02. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Ein kurzes Gespräch über Gentrifizierung · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: ,

Ort: Die Metrobuslinie 13, die „Wilde 13“, zwischen dem S-Bahnhof Veddel und Kirchdorf Süd. Ayshe und Samir, ein Paar um die 20, er in T-Shirt und Shorts, sie mit Kopftuch, etwas stärker als zurückhaltend geschminkt, sitzen an einem Viererplatz. Horst, Mitte 50, leicht angetrunken, steigt am Stübenplatz zu. Samir spricht ihn an.

Samir: Hallo Horst.

Horst: Ach. Hallo Nachbarn. Schon ewig nicht mehr gesehen. Wo kommt ihr denn her, um die Zeit?

Ayshe: (stolz) Samir hat mich von der Arbeit abgeholt.

Samir: Ja, Ayshe hat Arbeit.

Horst: Wirklich? Ach, Kindchen, das freut mich aber! (Er erhebt sich, anscheinend möchte er Ayshe umarmen, aber gerade in diesem Moment macht der Bus einen Ruckler, Horst verliert kurz das Gleichgewicht. Und dann geht ihm auf, dass eine Umarmung vielleicht gar nicht angebracht wäre. Kurz berührt er Ayshe an der Schulter, dann lässt er sich wieder auf seinen Platz fallen.) Und was für eine Arbeit ist das?

Ayshe: Bei Budni am Hauptbahnhof, an der Kasse.

Horst: Am Hauptbahnhof! Da musst du ja jeden Tag weit fahren!

Samir: Ach, geht. Mit der S-Bahn ist das schnell, von Veddel aus.

Horst: Jaja, die S-Bahn, das ist schon gut, mit der. (Pause) Ach, Ayshe, ich freu‘ mich wirklich. Aber schade, jetzt, wo du Arbeit hast, zieht ihr sicher bald weg aus Wilhelmsburg.

Samir: Wieso denn? Ist doch schön hier.

Horst: Ja, schön ist es schon. (Schaut aus dem Fenster, Projekte der Internationalen Bauausstellung ziehen vorbei.) Die haben auch viel gemacht mit Wilhelmsburg, in den letzten Jahren, da ist viel besser geworden. (Pause) Nur die Mieten, die werden bald steigen. Die werden steigen. Aber, Ayshe, wenn du Arbeit hast, dann stört euch das ja nicht mehr.

13. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Nachlese Dockville 2012 · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , , , ,

Was? Dockville 2012, 10.-12. 8. 2012, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Apparat Band. Wollte ich mir anhören, trotz allzu großen Pathosfaktors auf der CD, aber dann spielten parallel Hot Chip, ganz ohne Pathos, und ich blieb hängen.

Frittenbude, die ich ja eigentlich ganz gerne mag. War aber dieses Wochenende gar nicht meins.

James Blake, weil ich die musikalische Qualität des jungen Mannes ohne Wenn und Aber anerkenne, aber trotzdem gar nichts mit ihm anfangen kann. Und außerdem Samstagabend ach so todmüde war.

Niels Frevert, weil parallel Tocotronic spielten, und da bin ich dann eben doch eine treue Seele. Außerdem sah ich Frevert dieses Jahr ja schon einmal.

Schönster Konzertmoment? Hängt eng zusammen mit dem Glitzerkleid von Metronomy-Schlagzeugerin Anna Prior (auf dem Bild die zweite von rechts, das Kleid ist aber nicht zu sehen).

Überraschendster Konzertmoment? Als die Sleep Party People nach ihrem verstörenden, düsteren Set ihre Hasenmasken absetzten und sich als grundsympathisch dreinschauende, ganz normale Jungs entpuppten.

Und die Kunst? Habe ich hier beschrieben.

