03. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Zwischen Kiel und Konstanz · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , ,

Ich schaue selten fern. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin, Fernsehen ist schon okay, nur mein Medium ist es eben nicht. Während des Studiums und auch in den Folgejahren hatte ich nicht einmal einen Fernseher (weswegen ich immer, wenn ich meine Eltern besuchte, bis spät in der Nacht vor dem Bildschirm saß, was zur Folge hatte, dass meine Meinung, dass Fernsehen grunddoof sei, bestätigt wurde: Niemandem tut es gut, stundenlang „Ally McBeal“, stupide verschnittene Actionfilme und Softpornos aus den Siebzigern zu schauen), erst nach meinem Umzug nach Hamburg entschied ich mich, dass ich mein mageres Volontärsgehalt nicht allabendlich ins überteuerte Nachtleben dieser ohnehin teuren Stadt tragen wollte und entsprechend andere Zerstreuung brauchte. Trotzdem, ich fremdelte weiterhin mit diesem Medium. Bis heute.
Eine Weile dachte ich, Fernsehen sei wichtig zur Information, um up to date zu bleiben. Lächerlich. Jede x-beliebige Agenturverwursterseite im Netz informiert mich umfangreicher als die Fernsehnachrichten, selbst tagesschau.de ist weit umfangreicher als die TV-Mutter. Privatfernsehen schaute ich nur sporadisch, meist extrem angewidert, früher manchmal Harald Schmidt (bevor es so doof selbstbezüglich wurde), manchmal „Fast Forward“ (bevor es als Nischenprogramm abgesetzt wurde), manchmal, „Wer wird Millionär?“, ja, Besserwisserkram. Und zwischendurch die Trailer, die Teaser, überhaupt die Werbeblöcke, so entsetzlich. Nicht meins. (arte schaue ich, übrigens, ebenfalls kaum.) Ansonsten schaue ich Fernsehformate auf DVD, „Breaking Bad“, „Mad Men“, momentan wühle ich mich durch „Lost“.

Was mir gefiel, war die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ (hier beschrieb ich das ein wenig ausführlicher). Und dann noch der „Tatort“, um ehrlich zu sein, ist „Tatort“ mittlerweile der einzige Grund, weswegen ich überhaupt einen Fernseher habe (mal abgesehen von seiner Funktion als Abspielgerät für DVDs, eine Aufgabe, die ein Beamer weit schicker übernehmen würde). Mark versuchte vor einem Jahr, sich den „Tatort“ schön zu schauen, eine Folge Frankfurt („grauenhaft“), eine Folge Münster („klasse“), eine Folge Berlin („ging so“), es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich da dran finde. (Was okay ist, ich verstand auch nicht, was andere Leute an den „Simpsons“ finden. Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.)
Und was finde ich da dran? Ich finde: dass der „Tatort“, wenn er gut ist, etwas aussagt über die Vielfalt dieses Landes. Ich bin häufig genug umgezogen, um sagen zu können: Dieses Land ist ein Flickenteppich. Und als Freund des Multikulturellen gefällt mir dieser Flickenteppich, womöglich ist er sogar das einzige, was mir an Deutschland wirklich gefällt. Das Bewusstsein: Es gibt riesige Unterschiede zwischen Kiel und Konstanz, ach was, es gibt riesige Unterschiede schon zwischen Mannheim und Ludwigshafen, hibbedebach und dribbedebach. Und wenn der „Tatort“ wirklich gut ist, dann arbeitet er diese Unterschiede raus, nicht als Ausstellen von Klischees, sondern als kreative Reibung (das Motiv der Binnemigration bekommt dabei nur das scheidende Saarbrücker Team halbwegs klug hin, das Team, das ansonsten leider mit öden Drehbüchern geschlagen ist: ein Polizist aus Rosenheim (Maximilian Brückner), der sich aus Karrieregründen ins Saarland versetzen lässt und feststellt, dass dort einiges anders ist als zu Hause, so etwas passiert ja. Ganz anders als in Stuttgart bzw. im von mir verachteten Münster, wo jeweils ein Hamburger Polizist (Richy Müller bzw. Axel Prahl) hin zieht und einmal gar nichts aus seiner Herkunft macht (Müller) und ein andermal eine Karikatur in St. Pauli-Bettwäsche (Prahl) darstellt). Außerdem schafft ein guter „Tatort“ das, was jeder gute Krimi schaffen sollte: Er erzählt etwas über die Verwerfungen der Gesellschaft, etwas darüber, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt. Der „Tatort“ ist in erster Linie ein Sozialdrama, und weil insbesondere die immer wieder aus ihren Löchern hervorkriechenden Rechtsdreher das bemängeln, bin ich den sozialkritischen Krimis treu. Wunderbar stupide die Kommentare zur aktuellen „Tatort“-Kritik von Christian Buß auf SpOn. „Der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte“, stammelt „böeseHelene“. „Mit ‚Weltverbesserer-Tatorte‘ meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt“, sekundiert „loeweneule“. Und „avollmer“ stellt schließlich unmissverständlich klar, mit wem wir es hier zu tun haben: „Realismus heißt an der Realität orientiert, nicht einer Klischee-Wirklichkeit folgend, die eine soziologische Lehrbuch-Realität nach Proporz und Political Correctness konstruieren“, na sicher, die Nasen, die überall die Macht der Political Correctness fürchten, fehlt nur noch der Hinweis auf „Gutmenschen“, die „linksgrüne Medienverschwörung“ und die „Klimalüge“. Dumpfbacken, gerade wegen euch schaue ich „Tatort“.

