Hier entstehen Eigenheime

Hier entstehen Eigenheime

Jadrankas Eltern hatten ein Grundstück in der Gegend von Dubrovnik. Jeden Sommer in den Schulferien fuhr die Familie nach Süden, um am Häuschen zu bauen, Wände hochzuziehen, Dächer abzudichten, Leitungen zu verlegen: sich ein Heim zu basteln. Mit Blick auf die Adria vielleicht, ich erinnere mich nicht mehr, Jadranka erzählte viel von Dubrovnik, aber ich schmeiße einiges durcheinander. In der Oberstufe verloren wir uns aus den Augen, und dann wurde Dubrovnik bombardiert, zu Beginn des Kroatienkrieges, ich weiß nicht, ob das einen Einfluss hatte auf die Heimkonstruktion von Jadrankas Familie. Ich weiß nicht, wo und wie Jadranka jetzt lebt, ob im Haus auf dem Hügel über dem blauen Meer oder ob in einer Mietwohnung in einer deutschen Großstadt. Ich nehme einfach mal an: letzteres. Denn das Heim an der Adria, das ist eine Illusion.

Ich komme aus einer Gegend, in der es noch ziemlich lange zum üblichen Lebenslauf gehörte, mit spätestens 40 (nach den Stationen Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung) ein Eigenheim zu erwerben, besser noch: selbst zu errichten. Machte man in meiner Familie ebenfalls so, war “normal”. Und das hat ja auch seinen Reiz: Nie mehr abhängig zu sein vom Vermieter, frei zu sein, sich die (kleine) Welt so herrichten, wie man sie sich wünscht.

Nur funktioniert das leider alles nicht.

Man ist ja nicht unabhängig, wenn man sich ein Haus baut, man ist höchstens unabhängig vom Vermieter. Ein normal verdienender Haushalt kann sich den Hausbau nicht so einfach leisten, also nimmt man einen Kredit auf. Den man abbezahlt, in der Regel das gesamte Erwerbsleben lang. Und aus dem man nicht so einfach wieder rauskommt. Eine Mietwohnung kostet unverschämt viel, ja, und am Ende seines Lebens hat man nichts, aber dafür ist man verhältnismäßig frei. Falls sich die Lebensumstände ändern, dann kann man mehr oder weniger unaufwändig die Wohnung kündigen und dorthin ziehen, wo es besser passt, in ein billigeres Viertel, in eine größere Wohnung, in eine Stadt, in der man leichter Arbeit findet. Wenn man ein Eigenheim hat, dann kann man das theoretisch auch, allerdings mit deutlich mehr Umständen (wer aus, sagen wir: Cottbus wegzieht, weil er in Reutlingen einen Job gefunden hat, der hat es wahrscheinlich schwer, seine Butze in Cottbus zu verkaufen – da ziehen ja alle weg, weil es schlicht keine Jobs gibt). Und wer das Ganze nicht nur als Dach über dem Kopf versteht, sondern als “Heim”, das man als Trutzburg gegen die Unbill des Alltags aufgebaut hat, der bekommt das ohnehin nicht hin. Das Heim zu verlassen, das ist wie den Lebenspartner zu verlassen. Und schon ist man in der Falle. Gezwungen, das Leben exakt so weiterzuführen, wie es vorgezeichnet ist, und eine kleine Irritation hat den Zusammenbruch des Ganzen zur Folge.

Die großartige arte-Miniserie “Zeit der Helden” zeigt zwei Familien in jeweils ihrer eigenen Krise. Man könnte interpretieren, dass die Krisen entstehen aus individuellem beruflichen und privaten Scheitern: Der Elektroinstallateur Arndt Brunner (Oliver Stokowski) leidet darunter, dass seine Familie sich auseinanderlebt, der Lichtdesigner Gregor Anders (Thomas Loibl) leidet darunter, dass er aus seiner Firma gedrängt werden soll, okay. Aber das sind Schicksale, die überall hinpassen, “Zeit der Helden” berührt darüber hinaus noch einen Aspekt, der nicht so verallgemeinerbar ist, und das ist der Spielort. Weinheim. 44000 Einwohner, Rhein-Neckar-Kreis, nicht mehr Dorf, noch nicht Stadt. Und in Weinheim spielt die Serie fast ausschließlich in einer vielleicht zwanzig Jahre alten Siedlung, Einfamilienhäuser, die wohl angeordnet da stehen, und in denen nach 20 Uhr das Grauen einzieht. Auf der Straße sieht man vielleicht noch den Nachbar mit dem Hund Gassi gehen, ansonsten sind die Figuren hier alleine. Und stellen fest, dass sie längst so weit in ihren Umständen festgezurrt sind, dass sie da auch nicht mehr mit Gewalt rauskommen.

Und dann kapieren sie, dass dieses Eigenheimgefängnis die perfekte Disziplinierungsmaßnahme ist, besser als jede soziale Kontrolle, besser als die normativen Strukturen der heterosexuellen Kleinfamilie, besser als jede Staatsgewalt. Weil es einen einfach nicht mehr rauslässt.

21. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , ,

Meine Verhältnis zum Schwabenland ist, der regelmäßige Leser dieses Blogs weiß das, ein gespanntes. Ich bin Schwabe, da lässt sich nichts dran deuteln, ich spreche in diesem leicht näselnden Singsang, jeder hört, wo ich herkomme. Und doch: bin ich seit knapp 20 Jahren fort aus diesem Landstrich, nicht ohne Grund. Der Schwabe als solcher ist ein fremdenfeindlicher, lustloser Spießer, geprägt von Leistungsdenken einerseits und religiös verbrämter Sexualitätsangst andererseits, außerdem wählt er vorzugsweise den rechten Rand der CDU, da will ich nichts mit zu tun haben. (Sage ich. Aber wehe, irgendjemand anders kommt auf die Idee, über Schwaben herzuziehen, da werde ich zum übelsten Diaspora-Lokalpatrioten.)