Und jetzt? Setze ich mich an einen Artikel für die junge Welt, in dem ich das Thema noch ein wenig genauer behandle (den man hier lesen kann):

Egal, das Hamburger Indiepop- und Kunstfestival Dockville hat den Ruf weg, ein Hipster-Festival zu sein. Und tatsächlich, vergangenes Wochenende war die Jutebeuteldichte im Hamburger Hafen signifikant hoch. Wobei hier das Problem weniger die paar Typen waren, die einen Tacken cooler sind als man selbst, sondern immer noch die vielen entsetzlich uncoolen Typen. Uncoolness, harmlos: Frauen, die beim ersten Hauch von Tribal-Klängen entrückten Ausdruckstanz versuchen, barfuß im Staub. Uncoolness, weniger harmlos: vierschrötige Typen zwischen Bundeswehr und BWL-Studium, die sich während des selbstquälerischen Auftritts von Dillon lautstark mit ihren sogenannten Ischen unterhalten. Ja, solche Nasen gibt es auch beim Dockville. Wenn man sich über die mokiert, ist man dann ein Hipster?

Und hier geht’s zum uMag-Twitterwall.

Weitere Besprechungen: pop10, Les Mads, Birgit Reuther im Hamburger Abendblatt.

31. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für In der Wildnis · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Und so wandert man durchs Gras, schaut sich Gags an wie den nachgebauten Autobahnstreifen »Autobahn A0« der Hamburger Ole Utikal und Hannes Mussbach oder die Körperschrift-Reenactment-Phantasie »Krieg und Frieden« des Kollektivs Krautzungen; man findet die Sachen mal läppisch, mal cool, man schaut den unvorstellbar hübschen Indiejungs und -mädchen hinterher, man verliert ein wenig das »Entweder. Oder.«-Motto aus dem Blick. Und plötzlich fällt einem wie Schuppen von den Augen: Der Ausweg aus dem Entscheidungsdilemma, das ist nicht das feige »Sowohl als auch«, das ist das Verlieren. Das Treibenlassen in dieser Mischung aus Künstlerkommune, Hipsterevent, ernsthaftem politischen Anliegen und gutem Willen. Der Ausweg ist ein »Irgendwie habe ich vergessen, wie ich überhaupt in dieses Dilemma geraten bin«.

Dass ich das Kunstcamp im Vorfeld des Dockville-Festivals für das spannendste Kunstevent des Sommers halte (ja, klar, documenta!) ist seit einigen Jahren bekannt. Und weil ich das so spannend finde (und darauf hinwirken möchte, dass kommendes Wochenende noch möglichst viel Publikum das Camp stürmt, schon alleine, um einen gewissen Druck aufzubauen, in den Verhandlungen mit der Stadt, die das Festival über kurz oder lang der Hafenwirtschaft opfern möchte), habe ich an verschiedenen Orten Texte zum Camp geschrieben. In der jungen Welt von heute eine Besprechung der Vernissage vergangenen Donnerstag. Und im aktuellen uMag einen Artikel über das Park-Kunst-Konzept der serbischen Kunstcamp-Teilnehmerin Dusica Drazic.

(Auf dem Foto: Mladen Miljanovics Installation „Hahaha – Ahahah“)

29. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (Mai 2012) · Kategorien: Was die Bandschublade sein könnte · Tags: , , , , , , , , , ,

Auf Happy Schnitzel erschien vergangene Woche ein hübscher Beitrag über Google-Anfragen, die irrtümlich auf Sue Reindkes (übrigens ohnehin empfehlenswertem und entsprechend neu in der Blogroll aufgenommenem) Blog aufschlugen. Und Reindkes Argumentation ist so stimmig, die zitiere ich einfach mal:

Manchmal erheiternd, manchmal verwirrend, manchmal rührend: die unerfolgreichen Google-Suchanfragen, mit denen mein Blog völlig aus dem Zusammenhang gerissen gefunden wird. Das stelle ich mir total enttäuschend vor, da klickt jemand diese Seite in den Suchergebnissen an und findet hier keine passende Antwort. Das soll nicht so bleiben, deswegen habe ich mich entschieden, die wichtigsten Suchanfragen manuell zu beantworten.

