09. Dezember 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (November 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , ,

Was ich definitiv nicht mache: mir den neuen Lars-von-Trier-Gesamtkunstwerksüberkandideltschocker „Nymphomaniac“ anschauen. Weil heute nämlich die Pressevorführung ist, ich aber erkältet im Bett liege. Kann ja alte DVDs gucken, mrpf. Oder mich erinnern, was ich im Vormonat so geschrieben habe.

Zum Beispiel für Theater heute. Eine Besprechung von „Die Eingeschlossenen“ der Hamburger Gruppe Ligna auf Kampnagel (online wie immer nur für Abonnenten zugänglich):

Die Zuschauer verlassen das Parkett, betreten die Bühne, sanft angeleitet von den Stimmen im Kopfhörer (Edith Dane, Katja Danowski, Hans Löw und Samuel Weiß). Jetzt: Verteilen im Raum. Jetzt: einen Kreis bilden. Jetzt: möglichst langsam im Kreis schreiten. Oder doch nicht? Die Inszenierung baut Störungen ein, anscheinend sind nicht auf allen Kopfhörern die gleichen Anweisungen zu hören, die einen schreiten, die anderen rennen.

Ligna, das klingt wie Signa, und auch die dänische Gruppe Signa zeigte ein Stück in Hamburg: „Schwarze Augen, Maria“, die unfreiwillige Eröffnung des Hamburger Schauspielhauses, die ich für die Nachtkritik besprochen habe:

Eigentlich hätte „Schwarze Augen, Maria“ im Eröffnungswochenende der Karin-Beier-Intendanz am Hamburger Schauspielhaus die installative Flanke abdecken sollen, nach Beiers eigener Inszenierung „Die Rasenden“ am Freitag und vor Friederike Hellers „Nach Europa“ am Sonntag. Nachdem „Die Rasenden“ aber wegen eines Unfalls auf der Hauptbühne in den Januar verschoben wurde, rutschten Signa unfreiwillig in die Rolle, die zentrale Eröffnungspremiere stemmen zu müssen – eine Rolle, die „Schwarze Augen, Maria“ nicht ausfüllen kann, auch nicht will. Am Ende bleibt das Bild eines abgründigen Laientheaters: „Ihr lieben Leute, habt gut acht / Was wir an Finstrem mitgebracht.“

Ein weiterer Text für die Nachtkritik war „Fatzer/Krieg“ auf Kampnagel, Benjamin van Bebbers (vom Cobratheater.Cobra) Diplominszenierung, die ich, naja, ein wenig trocken aber durchaus beeindruckend fand:

„Fatzer/Krieg“ ist die Abschlussinszenierung van Bebbers im Studiengang Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg, das erklärt den etwas akademischen Charakter der Arbeit. Die Inszenierung zeigt aber auch exemplarisch, welchen Weg van Bebber sowie sein mehr oder weniger enges Theaternetzwerk „cobratheater.cobra“ gehen: hin zu einem Theater, das einerseits die radikale Form sucht, andererseits die Strukturen traditioneller Theaterproduktion beibehält. Es wird in Hierarchien gearbeitet, es gibt Regie, Dramaturgie, es gibt Darsteller, die sehr wohl Rollen ausfüllen, auch wenn beispielsweise Martón Nagy ein Johann Fatzer ist, der nur noch die äußere Hülle einer Figur ist. Es gibt vor allem auch Texte, die überaus ernst genommen werden, die mehr sind als bloßes Material – zuletzt inszenierte van Bebber Büchners „Lenz“ und Purcells „Dido und Aeneas“.

Weniger beeindruckend fand ich hingegen „Oldboy“ Spike Lees Hollywood-Remake von Park Chan-wooks zehn  Jahre alter Gewaltorgie. Warum, steht in den kulturnews.

Nur in ein paar Ausstattungsdetails blitzt die politische Schärfe von Lees Frühwerk auf, ansonsten ist der Film härtere Genreware von der Stange. Die Schauspieler machen, was sie können, insbesondere Josh Brolin gibt den leidenden Protagonisten mit berückender Kaputtheit, gegen die uninsprierte Regie kommt aber auch er nicht an. Selbst die ausufernde Brutalität wirkt hier eigenartig blutleer, trotz ein paar fieser Folterszenen – wo Park ein furios-blutiges Gewaltballett inszeniert, gibt es bei Lee eben eine Keilerei.

Ein gutes Stück besser kommt der Animationsfilm „Alois Nebel“ am gleichen Ort weg:

Lunák steht in der langen Tradition tschechischer Trickfilme, wo man auf die heute üblichen Animationen verzichtet und stattdessen das aufwändige Rotoskopieverfahren einsetzt. Das Ergebnis sind statische, düstere Bilder, die von harten Schwarzweiß-Kontrasten leben. „Alois Nebel“ ist eine Mischung aus gezeichnetem Geschichtspessimismus, Kriminalhandlung und Sozialmelodram – wenn Aki Kaurismäki Trickfilmer wäre, dann sähen seine Filme so aus.

Im uMag habe ich schließlich einen längeren Text über Christoph Schlingensief geschrieben, anlässlich seiner aktuellen Ausstellung in den KW Institute for contemporary art in Berlin:

Schlingensief inszenierte Starschauspieler, Laien, Obdachlose, Menschen mit Behinderung, er überforderte seine Darsteller, so wie er sich überforderte. Häufig gab es Vorwürfe, er nutze Menschen aus, die sich nicht wehren könnten Ein wenig war da auch etwas dran, aber es war auch so, dass Schlingensief sich selbst ebenso ausnutzte. Er machte sich selbst nackt und zeigte in seinen besten Arbeiten ein rohes, unfertiges Scheitern.

Und jetzt geh‘ ich verrotzen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Was ich hier mache? Ich schreibe. Ich schreibe sogar ziemlich viel, zumindest macht das den Eindruck, aber man sollte sich nicht aufs Glatteis führen lassen: Journalismus funktioniert nicht so, dass ich im einen Monat wahnsinnig viel mache und im anderen kaum etwas, der funktioniert so, dass ich jeden Monat so ziemlich gleichviel mache, und manches landet dann erstmal auf Halde, bis es zwei, drei Monate später doch noch zu einer Veröffentlichung kommt – und da hat man dann eben den Eindruch, ich hätte bis zur Erschöpfung durchgearbeitet. Habe ich aber gar nicht.

Jedefalls habe ich gleich drei Interviews in der aktuellen Kultur//Hamburg geschrieben (alle nicht online). Einmal mit Bettina Stucky, als Schauspielerin neu im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses, weswegen dieser Artikel mein Betrag zum Neustart ist. Eigentlich wollte ich die Intendantin Karin Beier sprechen, die konnte aber nicht, und im Nachhinein ist mir das ganz recht – erstens war Stucky eine ganz tolle Gespächspartnerin, und zweitens hat sich Beiers Schauspielhaus-Eröffnung nach einem mehr als tragischen Unfall auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass ein Interview ein wenig fehl am Platze wäre.

