beier ihre Pläne für die nächste Spielzeit präsentiert hatte. Daraus sind zwei Artikel entstanden, einer für kulturnews.de und einer für die Nachtkritik.

25. April 2011 · Kommentare deaktiviert für Kennst du den Faust? Den Doktor? · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nach sieben Jahren noch einmal angeschaut: Jan Bosses „Faust“ am Deutschen Schauspielhaus, diese epochale Inszenierung aus der letzten Spielzeit von Intendant Tom Stromberg, diese Inszenierung, die dem Hamburger Publikum ins Gesicht brüllte, wie sträflich es Stromberg missachtete und Strombergs Nachfolger Friedrich Schirmer keine Chance ließ. Nach sieben Jahren festgestellt: Die Inszenierung funktioniert immer noch, in ihrer Glätte und ihrem Witz und ihrem unausgegorenen Charme. Die Inszenierung macht immer noch ihre bösen, billigen, sehr guten Scherze auf Schirmers Kosten, die jetzt, nach dem Rücktritt des Intendanten leider ins Leere zielen. Die Inszenierung muss leider eine Umbesetzung hinnehmen, das Gretchen wird nicht mehr von der wunderbaren Maja Schöne gespielt (die mittlerweile nämlich im Ensemble des benachbarten Thalia Theaters ist, und ein Gastengagement bei der lokalen Konkurrenz, das scheint nicht zu gehen), sondern von Julia Nachtmann aus dem Schauspielhaus-Ensemble, die ich nicht mag. Was aber nicht so schlimm ist, weil sich Bosses Inszenierung verhältnismäßig wenig fürs Gretchen interessiert.

Denn Goethes „Faust“, das ist ja nicht ein einziges Stück, das sind drei Stücke, mindestens. Die Gretchentragödie, die sich auf den historisch verbürgten Fall der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt bezieht. Die Gelehrtentragödie, die mit ironischen Spitzen die Biografie des Magiers Johann Faust nachzeichnet. Und nicht zuletzt das philosophisch unterfütterte Verhältnis Fausts zu Mephisto, den man sich als eine Art bösen Geist aus der mittleren Führungsebene der Hölle vorstellen muss. Bosse auf jeden Fall konzentriert sich auf Mephisto, was schon dadurch deutlich wird, dass er den mit Joachim Meyerhoff besetzt, dem zurzeit wahrscheinlich raumgreifendsten Theaterschauspieler. Das ist okay, aber nicht zwingend notwendig – dieses Stück lässt einem extrem viel Raum, worauf man sein Augenmerk richtet. Und das ist es auch, was „Faust“ so spannend macht.
Denn: „Faust“ ist eben kein monolithischer Block, nicht das Standardwerk deutscher Klassik, als das dieses Stück immer wieder bezeichnet wird. „Faust“ ist schon bei Goethe ein Flickenteppich, der danach schreit, ständig mit neuen Flicken ausgebessert zu werden. „Faust“ ist nicht einmal wirklich deutsch, und auch die romantische Mittelalterkulisse ist Dekor, das schon von Goethe immer wieder mit zeitgenössischen Elementen angereichert wird. Es gibt ganz wenige Ortsangaben, Leipzig, den Brocken, Padua, dazu kommt noch die historische Figur Faust, die wahrscheinlich im Badischen lebte – das alles ist ein unzusammenhängendes Sammelsurium, nichts passt, und am Ende passt alles. Schön, eigentlich.
Wer „Faust“ als urdeutsche Geschichte von rechts vereinnahmen möchte, der muss sich alleine auf die Gelehrtentragödie beschränken und dabei auch die ganze Ironie dieses Textes ignorieren: dann hat man den grübelnden Denker, den sein Gegrübel am Ende in Teufels Küche bringt. Kann man, natürlich, führt nur nirgendwo richtig hin. Für alle anderen tritt dann ein Faust auf die Bühne, der an sich zweifelt, der Humor hat, der spöttelt, der nicht zuletzt Atheist ist und außerdem ein durchweg unsicheres moralisches Fundament beackert. Wenn das der Urdeutsche ist, dann will ich gar nichts gegen die Deutschen haben.

„Faust“, das ist ein Stück Bricolage-Deutschland. Ein postmodernes, postmigrantisches, europäisches Theaterdeutschland, fest geformt und an allen Ecken und Enden auseinanderstrebend. Ein Kanon, der seit sieben Jahren im Spielplan des Schauspielhauses steht, immer passend, gutes Theater, tut nicht weh. Und im Publikum sitzt die tolle Sibel Kekilli, die ganz genau weiß, dass dieses Deutschland vieles ist, nur nicht definiert, und plötzlich kapiert man, dass das immer noch aktuell ist: diese Inszenierung, diese Stadt, dieses Stück, 2011.