Genau das mache ich jetzt auch, wobei ich mir das redaktionelle Recht rausnehme, die beantworteten Anfragen auszuwählen. Manche sind ja einfach langweilig, wer nach „falk schreiber“ sucht, der möchte eben wissen, was dieser oder jener Falk Schreiber so macht, das ist nicht besonders spannend. Nach „falk schreiber nackt“ hat bislang übrigens noch niemand gesucht, da bin ich ein wenig beleidigt, aber gut.

1. „bka trojaner“, wahlweise auch „bka-trojaner“, mit Abstand die häufigste Suchanfrage im Mai. Ja, so einen Computerschädling hatte ich mir eingefangen und vor zwei Monaten auch einen kleinen Post drüber geschrieben, in dem ich allerdings weniger über den Trojaner selbst sprach als über die psychischen Mechanismen, die er im Opfer auslöst. Die interessieren einen Menschen, der mit hochrotem Kopf vor Google sitzt und besagte Anfrage eintippt, wahrscheinlich nicht wirklich, der sucht ja nach Antworten, wie er das fiese Tierchen wieder losbekommt, und da half mein Post überhaupt nicht. Ich machte das so: Ich brachte meinen Computer zum Fachmann, der zuckte kurz mit der Augebraue, tat hier und tat dort und knöpfte mir am Ende einen erklecklichen Betrag ab. Für Fortgeschrittene mag die Website botfrei.de hilfreich sein, wichtig ist aber: auf keinen Fall den geforderte Strafe für’s Pornogucken bezahlen!

2. „anna bederke“, auch „anna bederke barfuß“, „anna bederke tatort“, „anna bederke busen“ oder „anna bederke hamburg“. Anna Bederke ist Künstlerin und Schauspielerin, die von der Agentur Spielkind vertreten wird. Ich finde Bederke reizend, weswegen ich vollstes Verständnis für die wahrscheinlich fetischgeleitete Anfrage nach der guten Frau barfuß bzw. busig habe, nur helfen kann ich nicht wirklich – sie hatte eine kurze wiederkehrende Rolle im „Tatort“, und ich habe über diesen Fernsehkrimi geschrieben, das ist alles. Vielleicht hilft ja der Artikel, den meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst im uMag geschrieben hat, weiter?

3. „freundin oskar lafontaine“. Heißt Sarah Wagenknecht, ist Spitzenpolitikerin bei der Linken, genauer gesagt der Kommunistischen Plattform und mit ein Grund, weswegen ich diese Partei nicht mehr guten Gewissens wählen kann. (Am Ende wähle ich sie dann doch, von wegen kleineres Übel.) Freut mich, wenn ich zumindest hier helfen konnte.

4. „fetisch- anderen beim hintern versohlen zu sehen“. Eine der vielen Anfragen aus dem Bereich Fleischeslust. In diesem Fall so speziell, dass ich mich frage, auf welchem Artikel dieser Connaisseur eigentlich gelandet sein dürfte. (Und dann gleich zweimal! In dieser etwas speziellen Rechtschreibung!) Wie dem auch sei, auf der Bandschublade ist jeder Fetisch willkommen, ob ich hierzu allerdings wirklich kompetent etwas sagen kann, bezweifle ich.

5. „schrecklich sachen im leben“. Um die geht es hier ja eigentlich ständig.

6. „lauer jan delay spiegel“, auch sehr explizit „streitgespräch zwischen jan delay und christopher lauer von den piraten im ’spiegel'“, was eigentlich schon klar sagt, was da gesucht wird: dieser Artikel, auf den ich hier Bezug nehme. Aber, Kinners, kauft euch doch den gedruckten Spiegel, die Kollegen wollen doch auch von was leben!

7. „nächste müllabfuhr in hh wilhelmsburg“. Bei so etwas helfe ich gern. Morgen, das heißt jeden Mittwoch, wird beispielsweise am Reiherstiegdeich der Restmüll abgeholt, war das gemeint? Weiterführende Infos gibt’s hier. Sperrmüll allerdings wird in Hamburg überhaupt nicht abgeholt, beziehungsweise nur gegen Bares, oder man bringt ihn selbst zum Recyclinghof. Finde ich auch doof.