Wo man definitiv nichts gegen haben kann, ist die Schwäbische Küche. Der Schwabe kocht toll, Sauerbraten, Seelen, Pfitzauf, Schupfnudla. Und natürlich Spätzle. Frisch nach Hamburg gezogen, ging ich begeistert ins Lokal “Die Schwäbin” essen, eine Gaststätte, die leider nach und nach kulinarisches Niveau einbüßte und schließlich abbrannte, vielleicht war letzteres ganz gut so. Leckere Linsen mit Spätzle kostete ich bei “Brachmanns Galeron”, preislich war das Ganze dem Arme-Leute-Gericht allerdings nicht wirklich angemessen. Und dann machte direkt bei mir um die Ecke das “Spätzle” auf, ein grundsympathisches Bistro, das zu akzeptablen Preisen extrem leckere Kleinigkeiten anbot. Selbst kochte ich nie schwäbisch, aus Gründen.

Zu Beginn meines Studiums entschieden wir nämlich auf dem Wohnheimflur, dass jeder Mitbewohner ein leckeres Gericht aus seiner Heimat kochen sollte, und am Ende würde es ein Best-of-Studentenwohnheim-Eichendorffring-Menü geben. Pan, der Chinese, machte ultraleckere Dumplings. Paul, der Brite, kaufte Bier. Der Russe, dessen Namen ich nicht mehr weiß, machte eine Art Eintopf. Und ich machte Kässpätzle. Beziehungsweise, ich kaufte eine Tüte vorgekochte “Original schwäbische Eierspätzle” und eine Tüte billigen, fertig geriebenen Industriekäse, haute alles zusammen mit etwas Wasser in einen Topf und ließ es köcheln. Schmeckte grauenhaft, das muss ich zugeben, aber dass Matthias, der doofe Jungunionist aus dem Hintertaunus, die entstandene Pampe mit einem großen Klecks Ketchup verfeinerte, tat mir dann doch weh. Auf jeden Fall hatte ich meine Lektion gelernt: Spätzle würde ich nie wieder selbst machen, nur noch im Restaurant (die allerbesten Kässpätzle bekam ich im übrigen nicht in Schwaben, sondern auf der Berghütte Angerer Alm am Kitzbüheler Horn – Spätzle, die einem nahezu auf der Zunge schmolzen) oder bei berufenen Hobbyköchen.

Dass Kollegin E. leckere Spätzle zauberte, nahm ich noch hin – E. ist ebenfalls Schwäbin und im Zubereiten von raffinierter Hausmannskost deutlich versierter als ich. Als aber Isabel mir extrem gelungene Kässpätzle vorsetzte, reagierte ich im Schwabenstolz verletzt: Isabel ist Rheinländerin, weswegen sollte sie bessere Kässpätzle machen als ich? (Weil so ziemlich jeder bessere Kässpätzle hinbekommt als derjenige, der für das Eichendorffring-Desaster verantwortlich war, oder?) Auf jeden Fall kann meine Ehre nur wieder hergestellt werden, indem ich selbst Kässpätzle mache.

Versuchsanordnung:

1. Teig herstellen. 500 g Mehl und vier Eier mit einer Prise Salz verrühren. Rühren und dabei immer wieder Mineralwasser (beziehungsweise Leitungswasser mit Kohlensäure) zugeben, bis eine zähflüssige Masse entsteht, die Blasen wirft, mit anderen Worten: bis die Schulter schmerzt. Teig eine Virtelstunde ruhen lassen.

2. 250 g Käse reiben (ich nahm Allgäuer Bergkäse, funktioniert anscheinend auch mit Emmentaler oder Greyerzer.)

3. Einen großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen. Spätzlesteig portionsweise mit dem Spätzleshobel in das kochende Wasser tropfen lassen (die gute schwäbische Hausfrau nimmt Messer und Holzbrettchen statt Hobel, aber ich bin keine gute Hausfrau), nach wenigen Sekunden schwimmen die Spätzle obenauf und sind fertig. Mit einem Schaumlöffel herausheben, kurz unter kaltem Wasser abschrecken, in eine gebutterte Auflaufform schichten.

4. Jede Schicht Spätzle pfeffern (habe ich ein wenig zu gut gemeint) und gut mit Käse belegen. Wiederholen, bis keine Spätzle mehr übrig sind, dann in den Backofen damit (eigentlich nur, damit es warm gehalten wird und der Käse schmilzt, durch sind die Spätzle ja schon).

5. Fünf Zwiebeln klein würfeln, in ordentlich Butter goldbraun anbraten.

Deliziös.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen.

Schwaben, wie man es sich in den Metropolen so vorstellt: Ulm-Söflingen, Home of the Häuslesbauer.

Ich bin in Schwaben geboren und aufgewachsen. Ich mag die liebliche Landschaft im Norden des Bodensees, ich mag die schwäbische Küche, mag Zwiebelrostbraten und Spätzle und Seelen, ich mag es, wenn ein kalter Wind Nebelschwaden über die grauen Stoppelfelder der Albhochfläche bläst. Was ich nicht mag: die Religiosität der Schwaben, ihre Lustfeindlichkeit, ihren Konservatismus, ich wollte früh weg von dort. Ich habe Geisteswissenschaften studiert, ich mache beruflich “was mit Medien”. Ich wohne in einer norddeutschen Großstadt, im Zentrum, in einer verhältnismäßig großen Wohnung in einem Gründerzeitviertel. Ich lebe ein durchaus bürgerliches Lebensmodell, verheiratet, gesettlet, mit Freude an gutem Wein.

Ich bin der Typ, den Wolfgang Thierse nicht mag.

