Falk Schreiber, Kulturjournalismus


Falk Schreiber

Kulturjournalismus


Rausch der Sinne

Jette Steckels Zweipersonen-Inszenierung „Medea“ wird am Thalia Theater bejubelt. Bezüge zur Gegenwart sind offensichtlich

(...) André Szymanski mag seinen Jason klug anlegen, als rationalen Einerseits-andererseits-Abwäger, der seine durchaus vorhandene Egozentrik mit einem souverän getragenen Menjou-Bärtchen überspielt, ausrichten kann er nichts gegen Maja Schönes Medea. Denn die ist ein Ereignis und würde das ohnehin auf zwei Personen (sowie einen „Chor der Kinder“ und zwei Livemusiker) eingedampfte Drama im Zweifel auch allein stemmen, wütend, liebend, rasend. Schöne prägt die Inszenierung, sie treibt die Handlung konsequent in Richtung Abgrund, sie buhlt um Mitgefühl, wenn sie heult und sich krümmt, sie stellt klar, dass die Medea zugeschriebenen Zauberkräfte vor allem aus offensiver Sexualität bestehen. Nein, da mag der Titel behaupten, was er will: Gespielt wird hier „Medea“. (...)

Aus: Hamburger Abendblatt, 21.10.2018

 

Identitäts-Migration

Außer sich – Am Berliner Gorki Theater fragmentiert Sebastian Nübling Sasha Marianna Salzmanns Romandebüt

(...) Ein interessantes Spiel mit Identitäten entspinnt sich hier also, ein Spiel, hinter dem die pflichtschuldig abgehakte zweite Ebene des Romans ein wenig verblasst. Die Zugfahrt der Familie aus Russland in die Bundesrepublik mag von Seck mit Verve performt werden, sie bleibt aber ebenso wie Anastasia Gubarevas in diesem Kontext überraschend konventionelle Darstellung der Mutter Rampenrede, Prosa. Und dass gegen Ende tatsächlich noch eine Anton-Figur auftritt, ist sogar ein Verschenken der Qualität von Schauspieler Mehmet Ateşçi, der hier ein Inzest-Motiv explizit macht, das als unscharf beunruhigende Sexualität hinter dem Dazwischen-Spiel der Istanbul-Erzählung eigentlich viel stärker war. (...)

Aus: Nachtkritik, 12. 10. 2018

 

Erfahrene Tresensteher

Das Internationale Sommerfestival Hamburg zwischen Mainstream und Avantgarde

(...) Überhaupt erweist sich Festivalleiter András Siebold in seinem sechsten Festival als treuer Geist: Viele Künstler wurden schon mehrfach nach Hamburg eingeladen und bilden nach und nach eine Art virtuelles Sommerfestival-Ensemble. So Gisèle Vienne, die ihre (zuvor schon bei den Wiener Festwochen und in der Berliner Volksbühne präsentierte) Rave-Choreografie „Crowd“ zeigt, so Rimini Protokoll, deren (in angepassten Versionen schon in Berlin und im Ruhrgebiet präsentierte) theatrale Stadtrundfahrt „Dos & Don’ts“ zwar inhaltlich schwächelt, formal aber die Hinterhöfe und Ausfallstraßen Hamburgs in reizvolle Readymade-Bühnen verwandelt und so eine im während der vergangenen Jahre fast vollständig auf Kampnagel gezeigten Gesamtwerk der Gruppe eher zweitrangige Produktion doch noch sehenswert macht. (...)

Aus: Theater heute 10/2018

 

There is no God

Hexenjagd – Stefan Pucher will am Hamburger Thalia nichts von Arthur Millers Klassiker, das allerdings auf hochvirtuose Weise

(...) Die Popbezüge früherer Pucher-Arbeiten sind fast vollkommen verschwunden, einzig die Kleidung der vorgeblich besessenen Mädchen erinnert an die Fernsehserie "The Handmaid’s Tale", wobei die Kostüme dieser Dystopie selbst auch wieder einen Rückgriff auf puritanische Formen darstellen – der Link zum Pop ist da, aber er ist ein doppelt verschachtelter Link, der nur darüber hinwegtäuscht, dass dieser Abend eigentlich nichts will. Das allerdings auf hochvirtuose Weise. (...)