Der Makler ist traurig. Weil nämlich die Hamburger wunderschöne Wohnungen leerstehen lassen würden, undankbar seien sie, weil sie seine Angebote verschmähen. Steht so zumindest im Hamburger Abendblatt, dem Zentralorgan der Immobilienbesitzer, dem Angstschürer vor Hausbesetzern und Mietnomaden. „Es gibt in Hamburg eine Reihe von Stadtteilen, in denen trotz guter Lage und eines guten Zustands eine Wohnung nicht ohne Weiteres vermietet werden kann“, wird Jens-Uwe Meier, Geschäftsführer der Richard E. Meier GmbH, in einem langen Artikel von Oliver Schirg zitiert: „Schöner wohnen in Billstedt. In weniger schicken Stadtteilen sind die Mieten noch bezahlbar – doch viele Interessenten gehen bei der Lage keine Kompromisse ein“. Der arme Makler.

Wohnen in Hamburg ist teuer. Und, klar, wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir nichts allzu Teures leisten. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Urlaub auf den Malediven, sondern fahre in den Harz. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Maßanzug, sondern kaufe von der Stange. Wenn ich wenig Geld habe, ernähre ich mich nicht vom Biomarkt, sondern kaufe Eier aus Käfighaltung im Discounter … Äh? Stopp! Mache ich das wirklich? Ist es vertretbar, dass man Leuten mit wenig Geld ins Gesicht sagt: Dann ernährt euch halt von Müll?

Das ist das Gemeine an Schirgs Artikel, das ist das Gemeine an der Maklerargumentation: dass etwas essentiell Lebensnotwendiges wie Wohnen zum Luxus umgedeutet wird, auf den man im Zweifel auch verzichten kann. Aber ist es wirklich ein Luxus, wenn man sich aussucht, wo man wohnt? Wenn man sagt: Tut mir leid, ich will aber nicht in Billstedt wohnen? (Nichts gegen Billstedt, übrigens.) Wenn man womöglich noch einen Schritt weiter denkt? Wilhelmsburg, die übel beleumundete Elbinsel mit Coolnesspotenzial etwa, wäre für mich als Wohnort durchaus eine Option gewesen. Für mich, der ich halbwegs okay verdiene, halbwegs gut ausgebildet bin. Nur sind die halbwegs okay Verdienenden, die gerade nach Wilhelmsburg ziehen, die Vorhut der Gentrifizierung, das sollte man mitdenken, wenn man den Leuten vorwirft, nicht nach Wilhelmsburg ziehen zu wollen. Nichts davon steht in Schirgs Artikel, im Gegenteil:

Der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes in Hamburg, Heinrich Stüven, macht den geringen Bekanntheitsgrad vieler Stadtteile dafür (dass alle nur in den angeblich angesagten Vierteln wohnen wollen, F.S.) verantwortlich und rät Wohnungssuchenden, sich auch „derzeit nicht so angesagte Stadtviertel“ genau anzuschauen. Bestes Beispiel sei Wilhelmsburg. „Mit ihren vielen Kanälen und Wasserflächen ist die Elbinsel ein attraktiver Standort zum Leben.“

Es ärgert mich. Weil solche Artikel nichts anderes sind als Vorwürfe an mich: „Du bist zu anspruchsvoll!“ „Wer bist du denn, dass du dir einbildest, Wünsche formulieren zu dürfen?“ „Was für ein bürgerliches Würstchen, ist sich zu fein, nach Wilhelmsburg zu ziehen!“ Vorwürfe von Leuten, die in ihrem Leben noch nie in Wilhelmsburg waren. Weil das natürlich vollkommen unter ihrer Würde ist.

Schirg zitiert Patrick Joerend, Geschäftsführer der Privatgrund Haus- und Grundbetreuung GmbH: „Wenn Haltestellen von Bus oder Bahn zu weit entfernt liegen oder es in erreichbarer Nähe keinen Supermarkt gibt, dann wird es schwierig.“ Ja, was fällt den Leuten denn ein, wollen auch noch eine Bushaltestelle in erreichbarer Nähe! Sollen sie doch Auto fahren, als ob einem das nicht zuzumuten wäre! (Dass die ach so günstige Wohnung nahe der Fischbeker Heide plötzlich gar nicht mehr so günstig ist, wenn man die Unterhaltskosten für ein Auto zur Miete dazurechnet, für ein Auto, das man in der Innenstadt nicht braucht, sagt Joerend natürlich nicht. Und Schirg kommt auch nicht auf die Idee, da nachzufragen.)

