Wir waren im „Hobbit“. Und hinterher waren wir auf einer Fetischparty, bei der wir uns als Orkkönig und Galadriel verkleideten und Dinge miteinander anstellten, an die ich mich im nüchternen Zustand nur ungern erinnere. Nein. Aber im Kino waren wir tatsächlich, in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ (wann genau sind Reisen eigentlich erwartet? Und ist der Grad ihrer Erwartbarkeit tatsächlich das, was eine Reise ausmacht?), dem ersten Teil des überlangen 3D-Blockbusters von „Herr der Ringe“-, „Heavenly Creatures“– und „Braindead“-Regisseur Peter Jackson. Und natürlich passen wir da nicht rein.

Man könnte jetzt darüber herziehen, wie dünn die Figuren dieses Films sind, ich meine, wie kann man denn auf der einen Seite die vielschichtige Charakterzeichnung jüngerer US-amerikanischer Fernsehserien wie „Breaking Bad“ loben und auf der anderen Seite einen Film schauen, in der alle, wirklich alle Figuren reine Abziehbilder sind, mit Ausnahme vielleicht des schizophrenen Fabelwesens Gollum (Andy Serkis), das tatsächlich mehr als einen Gesichtsauszug zeigen darf (wenngleich computeranimiert). Weswegen eine renommierte Schauspielerin wie Cate Blanchett in einem Film mitmacht, in dem sie nichts anderes machen als vergeistigt gucken darf? Keine Ahnung. A propos Blanchett: Man könnte auch darüber herziehen, dass es tatsächlich nur eine einzige, nahezu inaktive Frauenfigur in diesem ganzen Kosmos gibt, sieht man einmal von ein paar elbischen Komparsinnen ab, die die Harfe zupfen und Leckereien servieren dürfen, doch, man könnte das Frauenbild dieses Films kritisieren. Politisch ließe sich „Der Hobbit“ ja ohnehin in der Luft zerreißen, schon alleine wegen der Darstellung der Orks, Untermenschen, die sich mit slawischem Akzent angrunzen, im Vergleich war die Darstellung der Russen in frühen James-Bond-Abenteuern nahezu freundlich. Und überhaupt: Was ist das eigentlich für eine Welt, in der diese Geschichte spielt? Eine Welt, in der ein Spießbürger aus seiner Bequemlichkeit gerissen wird, gemeinsam mit einer streng hierarchisch strukturierten paramilitäischen Gruppe Abenteuer erleben muss und sich nach und nach freischwimmt, Skrupel verliert und damit zum vollwertigen Mitglied der Gruppe wird. Wobei diese Gruppe heftigst formiert ist, es gibt Anführer, deren Autorität nicht in Frage gestellt wird, es gibt weise Alte, es gibt Adel. So etwas wie Demokratie, Selbstbestimmung, Emanzipation gibt es nicht. (Na gut, J.R.R. Tolkiens „The Hobbit or There and Back Again“ ist 1937 erschienen, da mag man bestimmte Schwerverdaulichkeiten nachsehen.) Man könnte sich über die Tolkien-Jünger lustig machen, die irgendwelche Offenbarungen in diesen Büchern suchen, die Textexegese betreiben, die so tun, als ob „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ tatsächlich Literatur seien. (Man könnte sich zumindest dann über sie lustig machen, wenn das nicht Gestalten wären, die manchmal beängstigend in Richtung rechter Esoterik tendieren würden.) Man könnte nicht zuletzt über die 3D-Technik herziehen, weil es die Augen überraschend heftig anstrengt, knapp drei Stunden diesen eigenartigen Effekt anzustarren, einen Effekt, der zwar unglaublich aufwändig ist, gleichzeitig aber über weite Strecken total unnötig scheint. Dass A im Vordergrund steht und B im Hintergrund, das kann ich mir auch in einem zweidimensionalen Film zusammenreimen, dafür brauche ich kein dreidimensionales Bild, und überhaupt, dafür habe ich jetzt drei Euro 3D-Zuschlag gezahlt, dafür trage ich diese blöde, doof aussehende, an den Flügeln drückende Billigbrille?

Dafür. Und dann noch für ein paar andere Momente.