Kultur//Hamburg: (…) Wird man beim neuen Spielplan schnell politisch?

Stucky: Schon. Ich finde immer gut, wenn Theater politisch ist. Ich finde auch, dass man sich verhalten muss, weil Nichtverhalten auch ein Verhalten ist. Gerade an einem Haus von so einer Größe ist es wichtig, dass man sagt: Hey, Moment! Es geht nicht nur darum, dass wir möglichst perfekt „Hamlet“ spielen!

Ebenfalls für Kultur Hamburg habe ich Hans-Jörg Czech gesprochen, dem neuen Chef des Altonaer Museums:

Kultur//Hamburg: Herr Czech, sagt Ihnen der Begriff „Quiddje“ etwas?

Hans-Jörg Czech: (lacht) Ja, der ist mir natürlich schon begegnet.

Und schließlich interviewte ich Christine Ebeling, Künstlerin und Aktivistin im Gängeviertel, das langsam aus den Schlagzeilen rutscht:

Kultur//Hamburg: Christine Ebeling, vor wenigen Wochen feierte das Gängeviertel den vierten Jahrestag seiner Besetzung. Wo steht das Gängeviertel heute?

Christine Ebeling: Wo es steht? (lacht) Immer noch zentral in der City.

Für Theater heute war ich mal wieder in Bremen. Und habe mir die dortige Premiere von Felix Rothenhäuslers Romandramatisierung „Schimmernder Dunst über ConyCounty“ (nach Leif Randt) angeschaut.

CobyCounty bleibt bei Felix Rothenhäusler ein utopischer Ort, eine mit Glitzer bestreute Fläche (Bühne: Evi Bauer), auf der die Figuren wie in Watte ihr Glück reflektieren: freundlich, sanft, leidenschaftslos. Auf Requisiten verzichtet Rothenhäusler nahezu völlig, gerade mal eine luxuriöse Espressomaschine wird manchmal auf die Bühne gerollt (guter Kaffee ist wichtig!), und ein riesiger Flachbildschirm, hinter dem sich hübsch durchchoreografiert vögeln lässt. Schattenseiten gibt es in CobyCounty nicht, allerdings auch keine Überlegungen, auf wessen Kosten dieses Wohlleben eigentlich möglich ist.

Für das uMag interviewte ich den Comiczeichner Reinhard Kleist und den Autor Tobias O. Meißner, die gemeinsam die Comicreihe „Berlinoir“ geschrieben haben:

uMag: Kann „Berlinoir“ denn nur in Berlin spielen?
Kleist: Absolut. Die Geschichte beruht ja auf der Geschichte der Stadt, ihrer wechselnden Herrschaftsformen, der Kultur, der Eigenart der Bewohner. Und sicherlich auch ihr ständig wechselndes Äußeres: Jeder Regierung hat hier ihre Spuren hinterlassen. Wir haben die Stadt gestaltet nach der Idee, wie sie aussehen würde, wenn Vampire sie erbaut hätten. Am Ende siegt die sterbliche Menschheit, und schon sieht auch die Stadt ganz anders aus. Eher wie eine Shopping Mall.

Außerdem gibt es im uMag einen Text über Sex. Beziehungsweise über HIV. Beziehungsweise über den UMgang der Kunst mit dem Komplex und weswegen wir uns da nich losmachen können.

Seit ich über Sexualität nachdenke, denke ich an den Grundssatz „Nur mit Kondom!“ Mir war klar, lange, bevor ich überhaupt das erste Mal Sex haben sollte, dass Sex gefährlich sein kann und dass man sich vor der Gefahr schützen muss, so gut es geht – und zumindest vor einer Übertragung mit HIV schützt man sich eben am wirkungsvollsten mit einem Kondom.

Noch ein weiterer Text im uMag beschäftigt sich mit Kunst. Und zwar geht es hier um die Fotografien von Jeff Wall, die ab 7. 11. in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sind.

Ein einsamer Wanderer auf einer staubigen Straße. Er kommt aus dem ostanatolischen Dorf Arica Köyu, er nähert sich dem Istanbuler Vorort Mahmutbey, er sieht: eine verwilderte Wiese. Stromleitungen. Im Hintergrund eine Moschee, eine Autobahn, halbfertige, gesichtslose Wohnbauten, alles unter einem verhangenen Himmel. Der Ankömmling trägt: eine zu große Hose, ein weites Hemd, in einer ausgeleierten Sporttasche schleppt er wohl ein paar Habseligkeiten mit sich rum.

Und schließlich beschreibe ich noch eine schöne, spätsommerliche Bahnfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern:

Jedenfalls, eine Frau redet, und am liebsten redet sie über Freundinnen, die nicht anwesend sind. Naziheike zum Beispiel, ein typischer Name in Rostock anscheinend, den kann ich hier einfach nennen, ohne dass irgendjemand sofort weiß, wer gemeint ist. Naziheike war mal mit Sandro zusammen, und Sandro ist jetzt wieder zurückgezogen zu Mutti, weil seine Frau ihn verlassen hatte. „Sandro fickt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, na, da wäre ich auch nicht begeistert als Frau. Jedenfalls wohnt der jetzt im Souterrain bei Mutti in Lütten Klein, gemeinsam mit „seinem behinderten Bruder“, der aus Solidarität mitgezogen sei, und „noch so einem Typen aus der Band“, Rock ’n‘ Roll in Lütten Klein.

In der kulturnews habe ich ein bisschen rezensiert. Den neuen Film von Roman Polanski etwa, „Venus im Pelz“, Theater und devianter Sex, meine Themen:

Roman Polanski, großer aber leider auch alter Mann des Weltkinos, verfilmt ein Theaterstück von David Ives, anscheinend ohne während der vergangenen 50 Jahre ein einziges Mal zeitgenössisches Theater gesehen zu haben. Und dann bezieht sich dieses Stück auch noch auf Leopold von Sacher-Masochs Skandalnovelle „Venus im Pelz“, was angesichts der Tatsache, dass Polanski zuletzt immer häufiger in Gefilde der Altherrenerotik abdriftete, ebenfalls beunruhigt. Wenn man sich aber an den verstaubten Inszenierungsstil gewöhnt hat, stellt man fest: Alles gar nicht so schlimm.

Außerdem habe ich Viktor Jerofejews neuen Roman „Die Akimuden“ besprochen:

Jedenfalls erheben sich die Toten aus ihren Gräbern (respektive aus der Metro) und bevölkern die Hauptstadt, ein neuer Staat namens „Die Akimuden“ taucht auf der Weltkarte auf und nimmt erste diplomatische Beziehungen zu Moskau auf (was der US-Geheimdienst skeptisch beobachtet), ein hocherotisiertes Wesen namens Fink soll den akimudischen Botschafter aushorchen, und irgendwann bombardiert die russische Armee mehr oder weniger grundlos Sotschi, Putins touristisches Prestigeobjekt am Schwarzen Meer.