Kann man schon verstehen, die Makler. Dass sie da traurig werden, bei solch undankbaren Mietern. Traurig und über kurz oder lang auch aggressiv.

 

Natürlich ist es unseriös, jetzt einen Rückblick übers Dockville 2011 zu schreiben, jetzt, am Sonntagnachmittag, noch bevor Zola Jesus gespielt hat, noch vor Kele, noch vor noch zu entdeckenden Acts wie den Crystal Fighters. Natürlich ist das unseriös, andererseits: weswegen den schön verlotterten Sonntagnachmittag aufgeben für Bands, die man entweder schon kennt oder bei denen man gar nicht weiß, was man verpasst, wenn man sie nicht kennenlernt? Weswegen nicht, zum Beispiel, eine Folge „Lost“ in den DVD-Player schieben, der schönen, klugen Frau ein wenig die Füße streicheln und den Dauerregen vor dem Fenster Dauerregen sein lassen? Weswegen eigentlich nicht?

Geprägt war das diesjährige Dockville, muss man eben sagen, vom Wetter. Also: vom Wolkenbruch Freitagvormittag, der das Gelände erstmal in Teilen unter Wasser setzte, die Zeltbühne Maschinenraum unbespielbar machte und den Platz vor der zweitgrößten Bühne Vorschot in eine Schlammlandschaft verwandelte. Dafür kann niemand etwas, und außerdem kämpfen dieses Jahr auch Open-Air-Kinobetreiber, Eisdielenwirte und alle übrigen Menschen, die auf gutes Wetter angewiesen sind, mit dem unvorstellbar verregneten Sommer. Allerdings: Beim Festival hatte es eben zur Folge, dass ich ziemlich viele Bands auf dem Vorschot nicht sah, weil ich mich nicht in die modrig stinkende, klebrige Masse traute. Insbesondere Freitag war das schade: Freitag hätten auf dem Vorschot Egotronic gespielt, Herpes und Marteria, alles nicht gesehen.
Wer ebenfalls unter dem Wetter litt: die Kunst. Das Dockville bildet sich zu Recht etwas darauf ein, ein Festival einerseits für Indiepop, andererseits für Bildende Kunst zu sein. Nur wurde die Kunst dieses Jahr von den Unwettern scher zerzaust beziehungsweise weggeschwemmt. Ich bin heilfroh, dass ich den Kunstbereich schon vorab besucht habe, außerdem kann man solcher Zerstörung der Kunst durch die Natur sogar noch einen gewissen ästhetischen Reiz zusprechen (es hat Ai Weiweis documenta-Arbeit „Template“ 2007 auch nicht geschadet, dass sie nach einigen Ausstellungswochen durch ein Unwetter, nein, nicht zerstört, sondern erweitert wurde). Bloß hat sich dieses Jahr bewahrheitet, was ich schon im Vorfeld befürchtet hatte: mittlerweile haben wir zwei Festivals namens Dockville, eines, in dem es um Kunst geht, und eines, in dem Pop im Mittelpunkt steht. Die wenigen Momente, in denen die Kunst in das Konzertwochenende gelappt hätte, habe ich verpasst: den Auftritt der ohnehin der Kunst- und Theaterszene nahen Goldenen Zitronen und das Konzert des seit Jahrzehnten geschätzten Andreas Dorau, der, wie man munkelte, gemeinsam mit der ebenfalls seit Jahrzehnten geschätzten Theatergruppe Showcase Beat le Mot auf der Bühne hätte stehen sollen. Grund für dieses Verpassen: das Vorschot, siehe oben.
Dafür trotzdem viel Tolles gesehen: Kakkmaddafakka, die ich vergangenes Jahr doof fand und deswegen skippte, mittlerweile mir aber schön gehört habe und unglaublich ironisch, campy, unterhaltsam fand (wobei natürlich eingerechnet bleibt, dass uns Ironie niemals retten wird, klar). Those Dancing Days, ich stehe ja sehr auf konsequent durchgeknallte Frauen, da ist mir auch egal, wenn sie musikalisch extrem unspektakulär daher kommen. Und: Santigold. Musik, die so vielschichtig, heterogen, klug und reflektiert ist, dass sie mir den Glauben an das Prinzip Pop zurück gibt, wenigstens kurz.
Und dann eben noch die Stimmung. Der Grund, weswegen ich eigentlich alljährlich aufs Dockville fahre. Klar, verregnet, dieses Jahr. Wobei die Qualität dieses Festivals eben ist: dass das egal ist. Dass die Junggesellenabschiedsdeppen, die unbedingt eine Schlammschlacht machen müssen, höflich ignoriert werden (damit sie am Abend beinahe den großartigen Santigold-Auftritt sprengen, aber okay, Trottel sterben nie aus), dass man den Matsch als ein wenig eklige, ein wenig lustige Variante der Festivalarchitektur akzeptiert und gottergeben durchschlappt, auf dem Weg zum nächsten Konzert. Und dass man, als endlich die Sonne rauskommt, die verschlammten Kleider vom Körper reißt und in die Elbe springt, ein fröhliches Kind, locker und glücklich und gelöst.

