Ach, man möchte gar nicht aufhören, diese Körper zu bewundern. Wie Titania (Sebastian Rudolph) als streng geschnürter Engel der Dunkelheit über die Bühne schreitet. Wie der Knabe (Florian Weigel) goldenes Haar und goldenen Slip präsentiert. Und wie Marina Galic ganz reizend die Schenkel spreizt, ein Bild, so campy, als wär’s eine fotografische Inszenierung von Pierre et Gilles.

Man kann viel nachdenken über die subversive Kraft von Sexualität. Man kann konstatieren, dass es da etwas gibt, das den kapitalistischen Verwertungskriterien enthoben ist, etwas, das mit individueller Lust zu tun hat, etwas, in dem wir ein Selbst spüren und nicht die Auflöung im Kollektiv (einem Kollektiv, das man durchaus unter die Überschrift „Humankapital“ stellen darf). Man kann aber auch die Warenförmigkeit von Sexualität im 21. Jahrhundert betonen, den Markt der Körper, der eben auch eine Marktwirtschaft der Körper bedingt. (Eine These, die gerne von konservativen Moralisten wie Michel Houellebecq vertreten wird, weswegen sie mir nicht unbedingt sympathisch ist, falsch wird sie dadurch aber nicht.) Man kann viel darüber nachdenken, und am liebsten denke ich im Kino darüber nach, über diesen Querschnitt von Sexualität, Affirmation, Subversion, Hedonismus.

Eher selten denke ich im Theater darüber nach. Aber gestern hatte am Thalia Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ Premiere, in der Regie von Stefan Pucher, und der ist tatsächlich ein (meiner unbedeutenden Meinung nach) recht gelungenes Durchirren unterschiedlichster Aggregatzustände des Begehrens. Eine für meine Verhältnisse recht saftsatte Besprechung habe ich für die Nachtkritik geschrieben.

16. Januar 2011 · Kommentare deaktiviert für Ein doppelseitig bedruckter A4-Zettel · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, gerne würde ich erzählen, wie es so war, gestern, bei „König Lear“ im Schauspielhaus. Ich würde erzählen, dass ich Markus John, Samuel Weiss und Jana Schulz toll fand wie immer, Ute Hannig und Katja Danowski besser als gewohnt und Julia Nachtmann wie jedes Mal zum Davonlaufen. Ich würde etwas über eine kluge Bühnenlösung (Florian Parbs) erzählen und etwas über tolle Musik (Sebastian Weisner). Und ich würde versuchen, eine Antwort zu finden auf die Frage, weswegen mich die Inszenierung Georg Schmiedleitners so unglaublich kalt ließ, dass ich nicht einmal sagen kann, ob das jetzt eine gute Aufführung war oder eine schlechte; ich würde versuchen eine Antwort zu finden auf die Frage, weswegen ich das Theater nach knapp dreieinhalb Stunden so indifferent verlassen habe.
Ach, und dann erinnere ich mich daran, dass es ja ein Luxus ist, gar nicht immer unbedingt eine Meinung haben zu müssen, dann erinnere ich mich daran, gar kein Rezensionsblog mehr sein zu wollen. Dann bewege ich mich sanft auf einen Nebenschauplatz, schaue was der neue Schauspielhaus-Chefdramaturg Frank Behnke (den Christine Dössel einmal in einem ihrer hübschen „Ich gehe auf eine Party, mache ein paar Fotos und schreibe was drüber“-Texte erwähnte) so zum Einstand gemacht hat. Und rümpfe die Nase, weil, dazu habe ich dann schon eine Meinung, nämlich: Ein Programmheft, das eigentlich nur ein doppelseitig bedruckter A4-Zettel ist, eine Besetzungsliste auf der einen Seite und eine kurze historische Einordnung des Stücks auf der anderen, das finde ich, tut mir leid, ein wenig … lieblos, ja, das ist das richtige Wort.