Thierse hat ja irgendwo recht mit seinem Bashing gegen die Schwaben, die den Prenzlauer Berg angeblich prägen würden (statistisch gesehen ist diese Meinung anscheinend nicht ganz richtig, andererseits, wer einmal versucht hat, Statistiken aufzustellen, weiß, dass das recht unzuverlässige Werkzeuge sind, die Wirklichkeit zu beschreiben). Zur Erinnerung: SPD-Politiker Thierse hat dem rechtskonservativen Springer-Blatt Welt ein Interview gegeben und sich darin über die Veränderungen in seinem Wahlkreis beklagt.

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. (…) Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause.

Was soll man darauf sagen? Ganz sicher nicht das, was Thierse aus dem Süden geantwortet wird, dieses bräsige “Wenn wir fleißigen Schwaben nicht fett in den Länderfinanzausgleich einzahlen würden, dann könnte Berlin aber mal sehen, wo es bleibt!”, das eigentlich genau die Vorurteile bestätigt, die Thierse in seiner ganzen Selbstgerechtigkeit vor sich herträgt. Es ist ja wirklich so: In Schwaben ist vieles nicht in Ordnung, es kommt nicht von ungefähr, dass ich da weg wollte. Es ist auch tatsächlich ein Problem, dass bestimmte Berliner Stadtviertel, der Prenzlauer Berg zählt sicher dazu, überschwemmt werden von Binnenmigranten, die gut ausgebildet sind, die (zumindest für Berliner Verhältnisse) gut verdienen, und die die eingesessene Bevölkerung aus dem Viertel verdrängen, nicht zuletzt, indem sie Wohneigentum erwerben. Letzteres ist aber eigentlich nicht die Schuld der Neuankömlinge, es ist die Schuld einer vollkommen verfehlten Wohnungsbaupolitik, die dem Eigentum immer den Vorrang gegenüber dem Mietwohnungsbau durch die öffentliche Hand gegeben hat, und die zumindest in Berlin federführend von Thierses eigener Partei verantwortet wurde.

Kein Problem ist meiner Meinung nach, wenn im Prenzlauer Berg eine Bäckerei aufmacht, die Wecken verkauft. Wer Schrippen kennt, der wird sich vielleicht freuen, wenn er auch mal etwas anderes angeboten bekommt, und wer Wecken nicht mag, der bekommt eine Ecke weiter Bagel, Börek, Pumpernickel, es ist doch alles da, das macht die multikulturelle Großstadt doch so charmant! Ich bin verletzt, wenn ein dummer, alter Mann mit dem Spruch von der Kehrwoche um die Ecke kommt, genauso, wie ich verletzt bin, wenn man mir hier im Norden erklärt, dass “im Süden ja alle katholisch” seien – Schwaben ist mehrheitlich pietistisch geprägt, soviel verlangt ist es doch nicht, sich zu informieren, worüber man da spricht, oder? Mich verletzt es, wenn der Hamburger sich als Zentrum der Welt versteht, einer Welt, in der östlich von Bergedorf der unbestimmte “Osten” beginnt (strukturiert gerade mal durch den nicht ignorierbaren Fettfleck Berlin in der Mitte) und südlich von Lüneburg ausnahmslos alles “Bayern” ist. Und mich verletzt es, wenn Schwaben alle Klischees bestätigen, die über sie im Umlauf sind.

Fies, arrogant, überheblich-dumm, das sind natürlich nicht nur Berliner. Im großartigen “Tatort” vorletzten Sonntag, “Der tiefe Schlaf” aus München, bekommen die Kommissare (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) einen neuen Assistenten (Fabian Hinrichs), und sie machen das, was sie mit jedem Assistenten machen: Sie machen Witzchen, demütigen ihn ein wenig, zeigen, dass er nicht dazu gehört. Sie mobben ihn. Gisbert, der Assistent, ist aber auch wirklich nervig, er ist übereifrig, er ist besserwisserisch, er reißt mit dem Hintern ein, was er mit den Händen beziehungsweise seinem Superhirn aufgebaut hat. Vor allem aber ist er Preuße. Und das geht in München gar nicht.

Und als der Assistent dann, nach der Hälfte des Films, tot ist, verstehen die Münchner Polizisten die Welt nicht mehr. Sie haben doch nur Spaß gemacht, wie Wolfgang Thierse.

In den Jahren vor dem Abitur 1992 erhielten wir Hefte, keine Ahnung von wem, vom Baden-Württembergischen Kultusministerium? Von der Bundezentrale für Politische Bildung? Vom Studentenwerk? Jedenfalls sollten uns diese Heftchen informieren, wie es nach dem Abi weitergehen würde, und der übliche Weg war damals recht deutlich vorgezeichnet: Studium. Es gab ein dickes Heft, in dem erklärt wurde, was einen im Ingenieursstudium erwarten würde, es gab ein dickes Heft, in dem es um Wirtschaftsstudiengänge ging, es gab mehrere sehr dicke Hefte, in denen die Lehrämter erklärt wurden. Und es gab ein ganz dünnes Heft namens “Studieren in eigener Regie”: Theaterwissenschaft.

Das Heft erklärte ziemlich eindeutig, dass man solch ein Studium besser erst gar nicht anfangen sollte (Brotlose Kunst! Und überhaupt, wen interessiert das eigentlich?), stellte aber pflichtschuldig die Studiengänge an acht Hochschulen grob vor (Mainz und Frankfurt hatten damals noch keine vergleichbaren Institute aufgebaut, und in den Osten traute man sich schlicht nicht). In Baden Württemberg gab es: keine einzige Uni, die das Fach anbot. Und als ich zur Studienbaratung der Uni Ulm ging, erklärte man mir auch frei heraus, dass es solch eine Fachrichtung gar nicht gebe. (Der Schwabe als solcher ist bekanntermaßen recht pragmatisch, was Wissenschaft angeht: Ein Studium, das nicht Maschinenbau heißt, des isch irgendwie nix rechts.) Ich musste mich also auf “Studieren in eigener Regie verlassen, bezüglich meiner Studienortwahl, und irgendwie war mir alles zu unsympathisch, was da genannt wurde. Hamburg war zu weit weg, Erlangen zu nah, München zu münchnerisch, Bayreuth zu verwagnert, Köln zu karnevalistisch. Bochum sagte mir zu, auch Berlin, aber überall gab es einen NC, und mein erwarteter Abischnitt schien mir hier das Genick zu brechen. Es gab allerdings eine Ausnahme: das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an der Uni Gießen.

