27. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Juli 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Es nervte: Hier, auf der Bandschublade, auf Artikel zu verweisen, die ich andernorts veröffentlicht habe, für Geld. Das hatte sich zu so einer Pflichtgeschichte entwickelt, immer zum Monatswechsel schrieb ich einen Post nach dem anderen, weil ich (zumindest im Printbereich) sehr auf Monatsmedien fixiert bin, die Bandschublade war dann für ein paar Tage nur noch ein Durchlauferhitzer auf andere Seiten, während es im restlichen Monat so aussah, als ob ich nur auf der faulen Haut liegen würde. Das muss anders werden: Von nun ab sammle ich zum Monatsbeginn, was ich geschrieben habe. Und tagesaktuelle Texte, mal was aus der jungen Welt, mal was aus der Nachtkritik, können sich ja immer noch dazwischenschmuggeln.

Fürs uMag habe ich ein frustrierendes MIttagessen im ansonsten sehr empfehlenswerten Café Johanna protokolliert. Beziehungsweise den Monolog am Nebentisch.

Was ich abends so mache? Och, ich gehe ständig ins Kino, zweimal die Woche, mindestens. Aber immer nur mit Männern. Mit Frauen ist das nicht so … Keine Ahnung, wann da das letzte Mal was gelaufen ist, das war jedenfalls noch in München. Sicher, immer mal wieder bisschen rumgemacht, aber irgendwie lerne ich einfach keine Frauen mehr kennen, also, ich mein‘, ich lerne Frauen nicht mehr richtig kennen. Das liegt auch daran, dass wir alle immer im Wettbewerb stehen, der Mann braucht richtig Kohle, einen großen Schwanz, muss gut aussehen, witzig sein, HAHAHAHAHA, sicher, trifft alles auf mich zu, trotzdem … Ich glaube, das geht alles viel zu schnell heute, man ist gleich am ersten Abend miteinander im Bett, man bewertet sich sofort, da können sich doch keine tieferen Gefühle mehr entwickeln. Zumindest bei mir nicht.

Außerdem habe ich mir Gedanken über die Veränderungen in der freien Theaterszene gemacht, angesichts der Tatsache, dass Matthias von Hartz neuerdings das Berliner Festival Foreign Affairs leitet. Was in dem Text vielleicht ein wenig zu kurz kommt: Ist es beunruhigend, wenn eine einzige Personalie die ganze Szene durcheinander wirbelt? Und nimmt der (im übrigen sehr geschätzte, ich bin in dieser Frage nicht ganz unabhängig) von Hartz womöglich im freien Theater die Funktion eines Paten ein?

Jetzt aber hat von Hartz seine Jobs in NRW und Hamburg aufgegeben und führt ab diesem Sommer das Festival Foreign Affairs im Rahmen der Berliner Festspiele. Da macht er das, worin er bislang auch schon gut war: Er zeigt internationales, mehr oder weniger der postdramatischen Richtung verpflichtetes Theater vom Nature Theatre of Oklahoma oder von William Forsythe. Dazu gibt es feines, kunstnahes Musikprogramm mit Bands wie Gravenhurst, The Notwist und Apparat. „Ein Festival ist immer eine Ausnahmesituation, in der Begegnungen möglich sind, für die der Alltag keinen Raum lässt“, sagt von Hartz.

Und schließlich habe ich (ausschließlich online) einen Text geschrieben über neue weibliche Role Models im US-Fernsehen und nach und nach auch im Kino. Der Beitrag ist eher resümmierend, nichts neues also für TV-Junkies, die sich jede Serie schon kurz nach der Erstausstrahlung aus dem Netz ziehen, und womöglich wäre es auch besser gewesen, hätte das eine Frau geschrieben. Aber: Auf die Überschrift „Begnadete Schussel“ bin ich wirklich recht stolz.

Alle sind sie ungeschickt, ach was, es sind begnadete Schussel. Und alle sind sie zutiefst menschenfreundlich. Mag das Schicksal es auch noch so hart mit ihnen meinen, sie denken nicht an ihren Vorteil, sondern wollen die Welt einerseits naiv, andererseits grundsympathisch ein wenig besser machen – sie sind Gutmenschen im besten Sinn, das unterscheidet sie von den neoliberalen Trullas aus „Sex and the City“.

