Es ist so lächerlich.

Da schreibt die Vorsitzende einer mir nicht ganz unsympathischen Partei einen Essay für ein Medium, das mich vor Jahren einmal ein paar Artikel für wenig Geld schreiben ließ und dem ich entsprechend zugeneigt bin. Auf jeden Fall schrieb diese Politikerin, Gesine Lötzsch, einen Aufsatz mit dem vielleicht etwas unglücklich gewählten Titel „Wege zum Kommunismus“, und in dem kommt der Schlüsselsatz vor: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ Fast gleichzeitig hält ein anderer Politiker, Vorsitzender einer mir extrem unsympathischen Partei und außerdem Bundesaußenminister, eine Rede, und in dieser Rede erinnert sich der Politiker, Guido Westerwelle, an die Zeit der ersten schwarzgelben Koalition: „Ich erinnere mich, wie Millionen Menschen Anfang der achtziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durchgesetzt.“
Zwei politische Kommentare, zunächst einmal einer, der eine Suchbewegung formuliert, eine Unsicherheit, ein „Ich weiß nicht genau, ob wir auf dem richtigen Weg sind, aber um das zu erfahren, müssen wir uns die möglichen Wege erstmal anschauen.“ Und dann einer, der gar nicht mehr schauen muss, einer, der schon von vornherein weiß, was „das als richtig Erkannte“ ist. Frage: Wer ist hier der Unsympath, wer ist der Betonkopf?

Ich hätte nicht vom Kommunismus gesprochen, wäre ich an Gesine Lötzschs Stelle gewesen. Die marxistische Theorie des Kommunismus ist eine globalisierte Theorie, allerdings ist sie geschrieben für eine Welt, in der die Wirtschaft nicht globalisiert denkt, Solidarität aber globalisisiert funktioniert. Mit anderen Worten: Sie ist eine Theorie für das Jahr 1848, auf heute lässt sie sich kaum übertragen. Was sich allerdings übertragen lässt, ist die marxistische Krisenanalyse, der Blick auf eine Elite, die sich immer mehr von der Restbevölkerung abschottet, der Blick auf soziale Seperationstendenzen, der Blick auf immer gewalttätiger werdende Abwehrkämpfe der Besitzenden. Daraus müssen dann Schlüsse gezogen werden, und ich bin davon überzeugt, dass Gesine Lötzsch genau das meinte, in ihrem Aufsatz. Weswegen sie dann von „Kommunismus“ redet, erschließt sich mir nicht, ganz falsch ist es aber sicher nicht.

Die Reaktionen auf Lötzsch hingegen sind eindeutig. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in SpOn: „Der Kommunismus als Staatsziel offenbart klar die verfassungsfeindliche Gesinnung in der Linkspartei bis in die Führungsspitze (…). Die Linkspartei muss jetzt unbedingt wieder flächendeckend in ganz Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Meines Wissens steht nirgendwo im Grundgesetz, dass die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik eine kapitalistische sein muss, außerdem weißt Dobrindt zu Recht darauf hin, dass Lötzsch auch die Opfer kommunistischer Versuche in der Geschichte hätte erwähnen sollen, vergisst aber die Opfer christlicher Regimes, obwohl er Mitglied einer Partei mit „C“ im Namen ist. Naja. Politisches Säbelrasseln.

Erschreckend aber der Kommentar meines persönlichen Lieblings Ulf Poschardt in der Welt. Poschardt nämlich interessiert sich gar nicht mehr für die Niederungen der Parteipolitik, er identifiziert seinen Feind gleich dort, wo es für ihn schon immer ganz übel zugeht: im subventionierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, bei Künstlern und Intellektuellen. Poschardt schreibt:

Die letzten linksradikalen Moden waren allesamt intellektuelle Enttäuschungen. Allen voran das matte Spätwerk des italienischen Ex-Guerilleros Antonio Negri mit dem Sat1-igen Titel „Empire“. (…) Und weil das alles so beschämend ist und weil die linke Praxis so am Boden liegt und der linke Widerstand gegen den Kapitalismus im Westen ein derart spießiger Witz ist, flüchten sich die Intellektuellen in ihre griesgrämige Minirealität und träumen von etwas, was die Welt hinter sich gelassen hat: den stumpfen, untauglichen Kommunismus, der Millionen von Menschen ermordet, versklavt, verblödet und unterdrückt hat.