Einschub 1: Natürlich ist es so, dass 90 Prozent aller „Tatorte“ entsetzlich sind, grauenhaft durchformiert, klischeebeladen, ohne Sinn für die Eigenarten ihres Spielorts, ohne Sinn für die Charakterista des Formats Fernsehkrimi. Aber um die wirklich guten zehn Prozent zu finden, dafür muss man durch die übrigen 90 Prozent durch, hilft ja nichts.
Einschub 2: Meine Top 3 der „Tatort“-Teams: 3. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München (wenn die Drehbücher mal nicht allzu betulich sind) 2. Axel Milberg in Kiel 1. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt (leider Geschichte).

Seit ein paar Jahren hat sich im Kulturjournalismus die „Tatort“-Rezension als eigenes Genre durchgesetzt. Es gibt die wunderbar durchgeknallten Texte Matthias Dells im Freitag, es gibt die schön ausführlichen Feuilletons des Wahlberliners, es gibt die bajuwarische Coolness des Stadtneurotikers, es gibt die hitzigen und immer mehr eckkneipigen Diskussionen auf tatort-forum.de. Und in Zukunft gibt es auch in der Bandschublade Rezensionen zum „Tatort“, unter der neuen Rubrik „Kiste“. Wenn ich Lust habe. Und, weil man nicht päpstlich sein will, auch zur Schwesterreihe „Polizeiruf 110“, ja, ich weiß, das ist etwas ganz anderes, nur, was ist da eigentlich wirklich so ganz anders?
Und weswegen? Weil ich Spaß dran habe. (Und nicht etwa aus Erfolgssucht, wobei, wenn von den zehn Millionen Zuschauern einer Münsteraner Folge hinterher auch ein paar bei mir vorbei schauen wollen, um zu hören, wie schlecht ich es fand, will ich ihnen nicht den Stuhl vor die Tür stellen.)

17. November 2010 · Kommentare deaktiviert für Vervettelung · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , ,

Ich will mich gar nicht darüber aufregen, dass die ARD das Finale von Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ von einem undankbaren Sendeplatz auf einen noch undankbareren Sendeplatz verschoben hat. Das haben schon andere kommentiert, und ich wäre nicht so wahnsinnig origineller. Außerdem habe ich die Serie ja ohnehin nicht im Ersten geschaut, sondern einzelne Folgen im Frühjahr auf arte (und den Rest werde ich mir wohl demnächst mal auf DVD holen), da kann ich nicht behaupten, dass die ARD-Entscheidung für mich den Untergang des Abendlandes darstellen würde. Nicht schön ist das, gut, aber es gibt Vieles auf der Welt, das nicht schön ist. Darüber muss man nicht weinen.