In Theater heute habe ich einen längeren Artikel veröffentlicht zum Themenwochenende „Old School“ auf Kampnagel, einem Wochenende, mit dem ich mich vor einiger Zeit schon für meine momentan bloggermäßige Hauptspielwiese Les Flâneurs beschäftigt habe (wie immer macht Theater heute seine Artikel nicht frei online zugänglich, daher hier keine Links).

Der Chor singt Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“, gar nicht einmal schlecht, aber dann schleichen sich Misstöne ein, einzelne Sänger brechen aus, die Streicher spielen plötzlich minimal neben der Melodie, jemand beginnt, zu plaudern, dann löst sich auch das Bühnenbild auf … Und mit einem Schlag ist die Struktur dahin, die Kontexte des Stücks zerfallen wie die schwächer werdenden Körper der Protagonisten.

Ebenfalls in der Theater heute gibt es noch eine Besprechung von Schillers „Die Räuber“ am Theater Bremen in der Regie Felix Rothenhäuslers, quasi der Abschluss meiner einjährigen intensiven Beschäftigung mit diesem Haus.

Die Bühne ist nackt, und nackt ist auch Claudius Franz, der als Franz von Moor erste Worte ans Publikum richtet, zögernd, textnah, den ganzen, inhaltlich nicht unproblematischen Monolog eines zu kurz Gekommenen: „Warum gerade mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen?“ Man glaubt dem (allen landläufigen Kriterien nach durchaus gutaussehenden) Schauspieler dieses Lamentieren freilich nicht, mehr noch: Er selbst scheint nicht zu glauben, was er da erzählt, Körper und Text fallen auseinander, nur ganz langsam tastet sich Franz in seine Rolle vor.

Außerdem habe ich noch Kurzbesprechungen veröffentlicht, in der kulturnews: über „Fliegende Liebende“, den neuen Film von Pedro Almodóvar:

Optisch erinnert das ein wenig an eine sympathische Variante von Tuntenkomödien wie „(T)Raumschiff Surprise“. Almodóvar aber darf das, weil er selbst bei Pupswitzen nicht nur an den Lacher denkt, sondern auch an die Geschichte des Pupswitzes.

Und über „Flughunde“, die Graphic-Novel-Adaption von Marcel Beyers Roman durch die großartige Künstlerin Ulli Lust, mit der der schlingernde Suhrkamp-Verlag sich ziemlich eindrucksvoll im Bereich des visuellen Erzählens profliert:

„Flughunde“, eine verschachtelte, vielstimmige Erzählung aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kein leichtes Unterfangen, Beyer berichtet weder chronologisch, noch ist seine Perspektive immer so deutlich, dass eine eindeutige Bebilderung vertretbar wäre. Lust löst diese Problematik, indem sie tagebuchartige Passagen, surreale Bilder und den von ihr gewohnten reportagehaften Stil nebeneinander stellt, sie versucht gar keine einheitliche Bildsprache, sondern übernimmt Beyers Brüche und Uneindeutigkeiten in ihre ureigene Ästhetik.

Vergangenen Monat ist wenig passiert, hier, auf der Bandschublade. Kunststück, vergangenen Monat war ich ja mit den verehrten Kollegen auch damit beschäftigt, in der Nachbarschaft Les Flâneurs zum Laufen zu kriegen, da war wenig Zeit für leidenschaftliches Privatbloggen, und wirklich ein schlechtes Gewissen habe ich dabei auch nicht, Texte von mir gibt es ja weiterhin zu lesen. Wer beispielsweise einen längeren Artikel möchte, kann sich morgen die junge Welt kaufen, da gibt es nämlich meine Besprechung zur Ausstellung „Böse Dinge“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. (Wer nichts kaufen will, kann natürlich auch einfach hier auf den Link klicken.)

»Böse Dinge« gewinnt dort einen unwiderstehlichen Reiz, wo Pazaureks Kategorien auf heutige Produkte angewandt werden: Plötzlich steht man auf einem Trödelmarkt des Grauens, starrt einen Flaschenöffner aus einer Tierpfote an (»Wunderliches Material«), eine Europalette aus Mahagoni (»Materialprotzereien«) und einen Aschenbecher in Form eines weiblichen Unterleibs (»Konstruktions­attrappen und Künstlerscherze«). Und mittendrin plötzlich etwas, das eigentlich als gelungenes Design anerkannt gilt, das aber ebenfalls vor Pazaureks strengem Blick nicht besteht: Philippe Starcks Alessi-Zitronenpresse »Juicy Salif«, die in die Kategorie »Unzweckmäßigkeiten« fällt. Tja.

