12. Juli 2011 · Kommentare deaktiviert für Weswegen sollte ich eigentlich Amy Macdonald hören? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Voll zum Mainstreamhörer habe er sich entwickelt, erzählt C. „Ich höre Musik, die mich sofort kriegt. Ich will nach Hause kommen, das Radio einschalten, und der Song soll mich in den ersten Sekunden kicken.“ Keinen Platz mehr hat C. für sich langsam entwickelnde Musik, keinen Platz für Ja, Panik, die eine ganze CD und ein ganzes Konzert benötigen, um ihren Songkosmos zu entwickeln. Mainstreamhörer.

Ich höre keinen Mainstream. Also, ich höre keinen Mainstream als Genre, tatsächlich habe ich während der vergangenen Monate ohnehin aufgehört, meinen Geschmack an Genres auszurichten, längst tauchen in meiner Playlist nicht mehr nur die erwartbaren Elektroindiepopper auf, längst höre ich Soul, Weltmusik, Rock. Und, immer noch, Elektroindiepopper, klar, warum nicht. Was ich nicht höre, sind Bands, die strukturell im Mainstream stehen.
Strukturell im Mainstream, damit meine ich, dass die Bands, die ich höre, nicht aufs große Publikum ausgerichtet sind. Nicht bei großen Plattenfirmen veröffentlichen, nicht im Radio laufen. Das hat nur am Rande damit zu tun, dass ich meine Liebe nicht mit der großen Masse teilen möchte, das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich den Überblick behalten möchte: Wer hat hier mit wem zu tun? Besteht das Risiko, dass jemand von den Leuten, denen ich heute noch zujuble, morgen schon Werbung für Springer macht? Und: Was macht der eigentlich mit dem Geld, das ich für eine CD, für ein Ticket ausgebe? Weiß jemand, was eine Plattenfirma dafür zahlt, dass ihr Künstler in den Playlists des Formatradios auftaucht? Und rechnet jemand mal nach, wieviel Geld dann im Marketingetat versickert, Geld, das doch eigentlich der Künstler bekommen sollte?
Und weswegen sollte ich eigentlich den Folkpop der formatradiokompatiblen Amy Macdonald hören, wenn ich ebenso gut die musikalisch ganz ähnlich verortbare Kristin Hersh hören könnte?

Das sind keine Geschmacksfragen. Und es sind keine Musikfragen. Natürlich sind die Comics von Flix klug, künstlerisch anspruchsvoll, aus dem Leben gegriffen. Aber Flix veröffentlicht beim Verlagsriesen Carlsen, Kati Rickenbach hingegen arbeitet inhaltlich und formal ganz ähnlich und veröffentlicht in der kleinen Edition Moderne. Tut mir leid, da ist klar, wem mein Herz gehört. Und das lässt sich weiter treiben, ins Kino, in die Medien (weniger zu Theater und Kunst, weil die viel stärker durch die öffentliche Hand finanziert werden. Da sind die Marktstrukturen längst nicht so mächtig, als dass sie einen Mainstream definieren könnten). Natürlich schaue ich lieber einen kleinen Berliner-Schule-Film im selbstorganisierten Hinterhofkino an als einen Blockbuster im Multiplex, auch wenn ich weiß, dass es formal ungemein interessante Blockbuster gibt. Schlicht, weil ich den Überblick behalten möchte. Muss.

Und dann gibt es eben auch Bands, die musikalisch sehr leicht zugänglich sind, die auch C. nach wenigen Sekunden kicken würden, die aber dennoch kaum im Radio stattfinden, weil sie strukturell nicht im Mainstream stecken: Wir sind Helden, Hellsongs, nur als Beispiel. Die schätze ich, auf jeden Fall. Bloß die Masse schätzt sie nicht. Die kennt sie ja nichtmal. (Und das Beispiel Wir sind Helden kommt da natürlich an seine Grenzen, keine Ahnung, wie die das geschafft haben, mit ihrem Riesenerfolg.)

(Das Bild oben ist entstanden beim ersten Dockville-Festival 2007. Ganz weit weg vom Mainstream, heute immer noch. Schön.)