Und auch auf der Nachtkritik erschienen Kritiken von mir. Zunächst über „Der nackte Wahnsinn“ unter der Regie von Luk Perceval am Thalia Theater:

„Der nackte Wahnsinn“ wird jedenfalls erstmal: ziemlich lustig. Es gibt eine virtuose Slapstick-Szene, in der Regieassistentin Tini (Cathérine Seifert) mit den Tücken der Kulisse kämpft. Es gibt Kostüme, die Lisa Hagmeister in reines Bein und Victoria Trauttmansdorff in reinen Push-up verwandeln. Und es gibt eine sympathisch verzagte Figurenzeichnung, die das Klischee zwar andeutet, es aber nie ganz ausspielt.

Und dann noch über „Parzivalpark“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel:

Formal geht die Inszenierung dahin, wo es so richtig wehtut. Zu den Bildern einer Hirn-OP, die in Großaufnahme wieder und wieder über die Leinwand flimmern, zu einer heftigen Verquickung aus gewalttätiger Sexualität und Geburtsakt, an dessen Ende der 81-jährige Kuhlbrodt zwischen Enders blutigen Schenkeln auftaucht: „Mama!“ Es geht um Körper, und auch wenn die Medizin alles tut, um das Kreatürliche an diesem Thema zu verschleiern, bestehen Ender und Kolosko darauf, dass der Körper ejakuliert, blutet, kotzt.

08. Oktober 2013 · Kommentare deaktiviert für Falks kleine Lebensberatung (September 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Ja, ich weiß, der September ist schon einige Tage vorbei, aber what the heck? Hier geht ohnehin gerade alles drunter und drüber, die Bandschublade entwickelt sich zu einem Diskussionsforum anlässlich eines Prä-Wahl-Artikels, der durch die Bundestagswahl längst von der Realität überholt wurde, egal. Es ist nur so … Ich fühle mich ein wenig als ob ich ein paar Leute zum Abendessen eingeladen hätte, und das Abendessen entwickelt sich zu einer Orgie: Die Gäste liegen zuckend unter dem Tisch, nur ich darf nicht mitmachen, höchstens mal ein paar Oliven reichen. Naja. Mache ich ja gerne.

klaus witzeling. War ein geschätzter Theaterkritikerkollege beim journalistisch eher weniger geschätzten Hamburger Abendblatt. Ich traf Klaus immer wieder bei Premieren, wir grüßten uns kurz, ich wollte ihm immer mal sagen, dass ich seine Texte mochte, habe ich nie gemacht. Und dann erfuhr ich über Facebook, dass er gestorben war, urplötzlich, „nach kurzer, schwerer Krankheit“. Dass eine ganze Menge Googler mit dieser Namenssuche auf der Bandschublade landeten, lässt mich annehmen: Es gab noch andere Leute, die das ebenfalls nicht glauben konnten.

ulli lust flughunde eigentlich ein surreales theaterstück. Ähem. Ulli Lusts „Flughunde“ ist die Comic-Adaption eines Romans von Marcel Beyer. Ein Theaterstück? Naja, man kann da eine szenische Anlage drin erkennen, aber, hm, nö, eher nicht. Und mit „surreal“ hat das eigentlich auch nichts zu tun.

ich ess kein haribo mehr weil ich angst habt thomas gottschalk kommt vorbeikommen. Das ist wohl die großartigste Google-Anfrage seit langem. Allerdings ist die Angst wohl eher unbegründet, ich glaube nicht, dass Gottschalk vorbeikommt. Es gibt andere Gründe, auf Haribo zu verzichten, zum Beispiel den, dass diese Firma in der Bild wirbt.

oliver stokowski lebt im prenzlauer berg. Hm. Eigentlich ist Stokowski Ensemblemitglied im Schauspielhaus Zürich, aber tatsächlich lebt er in Berlin. Allerdings stammt Stokowski aus Kassel, ist also Nordhesse und kein Schwabe, deswegen denke ich nicht, dass er im Prenzlauer Berg wohnt. Sind doch nur noch Schwaben, da.

jana schulz nackt. In mehr oder weniger jedem Theaterstück, das ich mit dieser großartigen Schaupielerin gesehen habe. Macht euch schlau, wann sie wo spielt, dann seht ihr sie auch nackt. Und stellt dabei womöglich fest, dass diese Frau noch viel mehr zu bieten hat als Brüste und Schenkel, just sayin‘.

selbst gemachter orgasmus. Da gibt es ganz unterschiedliche Techniken, wie man den erreicht. Um zu helfen, müsste ich ein bisschen mehr wissen, erstmal: Mann oder Frau?

oberstdorf altnazis. Kann ich mir schon vorstellen, dass da noch ein paar hocken. Aber auf kurze Sicht werden die auch wegsterben, also kein Grund zur Beunruhigung. Grund zur Beunruhigung ist allerdings, dass da immer wieder welche nachwachsen.

mord mit aussicht oben ohne. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es eine Szene, in der Caroline Peters oben ohne zu sehen ist. Sie steht da unter der Dusche, es gibt also überhaupt keinen Grund, da ein Gewese drum zu machen, bemerkenswerter wäre, wenn sie in dieser Situation was anhätte. Allerdings beobachtet sie Bjarne Mädels Dietmar dabei, und der ist in der Folge nachhaltig verstört.

Wenig. Weil: Hauptsächlich arbeite ich ja doch zum Komplex Theater, und weil die Theater im Sommer Pause machen, habe ich wenig zu tun. Theater heute spart sich mangels Themen regelmäßig die Augustausgabe, stattdessen gibt es ein Sonderheft, in dem unter anderem die fiebernd erwartete und anschließend viel gescholtene Kritikerumfrage steht: 44 Theaterkritiker nennen ihre Lieblinge der abgelaufenen Saison, einer davon ich. Mein Theater des Jahres war übrigens Bremen, mit einer einzigen weiteren Nennung allerdings ohne Chance auf einen Platz ganz oben.

Ansonsten war ich viel beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Für die Nachtkritik habe ich die Eröffnungspremieren beschrieben:

Olivier Dubois hat für „Tragédie“ eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens „Parades“ lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil („Episodes“ und „Catharsis“) in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in „The real World“: Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Einen längeren Artikel über das Sommerfestival habe ich auch für Theater heute (Ausgabe 10/13, online wie immer nicht verfügbar) geschrieben, allerdings stärker auf das Gesamtfestival fokussiert. Und auf die klimatischen Bedingungen.

