Die Bandschublade ist verstimmt. Weil: Die Besucherzahlen sind gesunken. Nicht massiv, aber ich bin ja ein von der öffentlichen Meinung Abhängiger, da fällt mir schon auf, wenn die Kurve nicht jeden Monat nach oben geht. Selbst die „Pornogoogler“ (Isabel Bogdan) sind weniger geworden, einer suchte „private saarländische pornos“, da kann ich nicht helfen, verweise aber auf die Kunstfigur des „Sachsen-Paule“, vielleicht gibt es ja was Vergleichbares von der Saar? Die Mehrheit im März googlete aber nach „fritzi haberlandt oben ohne“, das ist verhältnismäßig züchtig und hat wohl damit zu tun, dass Frau Haberlandt kürzlich eine Nebenrolle im „Tatort“ spielte.

1. „was sagt friederike kempter zu mord mit aussicht“ Sagt sie da überhaupt etwas? Dass sie die Serie vielleicht nicht kennt? Dass sie vom Neid zerfressen ist, weil „Mord mit Aussicht“ einen Grimmepreis hat und der Münster-„Tatort“ nicht? Nein, wahrscheinlich sagt sie etwas wie, dass sie sich über den Erfolg für die Kollegen freut, ist ja auch eine tolle Serie, pipapo. Schauspieler sagen immer solche Sachen.

2. „lustige reden zur vernissage“ Gibt es nicht. Im Gegenteil: Wenn der Galerist versucht, Witze zu machen, dann wirkt das sogar extrem verkrampft, das Publikum ist genervt, der Künstler fühlt sich nicht ernst genommen, anwesende Sammler sehen von einem Kauf ab, weil, Witzbildchen wollen sie nicht in der Wohnung hängen haben. Galeristen: keine lustigen Reden, bitte.

3. „rechnung moderationshonorar“ Muss man in der Regel stellen. Was rein gehört: Steuernummer, alle relevanten Daten, ob Umsatzsteuer oder nicht. Und natürlich die Höhe des Honorars. Das ist verhandelbar, in meinem Fall bewegt sich das zwischen „Wir zahlen das Taxi und hinterher ein Glas Wein“ und einem mittleren dreistelligen Betrag, Peer Steinbrück hingegen ist der Meinung, dass andere Honorare marktüblich seien.

4. „ummanteln der giacometti-drahtfiguren mit alufolie“ Neinneinnein, nicht mit Alufolie, mit Gipsbinden. Sieht doch sonst aus wie eine Geschenkverpackung.

5. „bin ganz nackt als der schwule handwerker kam“ Wow, das ist eine ganze Geschichte in einem einzigen, kurzen Satz. Dramatik, Sex, Klassenunterschiede. Weiter so. Ebenfalls schön: „junge hübsche ehefrau bei wohnungsbesichtigung vom makler gefickt“ Maklern trauen wir ja alles zu.

6. „uebel und gefährlich drogen“ Drogen werden im Hamburger Club uebel & gefährlich zweifellos konsumiert und wohl auch gehandelt. Hält sich aber noch in durchaus akzeptablen Grenzen. In diesem Zusammenhang ist auch die Suchanfrage „drogen im gängeviertel“ zu sehen.

7. „schwarz weiss denken der veganer“ Das ist so eine Sache, über die ich womglich wirklich einmal einen längeren Blogpost schreiben möchte. Ganz grundsätzlich finde ich es eine gute Sache, Tiere nicht für die eigene Ernährung zu verwerten, zumindest nicht umzubringen – Vegetarier stehen mir eigentlich näher als Veganer. Und trotzdem esse ich Fleisch. Der Mensch ist inkonsequent, das gehört zum Menschsein dazu, und wenn ich meinen längeren Blogpost schreibe, dann mache ich hier einen Schlenker zum Sex, dazu, dass der Mensch im Bett manchmal Dinge praktiziert, die moralisch ebenfalls diskutabel sind. Dogmatische Veganer aber sind sehr konsequent, sie haben die richtige Lebensweise gefunden, nicht nur für sich, sondern für die Menschheit. Diese Konsequenz ist mir ein wenig unsympathisch.