An allen anderen Unis studierte man Theaterwissenschaft auf Magister (für die Spätgeborenen: Das ist sowas wie Bachelor, nur für ganz alte Menschen), in Gießen war man am Ende “Diplom-Theaterwissenschaftler”. Außerdem gab es zwar ebenfalls einen NC, der allerdings erst zum Zuge kommen sollte, nachdem die Bewerber durch Einreichen einer Mappe sowie eine künstlerisch-wissenschaftliche Aufnahmeprüfung vorsortiert wurden, ich konnte also darauf hoffen, dass sich das Bewerberfeld so stark reduziert haben würde, dass auch Leute mit mittelprächtigem Abi noch eine Chance haben sollten. Frohgemut stellte ich meine Mappe zusammen, ohne auch nur annähernd Ahnung zu haben, was da eigentlich erwartet wurde: eine Kritik zu meinen laienhaften Versuchen als Schauspieler, in Kohouts “August August, August” am Ulmer Jugendtheater Spielschachtel. Ein Empfehlungsschreiben meines Deutschlehrers. Ein dilettantischer Versuch einer Aufführungsanalyse.

Es war ein Desaster. Ich flog in der ersten Runde raus.

Worauf ich die Theaterwissenschaft sein ließ und mich für Literaturwissenschaft einschrieb. Ironischerweise landete ich zwei Semester später dennoch in Gießen, und weil die Theaterwissenschaftler fachfremd Seminare besuchen mussten, saßen ständig welche in den literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen, abschätzig beäugt von uns “echten” Wissenschaftlern: “Drama, Theater, Medien” (wie dder Studiengang zeitweise hieß), das waren doch diese Luftikusse, die irgendwie in Kunst machten. Mein Verhältnis zur Angewandten Theaterwissenschaft war indifferent. Einerseits war ich eifersüchtig, ich meine, das waren Studenten, die die Plätze besetzten, auf denen eigentlich ich sitzen wollte. Andererseits waren die meist auch ziemlich nett. Und hübsch. (Das mag weit hergeholt sein, aber ich glaube wirklich, dass die Theaterwissenschaftler hübscher waren als die Studenten der anderen Fachrichtungen. Das ging so weit, dass mir das Mensaessen in der benachbarten Uni Marburg nicht schmecken wollte – in Marburg konnte man keine Theaterwissenschaft studieren, weswegen dort ausschließlich unattraktive Menschen in der Mensa saßen.) Und drittens muss ich sagen, dass das, was dort am Institut künstlerisch passierte, wirklich recht interessant war. Natürlich war es auch so, dass in einer kleinen Stadt wie Gießen die Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft unglaublich wichtig für das Nachtleben war, mit Performances, Partys, Konzerten. Mit anderen Worten: Ich hing da ständig rum.

Als ich in Gießen anfing, hatte der Institutsgründer Andrzej Wirth gerade die Uni verlassen und war ersetzt worden durch Helga Finter, eine spröde Person, die das Künstlerische im Vergleich zur Wissenschaft zu vernachlässigen schien, und gegen die es am Institut eine mächtige Oppositionsbewegung gab. Nichtsdestotrotz vergötterte ich Finter, weswegen ich mein eigenes Studium mit Finters Inhalten aufzuladen versuchte: Ich interessierte mich extrem für französischen Strukturalismus, für Körperkonzeptionen, für interdisziplinäre Fragen, und, hey!, Interdisziplinäres, das war doch genau mein Thema! Als Literaturwissenschaftler, der doch eigentlich Theaterwissenschaftler sein wollte. Durch die Hintertür kam ich also via Finter wieder ins Spiel. Seit 1999, also nach meinem Weggang aus Gießen, ist Heiner Goebbels Professor am Institut, der anscheinend dem Künstlerischen wieder mehr Raum gibt, allerdings muss man natürlich sagen: Unter Finter, also in der künstlerisch umstrittenen Zeit, machten Theaterleute wie She She Pop, Showcase Beat le Mot oder Rimini Protokoll ihre Abschlüsse, Theaterleute, die heute die internationalen Festivals prägen und so nicht zuletzt im Ausland das Paradebeispiel für deutsches Theater sind.

Und ich hatte schon Arbeiten von ihnen gesehen, als sie noch keiner kannte! Vor fünf Zuschauern! Auf der Gießener Probebühne!

Das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften hat meinen Blick aufs Theater geprägt, mehr als alle Castorf-Inszenierungen, die ich später begeistert verfolgt habe. Dieses konsequente: Leben als Basis fürs Theater nehmen. Dieses Bekenntnis zur Ironie. Diese Lust am intellektuellen Spiel. Diese Bereitschaft zum Dilettantismus, wenn nur das Endergebnis funktioniert. Dieser Tage feiert das Institut seinen 30. Geburtstag, ich sage dann mal: Herzlichen Glückwunsch. Und Danke.

28. September 2012 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

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“Nestflüchter”, sagt sie. Ich protestiere, nie sei ich ein Nestflüchter gewesen, aber sie bekräftigt: Wer mit 19, direkt nach dem Abi, fluchtartig die Heimat verlassen würde, was sei der denn, bitte, wenn kein Nestflüchter? Ich mag solche eindeutigen Zuschreibungen nicht. Was aber klar war: Ich wollte weg, damals, mit 19. Ich wollte so dringend weg, ich war sogar bereit, nach Gießen zu ziehen, und bei aller Liebe, die ich zu dieser Stadt, Alma Mater, heute immer noch empfinde: Große, weite Welt ist etwas anderes.