Vor fünf Jahren habe ich Jonathan Meese fürs uMag interviewt (Leider nicht online, schade, das Gespräch ist lesenswert). Das war die Zeit, als Meese gerade durch die Decke ging, nach „Képi Blanc, nackt“ in der Frankfurter Schirn, kurz vor „Mama Johnny“ in den Hamburger Deichtorhallen. Ein kommender Star. Entsprechend wollte ich mit ihm über Geld sprechen, das fand ich spannend, in einer Zeit, in der der internationale Kunstmarkt geil auf Deutsches war, mit jemandem zu reden, der diese Geilheit befriedigte und der sich, so dachte ich, das auch entsprechend bezahlen ließ. Das Interview war lustig, das Interview war wirr, das Interview war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Meese behauptete mehr oder weniger, dass er sich kaum für Geld interessiere, dass er aber nicht nein sagen würde, das auch nicht könne, jede Anfrage sei ein Input für ihn, eine Inspiration, also versuche er, die Anfragen zu bedienen. Und dafür gebe es dann Geld, in Gottesnamen, das „sammle“ er dann. Das war ein Stück weit Pose, sicher, aber im Großen und Ganzen habe ich ihm geglaubt, ich glaube ihm immer noch.

Und jetzt wirbt Jonathan Meese für die Bild.

Wir sind Helden haben sich dieser Werbung verweigert und damit Anerkennung geerntet, auch über den eingeschworenen Fankreis hinaus. Vor allem hat die Neohippie-Band mit ihrer Verweigerung offen gelegt, wie die Bild-Kampagne überhaupt funktioniert: Promis (Jonathan Meese! Ein Promi!) werden gebeten, ihre ehrliche Meinung zu dem Printprodukt aus dem Hause Springer zu aufzuschreiben, das entstandene Werk wird daraufhin unverändert vergrößert und prominent plakatiert. Geld bekommen die Testimonials nicht, im Besten Falle ist die Werbung ein Gewinn für beide Seiten: Der Promi wird noch ein Stück prominenter (und kann in der Antwort seine Kreativität und seinen Humor beweisen), Bild inszeniert sich als tolerant, kritikfähig, diskussionsbereit. In der Realität ist es hingegen so, dass zumindest bei mir Promis unten durch sind, sobald sie auf den Bild-Plakaten auftauchen, Gottschalk, Lahm, Schweiger, okay, die gehen ohnehin nicht, aber: Richard von Weizsäcker, war das nichtmal einer von den Guten? Anscheinend nicht.
Und jetzt Jonathan Meese. Taucht mit einem eher lieblos hingeschluderten Heavy-Metal-Artwork auf, blökt in Abwandlung zum Kampagnen-Spruch „Bild dir deine Meinung“ den Meese-Klassiker „Die Diktatur der Kunst braucht keine Meinung“ und ist augenscheinlich ein Künstler, bei dem die Werber sogar Bild-Lesern zutrauen, etwas mit ihm anfangen zu können. Macht mich traurig, einerseits. Andererseits: Meese war für mich ohnehin überkommuniziert, etwas mit ihm machen hätte ich längst nicht mehr gekonnt, eigentlich kann es mir egal sein. Und ihm ist es wohl auch egal, er konnte halt mal wieder nicht nein sagen.

Auf St. Pauli tauchen seit kurzem Plakate auf, die optisch an die Bild-Kampagne angelehnt sind. Sie stammen von der Anwohnerinitiative No BNQ und wenden sich gegen den Gentrifizierungsprozess, der dem Viertel seit einiger Zeit schwer zu schaffen macht. Die Plakate zeigen Protagonisten aus dem Viertel, ganz normale Einwohner einerseits, Künstler und damit irgendwie auch Promis andererseits (St. Pauli ist Bohème, das lässt sich ja auch nicht wegdiskutieren). Und von einem Plakat grinst Melissa Logan vom Allround-Kunst-Kollektiv Chicks on Speed. Die passt da hin, klar, sie repräsentiert St. Pauli gut. Aber glücklich macht es einen nicht, dieses Plakat zu sehen. Weil Logan nämlich aus einer ähnlichen Szene kommt wie Meese, beide waren im erweiterten Umkreis des Hamburger Theaters Fleetstreet, beide haben eine ideelle Nähe zur Hafenstraße. Nur gibt die eine jetzt ihr Gesicht für eine Anwohnerinitiative her.
Und der andere seines für Bild.