Ich zahle GEZ-Gebühren, auch wenn ich nur wenig fernsehe. (Nämlich mal: Einzelne Folgen von „Im Angesicht des Verbrechens“ auf arte.) Ich zahle GEZ-Gebühren, weil ich glaube, dass es wichtig ist, ein Massenmedium zu haben, das unabhängig von den Wünschen der Wirtschaft agiert, im Kulturbereich und im Politikbereich. Wer das nicht glaubt, der braucht sich nur mal die Nachrichten der Privatsender anzuschauen, ich hoffe, dass er danach nicht mehr behauptet, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen unwichtig ist. Ich war immer der Meinung: In den Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sitzen Journalisten, also Leute wie ich, und die machen ihren Job sehr gut. Das will ich honorieren, das will ich vor allem finanziell gut ausgestattet wissen.
Und dann schaue ich vergangenen Sonntag Tagesschau, das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Journalismus-Anspruchs. Und werde mit dem Aufmacher geschockt, dass eine südhessische Provinznase Weltmeister im Im-Kreis-Fahren geworden sei, kulturlos und laut und umweltschädlich. Als Aufmachermeldung. Aber nicht nur das, es blieb nicht bei der Meldung: Nachfolgend gab es eine gefühlt fünfminütige Reportage aus dem Heimatkaff des, Glückwunsch auch!, Weltmeisters. Dramaturgischer Höhepunkt: Während des Public Viewings in Südhessen fiel für kurze Zeit der Beamer aus (am Ende war aber alles gut). Andere Themen wie die Vorbereitungen zum CDU-Bundesparteitag, die Gesundheitsreform, die Freilassung von Aung San Suu Kyi mussten sich dafür ein wenig kürzer fassen, klar, ist ja auch nicht so wichtig. Ich kotzte.
Ulkigerweise scheint man sich auch in der Tagessschau-Redaktion für diese journalistische Meisterleistung zu schämen. Zumindest auf Youtube hat „Tagesschaubackup“ eine ungewöhlich verstümmelte Version eingestellt: Gerade mal 30 Sekunden wird vom Motorsport berichtet, dann geht es nach Karlsruhe zur CDU. Allerdings ist der Clip auch nur 12 Minuten lang, im Gegensatz zu den 15, die am Sonntag gesendet wurden.

Es ist so peinlich. Weswegen unterstütze ich das, bitte?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=iITVKSI59sc]

20. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Haut · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Franziska Finkenstein hat für jetzt.de, die Online-Überreste von Jugendlichkeit der Süddeutschen Zeitung, einen Essay über Musikvideos geschrieben. Titel: „Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos“. Dieser Essay hat mich ein wenig geärgert, und um sagen, weswegen, muss ich ein wenig weiter ausholen.

Musikvideos entstanden in den 1960er Jahren, kurze Filme zu einzelnen Songs beispielsweise der Beatles, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ihre Hochzeit hatte diese Mischform aus Musik, Film und Werbung in den 80ern, spätestens seit 1981 der US-amerikanische Fernsehsender MTV auf Sendung ging, der zunächst ausschließlich Musikvideos spielte. Was für die Form von Musikvideos prägend war: MTV war ein amerikanischer Sender und stand für eine typisch amerikanische Ästhetik (Gewalt konnte nur in Maßen gezeigt werden, Sex gar nicht), Videos, die nicht auf MTV gezeigt wurden, existierten praktisch nicht. Das änderte sich auch nicht, als mit Viva 1993 eine deutsche MTV-Kopie an den Start ging, gespielt wurden zwar anders als beim US-Original auch deutschsprachige Songs, die Bildästhetik aber blieb gleich: kein Sex, kaum Gewalt, praktisch keine Politik. Werbefernsehen.
Mittlerweile haben wir 2010, die (längst unter einem Dach firmierenden) Fernsehsender MTV und Viva haben sich in Trash-Boulevard-Resterampen ohne nennenswerten Musikvideo-Anteil gewandelt, der Werbeeffekt von Musikclips geht gegen Null, und die Plattenindustrie befindet sich ohnehin in der Krise. Was nicht heißt, dass es keine Musikvideos mehr gibt: Im Kunstkontext entstehen noch welche, quersubventioniert beispielsweise über den MuVi-Preis der Kurzfilmtage Oberhausen. An Filmhochschulen. Als Fingerübung. Oder als DIY-Spielerei. Im TV läuft sowas natürlich nicht mehr, dafür im Internet. Youtube mag als erste Anlaufstelle für Musikvideos im 21. Jahrhundert gelten, allerdings hängt Youtube immer noch der US-Moral nach und zensiert fröhlich alles, was nach nackter Haut aussieht. Außerdem sperrt das Unternehmen immer mehr Videos aus urheberrechtlichen Gründen, was die Clipsuche mitunter recht mühsam macht. Mehr Spaß bietet hingegen Vimeo: Auch Vimeo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, allerdings mit Kunsthintergrund, und in der Kunst darf vieles sein, was in der Unterhaltung verboten ist. Nicht zuletzt Sex.

Und hier setzt Finkenstein an. Sie schreibt:

(…) Die Fluktuation dort (auf youtube et al., F.S.) und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.

Ist das so? Tatsächlich gibt es auf Vimeo Sex. Angefangen von „Plug me in“ (2000) von Add N to (X). Hier sehen wir noch ganz klassische Pornografie, allerdings mit einem Zug ins Spielerische.