Denn „Der Hobbit“ besteht eben nicht nur aus Szenen, in denen A (im Vordergrund) mit B (im Hintergrund) redet (die Dialoge sind ohnehin nicht die Stärke dieses Films, sag‘ ich jetzt mal). „Der Hobbit“ besteht auch aus einigen Szenen, in denen einem der Mund offen stehen bleibt, weil das Kino mit einem Schlag das wird, was das Genre womöglich vor 100 Jahren schon einmal war und das heute verloren gegangen scheint: ein Spektakel. Ein Mummenschanz. Wenn die Kamera sich selbstständig macht, über die Berge jagt und durch die Schluchten, noch ein Baumwipfel, noch ein Grat, noch eine Wolkenschicht, die durchstoßen wird. Und wenn einen dann der 3D-Effekt mitnimmt, wenn man sich im Kinosessel festkrallt, weil nicht nur die Kamera in die Tiefe zieht, sondern man selbst auch, mit dem gesamten Kinosaal, dann weiß man, dass Geld wie Lebenszeit nicht für die Katz investiert waren.

Weil man dann nämlich kapiert hat, dass es überhaupt nicht um die hanebüchene Handlung geht, um den politischen Hintergrund, die langweilige Figurenzeichnung oder das gruselige Frauenbld. Es geht einzig darum, einem den Magen flau werden zu lassen.

7 Kommentare

  1. Katrin Seddig

    ich dachte mir so etwas, aber jetzt weiß ich es genau. danke noch einmal für die ausführliche besprechung.

  2. Peter Krawatte

    Ich fand die erste Pointe schon so langweilig, dass ich gar nicht weitergelesen habe.

  3. Peter Krawatte

    Das war kein Problem.

  4. Lieber Herr Schreiber,
    das Lesen dieser Rezension hat mir schon beinahe körperliche Schmerzen bereitet.
    Sie kritisieren also die mangelnde political correctness des Hobbit? In dieser Hinsicht könnten Ihnen die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm noch viel interessanten Lesestoff bescheren oder gar die Kunstmärchen der Romantik…eieiei…weibliche Handlungsträger? Hierarchien? Adel?! Oh je…
    Am meisten stört mich jedoch der Halbsatz „…als ob der Herr der Ringe und der Hobbit tatsächlich Literatur wären.“ Denn das sind sie. Hier möchte ich Ihnen nahelegen doch zumindest eines der Bücher, wenn möglich im englischen Original, selbst zu lesen.
    Alleine die so kunstvolle Art und Weise, auf die der Professor für Englische Sprache, Tolkien, die Sagenstoffe des Mittelalters und Ältere als Grundlage seiner Dichtung einsetzt ist eine wahre Freude.
    Schlussendlich bleibt mir noch zu sagen, dass man den „Hobbit“ auch als die Geschichte eines Schwachen, eines Kleinen, eines Ängstlichen lesen kann, der Mut beweist, der seine Angst überwindet.
    Beste Grüße,
    marion

    • Liebe Marion,
      „Political Correctness“, das ist so ein Schlagwort, das vor allem von Leuten gebraucht wird, die gar nicht so recht wissen, wofür es steht. Ich empfehle hier als Einstieg einen älteren Text von der Bandschublade (http://falkschreiber.com/bandschublade/keine-gutmenschen-hier/), ansonsten bleibt zu sagen: Ja, natürlich lassen sich die Brüder Grimm wegen der politischen Implikationen ihrer Texte kritisieren, das werden sie ja auch, und zwar intensiv. (Ebenso wie die Kunstmärchen der Romantik, wobei die Sache dort weniger eindeutig ist.)
      Ein Halbsatz wie „…als ob der Herr der Ringe und der Hobbit tatsächlich Literatur wären“ ist natürlich Polemik, spätestens in Zeiten von Postmoderner Literatur und strukturalistischer Textanalyse hat sich ein so weiter Literaturbegriff etabliert, da fällt vieles darunter, selbst Tolkien. Wobei die Tolkien-Jünger eher wenig vom Strukturalismus halten, der ist ihnen zu links, oder?
      Und ihr Schlusswort, nach dem man den „Hobbit“ „auch als die Geschichte eines Schwachen, eines Kleinen, eines Ängstlichen lesen kann, der Mut beweist, der seine Angst überwindet“ – vollkommen d’accord. Aber was ändert das an meinem Fazit?
      Beste Grüße, Falk Schreiber