Die Bandschublade hätte nie ein Rezensionsblog werden sollen. Weil andere diese Nische schon sehr, sehr gut bespielen, die Kollegen von der Nachtkritik etwa oder das geschätzte Hamburger Feuilleton. Vor allem aber auch, weil ich der Meinung bin, dass eine Rezension die langweiligst mögliche Art ist, über Kunst zu sprechen. Weil ich das im Brotberuf schon häufig genug mache. „Ich kann (…) nicht immer doppelt Kritiken schreiben, denn es ist ja nicht so, dass ich ansonsten nichts zu tun hätte“, sagt Christine Dössel, ja. Vor allem, weil man in so einem echten, gedruckten Medium ja doch etwas anderes erzählen möchte, irgendwie seriöser, nicht so aus der Hüfte und der Leidenschaft heraus wie in diesem kleinen Kräutergarten hier. Hier möchte ich weiter blöken, ich will begeistert schwärmen und ich will mich angwidert auskotzen, und ich will mir keine Gedanken darüber machen, ob das, was ich schreibe, jedem Gegenargument standhält, weil, wenn ich Mist schreibe, kann man mir ja mailen oder mir einen Kommentar schreiben, dann versuche ich, mich zu erklären, und wenn die Erklärung nicht funktioniert, dann kann ich was draus machen, einen weiteren Beitrag schreiben, meinen früheren Beitrag modifizieren, das Gegenargument posten, was auch immer. Im Print kann ich das nicht. Und deswegen gibt es hier auch keine Rezension zur gestrigen Premiere von Jan Bosses Shakespeare-Verzückung „Was ihr wollt“ am Thalia.

Stattdessen konstatiere ich eine umgekehrte Krise. Weil nämlich, liebes Thalia, der Premierenoverkill der vergangenen Woche ein eigenartiges Gefühl der Übersättigung zur Folge hatte. Drei Premieren in einer Woche, und von denen ist eine ganz, ganz großartig („Axolotl Roadkill“), eine ist wirklich gut („Was ihr wollt“) und eine ist auch noch ganz in Ordnung („Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“). Und wenn man einrechnet, liebes Thalia, dass ihr im Repertoire auch noch ein atemberaubendes Stück wie „Hamlet“ habt, dann stellt man langsam fest, dass man euer Theater mittlerweile unbesehen besuchen kann, egal was, man sieht eine doch zumindest überzeugende Inszenierung. Aber will man das überhaupt? Will man ein Theater, das wirklich alles richtig macht, tolles Ensemble, tolle Regie, Bühnenbild, in das man sich zum Schlafen legen möchte, und von der Dramaturgie und ihren klugen Programmheften wage ich gar nicht zu reden?
Ich auf jeden Fall will das nicht. Ich will die ständige Krise, ich will den Schmerz im Herzen, ich will ein Messer, das sich in meinem Fleisch einmal umdreht. Und dann will ich umarmt werden, selten, aber dafür von solcher Begeisterung, dass ich alle Enttäuschungen vergesse.

Glückwunsch, Thalia. Das natürlich auch.

P.S. Und gerade kommt eine SMS, dass Schwarz-Grün vor dem Aus steht. Was eigentlich auch wichtiger ist, oder?

19. September 2010 · Kommentare deaktiviert für Rosenkranz and Guildenstern are one · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Ach, was für eine Sehnsucht: als Hamburger Theatergänger endlich wieder eine Premiere zu sehen, von der man von Herzen angetan ist und nicht irgendwie indifferent (die Thalia-Eröffnung „Vor uns die Sintflut“), verärgert (die Schauspielhaus-Eröffnung „Frühlings Erwachen/Kids“) oder mit Hörnern auf dem Kopf (weil der Schauspielhaus-Nachklapp „Penthesilea“ zwar durchaus begeisterte, allerdings seine Premiere bei den Ruhrfestspielen hatte und in Hamburg demnach schon durchgenudelt war, ius primae noctis, Sie verstehen?). Überhaupt einmal: eine Premiere zu sehen und sich für die Ästhetik zu interessieren und nicht für die Mühen der kulturpolitischen Ebene. Ach!

