… ist das Gatekeepertum. Sind die Fragen von Künstlern, die ich teilweise wirklich mag, menschlich, künstlerisch, die fragen, ob ich nicht was zu ihrer nächsten Ausstellung, zu ihrer nächsten Premiere schreiben würde. Ich rede nicht von Promotern, deren Bettelmails von wegen „Wir suchen regelmäßig nach niveauvollen Lifestyleblogs und wollten einen Linktausch mit deiner tollen Seite anregen“ ich mittlerweile nicht einmal ignoriere, die landen ungelesen im Spamordner, und ich gehe davon aus, dass sich die Vetreter dieses verachtenswerten Berufsstandes dessen auch bewusst sind. Nein, ich rede von den Künstlern, die mir persönliche Mails schreiben und von ihrem neuen Projekt schwärmen, und denen ich dann sagen muss, dass ich trotzdem nichts drüber schreibe. Weil es nicht ins Profil passt. Weil ich da gar keinen Einfluss drauf habe, worüber was geschrieben wird und worüber nicht. Weil ich grundsätzlich nicht über Leute schreibe, die ich persönlich kenne, also, „Kennen“ im Sinne von „mehr als mal Hallo sagen und auf Facebook befreundet sein“. Weil ich es nicht berichtenswert finde, das auch.

Ich habe meinen Beruf immer als einen beschreibenden verstanden, als: Ich schreibe auf, was ist. Seit einiger Zeit wird mir klar, dass das nicht funktioniert, ich beschreibe nicht, was ist, ich treffe eine ziemlich harte Auswahl, was ich überhaupt besuche, und dann mache ich nochmal eine Auswahl, über was ich dann schreibe. Das ist nicht immer fair, das ist mir auch klar.

Mittlerweile schreiben mir Künstler per Post. An meine private Adresse, wenn man tief genug in der Bandschublade nach dem Impressum sucht, dann findet man die. Ich möchte das nicht. Ich möchte keine Kataloge von irgendwelchen Malern ungefragt zugeschickt bekommen, mit der Aufforderung, sie zu besprechen. Es vergrößert die Chancen auf eine Besprechung nicht, wenn man möglichst penetrant agiert.

Und dann die Enttäuschung. Und dann die Wut, die auf die Enttäuschung folgt. Der Kollege Till Briegleb bekam sie zu spüren, als er auf Deutschlandradio Kultur sagte, dass zum Theatertreffen immer nur die großen Bühnen aus Wien, Berlin, Hamburg eingeladen würden, weil dort eben das „bemerkenswerte“ Theater produziert würde, dort, nicht in Kassel, Augsburg, Magdeburg. Falls Briegleb demnächst in Kassel, Augsburg, Magdeburg vorbeischauen sollte, dann wird er wahrscheinlich von beleidigten Dramaturgen gelyncht, aber in Wahrheit sagte er nur, was eigentlich klar ist: Man kann sich nicht alles anschauen. Man ist ein Gatekeeper, zwangsweise, und vor einem stehen noch weitere Gatekeeper: Die FAZ hat was über die Kunsthalle Emden geschrieben, also schau’ ich mir die auch mal an. Falk Schreiber hat was übers Theater Oldenburg geschrieben, also fahr’ ich mal nach Oldenburg.

Mir gefällt das nicht. Eine Lösung habe ich nicht.

4 Kommentare

  1. Sascha Westphal

    Ich stimme dieser Beschreibung der Situation, in der man sich als Kulturjournalist (vor allem wenn man frei arbeitet) notgedrungen befindet, vollkommen zu. Sie spricht mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen. Jedes Mal, wenn wieder ein Theater wegen einer Besprechung anfragt und ich eben nur antworten kann, es geht nicht, bleibt ein kleiner Schmerz zurück. Ich verstehe die Enttäuschung der Künstler und bin auch selbst enttäuscht. Aber es bleibt dabei, eine Lösung habe ich auch nicht.

    Allerdings bin ich nicht der Meinung, dass man die Situation von Kulturjournalisten so ohne weiteres mit der von Mitgliedern der Auswahl-Jury des Theatertreffens gleichsetzen kann. Ja, als Journalisten/Kritiker sind wir Gatekeeper. Aber die Auswahl-Jury sollte idealerweise eben diese Tore wieder einreißen … oder zumindest nicht noch größere aufstellen. Der Skandal – wenn man es denn so nennen will – in Brieglebs Äußerungen lag ja nicht in der Einschätzung, dass bemerkenswerte Inszenierungen nur in den Zentren entstehen (das ist erst einmal nur seine Meinung), sondern in der kategorischen Weigerung, sich überhaupt etwas in der sogenannten Provinz anzusehen.

