Ich war noch nie in einem New-Burlesque-Club. Das ist bemerkenswert, lebe ich doch in einer Stadt, die für sich in diesem Bereich eine deutschlandweite Vorreiterrolle reklamiert, andererseits: Was reklamiert Hamburg nicht alles für sich, vielleicht ist das ja auch nur Geschwätz, und die Clubs sind gefüllt mit hemmungslosem Feierpublikum, Touristenschwaden, die nackte Haut sehen wollen, wer weiß. Das Queen Calavera, angeblich der beste Burlesque-Laden der Stadt, sollte jedenfalls an Wochenenden gemieden werden, von wegen Touristen-, Pinneberger- und Alkopop-Horden. Aber ich kenne den Laden ja ohnehin nicht.

Was ich seit Freitag kenne, ist Katharina Bosses Fotoserie „New Burlesque“. Weil die 42-Jährige nämlich noch bis 15. Januar bei Robert Morat ausstellt, außer „New Burlesque“ auch noch ein paar Bilder aus der Serie „Portrait of the artist as a young mother“ sowie Blumenbilder, sehr weiblichkeitsmystisch die einen, sehr formalistisch die anderen, beides nicht wirklich was für mich. Berührt haben mich hingegen die „New Burlesque“-Bilder, in ihrer ultrakünstlichen Buntheit, in ihrer Ironie, in ihrer Feier des unauthentischen Körpers. Und hier muss ich ein wenig ausholen.
New Burlesque, das ist Striptease. Und auch wieder nicht. Striptease ist eine Dienstleistung, deren Ziel Erregung ist, also, Erregung eines primär männlich-heterosexuellen Publikums. New Burlesque versteht sich nicht als Dienstleistung, sondern als Lust an der Erregung. Der Tanz ist hier nicht in erster Linie zielgerichtet: Das Ziel im Striptease wäre, offen gesprochen, die Erektion des Betrachters, im New Burlesque geht es eher um einen Spaß auf beiden Seiten, der Zuschauer soll sich ebenso amüsieren wie die Tänzerin. Zudem findet New Burlesque zumindest im Idealfall nicht in der hochkapitalisierten Welt statt, in der Striptease oft zu Hause ist, die Tänzerinnen sind hier ihre eigenen Unternehmerinnen, die die Einnahmen entsprechend behalten. Außerdem gibt es ein paar signifikante ästhetische Unterschiede: Zwar ziehen sich auch Burlesque-Tänzerinnen aus, allerdings nicht völlig – die Brustwarzen bleiben bedeckt, der Slip bleibt an. Und schließlich zeichnen sich Burlesque-Tänzerinnen dadurch aus, dass ihre Körper nicht normiert sind: Sie sind zwar nicht grotesk überzeichnete Körper (wie man sie in manchen Nischenbereichen der Pornographie findet), sie sind aber auch nicht die in ein ganz festes Schema gepressten Hardbodies der gängigen Erotikindustrie. Es sind: Frauen, mit Brüsten und Schenkeln und Polstern an Stellen, an denen andere Frauen unter Umständen keine Polster haben. Was nicht zum Trugschluss verführen sollte, dass wir es hier mit echten, also: authentischen Körpern zu tun haben würden. Im Gegenteil bewegen wir uns in einer durch und durch künstlichen Welt, die Frauen sind stark geschminkt, gestylt, tragen Schuhe, bei denen jeder Orthopäde Weinkrämpfe bekommen müsste.
Dieses Spiel mit Unauthetizität auf der einen, Ablehnung von strengen Normierungen auf der anderen Seite betont Cécile Camart in ihrem Text zu Bosses Serie:

Die spezifische Besonderheit der Welt des Burlesque, so wie sie von zeitgenössischen amerikanischen Darstellern neu interpretiert wird und die Katharina Bosse uns vorführt, ist von Hause aus ein Paradox : das der Verfremdung, der Defokussierung, manchmal bis zur Unendlichkeit.

Das macht New Burlesque noch nicht zur explizit politischen Aktion. Das Verhältnis von New Burlesque zum Mainstream-Erotik-Entertainment lässt sich vielleicht besser mit dem von Twee-Pop zur Musikindustrie vergleichen: Twee macht Spaß, Twee steht irgendwie außerhalb der üblichen Pop-Hierarchien, Twee will aber nichts wirklich umstürzen. Und so wie es im Twee-Pop Bands wie die Puppini Sisters gibt, gibt es im New Burlesque dann eben auch Dita von Teese: den Absturz einer Subkultur in den absolut massentauglichen, vulgären und ästhetisch wie politisch vollkommen uninteressanten Mainstream. Der dann das Einfallstor bietet für die Pinneberger, die wochenends Burlesque-Clubs auf der Reeperbahn stürmen und Ärger machen, wenn zum Showende der Slip nicht fällt.

Aber Katharina Bosse fotografiert keine Dita von Teese. Katharina Bosse fotografiert Babette LaFave, Candy Whiplash und The World Famous *Bob*, US-Amerikanerinnen, in vollem Wichs, aber nicht auf der Showbühne, sondern in typisch amerikanischen Suburbs, auf Parkplätzen, in Vorgärten, in Einfamilienhäusern. Eine Bruchlinie, eine Irritation: der unauthentische Körper in der unauthentischen Idylle.