[vimeo 12855566]

Ebenfalls gibt es Prodigys „Smack my Bitch up“ von 1997. Auch hier zwar Provokation, aber keine nennenswerte Verschiebung der Körperpolitik – wenn man vom hübsch überraschenden Gendertrouble-Moment in der letzten Minute absieht.

[vimeo 11895383]

Schließlich Rammsteins „Pussy“ (bei dem mir sicher niemand böse ist, wenn ich es hier nur verlinke aber nicht einbette): alles da. Und alles tolle Belege für Finkensteins These. Nur nennt sie diese Beispiele nicht. Sie nennt dagegen „Gobbledigook“ (2008) von Sigur Rós, ein charmant-sinnliches Peace-and-Love-Filmchen.

[vimeo 9298382]

Moment mal? Extreme Bildsprache, Provokationen, Schockeffekte? Bei spielenden Nackten im Park? Die Autorin geht weiter, zu „Kids in Love“ (2010) von Mayday Parade:

[vimeo 13954506]

Jugendliche ziehen sich aus, rangeln, vögeln. Extreme Bildsprache? An keiner Stelle, stattdessen friedliches, ein wenig langweiliges Glück. Kein Vergleich zu den gestählten Hardbodies, die US-kompatibel Sexualität andeuten, in den Mainstreamvideos von Pink, Christina Aguilera, Britney Spears. Nur benennt Finkenstein diesen Unterschied nicht, weil er ihr nicht in die These passt. Wäre ja auch blöde, zuzugeben, dass die Sexualität in den Videos von Mayday Parade und Sigur Rós nicht etwa provokant und pornographisch ist, sondern vielmehr das Gegenteil der zensierten Sexualität im Mainstream. Dass die Freiheit von Zensur auch eine Freiheit der Sexualität bedeuten könnte.

Ich schließe mit einem Video, das Finkenstein gar nicht erwähnt, vielleicht, weil es für den US-Geschmack verpixelt ist: „Lessons learned“ (2009) von Matt and Kim. Weil auch hier eine sexuelle Befreiung zumindest angedeutet wird – und weil der durchaus verstörende Schluss diese Befreiung gleich wieder in Frage stellt. Das können Musikvideos nämlich, im Gegensatz zur Pornografie: Fragen stellen (und die ansonsten sehr geschätzte Frau Neudecker hat die Sache vor über einem Jahr ein bisschen falsch verstanden).

[vimeo 6334633]

Edit: Dass gerade mal zehn Minuten nach Onlinestellen dieses Textes schon zwei Suchanfragen „Kids Porno“ hier aufgeschlagen sind, ist natürlich widerlich.

05. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Lieber Ulf Poschardt, · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , ,

ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, natürlich darf man finden, dass Deregulierung, Neoliberalismus und FDP-Wählen die eigentlichen Bestimmungen des subkulturellen Trendsetters seien. Man muss dann halt damit leben, dass der Rest der Menschheit einen für ein wenig komisch hält, aber gut, ist Ihre Meinung, dürfen Sie finden, sicher.

In der Welt haben Sie, Ulf Poschardt, nun einen Artikel geschrieben, in dem Sie bekennen, die US-amerikanische Fernsehserie „Dr. House“ zu mögen. Das mag gerechtfertigt sein, ich kenne „Dr. House“ nicht, aber ich habe schon viel Gutes von dieser Serie gehört, aus verschiedensten Richtungen, weswegen ich denke, dass die Geschichte durchaus überdurchschnittlich sein mag. Nur geht es Ihnen in Wahrheit gar nicht darum, was Sie an „Dr. House“ mögen. Es geht Ihnen darum, dem deutschen öffentlich-rechtlichen TV ans Bein zu pinkeln. Sie schreiben (übers ZDF, aber Sie meinen auch die ARD):

Intellektuell und ästhetisch kann das Gros des Angebots bestenfalls enttäuschen (…). Es ist die Mediokrität eines Beamtensenders, der sich oft genug unter dem direkten Einfluss der Politik entlang eines interessengeleiteten Konsens entwickelt. Nur selten auf der Höhe der Zeit verkörpern die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Brutstätte jener brühwarmen Pointenlosigkeit, die im Nachkriegsdeutschland ihre Funktion hatte: als Harmlosigkeit, die kaum verdrängte Abgründe der Barbarei überdeckte. 65 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur erscheint dies unnötig.

