23. Januar 2015 · Kommentare deaktiviert für Verzeiht mir. Sieben Sünden · Kategorien: Ästhetik des Scheiterns · Tags: , , , ,

Ninia La Grande bat mich zur Beichte. Erst dachte ich: Beichten, och nö, ich bin ja ehemaliger Katholik, ich habe Erfahrungen mit dieser Praxis gemacht, die möchte ich niemandem zumuten. Dann dachte ich: Ach, warum nicht, kann ja Spaß machen, so stöckchenlike. Also schrieb ich eine erste Beichte: Ich esse gerne Saures. Saures Obst, saure Gummibärchen, dazu trinke ich einen trockenen Weißwein. Das schrieb ich, und dann dachte ich: Ist das blöde! Das interessiert doch keinen! Ein bisschen mehr ans Eingemachte darf es schon gehen! Nun gut: sieben Sünden.

Ungeduld Ich bin ungeduldig. Mit Menschen, die mir etwas bedeuten. Die beobachte ich, dann sehe ich bestimmte soziale Muster, und die werfe ich ihnen dann subtil vor. Das gefällt mir nicht an mir, das ist wahrscheinlich meine schlechteste Charaktereigenschaft überhaupt, da muss ich an mir arbeiten.

Unkeusche Gedanken Habe ich. Also, nicht, dass das was Schlimmes wäre, aber manchmal sind da Gedanken dabei, die meinem Selbstbild als linker, emanzipatorischer Mann entgegenstehen. Andererseits: Sexualität ist ein Spiel, und im Spielerischen ist da sehr viel erlaubt. Nö, da stehe ich durchaus zu.

Kunst Ich mag die Musik von Death in June, manchmal. Ja, Death in June sind Nazis, aber es sind Nazis, die leider sehr gute Musik machen. Und jetzt? Es wäre einfacher, wären es Frei.Wild oder Onkelz, da fiele es leicht zu sagen: Den Schrott höre ich jetzt nicht mehr. Aber so? In der Kunst gefällt mir übrigens Neo Rauch, in der Literatur Ernst Jünger, in der Architektur Sachen aus der Schublade Einschüchterungsarchitektur, Brutalismus, sozialistischer Klassizismus. Ich komme da nicht raus.

Essen Ich esse Fleisch. Ich weiß, dass Massentierhaltung moralisch, ökonomisch, gesundheitlich ein Problem ist, ich weiß, dass das Töten eines Lebewesens durch nichts zu rechtfertigen ist. Und ich mache es trotzdem.

Diskussionsverhalten Ich mag nicht so wirken, aber ich bin in Diskussionen ein Macho. Ich lasse mein Gegenüber oft nicht ausreden, ich setze Körpersignale der Überlegenheit ein, ich verstehe eine Diskussion weniger als Austausch von Argumenten denn als Durchsetzen meiner Position. Auch hier sollte ich an mir arbeiten.

Loslassen Ich kann oft nicht richtig genießen, ich kann mich oft nicht fallenlassen. Ich bekomme den Gedanken nur schwer aus dem Kopf: Was könnte jetzt alles Schlimmes passieren? Der Leidtragende dessen bin nicht nur ich selbst, sondern auch meine Umgebung, das tut mir leid.

Tratschen Seit es das Internet gibt, schreibe ich da Persönliches rein. Ich bin eine Tratschtante geworden, und weil ich über mein Leben tratsche, tratsche ich auch über die Menschen, die in meinem Leben auftauchen. Das geht gar nicht.

Ich gebe den Auftrag zur Beichte nicht weiter. Wer mitteilungsbedürftig ist, möge den Beichtstuhl betreten, gefordert sind sieben Sünden. Aber: Sündigen ist alles, was wir noch haben, das sollten wir nicht so leichtfertig aufgeben.

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