Die Abbildung zeigt Katharina Bosses Fotografie der Tänzerin Dirty Martini aus der Serie „New Burlesque“. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

13. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Hüpfen! · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Foto: Jürgen Wittner

Ich kenne diese Installation schon. Das „White Bouncy Castle“ von William Forsythe, Dana Caspersen und Joel Ryan tourt schon seit Jahren durch Europa, 1999 stand es im Bockenheimer Depot in Frankfurt, damals flog ich erstmals durch die überdimensionale Hüpfburg. Ein Wunder. Unbeschreiblich. Sobald man einen ersten Schritt macht, vom festen Boden aufs nachgiebige Luftkissen, durchströmt einen ein Glücksgefühl, anders kann man es nicht sagen.

Seit gestern steht die Hüpfburg in den Hamburger Deichtorhallen, bis Mitte September. Und gestern eröffnete in der Hüpfburg das Internationale Sommerfestival, ein uneingeschränkt empehlenswertes Theater-, Musik- und Politikfestival. Also, die Hüpfburg, wie in Frankfurt, eigentlich: Die gesamten Senatsempfangsanzugträger, die Canapé-Junkies, die Redenschwinger standen aggressiv und muffig im Eingang zur Burg, warteten darauf, dass die Security endlich den Zugang freigab. Und waren glücklich, vom ersten Moment auf dem Luftkissen an, hüpften, hüpften, flogen.

(Am späteren Abend zeigten noch die großartigen Nature Theatre of Oklahoma ihr Stück „Life and Times“. Vielleicht schreibe ich darüber ja auch nochmal was. Wenn ich vor lauter Festivalstress dazu komme, dieses Wochenende ist ja auch Dockville. Und nächste Woche gibt die New Yorker Big Art Group ihr sehr schönes Stück „The Sleep“, zu dem am Donnerstag im Anschluss ein Publikumsgespräch stattfindet. Moderiert von, äh, mir.)

Mir, natürlich, ist das alles zu bunt. Jon Burgerman ist auf eine Weise Pop Art, wie sie eigentlich schon in Burgermans Geburtsjahr 1979 niemand mehr sehen wollte: niedlich, fröhlich, buntbuntbunt. Auf den ersten Blick erinnert Burgermans Ausstellung in der Hamburger Gallerie Heliumcowboy Artspace an Keith Haring, und Haring ist immerhin seit über 20 Jahren tot.

Burgermans „Lossy Botany Lab“ versammelt großformatige Gemälde, Skulpturen aus Kunststoff, Pappe und Filz – und mittendrin einen begehbaren Pappverhau, das eigentliche „verlustreiche Botanik-Labor“. Das Gebäude ist liebevoll ausgestattet mit diversen Objets trouvés, Kritzeleien, Notizen, es riecht süßlich (was an der traurigen Banane liegt, die in der Mitte des Raumes baumelt). Und plötzlich ist die Ausstellung gar nicht mehr popbunt, plötzlich erhält die Ausstellung einen stofflichen Charakter, der sich längst nicht mehr so einfach konsumieren lässt wie Pop Art im Allgemeinen. Plötzlich glaubt man sich nicht mehr bei Keith Haring, plötzlich glaubt man sich in den organisch vor sich hinmäandernden Installationen von Jonathan Meese oder von Christoph Schlingensief. Das ist immer noch Pop, aber es ist plötzlich kein Pop mehr, der auf Einverstandensein baut, es ist Pop, der auf Divergenz gründet, der mehr Fragen stellt als dass er Antworten liefert. Und der, das schon, immer noch etwas mit Lust zu tun hat. Die Bilder vibrieren, eine tänzerische Bewegung liegt in ihnen, und dass dieser Tanz an manchen Stellen stark an einen Totentanz erinnert, ist auch nicht die Erfindung Burgermans. Aber das nervtötende Buntbuntbunt dieser Kunst wird relativiert: Burgerman braucht das Bunte, um düstere Ecken seiner Welt darstellen zu können.

Was in Hamburg fehlt, ist der performative Aspekt dieser Arbeit. „The Lossy Botany Lab“ wurde entwickelt für die Scope Art Fair in New York, dort war das Lab tatsächlich eine Art dadaistisches Labor, in dem Kunst produziert wurde. In Hamburg dagegen steht eine Nachbildung, das Labor wurde zur Installation, die Praxis zum Museum. Was ein wenig schade ist, weil man im Labor gar nicht erst auf den Holzweg geraten wäre, Burgerman als bloße Haring-Kopie misszuverstehen. Immerhin, ganz wurde das Performative nicht aufgegeben: Jon Burgerman zählt zum Umfeld des Neo-Pop-Künstlers Jim Avignon, und gemeinsam mit dem gibt er am 6. August ein Konzert in den Galerieräumen.

Edit: Das Konzert von Burgerman und Avignon ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Schad‘.