Was mich allerdings wirklich in meinem Selbstverständnis irritiert, sind die Besucherzahlen auf der Bandschublade im Mai. Die sind nämlich gestiegen, im Vergleich zum April. Will sagen: Wenn ich nichts schreibe, kommen mehr Leser. Die freuen sich dann, Hurra, endlich nichts neues zum Lesen, und tummeln sich auf alten Texten. Dann lass‘ ich es doch am Besten gleich bleiben, oder?

1. umag porno Vor Jahren schrieben Carsten Schrader, Alexander Rolf Meyer und ich einmal ein Dossier namens „Generation Porno“ im u_magazine, dem Vorläufer des heutigen uMag – einen Text daraus, Alex‘ „Beziehungsweise Porno“, findet man heute noch im Netz. Die Recherchen zu diesem Dossier machten damals großen Spaß – aber ich fürchte, der Googler suchte gar nicht nach unseren journalistischen Frühwerken, sondern nach einem Porno, der in dem istrischen Urlaubsort Umag spielt. Oder?

2. linksgrüne medienverschwörung ist ein Kampfbegriff, der hauptsächlich von weit rechts verwendet wird, meist von Leuten, die auch von „Gutmenschen“ sprechen und von „Systempresse“. Was mich daran erinnert: Ich wollte ja mal einen Leitfaden schreiben, an welchen Floskeln man die Neunazis erkennt.

3. videos von frauen die sich splitternackt ausziehen Ja, das habe ich auch schonmal gehört, dass es sowas geben soll.

4. reinhard stuth senator Der CDU-Politiker Reinhard Stuth war kurzzeitig Kultursenator in Hamburg, und zwar für gut sechs Monate ab Sommer 2010, im in Auflösung befindlichen schwarzgrünen Senat unter Christoph Ahlhaus. Stuth machte den Job so unvorstellbar schlecht, dass er wohl in keiner politischen Koalition je wieder ein Ministeramt führen dürfte. Hoffentlich.

5. sophie rois nippelig Bitte? Nippelig? (Klingt eigentlich recht herzig, das. Ich hoffe, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.)

6. rotkohl durcheinander rezept Ich würde den Rotkohl klein schneiden, kochen, Gewürze dazu, Flüssigkeit, vielleicht ein bisschen Wein und dann noch ein paar Kochbananen. Schon hat man ein großes Durcheinander. (In einem ähnlichen Kontext dürfte die Anfrage „rezept pfundfleisch“ enstanden sein.)

7. film gedreht im gängeviertel Fatih Akins „Soul Kitchen“ hat ein paar Szenen, die im Gängeviertel spielen: Die Hauptfigur wohnt da.

8. schorsch kamerun klug Ich würd‘ ja sagen: ziemlich.

30. Januar 2013 · Kommentare deaktiviert für Jenseits der Grenzen des Nationalen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

„Verrücktes Blut“ ist schuld. Mit dieser Produktion setzte das Berliner Ballhaus Naunynstraße vor zwei Jahren den Begriff „postmigrantisches Theater“ auf die Agenda – Migrationsprozesse sind demnach in Deutschland abgeschlossen, bleiben aber dennoch in der Lebensrealität der Zuwanderer spürbar. Das Theater soll diese Realität sowohl inhaltlich wie ästhetisch abbilden, und selbst wenn „postmigrantisches Theater“ als Genrebegriff zu hoch gehängt ist, liegt hier zweifellos Einiges im Argen. Wo die postmigrantische Generation längst in Kino, Kabarett, Tanz und Comedyszene angekommen ist, ist das deutsche Stadttheater weiterhin Hort kultureller Homogenität. Außer in der Kreuzberger Naunynstraße.

Ich habe in diesem sympathischen kleinen Blog schon mehrfach erwähnt, dass ich unzufrieden bin mit der nationalen Homogenität im deutschen Stadt- und Staatstheater, gerade wenn ich Stücke gesehen habe wie „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger multinationalen Gruppe Hajusom, oder „Open for everything“ von Constanza Macras‘ Gruppe Dorky Park. Weil ich bei solchen Arbeiten immer spürte, welche Kraft, welche Sinnlichkeit, auch welche Aggression in einem Multikulturalismus steckt, der die Grenzen des Nationalen überwindet. In der morgen erscheinenden Ausgabe von Theater heute habe ich unter dem Titel „Ihr werdet jetzt alle assimiliert!“ einen längeren Text über den Trend hin zum postmigrantischen Theater geschrieben, anlässlich des Kampnagel-Minifestivals „Krass“ Ende des vergangenen Jahres.