Vielleicht kam am Samstag ja die eigentliche Spielzeiteröffnung, zwei Wochen verspätet: Luk Perceval inszeniert am Thalia „Hamlet“. Jeder Regisseur möchte „Hamlet“ inszenieren, jeder Schauspieler möchte Hamlet spielen, jeder Dramatiker möchte „Hamlet“ geschrieben haben, Perceval macht es möglich: Er lässt Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine Neufassung des Shakespeare-Textes schreiben, und die Titelrolle bietet er auch gleich zwei Schauspielern an: Josef Ostendorf, alt, breit, schwer, und Jörg Pohl, jung, cool, lebendig. Was wie eine Schrulle klingt, aber ein Geniestreich ist: Perceval verändert die Figur des Dänenprinzen damit hin zum Pathologischen, lässt ein schizophrenes Krankheitsbild durchscheinen, das so tatsächlich auch schon bei Shakespeare angelegt ist. Aber: Die Besetzung Ostendorf/Pohl mag spektakulär sein, um einen Hamlet, der im Mittelpunkt steht, geht es hier nicht. Jede Rolle ist genau ausgearbeitet, jeder Darsteller weiß seine Rolle perfekt zu füllen, von Birte Schnöink als wunderbare Tomboy-Ophelia über Gabriela Maria Schmeide, die Hamlets Mutter mit Mut zu allen Pölsterchen eines Frauenkörpers gibt, bis hin zu Mirco Kreibich, in dem Rosenkranz und Güldenstern zu einer einzigen Slapstick-Figur des Grauens vereint sind. Man kann gar nicht genug schwärmen von diesem Ensemble, von dieser klugen Regie, die allen Darstellern ihren Raum gibt und sie dennoch in einen Inhalt zwingt, der Shakespeares Helsingör als monströs-grotesken Kinderalptraum zeigt.
Und darum geht es ja in erster Linie: um Inhalte. Perceval hat schon einmal mit dem Team Zaimoglu/Senkel einen Shakespeare bearbeitet, „Othello“, 2003 an den Münchner Kammerspielen. Thomas Thiemes Othello war damals der angepasste Fremde im Establishment, „Abitürke“ würde ihn Zaimoglu nennen, der zwar deutscher ist als die Deutschen, aber dennoch nie akzeptiert wird (und gegenüber dem alle Aggressionen aufgefahren werden, sobald er es wagt, die Blutsdeutsche zu ficken). Das war kluges, kraftvolles, vor allem eindeutig aufs Heute bezogenes Theater, und Perceval hätte es sich leicht machen können, indem er Zaimoglu und Senkel auch den „Hamlet“ konsequent in die Gegenwart schreiben ließe. Dass er das nicht gemacht hat, ist der größte Pluspunkt dieser Inszenierung: Perceval lässt Hamlet in einen zeitlich nicht einmal in groben Zügen fixierten Alptraum fallen, er ist ein Kind, das Grauenhaftes durchgemacht hat, Vater tot, Mutter frisch verheiratet, Kind einsam und ohne Freunde. Dass die Umgebung auf den Jungen grotesk wirkt, wer mag es ihm verdenken? Dass er ins Trauma und in den Wahnsinn flüchtet – ist es ein Wunder? Dass er sich aufspaltet, dass er mit sich selbst redet: klar, wo er doch nicht weiß, wem er trauen kann.

Langer Applaus, selbst für das Regieteam, was in Hamburg bemerkenswert ist: Ach, was für eine Sehnsucht. Und doch, und doch: Etwas ging verloren. Ein wenig nämlich der Charme des Thalia Theaters, seit Joachim Lux vor einem guten Jahr hier die Intendanz übernommen hatte: Eine Ästhetik des Unfertigen, der Angreifbarkeit hatte sich hier entwickelt, ein Bewusstsein der Brüchigkeit eigenen Könnens. Das war manchmal spröde, manchmal ärgerlich, vor allem war es aber ein Zugriff aufs Theater, den sonst kaum ein Haus wagte. Das scheint vorbei, die Macher dieses „Hamlet“ wissen wohl sehr gut, welche Qualität diese Inszenierung hat. Andererseits: Wenn diese Arbeit nicht zum Theatertreffen eingeladen wird, dann weiß ich auch nicht, und ein Stück weit kommt es auch darauf an, klar.

Edit: Diese Arbeit ist der fünfte Hamlet, der an einem großen Hamburger Theater gezeigt wird, seit ich in der Stadt wohne. Und ob solche eine Häufung von Dänenprinzen in einer ja nicht unbedingt als Theatermetropole zu bezeichnenden Stadt optimal ist, sollte man schon einmal überlegen. Die übrigen:

1999, Hamlet, Schauspielhaus/Wiener Festwochen, Regie: Peter Zadek
2000, Hamlet, Thalia, Regie: Jürgen Kruse
2008, Hamlet, Thalia, Regie: Michael Thalheimer
2009, Hamlet, Schauspielhaus/Malersaal, Regie: Klaus Schumacher