Aus: Nachtkritik, 30. 9. 2018

 

Gruseliger Start ins Theaterfestival

Zum Auftakt war „Grimmige Märchen“ von Herbert Fritsch zu sehen

(...) Zombies purzelten da aus bekannteren wie unbekannteren Grimm-Märchen in Fritschs Inszenierung und zeigten dort eine Art postmodernes Märchentheater, Fetzen aus „Hänsel und Gretel“, aus „Marienkind“, aus „Der süße Brei“, immer möglichst böse, immer möglichst grimmig und grausig. Grusellust. Von einer Kinderleiche wurde da erzählt, einer Leiche, die zwar begraben war, aber immer wieder das kleine Ärmchen aus dem Erdreich hob. Und dann hob das wunderbare Fritsch-Ensemble die rechten Ärmchen zum Hitlergruß. Hinter jedem Märchen liegt das Grauen, aber bei Fritsch ist dieses Grauen noch viel grausiger als im Original. (...)

Aus: Hamburger Abendblatt, 22. 9. 2018

 

„Sperrt eure Töchter ein!“

Das Theater ist mehr als weiß, heterosexuell, männlich? Die neue Spielzeit sendet gemischte Signale.

(...) Ja, Trump, Brexit, AfD, alles schlimm – aber gleichzeitig regiert in Frankreich mit Emmanuel Macron ein überzeugter Europäer. Jede Bewegung beinhaltet auch eine Gegenbewegung. Womöglich auch im Theater: Ende Oktober übernimmt der Niederländer Johan Simons die Intendanz am Bochumer Schauspielhaus. Und etabliert dort ein Ensemble, das die multikulturelle Vielfalt des Ruhrgebiets abbildet und keinen klassischen Bildungskanon, mit Schauspielern wie Mercy Dorcas Otieno, Jing Xian, William Bartley Cooper, Sandra Hüller und Mourad Baaiz. Bunt. Anders. Queer. (...)

Aus: kulturnews, 09/2018 (nicht online, PDF auf Anfrage)

 

Ein Mann auf einem Stuhl

Das Haus der herabfallenden Knochen – Die Bands Khoi Khonnexion und Kante spielen beim Internationalen Sommerfestival Hamburg ein szenisches Konzert

(...) Nur an einer Stelle traut sich der Abend zu einem Schlenker ins Unversöhnliche vor: als Kante-Sänger Peter Thiessen auf einen Stuhl steigt und betont, mit dem Vergangenheitsbezug und der Betonung familiärer Determinierung der südafrikanischen Kollegen nichts anfangen zu können. "Fuck ancestors. Fuck bloodlines. Fuck heritage." Das ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil dieses Bild, ein Mann auf einem Stuhl mit giftigem Blick ins Publikum, auch das einzige des gesamten Abends ist, das eine gewisse szenische Qualität besitzt. (...)

Aus: Nachtkritik, 24. 8. 2018

 

Stürme, Feuer, Erdbeben

Der Mensch im Spiel der Elementargewalten: Die Hamburger Kunsthalle zeigt die Schau „Entfesselte Natur“

(...) Tatsächlich verweigert „Entfesselte Natur“ jede politische Einordnung. Selbst in den letzten Räumen, die sich zeitgenössisch mit Endzeitszenarien auseinandersetzen, fehlt jeder Hinweis auf eine menschliche Verantwortung für die Katastrophe. Im Grunde ist diese Präsentation die Chronologie künstlerischer Moden, hier die die holländischen „Brandjes“ des 17. Jahrhunderts, dort die Welle von Sintfluten 100 Jahre früher, drüben Schiffsunglück um Schiffsunglück. Kann man Josef Carl Berthold Püttners „Untergang des Auswandererschiffes Austria am 13. September 1858“ (1858) betrachten, ohne an Migranten zu denken, die heute auf überladenen Schiffen krepieren? Kann man die Katastrophe denken, ohne an Politik zu denken? Hamburg schwitzt.

Aus: Stuttgarter Zeitung, 6. 8. 2018 (nicht online, PDF auf Anfrage)

 

Hamburgs schönster Abenteuerspielplatz

Die vierten Hallo Festspiele im ehemaligen Kraftwerk Bille in Hammerbrook eroberten den Fluss als öffentlichen Raum zurück.

(...) Es gibt in der Darstellenden Kunst eine lange Tradition des nackten Körpers. Wobei Nacktheit hier fast immer heißt, dass die Darsteller nackt sind, das Publikum bleibt bedeckt. In „Litany for a naked audience“ von Frauke Aulbert und Ann-Kathrin Quednau aber ist diese Trennung aufgehoben, gemeinsam wird eine mobile Sauna besucht, in der die beiden Performerinnen singen: „Voice Piece“ von Joan la Barbara, ein minimalistisches Stück, das weitgehend aus langgezogenen Obertönen besteht und das die Sängerinnen im Extremklima der Sauna an ihre Grenzen führt: die Stimmen brechen, die Töne zittern, das Publikum schwitzt. (...)

