Ich habe eine Kleinstadtvergangenheit, das ist bekannt unter den Lesern dieses Blogs. Allerdings habe ich diese Vergangenheit hinter mir gelassen, zumindest körperlich (In Wahrheit ist es natürlich so, You can take the boy out of Gießen, but you can’t take Gießen out of the boy). Und deswegen kam gestern alles wieder hoch, beim Besuch im Theater Lüneburg zur Premiere von Dea Lohers „Klaras Verhältnisse“: die schreiende Stillosigkeit des Theatergebäudes. Die Beflissenheit, mit der das (mehrheitlich ältere) Publikum sich fein gemacht hat für den Abend – ein Premierenbesuch ist etwas Besonderes, ein gesellschaftliches Ereignis, da trägt man Anzug. Das genervte kollektive Aufstöhnen, sobald auf der Bühne etwas passiert, das man irgendwie als Sexszene interpretieren konnte. Als ob die Neunziger nicht vergangen wären.

Aber die Inszenierung Nilufar K. Münzings! Die war gar nicht einmal schlecht, besser jedenfalls als diejenige des gleichen Stücks, die ich vor zwölf Jahren am Hamburger Thalia Theater sah. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich in aller Großstadt-Arroganz den Gönner raushängen lasse, „Ach, klar für die Provinz war das ja wirklich ganz ansehnlich!“ Nein, war wirklich gut. Und Entsprechendes habe ich auch für die Nachtkritik aufgeschrieben.

Die junge Regisseurin Nilufar K. Münzing (…) vergisst eine Finanzkrise später die Aufführungsgeschichte von „Klaras Verhältnisse“ und konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf den ökonomischen Kern des Stücks: „Klaras Verhältnisse“, das sind natürlich die Verhältnisse, die die Protagonistin eingeht, aber es sind auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Figuren leben müssen. „Wir wären gut anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

1 Kommentar

  1. Ich musste schmunzeln bei dieser treffenden Charakterisierung des Premierenabends – genau so war es.
    Aber trotzdem: Es hat etwas neues begonnen, an diesem Theater: Ein neuer Intendant hat aufgeräumt, lässt mutige Inszenierungen zu, hat ein Ensemble um sich gescharrt, das selber und damit das Theater voranbringen will und hat es geschafft, dass Du das Theater Lüneburg in die nachtkritik gebracht hast!
    So kann man am Sonntag nicht nur eine Thalia- sondern auch eine Lüneburger Kritik lesen!

    Toll und hoffentlich noch lange weiter so!