(In besagter Theater heute-Ausgabe findet man, ebenfalls von mir, Besprechungen zu „Männer Frauen Arbeit“ am Hamburger Schauspielhaus sowie zu „Die Affaire Rue de Lourcine“ am Theater Bremen, es gibt diesen Monat also recht viel Falk fürs Geld. Links sind, wie bei Theater heute üblich, nur für Abonnenten zugänglich.)

Edit: Fürs das aktuelle uMag habe ich ein Interview mit Constanza Macras geführt, in dem ich mit der Choreographin unter anderem über das Thema Migration rede.

Als ich vor einem knappen Jahr fürs uMag ein Interview mit Milo Rau und Jens Dietrich von der schweizerisch-deutschen Theater- und Recherchegruppe International Institute of Political Murder (IIPM) führte, war ich der Meinung, Raus Theater sei eine Variante der von mir geschätzten (wenn auch ein wenig zu häufig gesehenen) Rimini-Protokoll-Ästhetik: Stücke, die eine unglaublich aufwändige Recherche voraus setzen, bei denen lange Interviews geführt werden, Quellenforschung betrieben wird, Thesen aufgestellt und Thesen wieder verworfen werden, bevor man überhaupt etwas hat, das annähernd als Probe bezeichnet werden kann. Auf der Bühne entsteht dann Monate später etwas, das man nicht wirklich als theatrale Situation bezeichnen kann, zumindest nicht im traditionellen Sinn: Es geht eher um eine Art Vortragssituation, echte Menschen und keine Schauspieler (Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mag den Begriff „Laien“ nicht, er spricht von „Experten des Alltags“) dröseln da ein Thema auf, und am Ende hat man einen Erkenntnisgewinn. Ich kannte vor einem Jahr das Stück „Die letzten Tage der Ceausescus“ vom IIPM, ein Nachspielen des Prozesses gegen den rumänischen Diktator, und irgendwie erschien mir das vom Ansatz her vergleichbar.

Milo Rau wehrte sich gegen diesen Vergleich. Mir war Rau während des Gesprächs nicht unbedingt sympathisch, da sollte man sich als Journalist frei von machen, aber man kann sich letztlich nicht ganz frei machen, man kann nur versuchen, sich im Text dann gegen diese Beeinträchtigung zu wehren, trotzdem objektiv zu bleiben. Jedenfalls: Ich nahm Raus Verwehren gegen den Rimini-Protokoll-Zusammenhang nicht ganz ernst, mir kam das vor als ob da ein Nachwuchskünstler Angst davor hatte, als Epigone mit einem schon etablierten Künstler in eine Schublade gesteckt zu werden. Entsprechend schaute ich mir „Hate Radio“, das Stück, das Anlass meines Interviews gewesen war, auch erstmal nicht an, ich verpasste den Hype, der sich daraufhin um die Aufführung entwickelte, ich beobachtete aus der Ferne, wie innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Feuilletons über das IIPM berichteten, wie „Hate Radio“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde (was für eine freie Produktion mehr als überraschend kam), wie die Inszenierung mehrfach in der Theater heute-Kritikerumfrage der vergangenen Saison genannt wurde. Und ziemlich schnell war klar: Bei der nächsten Gelegenheit muss ich mir das Stück doch noch ansehen. Die nächste Gelegenheit: ein Dreivierteljahr nach der Premire auf Kampnagel.

„Hate Radio“ verhandelt den Genozid in Ruanda (1994), ein Thema, mit dem ich mich zur Vorbereitung des IIPM-Interviews recht umfangreich beschäftigt hatte. Mehr oder weniger gesichert schien mir bei dieser Beschäftigung vor allem eines: Man kann bis heute nur schwer sagen, was damals eigentlich passierte, in diesem winzigen zentralafrikanischen Land, weswegen Nachbarn, die bislang friedlich zusammengelebt hatten, plötzlich anfingen, einander umzubringen. Milo Rau sucht hier ebenfalls nicht nach Antworten, stattdessen konzentriert er sich auf den ruandischen Radiosender Radio Television Libre des Mille Collines (PDF-Link), was er im uMag-Interview erklärte:

RTLM war eine Radiostation, in der ein Prozess der Globalisierung stattfand (…). Die spielten nicht nur zentralafrikanische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt. Man hat MC Hammer gehört, man hat Nirvana gehört, man hat die gleiche Musik gehört wie bei uns, nur sind in Ruanda andere Dinge passiert.“ Über das Programm eines Radiosenders in Kigali stellt Rau eine Verbindung zu seiner eigenen Kindheit her: Rau wurde 1977 in Bern geboren, wuchs in St. Gallen auf und hörte als 17-jähriger Schweizer praktisch die gleiche Musik auf DRS 3 wie der 17-jährige Hutu auf RTLM. Wobei der Hutu nach Sendeschluss loszog, um seine Tutsi-Nachbarn abzuschlachten.

„Hate Radio“ besteht (neben einer kurzen Einführung in die Hintergründe des Ruanda-Konflikts) vor allem aus dem detailgetreuen Nachstellen einer einstündigen RTLM-Radiosendung. Drei Moderatoren und ein DJ spielen Popmusik, beantworten Hörerfragen, verlesen Nachrichten und veranstalten ein Quiz. Und außerdem hetzen sie gegen die „Fremden“, gegen die Tutsi, die sie konsequent „Kakerlaken“ nennen. Und während des Stücks wird klar, weswegen Rau nicht in einer Reihe mit Riminin Protokoll stehen möchte. Während Rimini Protokoll die theatrale Situation unterlaufen, baut das IIPM theatrale Situationen nach: Gerichtsverhandlungen, Radiosendungen, das sind ja schon Inszenierungen. Ein Stück wie „Hate Radio“ ist keine Geschichtsstunde, es vollzieht vielmehr nach, welche Prozesse innerhalb solcher Inszenierungen ablaufen.

Man versteht nicht viel mehr über Ruanda, nachdem man „Hate Radio“ gesehen hat, aber man versteht etwas über die Manipulation von Massen. Mir ist das Stück nahe, weil es mich bei meiner Skepsis gegenüber Popkultur abholt: Pop ist in meinen Augen immer Propaganda, hierzulande erstmal nur für eine widerwärtige Konsumgesellschaft, 1994 in Ruanda für den Völkermord. Pop braucht dafür nicht einmal andere Formen, andere Strukturen, andere Inhalte, Pop funktioniert genau gleich. Rape me.

Foto: (c) Daniel Seiffert

31. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für In der Wildnis · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation „Hahaha – Ahahah“)

08. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Kassel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

Es ist ein Missverständnis, dass es hier darum ginge, Kunst anzuschauen – was Kunst zurzeit kann, sieht man besser bei der Biennale von Venedig (staatstragend!), der Art Cologne (erfolgreich!) oder bei der Berlin Biennale (streitbar!). Die documenta war immer schon Sand im Getriebe solcher Leistungsschauen; weil Kunst aber im Laufe der Jahre zum globalisiserten Mainstream wurde, ist der Sand mittlerweile wichtiger als das Getriebe selbst. Bei der documenta geht es entsprechend weniger um den Stand der zeitgenössischen Kunst als vielmehr um den Stand des Nachdenkens über Kunst.

Dieses Wochenende eröffnet die 13. documenta in Kassel, und natürlich werde ich während der kommenden 100 Tage ins Nordhessische fahren. Obwohl Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mir nach diversen durchaus irritierenden Vorabberichten so sehr auf den Keks geht, dass ich mich frage, ob ich wirklich soll. Klar soll ich. Und zur Einstimmung habe ich mir im aktuellen uMag ein paar Gedanken gemacht.

26. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Don’t believe the Hype · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

„Ein politischer Kurator zu sein, bedeutet für uns, jenseits der linken Position zu stehen, die Kunst mit dem richtigen Bewusstsein zeigt“, sagt Warsza. „Es bedeutet, dass man sich widersprechende Sichtweisen akzeptiert und in die Ausstellung einlädt.“

Die Berlin Biennale ist so eine Kunstausstellung, mit der ich wohl nie fertig werde. Eine Ausstellung, bei der ich hin- und hergerissen bin zwischen der Begeisterung für meist recht spannende Kunst, dem Interesse für die angestoßenen politischen Diskurse und der Abscheu gegen den Hype. Morgen startet die mittlerweile siebte Auflage (ja: Die Berlin Biennale ist auch ein Gradmesser für die Tatsache, dass ich nicht mehr jung bin), ich habe im Vorfeld ein Gespräch mit der Co-Kuratorin Joanna Warsza fürs April-uMag geführt (das ironischerweise seit heute nicht mehr aktuell ist). Und natürlich werde ich bei Zeiten hinfahren und was drüber schreiben. Wen interessiert, wie ich es vor zwei Jahren fand: Auch damals habe ich schon gebloggt.

Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur „Ratte“ wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Mal ehrlich: Ist das doof, wenn ich hier ständig auf Seitensprünge verlinke, also, auf Texte, die ich anderswo veröffentlich habe? In diesem Fall: auf meine Besprechung von „Insisitieren“, dem neuen Stück von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, das gestern abend auf Kampnagel Premiere hatte und das ich heute früh auf nachtkritik.de besprach? Oder ist das vielleicht trotzdem okay, weil: Ich habe ja nur ein bestimmtes Maß an Worten, irgendwann versiegt der kreative Fluss, und dieses Maß ist ja eigentlich reserviert für meinen Brotjob, dann für die Abnehmer, die mir ein bisschen Geld pro Text zahlen, und wenn dann noch was über ist, dann kommt das in dieses kleine, lustige Blog, die Kür, die Bandschublade. Weil gerade aber ziemlich viel andernorts los ist, würde die Bandschubalde verwaisen, und das will doch auch niemand, oder? Also: Linkschleuder, für die, die das mögen.

Außerdem verweise ich auf ein recht spannendes Interview, das ich vergangenes Jahr mit Monika Gintersdorfer fürs uMag geführt habe.

23. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo wollte ich hier eigentlich hin? · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , ,

Ein Kreuzberg-Mädchen betritt das Café: asymmetrischer Haarschnitt, Schal, Rock, Stiefel. Das Mädchen flüstert. Über Selbstzweifel, über Gentrifizierung, über seine geplante Kunstaktion an den Berliner sophiensælen: „Es sind Objekte da, die Objekte sind sehr wichtig, genauso wichtig wie die Personen. Wir haben auch Sound, und es gibt auch Gesprochenes.“ Das Mädchen ist Anne Tismer, eine Frau von fast 50 Jahren, Mutter einer erwachsenen Tochter. Natürlich ist es nicht fair, sie als Mädchen zu bezeichnen.

Aufgabe: während eines Interviews dem Interviewten möglichst nahe zu kommen, möglichst viel innerhalb der bestenfalls 60 Minuten zu erfahren, die man mit dem Interviewten verbringt. Problem: wenn man dem Interviewten plötzlich zu nahe ist. Fürs aktuelle uMag habe ich mich mit der geschätzten, verehrten Berliner Künstlerin Anne Tismer getroffen, ein sehr gutes, sehr schwieriges Gespräch mit ihr geführt – und am Ende einen Text veröffentlicht, bei dem ich jetzt, wo ich ihn ein weiteres Mal lese, den Eindruck habe, dass mir ein wenig verloren gegangen ist, wo ich eigentlich hin wollte. Und bei dem ich irgendwie die gesunde Distanz vermissen lasse.

Was nichts daran ändert, dass ich Anne Tismer sehr, sehr toll finde.


