02. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Warme Worte · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

„Und?“ fragt Nikolaj Iwanowitsch. „Langweilig!“ stöhnt Anna Petrowna, „Jetzt schon!“ Nach gerade mal fünf Minuten. Raffiniert nimmt Jan Bosse den Kritikern den Wind aus den Segeln, den Kritikern, die bemängeln, dass sein „Platonow“ am Hamburger Thalia durchaus Längen hat: Das hier ist Tschechow! Natürlich ist das langweilig, was erwartet ihr denn? Und immerhin ist das uferlose Frühwerk des erst 18-jährigen Dramatikers von über sieben auf gute vier Stunden zusammengekürzt, da braucht man sich wirklich nicht über Langeweile zu beschweren.

Das Thalia hat seine Spielzeit eröffnet, mit Jan Bosses „Platonow“, einem Schauspielerfest, das ich für die Nachtkritik besprochen habe. Das Thalia beging allerdings auch seinen 100. Geburtstag am aktuellen Standort, mit einem kurzen Senatsempfang inclusive warmer Worte der Kultursenatorin Barbara Kisseler, freundlich und unverbindlich. (Auf kulturnews.de habe ich kurz vom Empfang berichtet.) Man wünscht „Glückerfüllte nächste 100 Jahre“, haha!, man weiß natürlich, dass man viel wünschen kann, wenn man nicht in der Lage beziehungsweise nicht gewillt ist, diese nächsten 100 Jahre auskömmlich zu finanzieren (wobei ich Kisseler da nichts unterstellen möchte, ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern). Und dann eben „Platonow“, mitten in dieser sektseligen Wir-schätzen-uns-alle-über-die-Maßen-Stimmung! Ein Stück, in dem Langeweile, Überdruss, Ödnis blanken Hass und irgendwann auch Gewalt nach sich ziehen!

Und dafür mag ich das Thalia einfach: für diese Bereitschaft zum lächelnden Zerschmettern von Wohlbefinden bei gleichzeitiger staatstragender Seriosität.

Vielleicht ist S.‘ Meinung in ihrer Uneindeutigkeit des Eindeutigste, was ich erwarten kann. Grau sei der Bereich, in dem ich mich bewege, nicht schwarz, nicht weiß, nicht verwerflich aber auch nicht mehr zweifellos in Ordnung. Okay.

Mir war unwohl, als die Anfrage kam, ob ich nicht einen Artikel schreiben möchte für ein Buchprojekt, das die fünf Jahre rekapituliert, die Matthias von Hartz Leiter beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel war. Für ein Buch, dessen Texte verfasst würden von Wissenschaftlern, Künstlern, Theaterfunktionären. Und von einem Journalisten, von dem ein kritischer Kommentar zu den vergangenen fünf Jahren erwartet wurde: von mir. Mir war unwohl, weil das bedeuten würde, dass ich plötzlich auf der Seite derer stehen würde, über die ich ansonsten berichte, kritische Rekapitulation hin oder her, nicht zuletzt ökonomisch würde das einen Interessenskonflikt bedeuten. Oder?

Ich fragte meine Freunde auf Facebook. „Mach das, gar kein Problem!“ antworteten die Freunde, die nichts mit Journalismus zu tun haben, Künstler meist, Theatermacher, Schriftsteller. „Geht gar nicht!“ antworteten die Freunde, die journalistisch arbeiteten. „Grau“, antwortete S.

Die Grenzen verschwimmen. Ich mag das Theater ja, ich interessiere mich für Theaterthemen, und wenn es gut läuft, dann merken die Theatermacher: Da ist einer, der interessiert sich wirklich für uns. Man beginnt, sich zu mögen. Aber wo ist die Grenze, ab welchem Punkt ist man kein kritischer Beobachter mehr? Dort, wo man sich mag? Sobald man mit der Pressesprecherin betrunken unterm Tisch liegt, sobald man mit dem Dramaturgen knutscht? Oder sobald man Aufträge annimmt, hier in eine Jury geht, dort einen Text für ein Programmheft schreibt, da als Fachmann auf einem Podium sitzt?

Ich habe versucht, mich als Journalist aus der Berichterstattung übers Sommerfestival so gut es geht rauszunehmen. Das Interview mit dem Schwabinggrad Ballett fürs uMag führte nicht ich, sondern meine Praktikantin Nele. Theater heute zog den Wunsch nach einem Artikel von sich aus zurück, nachdem ich von meiner Situation berichtete. Für die Nachtkritik habe ich zwei Texte geschrieben, wenn ich sie heute noch einmal lese, fällt mir auf: Womöglich war ich kritischer als es angemessen gewesen wäre, womöglich versuchte ich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Das ist alles keine Lösung. Aber niemand soll glauben, dass ich es mir leicht machen würde.