Und weil dieses Festival es trotz allem doch geschafft hat, dieses fröhliche Kind aus mir rauszukitzeln, zwei Tage lang, deswegen bin ich jetzt selig.

(Hier gehts zum uMag-Twitterwall. Und hier gehts nach 2010.)

Gestern kurz überlegt: Ist das eigentlich eine gute Idee, aufs Dockville-Kunstcamp zu fahren, bei diesem Dreckswetter, so weit raus, auf die Insel? Und das, wo Kommander Kaufmann nicht mitkommt? … Ach, eigentlich: keine Lust. Gerade noch rechtzeitig eine SMS bekommen, „Fahren jetzt los“, also Gruppenzwang, man muss ja. Und, ja, man muss. Um festzustellen, dass das Dockville eben nicht nur das Großartiges erwarten lassende Musikfestival nächstes Wochenende ist, sondern eben auch ein von Jahr zu Jahr selbstbewusster auftretendes Kunstevent (in diesem Zusammenhang habe ich im Juli ein kurzes Interview mit zwei Kuratorinnen fürs uMag geführt).

Und, ja, beinahe hätte ich geheult vor Freude. Und beinahe hätte ich mir in den Hintern beißen müssen, nicht gefahren zu sein. Freude, weil die gezeigte Kunst von Jahr zu Jahr besser wird: wenn einen Kim Coleman den Moment abpassen lässt, in dem hinter ihrer Installation „Suntrap“ (Abbildung) die Sonne untergeht. Wenn man in Evols „Nordkreuz“ zwischen Plattenbauwaben versinkt. Wenn Marc Klee mit „Zwischen Brand – Inter Burning“ das Prinzip Installation zur De-Installation erweitert.
Es gibt immer noch Festival-Läppisches, klar, „Flaumi – Die soziale Zunge“ von Rocknrollarchitecture/Rocknrolladvertising gibt einen Gag her, nicht mehr. Und „Radioactivity Controls“ von Luzinterruptus ist auch mehr Didaktik als Kunst (die aber zumindest nachts recht eindrucksvoll gruselt). Aber eigentlich geht es darum auch überhaupt nicht.
Eigentlich geht es darum, klarzustellen, was für einen wunderbar offenen Raum das Dockville mittlerweile, im fünften Jahr seines Bestehens, darstellt. Es geht darum, dass ich keinen anderen Ort kenne, an dem der prototypische Indie-Styler so zwanglos neben dem etwas biederen Kunstlehrer aus der Gesamtschule Mümmelmannsberg einen Joint raucht, an dem die Kinder aus der Lüttville-Stadtranderholung übers Gelände wuseln, daneben ein älterer Mann aus der Wilhelmsburger Nachbarschaft, ein paar migrantische Jugendliche, eine saarländische Clique im Großstadturlaub und ein knutschendes Paar, das die gesamte Umgebung schlicht vergisst. Nennt mich naiv, aber solange Momente möglich sind wie gestern abend auf dieser eigenartig lebendigen Brachfläche, die von Jahr zu Jahr ihr Gesicht verändert, so lange glaube ich noch irgendwie an die Menschheit.
Und dann ist es egal, was für Kunst man am Ende sieht. Wenn man dann aber sogar Kunst sieht, die wirklich funktioniert, dann ist das: ein Glücksgefühl. Ein Grund zum Heulen.