Das Rusenschloss ist eine Burgruine, rund 15 Kilometer von meiner Heimatstadt, auf einem Fels hoch über dem Tal des kleinen, unregulierten Flüsschens Blau. Irgendwie war die Ruine immer Teil meines Lebens, schon als ich klein war, wurde regelmäßig dort spazieren gegangen. (Wie ich heute erfahren habe, stammte meine Großmutter aus der Ecke, vielleicht fuhren wir mit ihr manchmal dorthin? Hatte sie vielleicht Verwandtschaft, die besucht wurde, es gab Kaffee und Kuchen, und zur Verdauung gab es eine kurze Wanderung, hoch zum Schloss? Keine Ahnung.) Später kletterte ich manchmal an den Felsen unterhalb des Schlosses, ein schwachsinniger Sport, der einiges an Nervenkitzel bereit hielt, allerdings auch nicht ungefährlich war, für Flora und Fauna der Felsen, meine ich. Egoistisch, wie nur Teenager sein konnten: der eigenen Lustbefriedigung das Existenzrecht von Flechten wie Eulen auf den Felsen unterzuordnen, schlimm. Gut, dass das Klettern im Blautal schon seit langer Zeit geächtet und verboten ist. Zum Rusenschloss wurde dennoch immer wieder gewandert, wenn ich vom Studium zu Besuch kam, im Herbst, wenn kalter Nebel durch die Täler der schwäbischen Alb kroch, im Winter, wenn der Blick ins Tal über weite, schneebedeckte Wiesen schweifte, im Spätsommer, wenn die Blätter des Laubwaldes sich zu verfärben begannen und eine nur noch halbwarme Sonne den Boden vergoldete. Selbst im ersten Studiensemester besuchte ich ein Blockseminar, das in einem Gästehaus der Uni Tübingen in Blaubeuren abgehalten wurde, und nachts fiel uns hirnverbrannten, angetüddelten Erstsemestern nichts besseres ein, als lallsingend aufs Rusenschloss zu klettern und oben Mörike zu zitieren, wir hoffnungslosen, lebensmüden Romantiker. (Credits für diesen Irrsinn gehen an Prof. Moritz Baßler, heute in Münster.)

Nach mehreren Jahren Abstinenz war ich heute wieder auf dem Rusenschloss. Die Zeit ist stehen geblieben, dort oben: Immer noch schleppt man sich auf einem schmierigen Pfad durch den Wald, es ist mühsam, unübersichtlich, an mehreren Stellen ist der Weg abgerutscht, und man muss auf seine Schritte achten. Die letzten Meter bis in die eigentliche Burg geht man immer noch an einem alten, morschen Holzgeländer, und oben angekommen stellt man fest, dass in die Burgmauer immer noch der Sicherungsring einzementiert ist, der einen beim Beklettern der Westwand hätte schützen sollen, dem Kletterverbot zum Trotz. Es ist eine Landschaft, so wunderschön, man möchte schreien.

Und dann ist natürlich auch klar: Ich stehe hier auf dem Rusenschloss, ich bin begeistert, nein, ich bin ergriffen von all dieser Schönheit (die man allerdings nur sieht, wenn man nach halbrechts schaut; links nimmt den Talgrund hingegen ein Parkplatz des Blaubeurer Industriegebiets ein), aber ich bin im Urlaub. Leben könnte ich hier nicht mehr, wovor ich weggelaufen bin, war einzig das Gefühl: Das hier ist Kleinstadt, und daran wird sich hier ja nichts ändern, Kleinstadt mit ihren undurchdringlichen Kleinstadthierarchien wird das hier immer bleiben. (Eine andere Frage ist, ob das in Hamburg wirklich so wahnsinnig anders ist. Wie zum Beispiel konnte der “Lichtkünstler” Michael Baatz wohl seine Position innerhalb der Hamburger Kulturszene erreichen, wenn nicht durch geschicktes Spiel mit den hanseatischen Kleinstadthierarchien?) Ich bin froh, dass es für mich auch eine Welt geben kann, jenseits dieser hier, aber erstmal kann ich das hier schlicht als atemberaubend schön anschauen.

Und dass ich das mittlerweile kann, das ist nicht gerade ein schlechtes Zeugnis für mich alten Nestflüchter.

Hurra, Google ist wieder da! Keine Ahnung, woran das liegt, aber auf jeden Fall hat die Krakensuchmaschine dieses kleine Blog seit Mitte des Monats wieder gelistet. Was auf der einen Seite zur Folge hat, dass die Besucherzahlendurststrecke vom Juli vorbei ist, auf der anderen Seite aber auch, dass mir die Besucherstatistik von all den “sophia thomalla brust”-, “sophia thomalla titten”- und “simone thomalla sex”-Googlern verhagelt wird. Ach, was für unappetitliche Fetische es doch gibt!

Egal, jeder, der hier vorbei schaut, ist erstmal willkommen, zumal wenn er sich ordentlich benimmt! Und das tun die meisten ja auch, zumindest üble Beschimpfungen im Kommentarbereich gab es schon lange keine mehr. Und vielleicht kann ich auch ein paar Fragen beantworten, die hoffnungsfrohe Menschen ins Suchfeld ihres Browsers eingeben haben?

1. “kunst, sexualität und geschlechterkonstruktionen” Immerhin fünfmal tauchte diese Anfrage in der Statistik auf, meine Lieblingsanfrage. Weil, Leute, die sich für solche Themen erwärmen, die will ich auf meiner kleinen, netten Seite haben – und eben keine Dumpfbacken, die sich nur dafür interessieren, ob Devid Striesow schwul sei (neun Anfragen). Letzteren sei zum x-ten Male um die Ohren gehauen: Nein, ist er, soweit ich weiß, nicht. Wobei “schwul”, “hetero”, “bi”: Solche Kategorien sind sowas von Neunziger! Beschäftigt euch mal ein wenig mehr mit Kunst, Sexualität und Geschlechterkonstruktionen, dann kapiert ihr, dass es Cooleres gibt, als nach der Veranlagung eines geschätzten Schauspielers zu googlen.