Pünktlich zum Start des Internationalen Sommerfestivals hat sich der Sommer vorerst aus Hamburg verabschiedet. Das erfüllt alle Klischees über die Hansestadt, ist aber für ein Theater-, Kunst- und Musikfestival nicht weiter schlimm, einzig der Erholungsbereich des Festivals leidet ein wenig unter dem Schmuddelwetter. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat hierfür das Gelände hinter dem Kulturzentrum Kampnagel okkupiert, mit einem „spekulativen Dorf “ (einem Multifunktions-Bretterverschlag), einer „Kanalphilharmonie“ (einem funktionsfähigen Konzerthaus, in Hamburg ist so etwas nicht selbstverständlich) und einer verurwaldeten Fläche namens „Avant-Garten“, auf der sich sicher gut munkeln ließe, wäre es nur nicht so regnerisch.

Am Thalia ging die Saison schon Anfang September los, und zwar mit „Moby Dick“ in der Regie von Antú Romero Nunes. Auf Nachtkritik.de steht, wie ich es fand:

Dieser Einstieg ist eine grundsympathische Verweigerung von Rollenhierarchien, er ist aber eigentlich nicht das, wofür Nunes steht: Der 29-Jährige hat sich einen Namen mit seinem Gespür für Rhythmus gemacht, damit, dass er große Szenen leichthändig bauen kann, auch damit, das Pathos schwerer Stoffe mit geschickten ironischen Brüchen zu unterlaufen. Lange Zeit aber sieht man davon nichts, man sieht ein perfekt harmonierendes Ensemble, wie es sich in Minimalismus übt, und für Minimalismus steht Nunes nun mal gar nicht. Aber „Moby Dick“ ist mehr als ein zielloses Stochern im metaphysischen Dunkel, es ist auch: eine Abenteuerstory. Und als die an Fahrt aufnimmt, kann Nunes seine Stärken ausspielen. Die Bühne wird unter Wasser gesetzt, und dann geht es ziemlich heftig zur Sache, will sagen: Es wird harpuniert, verzweifelt sich wehrende Tiere werden eingeholt, abgestochen und fachgerecht zerteilt, am Ende wird um die Beute gestritten. Und wenn man sieht, wie das weitgehend pantomimisch erledigt wird, kann man nicht anders: Man zieht den Hut vor diesen Schauspielern, die durch die Bank den Eindruck erwecken, dass da Blut und Schweiß und Walfett ins Parkett fließen, literweise.

EIne echte Theaterkritik gab es nicht zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, weil die Aufführung kein Theaterstück im eigentlichen Sinne war, sondern eine Solidaritätsadresse des Thalia mit den libyschen Flüchtlingen, die seit mehreren Monaten in der St. Pauli Kirche ausharren. Trotzdem habe ich für die Nachtkritik etwas darüber geschrieben:

Thalia-Intendant Joachim Lux balanciert nicht ungeschickt zwischen diesen Polen, indem er die Lesung so künstlerisch wie möglich anlegt, gleichzeitig aber immer im Bewusstsein behält, dass die Veranstaltung a) ein Schnellschuss ist und b) künstlerischer Mehrwert nicht das ist, was in dieser Situation am Nötigsten gebraucht wird. „Die Schutzbefohlenen“ schlängelt sich dabei zwischen diesen Positionen durch, indem die Lesung sich auf ein klassisches Stadttheater-Verständnis beruft: Es gibt eine politische Diskussion in Hamburg, und das Thalia als Stadttheater hat zu dieser Diskussion einen Kommentar abzugeben. Punkt.

Und schließlich habe ich für Theater heute (Ausgabe 10/13) einen Ausflug nach Lübeck gemacht, um mir bei „Die Ehe der Maria Braun“ Zigarrenqualm ins Gesicht pusten zu lassen:

In der Zigarrenraucherrepublik: Noch bevor das Publikum die Lübecker Kammerspiele betritt, pafft Astrid Färber schon am Bühnenrand, lallt und kichert übertrieben laut, ein, zwei Likörchen dürfte sie sich schon genehmigt haben. Das gerade vor dem Sprung an größere Häuser stehende Regieduo Biel/Zboralski hat sich entschieden, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ von hinten aufzuzäumen: Färber spielt die ältere Maria Braun, die im Wirtschaftswunderdeutschland zu Wohlstand gekommen ist, die allerdings auch moralisch wie ästhetisch derangiert daher kommt.

Aber! Es gibt ja noch mehr als nur Theater! Im uMag (Ausgabe 09/13) versuche ich zum Beispiel, die Menschheit vorurteilsfrei zu mögen, naja, ich versuche, sie zumindest zu akzeptieren:

Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, „man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!“ Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.

Außerdem habe ich in der gleichen uMag-Ausgabe einen Artikel über den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst geschrieben. Mittlerweile wissen wir: Mariana Castillo Deball hat den Preis erhalten, Glückwunsch.

Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch.

Im Karlsruher ZKM läuft derzeit eine große Retrospektive der Chorografin Sasha Waltz. Das habe ich zum Anlass genommen, im uMag (Ausgabe 10/13) einmal die Entwicklung dieser großartigen Tanztheatermacherin zu rekapitulieren:

Die Geschichte von Sasha Waltz wird gerne als Märchen erzählt: Es war einmal eine junge Frau, die kam aus dem beschaulichen Karlsruhe nach Berlin, Anfang der Neunziger, in die wilde, ungeordnete Großstadt. Sie kam wie aus dem Nichts, besetzte gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Sandig Häuser im Osten, alles war möglich, und sie machte etwas möglich: Sie schloss sich nicht ein im bloßen antikapitalistischen Reflex, sie machte Kunst. Tanztheater, mit ihrer Gruppe Sasha Waltz & Guests, die bald mehr als ein Geheimtipp war, bald zum Theatertreffen eingeladen wurde (was für Tanz eher ungewöhnlich ist), bald die charmant-abgerockten sophiens¾le verließ und zur wichtigsten Theatermacherin der Hauptstadt avancierte, arm aber sexy. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tanzt sie noch heute.

Und schließlich habe ich in der kulturnews Kurzrezensionen geschrieben. So über „Das Erbe“, einen Comic der wunderbaren Rutu Modan:

Die verschachtelte Geschichte erzählt Modan im Ligne-Claire-Stil, beeinflusst von Klassikern wie Hergé. Auch der wusste Burleske mit Spannung und Zeitgeschichte zu mischen, war allerdings nie so mutig wie Modan, die leichterhand eine abgründige Szene einbauen kann wie diejenige, in der Mika in ein historisches Reenactment gerät: Plötzlich bevölkern sich Straßen Warschaus mit SS-Männern, die vorgebliche Juden mit Davidstern zusammentreiben, und die Heldin ist so überrumpelt, dass sie einfach mitspielt.

Außerdem besprach ich zwei DVDs, den indonesischen Film „Die Nacht der Giraffe“ („Die traumschönen Bilder allerdings wirken im TV ein wenig verschenkt. Da bleibt doch nur der Weg ins Kino – oder ein Beamer.“) sowie den brasilianischen Film „Paulista“ („In sinnlich-fiebrigen Bildern fängt Moreira das Leben im urban-intellektuellen Prekariat ein und dokumentiert neben seinen liebevoll gezeichneten Figuren auch noch die Globalisierung des Hipstertums. Ob die jungen Chancenlosen nun in Brooklyn rumhängen, in Berlin oder in Sao Paulo: Am Ende hören sie alle Radiohead.“).

13. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (August 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , , , , ,

Was mache ich hier eigentlich? NIchts mache ich, Sommerloch mache ich, natürlich. Es findet ja nichts statt, die Theaterensembles sind im Urlaub, also war ich im Juli ebenfalls im Urlaub, außerdem war das Juli-uMag eine Doppelnummer, da fand auch nichts statt. Naja, fast nichts.

Ich habe auf jeden Fall die Ausstellung „Glam! The Performance of Style“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn besprochen. Und zwar für die junge Welt.

John McManus’ Video „Roxette“ (1977) zeigt junge Leute in Salford, die sich für ein Roxy-Music-Konzert aufbrezeln, und der Begleittext weiß hier nicht mehr zu erzählen, als daß die Protagonisten im Styling die urbane Tristesse der sterbenden Industriestadt überwinden würden. Ein Blick in die Zukunft hätte einen anderen Eindruck erweckt: Im New Wave und Post Punk stellten wenige Jahre später Bands wie The Smiths, New Order oder auch die hochkommerziellen Frankie goes to Hollywood klar, daß die urbane Tristesse keineswegs überwunden werden wollte, sondern vielmehr Bedingung für sehnsüchtigen Glamour war: Flowers in the Dirt.

In der kulturnews hingegen findet sich eine Filmkritik. Zu „Gold“, dem viel kritisierten Berliner-Schule-Western von Thomas Arslan.

Indem er (Thomas Arslan) eine Trail-Erzählung aber einerseits als Emanzipationsgeschichte Emilys anlegt und andererseits als Migrationsdrama, findet auch „Gold“ seinen Platz im Oeuvre des Regisseurs. Wenn auch als Kuriosum: „Gold“ ist mehr gelungene Fingerübung eines talentierten Filmemachers als echter Ausweg aus der realistischen Sackgasse, in die sich die Berliner Schule über kurz oder lang verirren wird.

Außerdem habe ich ebenfalls in der kulturnews zwei Comics besprochen. Erstens „Bleierne Hitze“ von Baru:

Der legendäre französische Comiczeichner Baru hat mit der Adaption von Jean Vautrins Hard-Boiled-Krimi „Canicule“ Motive wiederaufgenommen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen: Rassismus, unterdrückte Sexualität, Geldgier. Niemand kommt gut weg in „Bleierne Hitze“, alle sind grausam und schuldig, und unter die Räder kommt am Ende der letzte Rest Menschliches, hier, am Rande der Gesellschaft.

Und dann noch „Mein Freund Dahmer“ von Derf Beckderf:

In melancholischer Nonchalance beschreibt Backderf Langweile der Kleinstadt, Ausbruchsversuche, hilflose Rebellion, und über jedem Panel steht die Frage: Hätte man damals schon wissen können, was geschehen würde? Warum Dahmer, warum nicht wir? Anworten gibt es keine, nur die groteske Übertreibungsästhetik des US-Underground-Comic, die manchmal von fern an Robert Crumb erinnert. Nur lustig ist hier nichts mehr.

Und schließlich habe ich zwei Interviews für die Kultur//Ruhr geführt (beide nicht online verfügbar). Einmal mit Tobia Bezzola, dem Leiter des Essener Museum Folkwang:

Kultur//Ruhr: Herr Bezzola, Sie kommen aus der Schweiz, haben dor auch viel gearbeitet. Dass Klischee sagt, dass die Schweiz zumindest in Westeuropa das absolute Gegenteil des Ruhrgebiets ist – aufgeräumt, wohlhabend, ein bisschen distinguiert. Ist da was dran?

Tobia Bezzola: Das sind natürlich zwei ganz grundverschiedene Welten. Das hat zu tun mit der ganzen Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialstruktur … Das braucht man gar nicht weiter auszuführen, das versteht sich von selbst.

Kultur//Ruhr: Sind Sie ins Ruhrgebiet gekommen, um bewusst einen Kontrast zu erleben?

Bezzola: Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten.

Und schließlich mit Anselm Weber, dem Intendanten des Bochumer Schauspielhauses:

Kultur//Ruhr: Was heißt das denn für Sie: Ruhrgebiet?

Weber: (sehr lange Pause) Tja. Das ist ne gute Frage … Das Ruhrgebiet ist erstmal ein sehr spezieller Lebensentwurf, der von außen anders wahrgenommen wird als sich die Realität tatsächlich abspielt. Damit meine ich im Speziellen, wie unterschiedliche Communities und Menschen hier zusammenleben – und wie sie das trotz der ökonomischen Situation eigentlich sehr friedlich tun.

26. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Springer und ich · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , ,

Natürlich habe ich ein Problem mit der Springerpresse, immer schon. Politisch, als Linker. Medienästhetisch, als Journalist. Ökonomisch, als jemand, der in Hamburg Printmedien macht und mit Schrecken sieht, welche Verheerungen Springer hier im Tageszeitungsbereich zu verantworten hat. Theoretisch weine ich keinem Springermedium hinterher, wenn es über die Wupper geht, praktisch natürlich schon, weil: Bei Springer arbeiten Kollegen, die auch nichts anderes machen als (unter wahrscheinlich alles andere als guten Bedingungen) ein halbwegs akzeptables Produkt herzustellen. (Ausnahme: die Leute, die bei Bild und B.Z. arbeiten. Das sind nicht meine Kollegen.)

Und doch haben mich die gestern veröffentlichten Meldungen schockiert: dass Springer all seine Printmedien mit Ausnahme der Bild-Gruppe und der Welt verkauft, an die seit ihrem Umgang mit der WAZ-Gruppe nicht gerade gut beleumundeten Mediengruppe Funke. Das hat mich vor allem deswegen schockiert, weil es bedeutet, dass auch die beiden Tageszeitungen Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost nach Essen zu Funke verkauft werden. Bei der Morgenpost ist das weniger schlimm, Berlin hat mit Tagesspiegel und Berliner Zeitung noch zwei weitere, qualitativ ohnehin über der Morgenpost stehende, bürgerliche Tageszeitungen am Start, Hamburg aber hat außer dem Abendblatt – nichts. (Das Boulevardblatt Mopo und die minimale Lokalausgabe der geschätzten taz kann man bei aller Liebe nicht voll zählen.)

