Mir, natürlich, ist das alles zu bunt. Jon Burgerman ist auf eine Weise Pop Art, wie sie eigentlich schon in Burgermans Geburtsjahr 1979 niemand mehr sehen wollte: niedlich, fröhlich, buntbuntbunt. Auf den ersten Blick erinnert Burgermans Ausstellung in der Hamburger Gallerie Heliumcowboy Artspace an Keith Haring, und Haring ist immerhin seit über 20 Jahren tot.

Burgermans „Lossy Botany Lab“ versammelt großformatige Gemälde, Skulpturen aus Kunststoff, Pappe und Filz – und mittendrin einen begehbaren Pappverhau, das eigentliche „verlustreiche Botanik-Labor“. Das Gebäude ist liebevoll ausgestattet mit diversen Objets trouvés, Kritzeleien, Notizen, es riecht süßlich (was an der traurigen Banane liegt, die in der Mitte des Raumes baumelt). Und plötzlich ist die Ausstellung gar nicht mehr popbunt, plötzlich erhält die Ausstellung einen stofflichen Charakter, der sich längst nicht mehr so einfach konsumieren lässt wie Pop Art im Allgemeinen. Plötzlich glaubt man sich nicht mehr bei Keith Haring, plötzlich glaubt man sich in den organisch vor sich hinmäandernden Installationen von Jonathan Meese oder von Christoph Schlingensief. Das ist immer noch Pop, aber es ist plötzlich kein Pop mehr, der auf Einverstandensein baut, es ist Pop, der auf Divergenz gründet, der mehr Fragen stellt als dass er Antworten liefert. Und der, das schon, immer noch etwas mit Lust zu tun hat. Die Bilder vibrieren, eine tänzerische Bewegung liegt in ihnen, und dass dieser Tanz an manchen Stellen stark an einen Totentanz erinnert, ist auch nicht die Erfindung Burgermans. Aber das nervtötende Buntbuntbunt dieser Kunst wird relativiert: Burgerman braucht das Bunte, um düstere Ecken seiner Welt darstellen zu können.

Was in Hamburg fehlt, ist der performative Aspekt dieser Arbeit. „The Lossy Botany Lab“ wurde entwickelt für die Scope Art Fair in New York, dort war das Lab tatsächlich eine Art dadaistisches Labor, in dem Kunst produziert wurde. In Hamburg dagegen steht eine Nachbildung, das Labor wurde zur Installation, die Praxis zum Museum. Was ein wenig schade ist, weil man im Labor gar nicht erst auf den Holzweg geraten wäre, Burgerman als bloße Haring-Kopie misszuverstehen. Immerhin, ganz wurde das Performative nicht aufgegeben: Jon Burgerman zählt zum Umfeld des Neo-Pop-Künstlers Jim Avignon, und gemeinsam mit dem gibt er am 6. August ein Konzert in den Galerieräumen.

Edit: Das Konzert von Burgerman und Avignon ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Schad‘.

Endlich haben wir einen Bundespräsidenten. Klar, wäre ja auch schlimm, wenn Deutschland ins Endspiel der Fußball-WM käme, und dann müsste da ein Vertreter den Spielern beim Verlieren zuschauen, Bundesratspräsident Jens Böhrnsen etwa, ein Sozialdemokrat, das auch noch. Aber jetzt ist ja alles gut, nach langer Zeit wurde endlich Christian Wulff gewählt, der Kandidat, der im Interview erzählte, dass er zum letzten Mal in Zweiohrküken im Kino gewesen sei. Mit übertriebener Intellektualität wird Wulff uns wohl nicht nerven, das darf man jetzt schon mutmaßen.

Aber bevor das jemand falsch versteht: Ich finde Christian Wulff okay. Gut, er pflegt sein Image des schlichten Gemüts, gut, er ist Christdemokrat, gut, er zeigt eine beunruhigende Nähe zur religiösen Rechten. Aber: Christian Wulff ist zumindest kein Scharfmacher. Er gibt sich als ultrasensibler Verstehertyp, und genau das ist eine Eigenschaft, die man in der Position des Bundespräsidenten braucht. Eine Eigenschaft, die seinem Kontrahenten Joachim Gauck fehlt: Gauck betont, dass Hartz IV eine gute Sache sei, Gauck findet den Afghanistaneinsatz in Ordnung, Gauck ist grundsätzlich der Meinung, dass von Links nur Übles kommen kann. Darf er ja alles finden, nur: Präsidial ist das nicht.

Aber: Es war ja nie im Bereich des Möglichen, dass Gauck wirklich Präsident werden würde. SPD und Grüne haben den Stockkonservativen nur aus einem Grund aufgestellt: Sie wollten die Regierungsparteien CDU und FDP sowie deren Kandidaten Wulff blamieren. Das ist ihnen gelungen. Man muss den Hut ziehen vor diesem Strategiespiel, nachdem Gauck erstmal nominiert war, konnten die Regierungsparteien nur verlieren, die Opposition konnte nur gewinnen.

Ein Opfer musste dafür allerdings über die Klinge springen: die Linkspartei. Die konnte Gauck nicht wählen. Nicht, weil der sie schmerzhaft an ihre Stasi-Vergangenheit erinnern würde, sondern wegen seiner Haltung zu Afghanistan, zum Sozialabbau. Und wegen seiner Haltung zu linker Politik im allgemeinen. Wie hätten die Linken das machen sollen, jemanden wählen, der sie bei jeder Gelegenheit beschimpft? Dafür müssen sie sich jetzt vorhalten lassen, Wulff ermöglicht zu haben. Die Alternative wäre natürlich gewesen: Die Linken schlucken alle Kröten und wählen Gauck (tatsächlich hätte das zumindest im dritten Wahlgang auch nichts mehr gebracht, aber egal). Dann wäre die Linke genau die machtgeile Umfallerpartei gewesen, die sie in Regierungsverantwortung schon längst sind: Die Partei, die einen ultraliberalen Kommunistenfresser gewählt hätte. So ist sie nur die Partei, die einen profil- und kulturlosen Christen nicht aktiv verhindert hat. Mir ist das lieber.

Denn: Zumindest meine Stimme hätte eine Partei, die Gauck gewählt hat, bei der nächsten Wahl nicht mehr bekommen.