(Lesetipp: Falk Schreiber, Immer diese Widersprüche. In: Matthias von Hartz (Hg.), Besser wär’s, es gäbe wirklich was zu feiern. Kunst und Politik beim Internationalen Sommerfestival Hamburg 2008-2012. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012. S. 24-29)

19. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Ich verstehe praktisch gar nichts von Wirtschaft · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

Matthias von Hartz hat in seiner letzten Saison als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals die „Grenzen des Wachstums“ ausgerufen. So ein politisches Motto klingt großartig und schleift sich im Festivalalltag schnell zur bloßen Behauptung ab, weswegen es zur Festivalmitte regelmäßig eine Art politisch-theatralen Marathon gibt, dieses Jahr unter dem Namen „Ausgewachsen“: „Wirtschaftswissenschaftler … Scharlatane, Gelehrte und Künstler“ beschäftigen sich acht Stunden – einen Arbeitstag lang – mit Wachstumsgrenzen, bereiten „uns mit Tanz und Theorie, Musik und Schnaps auf das neue Leben“ vor. Und Schnaps, hey!, da freut sich der prototypische Arbeitnehmer doch drauf, am Ende des Arbeitstages!

Vor den Schnaps aber hat der Herr die Theorie gesetzt, und für die sind zuständig: Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler aus Oldenburg, und Ulrich Brand, Politikwissenschaftler aus Wien. Die sorgen in zwei Kurzvorträgen erstmal dafür, dass man als ökonomisch nicht allzu beschlagener Theatergänger nicht glauben mag, dass jemand, der auch nur halbwegs seine Sinne beisammen hat, für mehr Wachstum plädieren könnte.

Wenn ich mir überlege, was ich in den vergangenen 40 Jahren falsch gemacht habe, dann steht recht weit oben: Ich habe mich nicht ausreichend mit Wirtschaft auseinander gesetzt. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht mit Wirtschaft auseinander gesetzt, da war ich immer zu arrogant für, Wirtschaft, das ist doch der langweilige Kram, der Typen interessiert, die sich um ihre armselige Karriere sorgen, mit mir hat das nichts zu tun! Und was habe ich jetzt von meiner Arroganz? Die Wirtschaft findet statt, rund um mich herum, und ich verstehe nur Bahnhof. Griechenland, Sozialsystem, Kultursubventionen: Bahnhof. Um mich herum werden Entscheidungen gefällt, und ich muss das einfach geschehen lassen, weil, ich kann ja nicht mitreden.

Auch beim Theatermarathon „Ausgewachsen“ zum Thema Grenzen des Wachstums auf Kampnagel: Bahnhof. Aber wenigstens reicht mein Nichtverstehen, um für die Nachtkritik aufzuschreiben, was ich alles nicht verstanden habe. (Man muss auch mit kleinen Dingen zufrieden sein.)

12. August 2012 · Kommentare deaktiviert für In den Händen eines Geists · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Man trägt Stereokopfhörer, durch die man neben Anweisungen auch Alltagsgeräusche hört – die einen freilich mehr verwirren als dass sie einem helfen würden. Und man trägt eine Brille, durch die man nur noch Schatten und Lichtwechsel erkennt, Lichtwechsel, die aber meist nichts mit der Umgebung zu tun haben, sondern von Mitarbeitern mittels Taschenlampen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Man ist vollkommen desorientiert. Und man kann nicht anders als den Händen vertrauen, die einen kurz berühren, in eine bestimmte Richtung lenken, einen mit leichtem Druck auffordern, stehen zu bleiben.

Nachdem das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel mit einer Hafenkonzertrundfahrt verhältnismäßig ernüchternd begann, folgt jetzt eine Produktion, die mich versöhnt: „Symphony of a Missing Room“ von Lundahl & Seitl. Auf der Nachtkritik steht, wie ich es fand, jegliche Verantwortung abzugeben und mein Schicksal in Hände unsichtbarer Geister zu legen.

09. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Dämmertörn mit High Society · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Ach, Elbe, schönster Fluss der Welt! Die Elbe schlägt alles, in ihrer atemberaubenden Schönheit, in ihrer Mächtigkeit, ihrer Stille, ihrer Monströsität, die Elbe schlägt nicht zuletzt: die Kunst. Indem sie einfach da ist, nach Nordwesten fließt, nach Südosten fließt, je nach Tide. Die Elbe schlägt das Hafenrundfahrtkonzert „Die Ausgedehnten“, mit dem Schorsch Kammerun und Fabian Hinrichs das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffneten und damit, sorry für den Kalauer, krachend Schiffbruch erlitten.