Natürlich sind Sie, Ulf Poschardt, mit solch schlichter Welt-Sicht beim Springer-Blatt genau richtig. Dort wo der doitsche Blockwart die Kultur- und Medienszene immer schon unterwandert sieht von Alt-68ern, die ihm sagen, was er doch zu gut weiß: dass er ein strunzdummer Spießer ist. Dort, wo der doitsche Blockwart sich grün und blau ärgert, dass er dieses angeblich linke Pack auch noch zwangsweise bezahlt, mit seinem GEZ-Beitrag. Glauben Sie nicht? So wird Ihr Beitrag kommentiert, ein klein wenig weiter unten:

In USA können die Anstalten es sich nicht leisten, am Zuschauer vorbei irgendeine Shice zu produzieren und die auch noch zu senden. Bis auf die Tagesschau bin ich resistent gegen die Öffentlichen. So einen Mist einem vorzusetzen. Außerdem ist es ein nobles Versorgungsinstitut für abgehalfterte Jounalisten, Vergnügungsreisen zu den Brennpunkten der Welt usw. Der doofe Konsument darf zahlen.

Ist ja auch alles nicht so schlimm, Poschardt. Sie dürfen das finden: „Große Kunst entsteht staatsfern.“ Sie dürfen damit beweisen, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten nicht mehr im Staatstheater gewesen zu sein, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten keine Ausstellung in der Staatsgalerie mehr gesehen zu haben. Wir sind tolerant, auch Ignoranten haben ihr Recht auf eine eigene Meinung, ich bin ja froh, dass ich Theater nicht neben Typen wie Ihnen sitzen muss, und ich will Sie sicher nicht zwingen, sich einmal die wunderbar sarkastische ARD-Serie Mord mit Aussicht anzuschauen. Was sollten Sie denn auch mit der?

Was ich Ihnen aber wirklich übel nehme: Dass Sie mir mit Ihrer blöden Polemik „Dr. House“ madig gemacht haben, noch bevor ich die Serie auch nur einmal gesehen habe. Hätten Sie nicht einfach so vor sich hin blöken können? Inhaltlich wäre es doch aufs Gleiche rausgekommen.

06. Juli 2010 · Kommentare deaktiviert für Eifelzombies · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Ich schaue ja so gut wie nie fern. Okay, bisschen Tatort mal, bisschen Fußball, bisschen Jauch. Wenn halt nichts anderes zu machen ist. Aber sonst, nee.

Doch.

Mord mit Aussicht, Dienstags, ARD: eine, wie nennt man sowas?, Krimiserie mit humoristischem Einschlag. Der Inhalt: hanebüchen. Eine Kölner Kriminalkommissarin wird strafversetzt (ich habe verdrängt, weswegen, es ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur, dass sie aus ihrer Abneigung gegen das Landleben keinen Hehl macht), in ein Eifelkaff namens „Hengasch“ (man pflegt hier liebevoll den doofen Kalauer, der zuständige Landkreis nennt sich „Liebernich“), muss sich mit der phlegmatischen Besatzung der örtlichen Polizeistation arrangieren und würde doch viel lieber Mordfälle lösen. Und, doch, es passieren Morde in Hengasch. Und nicht nur einer: Je länger die Serie voran schreitet (momentan sind wir bei Staffel 2), desto heftiger geht’s zur Sache. Nachdem man in der heutigen Folge sah, wie sich zwei kryptoreligiöse alte Jungfern zombiehaft durch die Eifel meucheln, bekommt man echt ein wenig Angst, wie das in den nächsten Wochen weitergehen mag.
So doof der Inhalt, so großartig die Umsetzung. Diese Schauspieler: Burgtheaterstar Caroline Peters als Kommissarin, „Stromberg“-Sidekick Bjarne Mädel als Wachtmeister und DT-Ensemblemitglied Meike Droste als Polizeianwärterin machen aus der familiengerechten Vorlage das Beste und drehen sie in Richtung heftigster Comedy. Während die Drehbuchautoren Marie Reiners und Sylke Lorenz den überdrehten Spaß wieder erden, also das fiktive Hengasch als echten dörflichen Mikrokosmos vor uns ausbreiten, inklusive zerstrittener Nachbarn, dichter sozialer Kontrolle und Zerstreuungen zwischen alkoholseligen Schützenfesten und trostlosester Promiskuität. Und zwar immer mit dem Hintergrundwissen: Das gibt es alles. Und wir müssen das nicht gut finden, hier.

Man könnte noch weiter loben. Die detailverliebte Regie von Torsten Wacker und Joseph Orr. Die Gastauftritte von A-Klasse-Schauspielern wie Sophie Rois. Man kann allerdings auch nur vor sich hinkichern, in Gedenken der Zeit als man selbst aufs Land strafversetzt wurde. Ein wenig irr klingt dieses Kichern.