Wir, die schöne, kluge Frau und ich, haben das Abendblatt in einem Akt der irgendwie leidenschaftslosen Hassliebe lange Jahre gelesen. Das war, naja, eine Lokalzeitung, Lokalpolitik, Klatsch und Tratsch, bisschen viel Nähe zur Wirtschaft. Nicht besser, nicht viel schlechter als Lokalzeitungen, wie sie täglich überall in diesem Land erscheinen, man musste das nicht mögen, man musste aber auch nicht so hämisch lästern wie all die ach so coolen, weltoffenen Verächter einer Form des Journalismus, der tagein, tagaus zwischen Passau und Flensburg praktiziert wird. Die Abendblatt-Macher konnten schon was, gerade im für mich wichtigen lokalen Feuilleton: Da gab es hoch ironische Klassikberichterstattung von Joachim Mischke, szenenahe Popkultur von Birgit Reuther, besserwisserische aber eben auch kenntnisreiche Tanzkritiken von Klaus Witzeling. (Und es gab natürlich auch den eitlen Konservatismus einer Armgard Seegers, klar, muss man nicht verschweigen.) Blöde war das Abendblatt vor allem in der für eine Lokalzeitung so ungemein wichtigen Lokalberichterstattung: immer nur „Hamburg, schönste Stadt der Welt“, immer nur Michel und Hafen, immer nur pro bürgerlicher Lebensentwurf. Wie sehr diese Berichterstattung ideologisch motiviert ist, ist mir klar, seit wir die taz abonniert haben: Das Abendblatt lässt im Lokalen bewusst Themen unter den Tisch fallen, und zwar konsequenter als es für die grundsätzlich konservative Grundhaltung der Zeitung nötig wäre. Alles was im Bereich Wohnungsnot eine andere Position als die der Grundeigentümer vertritt, findet im Abendblatt beispielsweise nicht statt, genauso wenig wie Kritik an der Hafenwirtschaft oder das Thematisieren der speziellen hanseatischen Provinzialität. (Ganz zu schweigen von der Rolle, die das Abendblatt einst bei der Installation der unseligen CDU-Schill-Regierung gespielt hat.) Eine Lokalzeitung aber, die all diese Themen nicht behandelt, bei der muss man schon fragen, wer sie überhaupt braucht.

Und doch, wenn das Abendblatt erst in der Funke-Bedeutungslosigkeit und später ganz vom Markt verschwunden ist, wird es mir fehlen. Schlicht, weil es keine Alternative gibt. Manche schöpften bei den gestrigen Nachrichten ja ein wenig Hoffnung: Wenn Springer sich vom Hamburger Markt zurück zieht, dann hieße das ja vielleicht, dass Platz würde für wirklich gut gemachten Lokaljournalismus. Ich aber glaube das nicht. Springer ist ja nicht naiv. Die gehen einfach davon aus, dass sich in naher Zukunft kein Geld mehr mit Lokaljournalismus verdienen lässt.

Egal, ob er gut gemacht ist. Oder nicht.

27. Juni 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (Juli 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , ,

Es nervte: Hier, auf der Bandschublade, auf Artikel zu verweisen, die ich andernorts veröffentlicht habe, für Geld. Das hatte sich zu so einer Pflichtgeschichte entwickelt, immer zum Monatswechsel schrieb ich einen Post nach dem anderen, weil ich (zumindest im Printbereich) sehr auf Monatsmedien fixiert bin, die Bandschublade war dann für ein paar Tage nur noch ein Durchlauferhitzer auf andere Seiten, während es im restlichen Monat so aussah, als ob ich nur auf der faulen Haut liegen würde. Das muss anders werden: Von nun ab sammle ich zum Monatsbeginn, was ich geschrieben habe. Und tagesaktuelle Texte, mal was aus der jungen Welt, mal was aus der Nachtkritik, können sich ja immer noch dazwischenschmuggeln.

Fürs uMag habe ich ein frustrierendes MIttagessen im ansonsten sehr empfehlenswerten Café Johanna protokolliert. Beziehungsweise den Monolog am Nebentisch.

Was ich abends so mache? Och, ich gehe ständig ins Kino, zweimal die Woche, mindestens. Aber immer nur mit Männern. Mit Frauen ist das nicht so … Keine Ahnung, wann da das letzte Mal was gelaufen ist, das war jedenfalls noch in München. Sicher, immer mal wieder bisschen rumgemacht, aber irgendwie lerne ich einfach keine Frauen mehr kennen, also, ich mein‘, ich lerne Frauen nicht mehr richtig kennen. Das liegt auch daran, dass wir alle immer im Wettbewerb stehen, der Mann braucht richtig Kohle, einen großen Schwanz, muss gut aussehen, witzig sein, HAHAHAHAHA, sicher, trifft alles auf mich zu, trotzdem … Ich glaube, das geht alles viel zu schnell heute, man ist gleich am ersten Abend miteinander im Bett, man bewertet sich sofort, da können sich doch keine tieferen Gefühle mehr entwickeln. Zumindest bei mir nicht.

Außerdem habe ich mir Gedanken über die Veränderungen in der freien Theaterszene gemacht, angesichts der Tatsache, dass Matthias von Hartz neuerdings das Berliner Festival Foreign Affairs leitet. Was in dem Text vielleicht ein wenig zu kurz kommt: Ist es beunruhigend, wenn eine einzige Personalie die ganze Szene durcheinander wirbelt? Und nimmt der (im übrigen sehr geschätzte, ich bin in dieser Frage nicht ganz unabhängig) von Hartz womöglich im freien Theater die Funktion eines Paten ein?

Jetzt aber hat von Hartz seine Jobs in NRW und Hamburg aufgegeben und führt ab diesem Sommer das Festival Foreign Affairs im Rahmen der Berliner Festspiele. Da macht er das, worin er bislang auch schon gut war: Er zeigt internationales, mehr oder weniger der postdramatischen Richtung verpflichtetes Theater vom Nature Theatre of Oklahoma oder von William Forsythe. Dazu gibt es feines, kunstnahes Musikprogramm mit Bands wie Gravenhurst, The Notwist und Apparat. „Ein Festival ist immer eine Ausnahmesituation, in der Begegnungen möglich sind, für die der Alltag keinen Raum lässt“, sagt von Hartz.

Und schließlich habe ich (ausschließlich online) einen Text geschrieben über neue weibliche Role Models im US-Fernsehen und nach und nach auch im Kino. Der Beitrag ist eher resümmierend, nichts neues also für TV-Junkies, die sich jede Serie schon kurz nach der Erstausstrahlung aus dem Netz ziehen, und womöglich wäre es auch besser gewesen, hätte das eine Frau geschrieben. Aber: Auf die Überschrift „Begnadete Schussel“ bin ich wirklich recht stolz.

Alle sind sie ungeschickt, ach was, es sind begnadete Schussel. Und alle sind sie zutiefst menschenfreundlich. Mag das Schicksal es auch noch so hart mit ihnen meinen, sie denken nicht an ihren Vorteil, sondern wollen die Welt einerseits naiv, andererseits grundsympathisch ein wenig besser machen – sie sind Gutmenschen im besten Sinn, das unterscheidet sie von den neoliberalen Trullas aus „Sex and the City“.