(Und dass ich am Ende des Abends nicht mehr heulte vor Freude, sondern vielmehr einschlief vor Langeweile beim unglaublich öden, kunstgewerblich prätentiösen Auftritt von Get Well Soon, das ist eben so – weswegen höre ich mir auch Konzerte von Bands an, von denen ich schon vorher wusste, dass ich mit ihnen nichts anfangen kann? Und dass ich noch später nicht mehr heulte sondern brüllte vor Wut, weil die Elbinsel Wilhelmsburg nachts, zumal unter der Woche, extrem unbefriedigend ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist, während sich Taxifahrer weigern, hier raus zu fahren, in die Bronx Hamburgs, das unterschlage ich einfach mal. Ist auch nicht so wichtig.)

Was? Dockville 2010, 13.-15. 8. 2010, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Klaxons, interessierten mich eigentlich noch nie, außerdem spielten Frittenbude parallel.
Jan Delay, weil man wissen muss, wann gut ist.
Bonaparte, weil die Sterne parallel spielten. Gute Entscheidung, wegen Sternen, aber schade wars trotzdem.
Therapy?, weil ich nicht mehr 20 bin, echt.
K.I.Z., weil ich nicht mehr 12 bin.
Slime, weil ich zwar um die historischen Verdienste dieser Band weiß, weil ich aber auch weiß, dass Punkrock in den letzten 30 Jahren inhaltlich wie ästhetisch eine Entwicklung gemacht hat, bei der Slime einfach nicht mehr dabei sind.
The Drums, weil ich schon mit Delphic ein ausreichendes Maß an gehypten Britbands um die Ohren hatte. Ja, ich weiß, dass die Drums aus den USA kommen. Trotzdem.
War ich eigentlich überhaupt mal an der Hauptbühne?

Schönster Konzertmoment? Als Wir sind Helden „Bring mich nach Hause“ spielten und ich mit einem Schlag ergriffen war, trotz festen Vorsatzes, so kommerziellen Kram nicht gut finden zu können.

Überraschendster Konzertmoment? Zu realisieren, dass Gustav schwanger ist. Weil ich mit meiner ganz tollen Textinterpretationssicherheit immer davon ausgegangenen war, dass die Frau Jantschitsch doch eigentlich lesbisch sein müsste. Ja, ich weiß, dass eine Schwangerschaft auch dann möglich wäre, Danke für die Aufklärung.

Und die Kunst? Schien mir besser ins Festivalkonzept integriert als noch vergangenes Jahr. Eigentlich stolperte man immer wieder über Kunst, Thomas Judischs „Nur drei Schritte ins Paradies“ etwa wurde tatsächlich zur Schlammschlacht genutzt, und „Ein kleiner Regen dämpft das große Gewitter“ vom Institut für wahre Kunst im Anschluss dankbar angenommen, um die Schlammspuren zumindest halbwegs abzuwaschen.

Und jetzt? Wirds erstmal Herbst.

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03. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Insel! · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Aufs Dockville-Festival vom 13. bis 15. August freue ich mich schon ein halbes Jahr. Besonders schön für die Vorfreude: dass die Kunst auf dem Dockville schon seit einer Woche öffentlich ist. Bis zum kommenden Sonntag, und dann beim eigentlichen Festival am Wochenende drauf. Und auf umagazine.de gibts einen hübschen Kunstrundgang. Von, hüstel, mir.