8. „charly hübner großartig“ Auf jeden.

Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: „Taxi Altona“, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie „Durch die Nacht mit …“: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit „Hamburg, meine Perle“- und „Schönste Stadt der Welt!“-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der „Taxi Altona“-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

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Das Prinzip Lesung war mir schon immer fremd. Ich meine, was soll das bringen, sich einen Text vorlesen zu lassen, einen Text, den man auch gut selbst lesen könnte, im eigenen Rhythmus? (Mit dem Prinzip Hörbuch kann ich ebenfalls wenig anfangen.) Will man sehen, wie der Autor aussieht? (Wie soll er schon aussehen? Wie du und ich sieht er aus, Überraschung!) Will man hören, wie er liest, wie er betont? (Er nuschelt, außerdem betont er auf komischen Silben, als ob er den Text gar nicht kennen würde, den er da vorliest, leider hat er auch noch einen heftigen Dialekt, Westerwälder Platt.) Will man den Autor kennenlernen? (Kennenlernen? Weil man zuhört, fünf Stuhlreihen entfernt? Ist das in etwa so, als ob ich sagen würde, ich hätte einen Schauspieler kennengelernt, nur weil ich ihn auf der Bühne gesehen habe?) Mir ist das Prinzip fremd, tut mir leid.

Ach, ich bin doch nur schlecht gelaunt, weil ich direkt vom Bahnhof zum Literaturfestival ham.lit gehetzt bin, im Magen ein ekliges Streußelteilchen aus dem protzigen Berliner Hauptbahnhof und ein Dosenbier, gestresst und reizüberflutet und viel zu spät dran. Jan Brandt, den ich hören wollte, hat längst gelesen, Felicia Zeller, von der M. so schwärmte und deren Brille mich sofort für sie einnahm, ist auch schon durch, mir bleibt ein überteuertes Clubbier und ein paar Minuten Leif Randt, der mir irgendwie überschätzt rüberkommt.

ham.lit, das ist, in den Worten von Tobias Becker auf SpOn, „ein Lesefestival für Leute, die Lesungen nicht mögen“: Junge, hippe Schriftsteller lesen im jungen, hippen Clubambiente des uebel und gefährlich, dazu gibt es Festivalathmo (man verpasst immer die gerade viel tollere Lesung im Nebenraum, während man einer eigenartig verblasenen Lyrikperformance zuhört) und zwei Konzerte, es macht auf eine oberflächliche Weise Spaß, weil man Leuten begegnet, über die man sich freut, es ist alles tatsächlich mehr oder weniger cool, es ist ein Verständnis von Literatur, das angrenzt an Nachtleben und Ausgehwelt, ein Verständnis von Literatur, das beispielsweise die Jungs von Post Artcore teilen, und an dem absolut gar nichts verwerflich ist. Bis auf die Tatsache natürlich, dass alte, stinkige Autoren da nicht unbedingt reinpassen und entsprechend auch nicht eingeladen werden. (Ich muss die auch nicht unbedingt sehen, das versuchte ich oben anzudeuten.) ham.lit, das ist irgendwie eine Durchhalteveranstaltung für die jungen, schönen Autoren, die Drogen nehmen, coole Musik hören und viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex haben, gerne haben sie in Leipzig studiert. (Ich finde die Leipziger Literatur ja klasse. Ich mag Susanne Heinrich, Mareike Krügel, Kristof Magnusson, echt.) Wie Franziska Gerstenberg (Foto, auf dem man so wenig erkennt, wie ich von meinem Platz sah), die einzige Lesung, die ich noch vollständig mitbekomme. Gerstenberg liest aus ihrem demnächst erscheinenden Romandebüt „Spiel mit ihr“, es geht um viel (aber manchmal auch schwer unbefriedigenden) Sex. Der Text ist klasse, er verschiebt die Perspektiven immer mal wieder unmerklich, er dekliniert den Spielbegriff ganz kunstvoll durch, er leidet allerdings auch ein bisschen unter der Tatsache, dass die Autorin in einer halben Stunde eben nicht den ganzen Roman vorlesen kann, sondern nur ein paar Seiten, also: zwei Fickszenen. (Ich leide außerdem darunter, dass ich „Spiel mit ihr“ erst vor ein paar Tagen rezensionsbedingt gelesen habe, den Text also fast mitsprechen kann. Aber da kann ja Gerstenberg nichts für.) Kommander Kaufmann meint, dass es doch bemerkenswert sei, wenn da jemand, also: zumal eine Frau, sich auf die Bühne setzen könne und vor großem Publikum von Spermatropfen erzählen würde, die auf der Schenkelinnenseite hinabfließen. Ja, wahrscheinlich ist es das, bemerkenswert, ein Schielen nach der Sensation. Das Prinzip Lesung: fremd.

