04. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Aufwachen und den Bodden sehen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,

Dieses Meer ist kein Meer. Dieses Meer ist ein Bodden, Brackwasser, ein Teil Salz-, ein Teil Süßwasser. Dieses Meer hat keine Gezeiten, keine Dünung, keine Schlünde, dieses Meer ist ein bis drei Meter tief, ist schlammig und fischreich. Kaum Schiffe, mal ein Schlauchboot, mal eine alte Yacht aus den 60ern, eine Yacht aus der DDR, mal eines der speziellen Fischerboote, ein Zeesboot, kaum Tiefgang, zieht ein Schleppnetz über den Boden (über den Boddenboden, hihi). Eine Handvoll Häfen, eigentlich: kleinste Unterbrechungen im Schilfgürtel, minimalst befestigte Hafenbecken, heute legt ohnehin niemand mehr an. Dieses Meer ist verzaubert.

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Diese Insel ist keine Insel. Es ist eine Halbinsel, nein, es sind drei Halbinseln, miteinander verwachsen, an ihren schmalsten Stellen jeweils nur ein paar hundert Meter breit. Auf der einen Seite Bodden, auf der anderen offene See, naja, offene Ostsee halt. Auch die nur ein Gewässer, aber immerhin. Die Ostsee tut, was sie kann, sie glänzt sommerlich, wo doch schon Oktober ist, ihr Strand ist warm, nackte, kleine Kinder lachen, und einmal kommt sogar ein Eismann auf einem Elektrocar vorbei. Ein paar Leute sind auch im Wasser, Männer meist, schon etwas ältere, sehr, sehr dünne Männer, sie schwimmen prustend lange Strecken, wahrscheinlich trinken sie nie Alkohol, essen nie fett und werden 100. Eine Frau schwimmt ebenfalls, sie schwimmt sehr weit raus, fast sehe ich sie nicht mehr, ich mache mir Sorgen, aber unendlich langsam taucht sie wieder auf. Die Ostsee ist friedlich heute, das ist der Preis für das gute Wetter: Es gibt kein echtes Meeresrauschen, nur eine leichte, kaum spürbare Dünung, ein ganz klein wenig stärker als drüben im Bodden.

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Ein paar Meter entfernt liegen zwei Frauen im Sand. Die Dunkelhaarige steht auf, geht ins Wasser, die Blonde schläft, eine, zwei Minuten. Dann schreckt sie auf, schaut aufs Meer, weit draußen, auf einer Sandbank, auf der man fast trockenen Fußes stehen kann, umarmen sich die Dunkelhaarige und eine dritte Frau, küssen sich, halten einander an den Händen. Die Blonde schaut, dann holt sie eine Kamera aus ihrem Rucksack, eine Kamera mit riesigem Objektiv. Erst macht sie Fotos von den Beiden auf der Sandbank, dann stochert sie mit den Zehen ein wenig im Sand, schließlich kommen die zwei Frauen zurück. Kurz sprechen die drei miteinander, dann legen sich die zwei von der Sandbank hin, die Blonde bleibt am Meer stehen, schaut auf ihre Füße, ins Wasser, versucht noch ein paar Fotos.

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120000 Kraniche, mindestens. Mehr als meine Heimatstadt Einwohner hat. Meine little big City Ulm, ein Kranichulm schwebt hier ein, auf dieser Insel, die keine Insel ist, frisst sich drei, vier Wochen auf den Feldern voll und zieht weiter, Richtung Afrika. Kranichulm schwebt kreischend über unserem Ausflugsboot, ein Schwarm, noch ein Schwarm, meine Güte, wie viele.

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Aufwachen und den Bodden sehen. Noch einmal einschlafen.

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Isabel Bogdan, übrigens, war auf einer richtigen Insel, im richtigen Meer (zum ersten Teil ihres lesenswerten Berichts geht es hier). Die gönne ich ihr.