In Theater heute habe ich einen längeren Artikel veröffentlicht zum Themenwochenende „Old School“ auf Kampnagel, einem Wochenende, mit dem ich mich vor einiger Zeit schon für meine momentan bloggermäßige Hauptspielwiese Les Flâneurs beschäftigt habe (wie immer macht Theater heute seine Artikel nicht frei online zugänglich, daher hier keine Links).

Der Chor singt Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“, gar nicht einmal schlecht, aber dann schleichen sich Misstöne ein, einzelne Sänger brechen aus, die Streicher spielen plötzlich minimal neben der Melodie, jemand beginnt, zu plaudern, dann löst sich auch das Bühnenbild auf … Und mit einem Schlag ist die Struktur dahin, die Kontexte des Stücks zerfallen wie die schwächer werdenden Körper der Protagonisten.

Ebenfalls in der Theater heute gibt es noch eine Besprechung von Schillers „Die Räuber“ am Theater Bremen in der Regie Felix Rothenhäuslers, quasi der Abschluss meiner einjährigen intensiven Beschäftigung mit diesem Haus.

Die Bühne ist nackt, und nackt ist auch Claudius Franz, der als Franz von Moor erste Worte ans Publikum richtet, zögernd, textnah, den ganzen, inhaltlich nicht unproblematischen Monolog eines zu kurz Gekommenen: „Warum gerade mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen?“ Man glaubt dem (allen landläufigen Kriterien nach durchaus gutaussehenden) Schauspieler dieses Lamentieren freilich nicht, mehr noch: Er selbst scheint nicht zu glauben, was er da erzählt, Körper und Text fallen auseinander, nur ganz langsam tastet sich Franz in seine Rolle vor.

Außerdem habe ich noch Kurzbesprechungen veröffentlicht, in der kulturnews: über „Fliegende Liebende“, den neuen Film von Pedro Almodóvar:

Optisch erinnert das ein wenig an eine sympathische Variante von Tuntenkomödien wie „(T)Raumschiff Surprise“. Almodóvar aber darf das, weil er selbst bei Pupswitzen nicht nur an den Lacher denkt, sondern auch an die Geschichte des Pupswitzes.

Und über „Flughunde“, die Graphic-Novel-Adaption von Marcel Beyers Roman durch die großartige Künstlerin Ulli Lust, mit der der schlingernde Suhrkamp-Verlag sich ziemlich eindrucksvoll im Bereich des visuellen Erzählens profliert:

„Flughunde“, eine verschachtelte, vielstimmige Erzählung aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kein leichtes Unterfangen, Beyer berichtet weder chronologisch, noch ist seine Perspektive immer so deutlich, dass eine eindeutige Bebilderung vertretbar wäre. Lust löst diese Problematik, indem sie tagebuchartige Passagen, surreale Bilder und den von ihr gewohnten reportagehaften Stil nebeneinander stellt, sie versucht gar keine einheitliche Bildsprache, sondern übernimmt Beyers Brüche und Uneindeutigkeiten in ihre ureigene Ästhetik.

Der vergangene Monat war hart für meine agnostische Weltsicht, inhaltlich. Zunächst schaute ich mir Fabian Hinrichs‘ Soloperformance „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ am in Auflösung befindlichen Hamburger Schauspielhaus an, ein Stück, in dem der Starschauspieler nicht spielt, sondern ausschließlich predigt. Für Theater heute habe ich das Gesehene beschrieben (Link nur für Abonnenten zugänglich):

Irgendwo zwischen evangelikaler Erweckungsästhetik, dem Patchworkglauben Neuer Religiöser Bewegungen, einer Art Theaterreligion und den „Liebe Gemeinde!“-Witzen des frühen Otto Waalkes jagt der gut einstündige Monolog durch spirituelle Bekenntnisse, salbungsvoll, immer im hohen, nur selten modulierten Ton, schlicht: unglaublich anstrengend. Nicht zuletzt für ein Publikum, dem der Bezug zum speziellen performativen Charme des religiösen Ritus fehlt.

Dann ins Thalia, in Luk Percevals Bearbeitung von Dostojewskis religiös durchsetztem Sinnsucher-Roman „Die Brüder Karamasow“. Ebenfalls für Theater heute habe ich mich dem Meatphysik-Overkill hingegeben:

Vor dem Thalia Theater toben die Vorbereitungen des Evangelischen Kirchentags. Aufgekratzte Christen spazieren durch die Hamburger Innenstadt, hoffnungsfroh, sicher im Glauben. Im Thalia hingegen ist nichts sicher. Da wird Glaube verworfen, neu aufgerollt, in Fanatismus gewendet und vor allem umfassend diskutiert: Als letzte große Premiere der Spielzeit inszeniert Luk Perceval Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“, der „das Ringen um Sinn und Moral“ ins Zentrum stellt, ein Ringen, das eigentlich die Paradedisziplin der Religion ist.

Dann war, der obige Textausschnitt deutet das schon an, Evangelischer Kirchentag in Hamburg. Meine Fremdheitsgefühle, meine Distanz habe ich versucht, auf Les Flâneurs zu verdeutlichen:

Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und am Ende habe ich noch einen Fragebogen gemacht, fürs uMag, mit der sehr empfehlenswerten Hamburger Künstlerin Marijpol. Die hat einen spannenden Comic namens „Eremit“ veröffentlicht, der handelt von Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen können, und in was für moralische Zwiespälte die das stürzt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so jenseitig weichgeklopft, ich hatte tatsächlich schon einen Ausweg aus dem Geraffel gefunden. Aber Marijpol konnte das Thema angenehm schnodderig zurechtrücken:

Der alte Mann will nicht sterben, aber er will bei seiner Frau bleiben, und die stirbt. Er hat eigentlich keine Alternative, oder?
Nein, er hätte früher mit seiner Frau reden sollen.

Hilft Religion in solch einer Situation?
Nicht, dass ich wüsste.

Und schon war alles wieder gut. Hauptsache Glauben.

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Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Und dann sagt Volker Lilienthal, der Gott des investigativen Journalismus, dann jedenfalls sagt Professor Volker Lilienthal, dass der Journalismus in Deutschland noch nie so gut gewesen sei wie momentan. Und dass man sehr guten Journalismus auch ganz ohne Bezahlung machen könne. Und ich murre, irgendwie murrt das gesamte Publikum, Kunststück, das Publikum beim taz-Salon „Zukunft der Zeitung“ besteht wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Journalisten, und die finden es alle nicht so besonders lustig, wenn da auf dem Podium jemand sagt, dass man Journalismus auch ohne Bezahlung machen könne. Zumal neben ihm auch noch Isabella David sitzt, Chefredakteurin des Online-Magazins Mittendrin, die ja tatsächlich unbezahlt arbeitet, und die Arbeit, die sie abliefert, ist nicht die schlechteste. Zumindest murrt niemand als David auf die Frage antwortet, weswegen sie das denn mache, deswegen nämlich: weil sie unzufrieden sei mit der Berichterstattung der Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt über Hamburg-Mitte, niemand murrt, alle nicken wissend. Ja, es ist gut, dass da jemand was macht, und wenn es auch für lau ist.

