
Auch ich habe mich durchzuschlagen versucht, frei. Also, während des Studiums ohnehin, was man ja nicht wirklich frei nennen konnte, abends auf eine Vernissage schlappen, zwei, drei Fotos knipsen, dann ein paar Sätze fabulieren, am nächsten Morgen in die Redaktion bringen und dann ab zur Vorlesung – das ist ein Nebenjob, nicht mehr. Aber nach dem Abschluss versuchte ich es tatsächlich, in dem Sinne, dass ich davon leben wollte, freier Journalist zu sein. Finanziell war natürlich ein Witz, was da rüber kam, abgemildert nur durch die Tatsache, dass man ja nicht viel brauchte, in den späten Neunzigern in Berlin. Und: Es funktionierte, irgendwie, ich bekam meine Texte durchaus los. (Allerdings auch an Läden wie die inhaltlich geschätzte junge Welt, deren Zahlungsmoral, sagen wir mal: diskutabel war.)
Irgendwie funktionierte es, für mich war das trotzdem nichts. Ich wollte dazu gehören, und als freier Journalist ist man selbstständiger Unternehmer (ha!), gehört also naturgemäß nirgendwo dazu. Ich aber sehnte mich nach dem beruflichen Austausch mit Leuten, die ähnlich dachten wie ich, ich sehnte mich nach Redaktionskonferenzen, nach Weihnachtsfeiern, nach einem Büro, einer beruflichen E-Mail-Adresse, nach einem Schreibtisch. Dazu kam, dass “freier Journalist” klingt, als ob man ungebunden sei, nur seiner Kunst verpflichtet – in Wahrheit macht man aber vor allem Akquise. Das heißt, man ruft Redakteure an und versucht, denen die Vorstellung schmackhaft zu machen, dass man bei ihnen etwas veröffentlicht. Man putzt Klinken. Und das macht man mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, klar, nichts würde dem Blatt so gut zu Gesicht stehen wie ein Artikel von mir! (Leute, deren Grundcharakterzug der Selbstzweifel ist, sind für solch einen Job nicht geschaffen. Wirklich nicht.)
Mit anderen Worten: Ich bemühte mich um Volontariate, ich bemühte mich verzweifelt, in eine Redaktion reinzukommen, schließlich nahm ich tatsächlich ein Arbeitsangebot an, so grauenhaft und unpassend, man mag es gar nicht erzählen. Und landete über kurz oder lang wirklich im festen Hafen, erst als Volontär, dann als Redakteur. Und da bin ich jetzt.
Ach.
Ich mache das gerne, hier, beim uMag. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, über Theater und über Kunst also, ich lerne ständig interessante Menschen kennen, ich mag meinen Job. Fuck Freiheit, ich bin doch frei in der Redaktion, viel freier als zu Zeiten des Freelancertums, will sagen: Ich suche mir spannende Sujets aus, und zu denen arbeite ich dann. Ist gut, wirklich. Genau so habe ich es mir gewünscht, damals, als ich verzweifelt auf der Suche nach den offenen Armen einer Redaktion war.
Aber irgendetwas stimmt nicht. Das liegt nicht an den Arbeitsumständen, die könnten, wie gesagt, nicht besser sein. Es liegt vielleicht wirklich daran, fest angestellt zu sein. Womöglich tut das meinem Journalismus nicht immer gut, er wird satt, er wird selbstgefällig. Und dann sehe ich unsere Ex-Grafikerin I., die seit einiger Zeit frei arbeitet, ich sehe, wie I. aufblüht. Und dann sehe ich Isabel Bogdan, die frei arbeitet, in einer anderen Branche zwar, als Übersetzerin, aber ich sehe auch, was für wunderbare Kolumnen sie regelmäßig schreibt, so neben dem Job und leichthändig und voller Freude am kreativen Ausprobieren. Und dann stelle ich fest, dass mir hier etwas fehlt: Ausbrüche aus dem Beruf.
Ich bastle mir Fluchten. Eine Flucht ist das hier: die Bandschublade. Ein kleiner Kasten, in dem ich eigentlich gar nicht so viel anderes mache wie im Brotjob, andererseits: mit einem Seitensprung macht man ja auch nichts wirklich anderes als im Beziehungsalltag, oder? Eine andere Flucht sind kleine, manchmal sogar unentgeltliche Jobs, die ich nebenbei mache: Es hat mir Spaß gemacht, Publikumsgespräche auf Kampnagel zu moderieren, auch wenn das vielleicht keine Sternstunden der Dramaturgie waren. Es hat mir Spaß gemacht, einen Aufsatz für ein Buch des Fotografen Christian Reister zu schreiben, auch wenn das meine professionelle Distanz ziemlich angegriffen hat. Und es hat mir vor allem Spaß gemacht, all das auszuprobieren, obwohl ich weiter im sicheren Hafen der Festanstellung blieb, also nicht verzweifelt den Honraren hinterherrennen musste. Und irgendwie frage ich mich: Ob das das allerschlechteste Modell ist? Zweigleisig zu fahren?
2011 war ein Jahr der Abstürze für mich, ein Jahr des Steckenbleibens, alles in allem: kein gutes Jahr. 2012 könnte ein Jahr des Aufbruchs sein, ein Jahr der Versuche, ein, zwei Schritte auf unsicherem Terrain. 2012 könnte ich Sachen ausprobieren, hier einen Text in einem fremden Medium schreiben, hier eine Moderation versuchen, was könnte ich noch machen? Vielleicht mal etwas ganz anderes?
2012 könnte ich Ideen entwickeln.
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