So sieht es aus: Am frühen Abend treffen sich geladene Gäste an den Landungsbrücken, Politiker sind da, Kulturprominenz, lokale Größen, Journalisten auch. Erwartet wird eine Barkasse, bestiegen wird aber die MS Hamburg, eine Art Großyacht, Glamour für den Großburgwedeler Baggersee. Und mit der schippert man dann eine halbe Stunde elbabwärts, eine halbe Stunde elbaufwärts, an Containerterminals entlang, an Villen, irgendwann auch mal am Rohbau der Elbphilharmonie. Theater gibt es derweil auch. Man sieht Fabian Hinrichs nicht, aber er erzählt übers Bordmikro: wieviele Flachbildschirme in so einen Container passen, meine Güte, wer soll das alles anschauen? Das sind so die Momente, an denen der Abend das Sommerfestival-Motto „Grenzen des Wachstums“ aufzunehmen scheint, aber dann schaut man doch wieder dem Anzugträger auf der Reling zu, wie er auf das mit Bürobauten zugepflasterte Elbufer zeigt, „Perlenkette“ nennen die Stadtplaner dieses Quartier, und man denkt sich, dass der unbekannte Anzugträger wahrscheinlich ein Investor ist, der seinem Gesprächspartner gerade vorrechnet, welche Rendite eine Immobilieninvestition hier abwerfen würde. So denkt man, und man verpasst, was Hinrichs weiter erzählt, man verpasst auch, dass längst nicht mehr erzählt wird, sondern gesungen, im mittlerweile klassischen Goldene-Zitronen-Sound zwischen Krautrock, Elektronik, Jazz und spätem Postpunk. Man sieht ja auch nichts, das einzige, was man sieht, ist die Elbe, die wunderschöne Elbe.

Ach, es ist schade, dass dieser Abend so tranig den Fluss runtersuppt. Weil Schorsch Kamerun ein toller Querschläger in der Theaterwelt ist, der sicher einiges hätte sagen können, zu diesem Fluss, der gnadenlos durchkommerzialisiert die Stadt durchquert, wirtschaftliche Schlagader und touristischer Hotspot, einiges hätte Kamerun sagen können, wenn man ihm nur zugehört hätte. Es ist auch schade, weil Fabian Hinrichs ein göttlicher Performer ist, den man gerne erlebt hätte, live und nicht nur durch eine viel zu leise Schiffslautsprecheranlage. Und nicht zuletzt ist es schade, weil dieses Sommerfestival, für das „Die Ausgedehnten“ ja doch irgendwie ein Fanal sein soll, ein Startsignal, weil dieses Sommerfestival das letzte ist unter der Leitung Matthias von Hartz‘, dem wahrscheinlich politischsten Kopf, der momentan in der Theaterszene unterwegs ist, und der zukünftig das internationale Theaterprogramm „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele kuratieren soll. Da hätte man sich schon gewünscht, dass dieser zutiefst politisch denkende Theatermacher einen Abschied aus Hamburg bekommt, der vielleicht wirklich politisch ist und nicht nur dieser Dämmertörn mit High Society, als den man „Die Ausgedehnten“ leider wahrnimmt.

Aber die Elbe! Die versöhnt einen dann auch wieder, das ist wahr. Monströs und hässlich und atemberaubend schön: der schönste Fluss der Welt.

Und B. meint, dass wir uns verändert hätten. Früher, in Gießen, da seien wir noch losgezogen, hatten uns abwegige, freie Theaterstücke angeschaut, diesen eigenartigen Daniil-Charms-Abend etwa, damals, in der komischen Kapelle hinterm Bahnhof. Ich sage B. nicht, dass gerade dieser Abend ein schlechtes Beispiel ist, weil er nicht wirklich aus der freien Szene kam, sondern vielmehr ein Projekt der Uni war, und Uniprojekte sahen wir damals alle Nase lang, mit Leuten aus der freien Szene die wir heute noch beobachten, Showcase beat le mot oder She She Pop. Das meinte B. aber nicht. B. meinte freie Theatermacher, die an eigenen Häusern arbeiteten. Und, ja, da hatte er recht, wir fuhren früher nach Marburg, ins Theater neben dem Turm, wo eine heute unter German Stage Service firmierende Gruppe um den Regisseur Rolf Michenfelder eine eher unakademische postdramatische Dramaturgie verfolgte. Machen wir heute nicht mehr, heute schauen wir uns auf Kampnagel freie Gruppen an, die tolles Theater machen und mit diesem drei, vier Produktionsstätten abklappern, das HAU in Berlin, das Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kampnagel noch, dazu die wichtigen Festivals, manchmal ist außerdem jemand Artist in Residence an einem Staatstheater. Produziert werden diese Stücke fast ausschließlich in Berlin, einige wenige Gruppen residieren noch in Hamburg oder Wien, und das war es dann auch. Unser Bild von freiem Theater ist ein ziemlich eingeschränktes.