Das ist natürlich lächerlich, mehr als den Philosophen Slavoj Zizek, den Schriftsteller Dietmar Dath und die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bringt Poschardt nicht als echte Kommunismus-Bekenner zusammen, und wenn man sich auch nur oberflächlich mit deren Arbeit beschäftigt, dann kapiert man, dass ihr kommunistisches Denken weniger Parteigängertum ist als vielmehr intellektuelles Gedankenspiel auf realistischer Folie, egal. Es geht Poschardt ja nicht um Auseinandersetzung mit einer von ihm abgelehnten Position, es geht ihm um den Aufbau eines Feindbildes. Und als Feindbild waren Intellektuelle hierzulande ja schon immer gut.

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05. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Lieber Ulf Poschardt, · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , ,

ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, natürlich darf man finden, dass Deregulierung, Neoliberalismus und FDP-Wählen die eigentlichen Bestimmungen des subkulturellen Trendsetters seien. Man muss dann halt damit leben, dass der Rest der Menschheit einen für ein wenig komisch hält, aber gut, ist Ihre Meinung, dürfen Sie finden, sicher.

In der Welt haben Sie, Ulf Poschardt, nun einen Artikel geschrieben, in dem Sie bekennen, die US-amerikanische Fernsehserie „Dr. House“ zu mögen. Das mag gerechtfertigt sein, ich kenne „Dr. House“ nicht, aber ich habe schon viel Gutes von dieser Serie gehört, aus verschiedensten Richtungen, weswegen ich denke, dass die Geschichte durchaus überdurchschnittlich sein mag. Nur geht es Ihnen in Wahrheit gar nicht darum, was Sie an „Dr. House“ mögen. Es geht Ihnen darum, dem deutschen öffentlich-rechtlichen TV ans Bein zu pinkeln. Sie schreiben (übers ZDF, aber Sie meinen auch die ARD):

Intellektuell und ästhetisch kann das Gros des Angebots bestenfalls enttäuschen (…). Es ist die Mediokrität eines Beamtensenders, der sich oft genug unter dem direkten Einfluss der Politik entlang eines interessengeleiteten Konsens entwickelt. Nur selten auf der Höhe der Zeit verkörpern die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine Brutstätte jener brühwarmen Pointenlosigkeit, die im Nachkriegsdeutschland ihre Funktion hatte: als Harmlosigkeit, die kaum verdrängte Abgründe der Barbarei überdeckte. 65 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur erscheint dies unnötig.

Natürlich sind Sie, Ulf Poschardt, mit solch schlichter Welt-Sicht beim Springer-Blatt genau richtig. Dort wo der doitsche Blockwart die Kultur- und Medienszene immer schon unterwandert sieht von Alt-68ern, die ihm sagen, was er doch zu gut weiß: dass er ein strunzdummer Spießer ist. Dort, wo der doitsche Blockwart sich grün und blau ärgert, dass er dieses angeblich linke Pack auch noch zwangsweise bezahlt, mit seinem GEZ-Beitrag. Glauben Sie nicht? So wird Ihr Beitrag kommentiert, ein klein wenig weiter unten:

In USA können die Anstalten es sich nicht leisten, am Zuschauer vorbei irgendeine Shice zu produzieren und die auch noch zu senden. Bis auf die Tagesschau bin ich resistent gegen die Öffentlichen. So einen Mist einem vorzusetzen. Außerdem ist es ein nobles Versorgungsinstitut für abgehalfterte Jounalisten, Vergnügungsreisen zu den Brennpunkten der Welt usw. Der doofe Konsument darf zahlen.

Ist ja auch alles nicht so schlimm, Poschardt. Sie dürfen das finden: „Große Kunst entsteht staatsfern.“ Sie dürfen damit beweisen, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten nicht mehr im Staatstheater gewesen zu sein, dass Sie stolz darauf sind, seit Jahrzehnten keine Ausstellung in der Staatsgalerie mehr gesehen zu haben. Wir sind tolerant, auch Ignoranten haben ihr Recht auf eine eigene Meinung, ich bin ja froh, dass ich Theater nicht neben Typen wie Ihnen sitzen muss, und ich will Sie sicher nicht zwingen, sich einmal die wunderbar sarkastische ARD-Serie Mord mit Aussicht anzuschauen. Was sollten Sie denn auch mit der?

Was ich Ihnen aber wirklich übel nehme: Dass Sie mir mit Ihrer blöden Polemik „Dr. House“ madig gemacht haben, noch bevor ich die Serie auch nur einmal gesehen habe. Hätten Sie nicht einfach so vor sich hin blöken können? Inhaltlich wäre es doch aufs Gleiche rausgekommen.