Meine Mutter erzählt, dass ich schon recht früh gewusst hätte, was ein gelungener Familienurlaub sei. „In die Berge“ habe ich gewollt, mit großen Augen, also wurde viel in die Berge gefahren, ins Allgäu und nach Südtirol, auch mal nach Korsika, und jedes Mal sei ich begeistert gewesen. Bis auf das erste Mal im Winter, aber das scheint ein Missverständnis gewesen zu sein, ich hatte mich nach der Ankündigung, in die Berge zu fahren, auf ein Auffrischen der Erfahrungen vom Sommer gefreut, grüne Wiesen, nette Kühe, so in etwa, nicht aber von kaltem Pappschnee bedeckte Almen. Wie dem auch sei, ich wünschte mir, in die Berge zu fahren, meine Eltern hatten da auch nichts gegen, alle waren glücklich.
Zumindest zu Anfang. Je älter ich wurde, desto anstrengender schienen die Bergurlaube für meine Eltern zu werden. Für sie hieß „In die Berge“ Urlaub, zur Not mochte zwar auch einmal ein Gipfel bestiegen werden, alles in allem aber ging es um Erholung. Für mich hieß „In die Berge“ schon irgendwo Sport, immer weniger wollte ich einsehen, weswegen man einen Tag im Tal verbringen sollte, ein hübsches mittelalterliches Städtchen besichtigen, eine Burg oder ein Museum, wenn man doch auch auf den Berg steigen könnte. Über kurz oder lang musste ich mir Bergkameraden suchen, die nicht meine Eltern waren.
Mit Z., der mir aus der unrühmlichen Zeit bei den Pfadfindern geblieben war, ging ich zum Alpenverein, einen Einsteigerkurs belegen. Einsteigerkurs, das hieß: erste Wanderungen im Tiroler Grenzgebiet, Kletterübungen an den Felsen im Blautal, alles unter Anleitung von M., einem älteren Handwerker. M. machte seinen Job nicht schlecht, ich hatte Angst, in der Felswand zu hängen, aber am Ende konnte ich es. Z. hingegen lästerte über M.: Die Wanderungen nervten ihn, das Klettern sei nur was für Weicheier, ohnehin sei Bouldern viel besser als Klettern. Bouldern, das bedeutet, ohne Seil an kleineren Felsen höchstens zwei, drei Meter über dem Boden zu kraxeln, ich fand das sterbensöde. Ich wollte rauf auf den Fels, nicht ewig lange an einer Nahtstelle rumbosseln, das war für mich höchstens eine Aufwärmübung (und außerdem viel zu anstrengend, als dass ich mich darauf längere Zeit eingelassen hätte). Dass Z. und ich uns auseinanderlebten, lag auch an anderen Gründen, die Frage, ob man nun wandern sollte oder bouldern, trug aber ihren Teil bei.
Obwohl Z. übrigens böse über M. herzog, mochte dieser Z. Wen M. nicht mochte, das war ich. Überhaupt: Ich blieb einige Jahre beim Alpenverein, wurde aber nie warm mit diesen Menschen, die streng heterosexuell waren, konservativ, auch spießig. Weswegen ich aus Süddeutschland wegziehen wollte, verstanden sie nicht, war doch jeder Meter in Richtung Norddeutschland ein Meter weg von den Alpen. Warum ich nicht zum Bund wollte, war ihnen nicht klar, hätte ich dort doch zu den Gebirgsjägern gekonnt. Und dass ich damals für die Grünen trommelte, kapierten sie auch nicht, wollten die Grünen doch Kletterfelsen unter Naturschutz stellen und damit das Klettern verbieten. Meine Liebesgeschichte mit den Bergen, ein einzig großes Missverständnis. Ich ließ das Wandern dann auch entsprechend bleiben, kaum zog ich zum Studium aus Süddeutschland weg.

Vor einigen Jahren fing ich wieder an. Es geht mir immer noch darum, auf den Berg raufzukommen, es geht immer noch nicht um Erholung, aber es ist kein Sport mehr, ich will keine Höchstleistungen erringen. Ich will einfach nur laufen, auf den Berg. Vielleicht fühle ich mich deswegen auf der Kanareninsel Gomera so wohl: Gomera hat Berge, mehr oder weniger. Aber in Sichtweite steht der Teide auf der Nachbarinsel Teneriffa, 3718 Meter hoch, da scheinen die Berge auf Gomera mit ihren nicht einmal 1500 Höhenmetern fast wie Hügel. Aber Vorsicht, Gomera hat ja alles: Felsgerippe, tiefe Schluchten, sogar einen Urwald. Grundsätzlich ist es einem auch egal, ob man in eine Felsspalte stürzt, die 1000 Meter tief ist oder in eine von 500 Metern. Gomera ist keine Schnullipulliinsel, sie hat ihre Reize, aber diese Reize haben keinen Eventcharakter.
Ich will keinen falschen Eindruck erwecken. Als ich auf Teneriffa war, blieb mir der Mund offen stehen, in der Vulkanwüste Canadas de Teide, das war ein tolles Erlebnis. Allerdings fährt man auf gut ausgebauten Straßen in die Canadas, mit unzähligen Mietwagen, mit unzähligen Ausflugsbussen. Es gibt dort die Felsformation Rogues Garcia, darunter den wirklich beeindruckenden Fels La Catedral, und dieser Fels hängt voller muskulöser, stylisher junger Menschen. Sie bouldern. Und später fahren sie mit ihren Mietwagen runter ans Meer, um zu surfen, nehme ich an. Auf Gomera dagegen bouldert niemand. Nirgends sehen die Felsen auf Gomera so spektakulär aus wie La Catedral, und das tut Gomera gut. Wer hier wandert, der macht keinen Sport, der will irgendetwas anderes von der Insel. Was, das habe ich noch nicht rausgefunden.
Aber es ist schön.

(Das Bild zeigt den Rogue de Agando auf La Gomera, knapp über 1000 Meter hoch. Früher konnte man an seinen Hängen klettern, heute ist das aus Naturschutzgründen verboten. Aber schöne, spannende Wanderungen lassen sich in seiner Umgebung machen. Und toll aussehen tut der Berg ohnehin.)