2. “filme mit sophie rois nackt ansehen” Ich empfehle “Drei” von Tom Tykwer, da ist die verehrte Frau Rois mehrfach nackt zu sehen (und mit ihr auch, als kleines Plus, Devid Striesow, ich meine ja nur!). Es gab auch mal einen alten, österreichischen Tatort mit nackter Rois, “Passion”, 2000 von Felix Mitterer gedreht. Oder verstehe ich die Frage falsch? Geht es darum, selbst nackt zu sein, während man einen Film mit Sophie Rois schaut? Oder gar darum, einen Film gemeinsam mit Sophie Rois zu schauen, und beide Zuschauer sind nackt?

3. “schmalste straße ulms” Puh. Ich würde sagen, im Fischerviertel, ein Verbindungsweg zwischen Schwörhaus- und Fischergasse. Aber der ist nur für Fußgänger. Ob das als Straße zählt? Einfacher beantworten ließe sich die Frage nach der längsten Straße Berlins: Das ist das Adlergestell. Wollte nur niemand wissen.

4. “makler hamburg für weniger geld” Die Frage ist falsch gestellt. Es gibt keine Makler für weniger Geld, weil Makler ihre Gebührenordnung haben und schön blöde wären, wenn sie von der abweichen würden. Eine andere Frage ist, wofür Makler eigentlich ihr Geld bekommen: fürs Vermitteln von Wohnungen. Nur vermitteln sie in einer Hochpreisstadt wie Hamburg gar nicht, sie schließen vielleicht die Tür bei der Wohnungsbesichtigung auf, sie sammeln die Selbstauskünfte ein, und die leiten sie weiter an den Immobilienbesitzer. Für diese extrem anspruchsvolle Tätigkeit kassieren sie drei Kaltmieten Courtage. Ist das gerechtfertigt? Falls man diese Frage mit “Nein” beantwortet, sollte man sich eine zweite Frage stellen: Weswegen stütze ich dieses System dann eigentlich noch?

5. “wie macht man einen seitensprung” Nunja, ich fürchte, das passiert einem einfach. Oder geht es hier tatsächlich konkret um eine Handlungsanweisung, so von wegen Ausziehen, Knutschen, Finger hier, Lippen dort und dann hoffentlich auch noch irgendwo ein Kondom?

6. “heidi brühl mädels vom immenhof duschszene” Diese Anfrage habe ich Kid37 zu verdanken, der im Vormonat kommentierte, dass bei ihm ständig Leser nach besagter Duschszene suchen würden. Ich habe keine Ahnung, ich weiß nicht einmal, was die “Mädels vom Immenhof” sind, und dass die womöglich auch mal geduscht haben – mag sein, aber für mehr Informationen wäre es besser, wenn man bei berufenem Munde nachfragt: Das hermetische Café, ohnehin ein empfehlenswertes Blog.

7. “eheliche pflichten sex humor” Das passt gar nicht zusammen, Sex und Humor. Und: “eheliche pflichten”, da geht es um Pflicht, da wird nicht gelacht, da wird die Pflicht erfüllt! Wegtreten!

8. “falk schreiber theater heute” Ja, hier?

Ich fand “Moonrise Kingdom” ganz bezaubernd. Was nicht verwundert, als mittelalter Großstädter mit Sympathie für Hipstercodes, Begeisterung für alles übrige plattwalzende Ironie und Tendenz zur sentimentalen Retroästhetik bin ich sowas von Zielgruppe des Films von Wes Anderson, es wäre überraschend, wenn ich den Film nicht gemocht hätte. Eigentlich muss ich gar nichts mehr sagen über “Moonrise Kingdom”, zumal die geschätzte Katharina im aktuellen uMag auch eine kluge Annäherung an Regisseur und Werk geschrieben hat, der ich wenig hinzuzufügen habe, zumal Harald Mühlbeyer in der Filmgazette alles geschrieben hat, was über diesen Film zu schreiben ist. Ein guter Film, der mich mit einem Kloß im Hals in die Nacht entließ. Und dieser Kloß, über den möchte ich vielleicht doch noch ein wenig sagen.

Denn “Moonrise Kingdom” spielt in einem Setting, das mir nicht so fremd ist wie die Glamour-TV-Wissenschaftswelt von “Die Tiefseetaucher”, das mir nicht so fremd ist wie das staubige Märchenindien von “Darjeeling Limited”. “Moonrise Kingdom” spielt in einem Pfadfinderlager, und wer ein wenig mit diesem kleinen Blog vertraut ist, der weiß, dass meine Teenagerzeit als Pfadfinder immer wieder durchschlägt in mein heutiges Dasein, dass diese Zeit durchaus traumabelastet ist. Die Pfadfinder in “Moonrise Kingdom” jedenfalls werden nicht grundschlecht gezeichnet, Jugendliche eben, und Jugendliche können fies sein, wobei gerade die hier sich nach einer gewissen Fiesheitsphase als sympathisch und hilfsbereit erweisen. Während die Pfadfinderleiter ebenfalls weniger bedrohlich sind als vielmehr hilflos: der eine ein trotteliger Schlaks (Edward Norton), bei dem man sich nicht vorstellen mag, wie die Klientel seines Brotjobs Mathelehrer mit ihm umspringt, der andere ein greiser Kriegsveteran (Harvey Keitel), den bei aller militärischen Autoritätspose hauptsächlich beschäftigt, dass er seine Medikamente rechtzeitig einnimmt. Bedrohlich wirken diese Figuren nicht, und wahrscheinlich war meine Pfadfindergruppe tatsächlich ein Sonderfall, ein Sonderfall mit charakterlich unzureichenden Führungspersönlichkeiten.