Auch ich habe mich durchzuschlagen versucht, frei. Also, während des Studiums ohnehin, was man ja nicht wirklich frei nennen konnte, abends auf eine Vernissage schlappen, zwei, drei Fotos knipsen, dann ein paar Sätze fabulieren, am nächsten Morgen in die Redaktion bringen und dann ab zur Vorlesung – das ist ein Nebenjob, nicht mehr. Aber nach dem Abschluss versuchte ich es tatsächlich, in dem Sinne, dass ich davon leben wollte, freier Journalist zu sein. Finanziell war natürlich ein Witz, was da rüber kam, abgemildert nur durch die Tatsache, dass man ja nicht viel brauchte, in den späten Neunzigern in Berlin. Und: Es funktionierte, irgendwie, ich bekam meine Texte durchaus los. (Allerdings auch an Läden wie die inhaltlich geschätzte junge Welt, deren Zahlungsmoral, sagen wir mal: diskutabel war.)
Irgendwie funktionierte es, für mich war das trotzdem nichts. Ich wollte dazu gehören, und als freier Journalist ist man selbstständiger Unternehmer (ha!), gehört also naturgemäß nirgendwo dazu. Ich aber sehnte mich nach dem beruflichen Austausch mit Leuten, die ähnlich dachten wie ich, ich sehnte mich nach Redaktionskonferenzen, nach Weihnachtsfeiern, nach einem Büro, einer beruflichen E-Mail-Adresse, nach einem Schreibtisch. Dazu kam, dass „freier Journalist“ klingt, als ob man ungebunden sei, nur seiner Kunst verpflichtet – in Wahrheit macht man aber vor allem Akquise. Das heißt, man ruft Redakteure an und versucht, denen die Vorstellung schmackhaft zu machen, dass man bei ihnen etwas veröffentlicht. Man putzt Klinken. Und das macht man mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, klar, nichts würde dem Blatt so gut zu Gesicht stehen wie ein Artikel von mir! (Leute, deren Grundcharakterzug der Selbstzweifel ist, sind für solch einen Job nicht geschaffen. Wirklich nicht.)
Mit anderen Worten: Ich bemühte mich um Volontariate, ich bemühte mich verzweifelt, in eine Redaktion reinzukommen, schließlich nahm ich tatsächlich ein Arbeitsangebot an, so grauenhaft und unpassend, man mag es gar nicht erzählen. Und landete über kurz oder lang wirklich im festen Hafen, erst als Volontär, dann als Redakteur. Und da bin ich jetzt.

Ach.

Ich mache das gerne, hier, beim uMag. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, über Theater und über Kunst also, ich lerne ständig interessante Menschen kennen, ich mag meinen Job. Fuck Freiheit, ich bin doch frei in der Redaktion, viel freier als zu Zeiten des Freelancertums, will sagen: Ich suche mir spannende Sujets aus, und zu denen arbeite ich dann. Ist gut, wirklich. Genau so habe ich es mir gewünscht, damals, als ich verzweifelt auf der Suche nach den offenen Armen einer Redaktion war.
Aber irgendetwas stimmt nicht. Das liegt nicht an den Arbeitsumständen, die könnten, wie gesagt, nicht besser sein. Es liegt vielleicht wirklich daran, fest angestellt zu sein. Womöglich tut das meinem Journalismus nicht immer gut, er wird satt, er wird selbstgefällig. Und dann sehe ich unsere Ex-Grafikerin I., die seit einiger Zeit frei arbeitet, ich sehe, wie I. aufblüht. Und dann sehe ich Isabel Bogdan, die frei arbeitet, in einer anderen Branche zwar, als Übersetzerin, aber ich sehe auch, was für wunderbare Kolumnen sie regelmäßig schreibt, so neben dem Job und leichthändig und voller Freude am kreativen Ausprobieren. Und dann stelle ich fest, dass mir hier etwas fehlt: Ausbrüche aus dem Beruf.
Ich bastle mir Fluchten. Eine Flucht ist das hier: die Bandschublade. Ein kleiner Kasten, in dem ich eigentlich gar nicht so viel anderes mache wie im Brotjob, andererseits: mit einem Seitensprung macht man ja auch nichts wirklich anderes als im Beziehungsalltag, oder? Eine andere Flucht sind kleine, manchmal sogar unentgeltliche Jobs, die ich nebenbei mache: Es hat mir Spaß gemacht, Publikumsgespräche auf Kampnagel zu moderieren, auch wenn das vielleicht keine Sternstunden der Dramaturgie waren. Es hat mir Spaß gemacht, einen Aufsatz für ein Buch des Fotografen Christian Reister zu schreiben, auch wenn das meine professionelle Distanz ziemlich angegriffen hat. Und es hat mir vor allem Spaß gemacht, all das auszuprobieren, obwohl ich weiter im sicheren Hafen der Festanstellung blieb, also nicht verzweifelt den Honraren hinterherrennen musste. Und irgendwie frage ich mich: Ob das das allerschlechteste Modell ist? Zweigleisig zu fahren?

2011 war ein Jahr der Abstürze für mich, ein Jahr des Steckenbleibens, alles in allem: kein gutes Jahr. 2012 könnte ein Jahr des Aufbruchs sein, ein Jahr der Versuche, ein, zwei Schritte auf unsicherem Terrain. 2012 könnte ich Sachen ausprobieren, hier einen Text in einem fremden Medium schreiben, hier eine Moderation versuchen, was könnte ich noch machen? Vielleicht mal etwas ganz anderes?
2012 könnte ich Ideen entwickeln.