Ich habe eine Sache gemacht, die total untypisch ist: Ich habe jemanden, den ich zuvor nur im Internet mitbekommen hatte, im Real Life kennengelernt. Und das kam so: Seit einigen Jahren verfolge ich das Blog von Isabel Bogdan, zunächst auf Antville, dann auf der eigenen Domain. Weil Bogdan nämlich gut, sehr, sehr gut schreiben kann, Alltagsbeobachtungen, Lektüretipps, grundsätzliches Generve. Was sie in einer ureigenen Sprache überaus charmant zu Papier beziehungsweise Webspace bringt. Das mit der ureigenen Sprache ist allerdings auch selbstverständlich, weil Isabel Bogdan im Hauptberuf Übersetzerin ist, und da geht sie mit Sprache professionell um, also, „professionell“ im Sinne von „kreativ“, nicht so wie bei mir Lohnschreiber, bei dem „professionell“ vor allem „korrekt“ heißt. Wie dem auch sei, vor einiger Zeit übersetzte Bogdan Jonathan Safran Foers „Eating Animals“ (das Buch, das mich beinahe zum Vegetarier werden ließ) ins Deutsche, und zur Feier dieser Übersetzung lud sie zur Übersetzerinnenlesung mit veganem Menü ins Restaurant Trific. Und nach dieser Lesung sprach ich sie einfach an, „Mal sehen, was das so für ein Mensch ist, der solch ein tolles Blog schreibt!“, ein Draufgängertum, das bei meiner Menschenscheu ziemlich freaky ist.

Ich sah: Das ist ein ziemlich interessanter Mensch.

Ein interessanter Mensch, der eine regelmäßige Rubrik im Webmagazin culturmag namens „Sachen machen“ hat. „Sachen machen“, das heißt, dass Bogdan Sachen ausprobiert, die für sich genommen manchmal unspektakulär sind, die man aber trotzdem nicht macht, weil sie vielleicht so unspektakulär sind, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass das Spaß machen könnte (Trampolin springen), weil man noch nie davon gehört hat (Punkerstammtisch mit Tischtennis und DJ in der ohnehin empfehlenswerten Kaschemme Hafenklang), weil man Angst hat, dass man Spaß an etwas vollkommen Uncoolem (mit dem Segway durch die Innenstadt gondeln) finden könnte. Sie selbst nennt diese Texte „Kolumnen“, was aus journalistischer Sicht nicht ganz richtig ist, es sind eher Alltagskultur-Reportagen, ultrasubjektiv, verfasst in einer halb literarischen, halb journalistischen Sprache, die mal in echter Begeisterung schwelgt, mal triefenden Sarkasmus offenbart. Nicht bei allen Beiträgen denke ich mir, dass ich so eine Sache gern mal selbst machen würde, auf die Gefühle, wenn einem ein aus dem Mund riechender Mensch auf der Lebensfreudemesse ein Massagegerät anzudrehen versucht, könnte ich verzichten. Andere Erfahrungen aber haben es in sich: die Fahrt nach Wacken! Der Besuch auf der SM-Party! Die asiatische Massage! (Wobei, die asiatische Massage ist vor allem deswegen so toll, weil sie eben auch so toll beschrieben ist, belustigt, liebevoll, mit heftigsten Verspannungsschmerzen in der Muskulatur. Die eigentliche Erfahrung ist dann doch eher, naja, kann man mal machen.)

Auf jeden Fall, und das ist jetzt eine richtig unjournalistische Kaufempfehlung und nicht etwa eine Rezension, auf jeden Fall sind die gesammelten Reportagen oder Kolumnen, was auch immer, jetzt als Buch erhältlich. Bei Rowohlt. Und man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass als Kaufempfehlung ein Zitat ausgerechnet aus der Brigitte den Buchrücken ziert: „Sachen machen“ kann man lesen, ohne sich dabei uncool fühlen zu müssen. Ehrlich.

Ich esse Fleisch. Ich bin da nicht stolz drauf, eigentlich würde ich gerne auf Fleisch verzichten, aus preislichen, aus gesundheitlichen, vor allem aber aus moralischen Gründen, ich mache es nicht. Dabei ist es nicht so, dass etwa der soziale Druck zu hoch wäre, im Gegenteil, in meinem Umfeld gibt es viele Vegetarier, niemand würde mir mit der duftenden Lammkeule vor der Nase herumwedeln, „Hmm! Möchtest du auch?“ Auch die Erziehung ist nicht schuld, bei meinen Eltern gab es zwar Fleisch, aber nicht ideologisch, also, nicht, dass jeden Tag ein Braten in dunkler Soße auf dem Tisch hätte stehen müssen. Nein, wahrscheinlich ist es so: Mir schmeckt Fleisch schlicht. Schweinfleisch, Rind, Geflügel, Lamm, vor allem Lamm.
Allerdings: Ich esse wenig Fleisch. Und wenn ich welches kaufe, dann meistens aus dem Bioladen, oder zumindest aus der Bioabteilung des Discounters. Ich weiß, ich lüge mir damit in die eigene Tasche, Fleischfressen ist Fleischfressen, und Discounterkram ist gleich nochmal übler, egal ob Bio oder nicht. Ich könnte auf Fleisch verzichten, Vegetarismus, kein Problem, wichtig sind mir Gewürze, wichtig sind mir, nicht zuletzt, Milchprodukte. Ohne Milch, ohne Sahne, ohne Käse könnte ich nicht. Ein Vegetarier zu sein, das könnte ich mir vorstellen, ein Veganer – nein.

Der US-amerikanische Romancier Jonathan Safran Foer hat ein Sachbuch über den Fleischverzehr geschrieben, „Tiere essen“. Und gestern lasen die Übersetzer Brigitte Jakobeit, Ingo Herzke sowie die wunderbare Isabel Bogdan im Restaurant Trific in Hoheluft aus „Tiere essen“. Und zwischen den einzelnen Passagen servierte Oliver Trific ein dreigängiges veganes Menü. Vegan! Und das war auch noch lecker! (Wenn man davon absieht, dass ich den Apfelstrudel zum Nachtisch ein wenig trocken fand und die Schöne sich nicht mit der Sojamilch im Cappuccino anfreunden wollte). Ich aber esse Fleisch, bald wieder.

Das Foto zeigt den Nachtisch, Strudel mit Zimtsorbet. Keine Ahnung, wie man so etwas vegan hinbekommt, ich würde es auf keinen Fall schaffen.