Und dann spielen noch Die Sterne, eine Band, die mir immer wichtig war, die vergangenen 20 Jahre ihres Bestehens und meines Musikgeschmacks. 20 Jahre lang hatte ich den Eindruck: Mit Sänger Frank Spilker steht da ein Typ auf der Bühne, der vielleicht zwei Köpfe größer sein mag als ich, der aber ähnliche Themen verhandelt, der meine Probleme hat und meine Freuden. Songs wie „Themenläden“, „In diesem Sinn“, natürlich der Beinahe-Hit „Was hat dich bloß so ruiniert?“: Geschichten aus meinem Leben. Und jetzt spielen Die Sterne ein Best-of-Konzert, sie rocken (machten sie immer mal wieder, das war nicht das, was ich an ihnen schätzte, aber ich akzeptierte, dass das live ganz gut funktionierte), Spilker ist weiterhin groß und dürr, aber er trägt einen Oberlippenbart, er klatscht rhythmisch, er nimmt einen tiefen Schluck und prostet ins Publikum. Der Mann da auf der Bühne ist ein alter Mann, der nur schwer verhehlen kann, dass ihm diese Zuschauer heute abend im uebel & gefährlich völlig egal sind, ein alter Mann, der ein Konzert spielt, das gar nicht so weit weg ist vom Schlagersänger beim Möbelhaus-Jubiläum. (Finde ich. A. findet, dass der Schritt zum Möbelhaus durchaus noch ein Stück weiter ist, aber ich bin ja ohnehin schlecht gelaunt.)

Weil nämlich Die Sterne alt geworden sind. Und wenn Die Sterne weiterhin die Band sind, die mein Leben vertont, dann kann das nur eines bedeuten: dass ich ebenfalls alt bin. Doofer Abend.


Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

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Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.

Und dann nur leise Saalmusik. Und dann kaum Licht, und dann plötzlich viel Licht, undifferenziertes, hartes Licht. Und dann Nebel. Und dann diese Texte, auf Deutsch, naja, auf Austriakisch, auf Englisch, naja, sorry for my bad english/but my german’s even worse. Und dann gespenstische Visuals, schöne, nicht ganz daseiende Menschen unter der Kreuzberger Hochbahn. Und dann Rotwein direkt aus der Flasche, und dann Rückopplungen, und dann Blues und Jazz und Gospel und Indierock, ganz grauenhafte Genres, die einem da in Fetzen von der Bühne herabgeworfen werden, ein Fetzen Orgel bitte, ein Fetzen Gitarre, ein Fetzen Call and Response.

Ach, Ja, Panik waren in der Stadt, waren im Uebel & Gefährlich, waren wunderbar.