Aus: Hamburger Abendblatt, 5. 8. 2018

 

Eine Fassade ohne Haus

Auch Queerness ist bloß eine Kategorie. Aber Tucké Royale ist nicht so leicht zu fassen – ein Porträt

(...) Als Royale fünf war, fiel die Mauer, war die DDR wichtig für ihn? Überraschung: Ja. „Ich war kein Pionier mehr, ich war auch zu jung, dass das ein Thema für mich gewesen wäre“, erzählt er. „Aber auf einer ästhetischen Ebene haben sich diese ,Peter im Tierpark‘-Szenarien eingeprägt. Eine gewisse Melancholie, mit der ich lebe, wurde durch die sehr gefordert. Mir stellt sich durchaus die Frage, wer ich wäre, wenn die Farben und die Kohlegerüche aus den ersten Jahren nicht gewesen wären.“ Eine erste Spur: „Peter im Tierpark“ ist ein Gemälde Harald Hakenbecks aus dem Jahr 1961, das sechs Jahre später als Briefmarke gedruckt wurde und in der DDR insbesondere durch Nachdruck in Schulbüchern enorm populär war. Und vielleicht versteht man die Ästhetik Royales über dieses Bild tatsächlich etwas besser, über die matten Farben, über die realistische Darstellung eines Kindes in einer winterlichen Zoolandschaft. (...)

Aus: Theater heute 07/2018

 

Doppel Whopper, Sahnetorte

Hänsel & Gretel – Am Hamburger Thalia Theater machen Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo das Grimmsche Märchen zum Schockmusical.

(...) Nach zwei Stunden ist die Hexe gegrillt, und auf die Orgie folgt der Kater. Die Inszenierung schleppt sich noch über 30 Minuten weiter durch Märchenmotive, mit dröhnendem, drogenvernebeltem Kopf: Es ist nicht falsch, dass Semper und Ojasoo ihr bis dahin mitklatschseliges Schockmusical ausbremsen, dem massentauglichen Charakter des Vorangegangenen einen kleinen, ziellosen Albtraum entgegenstellen. Es ist nur leider auch ein wenig langweilig, den nackten Hänsel (Kristof van Boven, okay, er trägt einen Fatsuit) zu beobachten, wie er durch verschneite Wälder irrt und von einem gehäuteten Mäuschen (Rafael Stachowiak) zugetextet wird. Irgendwie findet Hänsel nicht mehr nach Hause, und die Inszenierung findet nicht so richtig zu einem Schluss, auch wenn er schon in Sichtweite ist. (...)

Aus: Nachtkritik, 14. 4. 2018

 

Wasr ein Frauenbild ...

Wegweisende Arbeiten der Künstlerin Astrid Klein sind in der Harburger Sammlung Falckenberg zu sehen

„Die fünf schlimmsten Krankheiten des weiblichen Geistes sind Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“, weiß der japanische Philosoph Kaibara Ekiken (1630–1714). Riesiger Blödsinn, natürlich, aber das Zitat des Neo-Konfuzianers in Astrid Kleins Collage „Untitled (Die fünf schlimmsten Krankheiten)“ von 1979 stammt aus einer Zeitung, scheint also Ende der Siebziger noch eine gewisse Deutungsmacht besessen zu haben. Neben dem Zitat ist eine junge, leicht poröse Frau zu sehen, tief dekolletiert, ungeordnete Locken, leicht geöffneter Mund: „Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“.

Aus: Hamburger Abendblatt, 3. 4. 2018

 

„Merkt ihr, wie es bröckelt?

Die Intendantin und Regisseurin Karin Beier unterzieht Shakespeare einer gnadenlosen Selbstbefragung: „Der Kaufmann von Venedig“ im Hamburger Schauspielhaus mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle.

(...) Zwar ist die Inszenierung ein textgenaues Hinterfragen von Shakespeares Vorlage, aber irgendwann kann auch sie sich bei aller intellektuellen Kälte dem Wissen nicht mehr verschließen, dass die Beziehung zwischen Europa und dem Judentum vor allem eine Gewaltbeziehung ist. Also schlagen die Bürger von Venedig in einer Po­gromszene Johannes Schütz’ Bühne kurz und klein. Und Jessica sitzt alleine an der Rampe, während weit hinten das von Meyerhoff angeführte Ensemble Shakespeares verlogenes Happy End spielt. (...)

Aus: Stuttgarter Zeitung, 29. 1. 2018