Und natürlich gibt es noch weitere Unterschiede. “Moonrise Kingdom” spielt in den 1960ern in Neuengland, meine Pfadfindererfahrungen fanden hingegen in den 80ern in Süddeutschland statt. Formal ging es bei mir durchaus liberaler zu, es gab kein Strammstehen, kein “Yes, Sir!”-Gebrülle, kein Salutieren. Dafür aber diese hässlichen Hüte, Hemden und Halstücher, die bei uns antimilitaristisch harmlos “Kluft” genannt wurden, in Wahrheit aber doch die Uniformen waren, als die sie in “Moonrise Kingdom” unverblümt bezeichnet werden. Überhaupt spielt “Moonrise Kingdom” den Charakter des Pfadfindertums aus, der bei uns jugendfreizeithaft verbrämt wurde: Pfadfinder, das sind hier wie dort Soldaten, Kindersoldaten. Okay, es sind harmlose Soldaten, vor denen sich eigentlich niemand zu fürchten braucht, spielende Kinder ohne funktionsfähige Waffen, angeleitet von traurigen, gutwilligen Losern, aber es sind dennoch: Soldaten. Die zwar nichts Böses tun, die allerdings dennoch die soldatischen Tugenden verinnerlicht haben: Fleiß. Gehorsam. Disziplin. Eine ekelerregende Welt.

Und der Kloß, den ich nach diesem wunderbaren Film im Hals spürte, der sagt mir: Du magst diese Welt verlassen haben, nach über 20 Jahren. Ganz hinter dir lassen wirst du sie allerdings nie können.

“Wir sind das Volk”

Am Abend des 9. November 1989 stand ich in einer Menschenmenge, die Faust erhoben, in meinem Ohr die Rufe: “Wir sind das Volk!” Was pathetischer klingt als es war. Am Abend des 9. November war ich Statist im Ulmer Theater, wir hatten Premiere, Gottfried von Einems Oper “Dantons Tod”, und ich stand als “Volk von Paris” auf der Bühne. Dass ein paar hundert Kilometer nordöstlich tatsächlich ein Volk demonstrierte, wusste ich zwar, es interessierte mich aber nicht wirklich. Richtig interessant wurde es erst, als die Massen statt “Wir sind das Volk” plötzlich “Wir sind ein Volk” zu skandieren begannen, aufgestachelt von Bild und westdeutscher CDU. Da wurde mir das, was ich zunächst für einen berechtigten Widerstand gegen ein Spießerregime gehalten hatte, plötzlich unsympathisch: Was fiel denen im Osten eigentlich ein, sich so einfach mit mir gemein zu machen? Die mochten ein Volk sein, meines aber waren sie nicht.

Polen

Als ich Mitte der Achtziger mit meinen Eltern eine Woche nach Berlin fuhr, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der DDR. Man fuhr über eine Grenze, man ratterte über Autobahnen, die sich anders anhörten als diejenigen auf unserer Seite der Mauer, man sah Fahrzeuge, die ulkig aussahen, irgendwo bei Leipzig überquerten wir eine Bahnstrecke, und auf dieser Bahnstrecke fuhr ein Zug mit Dampflok. Wir durchquerten Ausland. Ich wunderte mich zwar, dass im Radio deutsch gesprochen wurde (und außerdem westdeutsche Musik gespielt wurde, Nenas “?”, die ganze Platte durch), eigentlich hatte ich erwartet, dass hier russisch die Verkehrssprache sein müsste, aber gut. Österreich war ja auch Ausland, obwohl sie dort ebenfalls so etwas wie deutsch sprachen, und das hier war dem Schwaben durchaus fremder als ein Kurztrip nach Tirol, das hier war so etwas wie Polen. Diese These vertrat ich noch Jahre später, im Gemeinschaftskundunterricht, der schon vereinigungsbesoffen das Jahr 89 hinter sich gebracht hatte: Die DDR, das ist doch Ausland. Ich wurde ausgebuht und vom Lehrer geschnitten. Elf Jahre später schrieb ich eine Glosse im Usinger Anzeiger, in der ich diese jugendlichen Ansichten humorig reflektierte – beinahe gesteinigt hätte mich die hessische Landbevölkerung des Jahres 2000. Die Aussage “DDR ist für mich Ausland” scheint für manche Leute einer Beleidigung gleichzukommen, “Ausland”, das ist für diese Leute beleidigend. Was deutlich macht, in welche Richtung dieser Vereinigungsprozess bald gehen sollte.

Alternative

“Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?” Ich war nie der Meinung, dass die DDR ein gutes System war, im Gegenteil, ich war der Meinung, dass die DDR ein absolutes Dreckssystem war, organisiert von Spießern, Blockwarten, Sexisten, Nationalisten. Aber ich war immer der Meinung (und bin es auch heute noch), dass die DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik (und nur mit der) das bessere System war. Was, nebenbei gesagt, nicht unbedingt für dieses Volk spricht, wenn es nichts Besseres gebacken bekommt als das DDR-System. Trotzdem, es war die Alternative. “Kannst du dir vorstellen, wie das ist, den Kapitalismus für eine Zumutung zu halten, aber keine Alternative zum Kapitalismus zu sehen, weil ihr aufgegeben habt?”, der Satz stammt aus dem Stück “Schubladen” der Theatergruppe She She Pop, und er verdeutlicht, weswegen ich die Vereinigung als Verlust wahrnahm: Anstatt dass dieses blöde Volk sich hingesetzt hätte, die Stasi-, Politbüro- und Volkspolizeideppen in die Wüste geschickt und einen guten, gelungenen, menschlichen Sozialismus aufgebaut hätte, warf es sich ungefragt erst in unsere Arme und dann, als wir ungeschickt auf diese Verbrüderung reagierten, in die Arme derjenigen, die schon bereit standen, um ihr Süppchen auf der nationalen Hitze zu kochen. Und so verhalf das blöde Volk dem durch und durch korrupten Kohl-Regime zu zwei weiteren Amtszeiten, Danke auch.