Und so einfach ist das ja alles nicht. Die klare Ansage des arbeitnehmenden Journalisten, „Arbeit muss bezahlt werden, und wenn die Arbeit nicht bezahlt wird, dann wird sie nicht gemacht“ in Ehren, aber: Was, wenn sich gar niemand daran stört, wenn wir unsere Arbeit nicht machen? Wenn wir verschwinden, und kaum jemand vermisst uns? Es ist ja schlicht so: Kaum noch jemand ist bereit, für Journalismus zu bezahlen, egal ob über Anzeigen, ein öffentlich-rechtliches Medienmodell oder den Copypreis. Wo also soll die Bezahlung herkommen? Und sollte man den Kram nicht besser gleich hinschmeißen?

Und ich: Weswegen mache ich das eigentlich, in meiner kleinen Nische? Ökonomisch mache ich es, um ein passendes redaktionelles Umfeld für Anzeigenschaltungen zu schaffen, jeder Journalist, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche, nur: Das ist der Grund, weswegen ich es mache, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu haben, aber es ist nicht der Grund, weswegen ich es überhaupt mache. Ich mache es überhaupt, um einen Diskursraum zu schaffen: Ich halte es für wichtig, dass Kunst und Kultur reflektiert werden, und für diese Reflexion sind die Kulturressorts der Medien ein Ort. Ich glaube nicht, dass sie der einzige Ort sind, sollten die Medien irgendwann alle den Bach runter gehen, muss sich der Diskurs andere Orte suchen, und wenn man dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch glauben kann, dann wird das bald sein: Ruch nimmt an, dass es in fünf Jahren keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird. Das war es dann also, mit meinem geschätzten Diskursort. Ich bin gerne behilflich bei der Suche nach einem neuen Ort, ich würde diesen Ort auch gerne pflegen, nur, irgendwie muss ich auch meine Miete bezahlen. Falls jemand da eine Idee hat – ich wäre offen für Vorschläge. (Markus Beckedahl hat ein paar Varianten für netzpolitik.org durchgerechnet, ist eine andere Baustelle, schon klar.)

Der Tod jedenfalls ist gar nicht so schlimm. Auf dem Podium saß schließlich noch Stefan Weigel, ehedem stellvertretender Chefredakteur der kürzlich eingestellten Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland – und machte Hoffnung. Ja, die FTD gibt es nicht mehr. Aber es gibt weiterhin so kluge, hellsichtige, eloquente Denker wie Weigel. Die brauchen nur einen neuen Diskursraum, aber wer sagt, dass das eine Zeitung sein muss?

05. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Schlechte Nachrichten, Baby · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , ,
Bei allzuviel guter Laune: einfach abschalten

Bei übertrieben guter Laune: einfach abschalten

Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann verlangt von seinen Redakteuren, dass sie in Zukunft Haltung zeigen sollen. Finde ich in Ordnung, überhaupt würde es diesem Land gut tun, wenn häufiger Haltung gezeigt würde, im Kampf gegen Rechts etwa, oder im Abbau von Hierarchien. Allerdings gibt Wichmann vor, welche Haltung das zu sein hat, und das ist natürlich nicht besonders hierarchiekritisch: Neben Empathie, Kritik und Begeisterung lautet die Zwangshaltung des Hauses in Zukunft „vor allem Optimismus“.

Der Stern ist nun nicht irgendeine Feld-, Wald- und Wiesen-Illustrierte, die verzweifelt versucht, mitten in der Medienkrise ihre Schäfchen ins Trockene zu bekommen, der Stern ist eines der meistverkauften Printprodukte dieses Landes, er ist die Cash Cow des Verlags Gruner & Jahr, die es ermöglicht, immer wieder mit obskuren aber irgendwie auch liebenswerten Titeln wie Beef! oder Dogs zu reüssieren. (Außerdem ist der Stern das erste Printmedium, das ich regelmäßig gelesen habe, meine Eltern hatten den abonniert – ich habe eine Geschichte mit diesem Blatt, bei sowas bin ich empfindlich.) Und dieses Medium betont also den Optimismus, den positiven Blick auf die Welt, die gute Laune. So etwas erschreckt mich.

Ich bin ein Miesepeter, schon klar. Ich bin kein pietistischer „Wir leben in einem Jammertal, das wir lächelnd ertragen müssen!“-Prediger, das nicht, aber ich schaue mir mein Umfeld an, und ich stelle fest: Allzu viel Anlass zum Optimismus gibt es nicht. Der Sozialstaat wird europaweit zusammengestrichen. Die Anerkennung gleichgeschlichtlicher Lebensgemeinschaften, überhaupt alternativer Formen des Zusammenlebens kommt und kommt nicht voran. In Syrien schlagen sich die Leute die Köpfe ein, und man hat nicht einmal den Hauch eines Anhaltspunktes, wer der Gute ist und wer der Böse. Die FDP steht in allen Umfragen über fünf Prozent, dass diese Nasen sich in den nächsten Bundestag eingekauft haben, gilt als ausgemacht. In Russland hetzen wildgewordene Christen Seite an Seite mit Rechtsradikalen und der Regierung gegen Künstler, Schwule, Oppositionelle … Wie soll man auf diese Welt mit Optimismus blicken, ohne all diese Aspekte auszublenden?

Die Behauptung, dass der Leser nicht immer mit den Übeln der Welt zugeschüttet werden wolle, kommt immer wieder, nicht zuletzt vom Axel-Springer-Verlag. Die Bild bewarb ihre Jubiläums-Gratis-Ausgabe vor einem Dreivierteljahr ganz offen damit, dass in ihr nur gute Nachrichten stehen würden (konsequenterweise stand in ihr dann auch praktisch nichts). Aber der Springer-Verlag tut ja auch nur so, als ob er ein Medienunternehmen sei, in Wahrheit ist er aber ein Konzern, dessen primäres Geschäftsmodell Desinformation und Ansprache eines stumpfen Bauchgefühls ist, da passt so eine Fun-Fun-Fun-Ideologie schon. Zum Stern passt sie nicht. Ganz davon abgesehen, dass sie auch nicht wirklich erfolgreich ist: Die Auflage der Bild hat sich zwischen 1998 und 2012 beinahe halbiert. Aber, wer weiß: Wenn man dem Leser nur lange genug einredet, dass er das doch möchte, dieses Feuerwerk der guten Laune, dann glaubt er es vielleicht wirklich, irgendwann, dann schaut er mit der gleichen Verachtung wie Stern-Chef Wichmann auf all die schlechten Nachrichten, die von allen Seiten auf ihn einstürmen.

Aber bis es soweit ist, motze ich noch ein wenig.