Er kann ja nichts dafür. Wahrscheinlich interessiert sich Rainer Langhans tatsächlich für die Ausstellung seiner Weggefährtinnen Gisela Getty und Jutta Winkelmann. Man kann es ihm nicht verdenken, dass er sich eine Ausstellung anschaut, die eine Geschichte erzählt, welche in Teilen auch die eigene Geschichte ist. Es ist okay, dass Rainer Langhans heute abend in den Hamburger Deichtorhallen ist, allein, es hilft nichts: Wenn man sich den 70-Jährigen Zausel anschaut, dann denkt man weniger an 1968 und mehr an RTL.

Man weiß ja, was einen erwartet. Die feierliche Eröffnung der Triennale der Photographie ist natürlich keine kleine, sperrige Ausstellung in einer Altonaer Hinterhofgalerie (solche Ausstellungen mag es auch geben während dieses groß angelegten Fotofestivals, nur eben nicht zum Start), es ist eine große, massentaugliche Ausstellung im größten Ausstellungshaus der Triennale, den Deichtorhallen. Nein, tatsächlich sind es zwei kleinere Kabinettausstellungen: „The Twins“, teils sehr slicke Fashionfotografien, teils hübsch beiläufige Polaroids der Kasseler Zwillingsschwestern Getty und Winkelmann, die in den frühen Siebzigern zu It-Girls der internationalen Mode-Kunst-Politszene avancierten und die uns die Schau als Vorläuferinnen des heutigen Stylefeminismus einer Charlotte Roche verkaufen möchte. „Eine Geschichte von zwei Mädchen, die loszogen, sich selbst zu befreien und die Liebe in die Welt zu bringen“, wie Ausstellungsmacher Ingo Taubhorn in leicht schwülstiger Kuratorenprosa schwärmt. Und im gegenüberliegenden Kabinett eine Collage zur Warhol-Muse Joe Dallesandro, wobei vor allem überrascht, wie perfekt sich die queeren Inszenierungen Dallesandros in die grausige Ausstellung „Männerbilder“ im Zentrum der südlichen Deichtorhalle einpassen.

Das ist wohl der erschreckendste Moment dieses Abends: Als man kapiert, wie gut das alles zusammenpasst in eine Ästhetik der Schmerzvermeidung, in eine Ästhetik des schönen Bildes. Egal ob die Zwillingsschwestern als Zeitdokument rezipiert werden, Dallesandro in atemberaubender Schönheit Geschlechteridentitäten dekonstruiert oder Starfotografen die ewig gleichen Macherfressen Brad Pitt, Barack Obama oder George Clooney als Männlichkeitsikonen reproduzieren – es passt alles. Das muss so. Und das geht ja auch in Ordnung, zur Eröffnung. Weswegen die letzte Rede auch kein Kunstkenner halten darf, sondern ein Dampfplauderer, der ehemalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek. Der dann auch wunschgemäß den dicken Max gibt und den Blick wieder zurück lenkt auf Langhans, schade, fast hatten wir ihn vergessen.

Die Fotografen springen auf und knipsen: Langhans, Witzfigur der 68er, Held des Dschungels. Ein wenig tut er einem leid, wie er da missgelaunt steht und weiß, er ist nur noch ein Abziehbild. Man selbst ist erst einen Moment unschlüssig, dann knipst man auch, ein echter Promi ist ja auch viel interessanter als diese ganze Kunst hier, nicht wahr? (Das ist eine Provokation, natürlich ist jedes einzelne Bild in diesem Raum interessanter als Langhans.) Und dann erinnert man sich an die einführenden Worte der neuen, von Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow mit heftigen Vorschusslorbeeren bedachten Kultursenatorin Barbara Kisseler: „Verehrte Kultfiguren, verehrte Zelebritäten …“ Eine Kunstpause folgt, in der die gebürtige Rheinländerin mit neuhanseatischer Contenance ihren Abscheu im Zaum hält: „… und die, die sich dafür halten.“ Der Applaus, der in diesem Moment aufbrandet, zeigt, dass auch das Publikum gemerkt hat: Hier ist gerade etwas ins Rutschen geraten, hier steht plötzlich nicht mehr die Kunst im Mittelpunkt, nein, die Kunst steht nicht einmal mehr gut sichtbar an der Seite, die Kunst ist plötzlich ganz unwichtig geworden, verschwunden hinter Langhans und dem Promiverständnis des Privatfernsehens.
Und dass das plötzlich gar nicht mehr gutgefunden wird, das ist die gute Nachricht dieses Abends.