Arbeit

In Christian Petzolds Film “Barbara” stellt die von Nina Hoss gespielte Kinderärztin 1980 einen Ausreiseantrag aus der DDR; zur Strafe versetzt das Deppenregime sie an eine Klinik in der Provinz. “Die Arbeiter und Bauern haben dir ein Studium ermöglichst, jetzt gibst du ihnen erst einmal etwas zurück!” giftet sie verächtlich über die Begründung ihrer Versetzung, “Klingt erstmal gar nicht so falsch”, gibt ihr Chefarzt (Ronald Zehrfeld) zurück. Stimmt, klingt gar nicht so falsch, aber Barbara hört nicht zu. Denn: Sie hat einen Geliebten aus dem Westen, und der hat längst eine Flucht eingefädelt. Eines abends, im Bett des Interhotels, bezirzt er sie: “Wenn du erstmal drüben bist, dann musst du nicht mehr arbeiten. Ich verdiene genug für uns beide.” Das ist der Moment, in dem ihre Beziehung zerbricht, das ist der Moment, in dem sie merkt, dass sie die Gelegenheit zur Flucht nicht ergreifen wird – wenn die Flucht nur bedeutet, in ein Land zu fliehen, in dem alle angestrebten Ziele, Gleichberechtigung im Beruf, gleichwertiges Leben, bedeutungslos sind, ein Land, in dem das wenige, was man erreicht hat, rückgängig gemacht wird. In ein Land, in dem die Altnazis, die Christen, die Konservativen eine Macht hatten, von der sich die Bevölkerung der DDR emanzipiert zu haben glaubte. Vorbei.

She She Pop, “Schubladen”, bis 25. 3. und 28. bis 29. 3., Kampnagel, Hamburg (Foto: Benjamin Krieg). Christian Petzold, “Barbara”, noch hin und wieder im Programmkino und über kurz oder lang auf arte.

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal “Blair Witch Project” sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers “Antichrist”? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

04. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,

Dieses Meer ist kein Meer. Dieses Meer ist ein Bodden, Brackwasser, ein Teil Salz-, ein Teil Süßwasser. Dieses Meer hat keine Gezeiten, keine Dünung, keine Schlünde, dieses Meer ist ein bis drei Meter tief, ist schlammig und fischreich. Kaum Schiffe, mal ein Schlauchboot, mal eine alte Yacht aus den 60ern, eine Yacht aus der DDR, mal eines der speziellen Fischerboote, ein Zeesboot, kaum Tiefgang, zieht ein Schleppnetz über den Boden (über den Boddenboden, hihi). Eine Handvoll Häfen, eigentlich: kleinste Unterbrechungen im Schilfgürtel, minimalst befestigte Hafenbecken, heute legt ohnehin niemand mehr an. Dieses Meer ist verzaubert.

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Diese Insel ist keine Insel. Es ist eine Halbinsel, nein, es sind drei Halbinseln, miteinander verwachsen, an ihren schmalsten Stellen jeweils nur ein paar hundert Meter breit. Auf der einen Seite Bodden, auf der anderen offene See, naja, offene Ostsee halt. Auch die nur ein Gewässer, aber immerhin. Die Ostsee tut, was sie kann, sie glänzt sommerlich, wo doch schon Oktober ist, ihr Strand ist warm, nackte, kleine Kinder lachen, und einmal kommt sogar ein Eismann auf einem Elektrocar vorbei. Ein paar Leute sind auch im Wasser, Männer meist, schon etwas ältere, sehr, sehr dünne Männer, sie schwimmen prustend lange Strecken, wahrscheinlich trinken sie nie Alkohol, essen nie fett und werden 100. Eine Frau schwimmt ebenfalls, sie schwimmt sehr weit raus, fast sehe ich sie nicht mehr, ich mache mir Sorgen, aber unendlich langsam taucht sie wieder auf. Die Ostsee ist friedlich heute, das ist der Preis für das gute Wetter: Es gibt kein echtes Meeresrauschen, nur eine leichte, kaum spürbare Dünung, ein ganz klein wenig stärker als drüben im Bodden.

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Ein paar Meter entfernt liegen zwei Frauen im Sand. Die Dunkelhaarige steht auf, geht ins Wasser, die Blonde schläft, eine, zwei Minuten. Dann schreckt sie auf, schaut aufs Meer, weit draußen, auf einer Sandbank, auf der man fast trockenen Fußes stehen kann, umarmen sich die Dunkelhaarige und eine dritte Frau, küssen sich, halten einander an den Händen. Die Blonde schaut, dann holt sie eine Kamera aus ihrem Rucksack, eine Kamera mit riesigem Objektiv. Erst macht sie Fotos von den Beiden auf der Sandbank, dann stochert sie mit den Zehen ein wenig im Sand, schließlich kommen die zwei Frauen zurück. Kurz sprechen die drei miteinander, dann legen sich die zwei von der Sandbank hin, die Blonde bleibt am Meer stehen, schaut auf ihre Füße, ins Wasser, versucht noch ein paar Fotos.

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120000 Kraniche, mindestens. Mehr als meine Heimatstadt Einwohner hat. Meine little big City Ulm, ein Kranichulm schwebt hier ein, auf dieser Insel, die keine Insel ist, frisst sich drei, vier Wochen auf den Feldern voll und zieht weiter, Richtung Afrika. Kranichulm schwebt kreischend über unserem Ausflugsboot, ein Schwarm, noch ein Schwarm, meine Güte, wie viele.

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Aufwachen und den Bodden sehen. Noch einmal einschlafen.

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Isabel Bogdan, übrigens, war auf einer richtigen Insel, im richtigen Meer (zum ersten Teil ihres lesenswerten Berichts geht es hier). Die gönne ich ihr.