    Ersteres bezweifle ich zwar auch. Aber natürlich weiß ich um das Gefälle zwischen den Ensembles in den großen Theaterstädten und denen an kleinen, finanziell eher schlecht ausgestatteten Häusern. Nur sollte das eben nicht die einzige Kategorie sein. Und Briegleb hat nun einmal den Eindruck erweckt, es ging einzig und allein um das Geld, das den Häusern zur Verfügung steht.

    Natürlich kann man sich nicht alles ansehen, aber das muss ja auch keiner. Dafür sind es sieben Juror*innen, von denen jede(r) eine gewisse Vorauswahl treffen kann … wenn sich dann allerdings selbst nach Empfehlungen einige der Juror*innen sträuben und nicht in die ‚Provinz‘ fahren wollen, dann stimmt etwas nicht.

    • Nunja, die Thetertreffen-Jury besteht ja aus Journalisten. Entsprechend finde ich es schwierig, dass dieselbe Berufsgruppe, die die Tore gerade erst verschlossen hat, diese nun wieder einreißen soll. Zu der umstrittenen Äußerung des Kollegen Briegleb: Ich denke, er wollte hier bewusst provozieren. Zumal ich auch weiß, dass er gar nicht so „Provinz“-feindlich denkt, wie seine Äußerungen nahe legen. Zumindest sehe ich ihn manchmal in Theatern, die durchaus als Provinz gelten … Fakt ist: Ich würde mir gerne mehr anschauen, auch gerne abseits der Metropolen. Aber wenn etwas nicht finanzierbar ist, dann geht es nicht. Und wahrscheinlich denken die meisten Kollegen so.

      • Sascha Westphal

        Ja, wahrscheinlich ist meine Sicht auf die Jurytätigkeit für das Theatertreffen zu idealistisch und damit unrealistisch. Trotzdem würde ich weiter sagen, es gibt einen Unterschied zwischen der Tätigkeit als Journalist und der als Juror. Persönlich fände ich es wunderbar, die Tore, an denen man selbst gebaut hat, auf diesem Weg wieder einzureißen. Das mag schizophren klingen … aber vielleicht wäre Schizophrenie gar nicht schlechteste Sache für eine TT-Juror*in.

        Ich entschuldige mich, dass ich nun etwas weiter aushole. Vielleicht ist das hier auch gar nicht der richtige Platz dafür. Aber ich habe den Eindruck, dass wir gerade an einem sehr interessanten Punkt angekommen, der in den Diskussionen um das TT kaum mal angeschnitten wird.

        Ich gehe davon aus, dass wir beide mit unserer Gatekeeper-Rolle unglücklich sind. Wir kennen zwar keinen Ausweg, aber das macht es schließlich nicht besser. Nun haben wir uns diese Rolle auch nicht ausgesucht. Sie wird uns von den Verhältnissen aufgezwängt. Da gibt es zum einen die – ich nenne sie mal – „natürlichen Grenzen“: Niemand kann alles sehen. Das lässt sich zeitlich und logistisch nicht bewerkstelligen.

        Aber es gibt eben auch die gemachten Grenzen, über die sich Redakteure wie freie Journalisten trotzdem kaum oder nur unter größten Schwierigkeiten hinweg setzen können. So lange es keine Auftraggeber gibt oder das Medium, für das man arbeitet, nicht die entsprechenden Mittel bereitstellt, gilt natürlich: „Aber wenn etwas nicht finanzierbar ist, dann geht es nicht.“

        Diese Argumentation ist im journalistischen Alltag schlicht Realität. Die kann man unter Umständen mal ignorieren, was ich gelegentlich mache, aber auf Dauer ist das natürlich unmöglich. Doch – und damit kommen wir zu meiner Sicht auf das TT – sie sollte für eine TT-Juror*in nicht gelten.

        Anders gesagt, das ist doch das unglaubliche Privileg dieser Tätigkeit: nicht mehr an die Grenzen gebunden zu sein, die der journalistische Alltag absteckt. Drei Jahre lang ist da die Möglichkeit, Inszenierungen zu sehen, die man sonst nicht sehen könnte. Sei es, weil die Fahrt- und Übernachtungskosten zu hoch wären oder weil man einfach nicht über diese Produktionen schreiben kann.

        Sollte es also so sein, dass das TT diese Art von Neugierde, die angestammten Pfade zu verlassen, nicht mehr fördert und unterstützt, weil seine finanziellen Mittel dafür nicht ausreichen, dann hätte das TT ein strukturelles Problem, das unbedingt breiter diskutiert werden müsste…

        • Ach, man könnte auch sagen: Das Theatertreffen hat eben seinen Etat, und dieser Etat ist für die Kunst da, nichht für Extravaganzen der Jurymitglieder. Und natürlich wäre es extravagant, der Jury ständige Reisen nach, zum Beispiel, Coburg zu finanzieren. Das ist dann aber nicht primär ein strukturelles Problem, sondern liegt in der Natur der Sache.