Ja, Panik, Kritikerband, über die mein verehrter Kollege Carsten zuletzt eine wahre Eloge schrieb, Querköpfe, Burgenländer (Kommander Kaufmann sagt, nirgendwo seien die Österreicher so schlimm wie im Burgenland, und die muss es wissen), die aus der Provinz nach Wien geschmissen wurden und aus Wien nach Berlin, wo sie den Nukleus bilden einer kleinen aus der Zeit gefallenen Szene um Hans Unstern und Christiane Rösinger (Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl war ein ganz wichtiger Protagonist auf Rösingers Solo-CD „Songs of L. and Hate“ und begleitete die Britta-Sängerin auch auf Tour am Piano, vor einem Vierteljahr am gleichen Ort). Aber auch: Ja, Panik, eine Band, die selbst das nicht gerade eine Riesenlocation zu schimpfende Uebel & Gefährlich gerade mal zu einem Drittel ausverkauft. Ah, Wurscht.
Denn Ja, Panik spielen, sie spielen diese schönen, diese zerstörten Songs, das herzzerreißende „Nevermind“, das chansoneske „Barbarie“ (zum Halbplayback vor Videostreichern), das slicke „Mr. Jones & Nora Desmond“, in einer guten Stunde alle Songs aus ihrer großen, schweren, aktuellen CD „DMD KIU LIDT“, zum Abschluss dann auch noch den abgründigen, kakophonischen, viertelstündigen Titelsong (der sagen will: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, groß!), sie lassen sich „Ficken für ein Handgeld“, sie schreien, sie fahren zur Hölle, und dann ist endlich Ruh‘.

Und dann kommen sie doch noch auf die Bühne, wieder, trinken Wein, verteilen Blumen ins Publikum, „Jetzt ist die Messe ja vorbei, da können wir wieder miteinander reden“, und dann schrubben sie noch ihre Hits runter, „Zwischen 2 und 4“, „Alles hin, hin, hin“, schnell und räudig, und man weiß gar nicht, ob man das jetzt gut finden soll, weiß man nicht, nein.

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

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Nein, Janelle Monáe, es liegt nicht an dir. Es liegt an mir, an meiner schlechten Laune, man. soll. einfach. nicht. zerstritten. auf. ein. konzert. gehen. Es liegt am Publikum, Hamburg halt, O-Ton C.: „So ein Musikliebhaber-Publikum, das immer noch Michael Jackson und den Jackson 5 hinterhertrauert“ (sic) (das allerdings in Bezug auf das Berliner Konzert am Vortag, Deutschland halt). Es liegt daran, dass es Getränke nur in diesen ekligen Plastikbechern gab. Es liegt daran, dass man kaum etwas sah (O-Ton K.: „Das ist immer das Problem mit HipHop-, Soul- und Funk-Konzerten, ach, grundsätzlich mit Konzerten, die ein Publikum mit Migrationshintergrund anziehen: Big Hair!“). Es liegt am Sound, der über eine halbe Stunde breiig durch die Halle suppte, ein Indie-Laden wie das uebel & gefährlich gerät eben an seine Grenzen, angesichts deines eklektizistischen Souls, nein?
Es liegt nicht daran, dass sich niemand Mühe gegeben hätte, aber: Wenn da Leute auf der Bühne längere Zeit eskalieren, und im Publikum eskaliert rein gar nichts, dann wirkt das ein wenig, hm, bemüht. Wie ein vorgespielter Orgasmus. Es liegt nicht an der Band, dass die Gitarre ein Rocktier bedient, das tut, als sei es Eddie van Halen in den frühen Achtzigern, wusste ich ja schon vorher. Wahrscheinlich liegt es wirklich: an mir. Dass mir so unglaublich langweilig war, während des Konzerts.

Ganz sicher aber liegt es nicht an der Musik. Songs wie „Tightrope“, „Sincerely, Jane“, „Cold War“, „Come alive (War of the roses)“ sind einfach zu toll, als dass ein missglückter Abend sie kaputt machen könnte. Und mal ehrlich: Macht ein einziger, irgendwie nicht so toller Sex denn eine Beziehung kaputt?

Eben.