In den vergangenen Wochen brach dieses Bild für mich ein wenig auf. Zum einen bei den Privattheatertagen, bei denen ich freie Produktionen gesehen habe, die einem eher konventionellen Theaterverständnis anhängen, zum anderen aber gerade beim Kaltstart Festival, das jüngeres, wilderes, ungeordneteres Theater zeigt. Vor allem: Theater, das aus anderen Produktionszusammenhängen kommt, jenseits der HAU-Kampnagel-FFT-Schiene. Gestern Tom Lanoyes Antikenüberschreibung „Atropa“ vom Theaterdiscounter Berlin in der Regie Anne Schneiders, ein derzeit viel gespielter Text, der sicher seine Qualitäten hat, mit dem ich aber nichtsdestotrotz wenig anfangen kann. Schneider inszeniert ihn ohne massives Hinterfragen ihrer Theatermittel, als kluges, postmodernes Stadttheater, und hat dafür ein tolles Ensemble zur Verfügung, allen voran Susanne Bormann, in deren Sookie Stackhouse-hafte Widerborstigkeit ich mich vom ersten Auftritt an ein wenig verliebt habe. Nur eben: keine Neuerfindung des Mediums, Theater, wie es auch am ambitionierten Stadttheater hätte laufen können.

Was aber, wenn man nicht in Berlin ist, wo solche Stücke ja wirklich auf den Stadttheater-Spielplänen stehen? Was, wenn man auf dem platten Land ist, wo niemand Ambitionen zeigt? Ambitionslosigkeit trifft auf Bochum zwar nicht wirklich zu, trotzdem kann ein Theater wie die Rottstraße 5 hier neben dem durchaus ambitionierten Schauspielhaus Anselm Webers bestehen. Oliver Paolo Thomas inszeniert „Fight Club“ recht nah am Film, das heißt: testosterondampfend, sarkastisch, blutig. Kann man machen, gerade im Ruhrgebiet, ist dann ein nicht reizloses Jugendtheater, für eine Jugend, die nicht wirklich zu den Coolen gehört, ohne Seitenscheitel, ohne Berliner Wohnung, ohne dieses „Hab ich alles schonmal gesehen“, das mir an mir selbst immer unangenehmer auffällt.

Und, ja, B. hat ja recht. Wir haben uns verändert. Wir sollten uns noch einen Tacken weiter ändern, sag‘ ich jetzt einfach mal.

Edit: Am Donnerstag, 12. 7., gibt es beim Kaltstart Festival ein Publikumsgespräch, im Anschluss an die Aufführungen „Dido und Aeneas“ und „The Making of Make-up“, in der Theaterakademie Hamburg (Zeisehallen), moderiert von Berit Paschen und mir.

„Privattheatertage“ ist ein eigenartiger Name für ein Festival. Eigenartig, weil „Privattheater“ eine ökonomische und keine ästhetische Kategorie ist: Ein Privattheater ist ein Theater in privater im Gegensatz zum Theater in öffentlicher Trägerschaft. Und weil private Träger Geld verdienen wollen, hängt diesen Bühnen der Ruf an, ein leicht verdauliches Programm zu fahren. Was zwar schon eine ästhetische Frage ist, allerdings verschleiert, dass Privattheater nicht völlig ohne Förderung durch die öffentliche Hand auskommen müssen, das heißt: ihre Dramaturgie nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Kriterien auszurichten brauchen.

Wer dieses Blog hin und wieder liest, der weiß, dass ich grundsätzlich kein Freund des Prinzips Marktwirtschaft bin. Wobei ich an manchen Stellen mit mir reden lasse, ob Markt nicht (wenn man ihn ernst nehmen würde) vielleicht zeitweise eine ganz akzeptable Organisationsstruktur des Zusammenlebens sein mag. An manchen – aber keinesfalls darf marktwirtschaftliches Denken meiner Meinung nach drei Bereiche prägen: 1.) Soziales/Gesundheit 2.) Bildung/Wissenschaft und 3.) Kultur. Das bundesrepublikanische System ist für mich nicht zuletzt deswegen eine Zumutung, weil es die ersten beiden Bereiche immer stärker marktwirtschaftlich durchmischt. Die Kultur hingegen funktioniert halbwegs als dem Markt enthobener Schutzraum, zumindest in manchen Disziplinen (Theater, Kino, öffentlich-rechtliches Fernsehen).

Entsprechend skeptisch besuchte ich vor vier Wochen die ersten Hamburger Privattheatertage, ein Festival, organisiert vom Altonaer Theater, das sich ziemlich viel darauf einbildet, zumindest nicht unmittelbar am Subventionstropf zu hängen, das sich aber gleichzeitig auch von der Staatstheaterszene unfair behandelt fühlt: Nie wird man zum Theatertreffen eingeladen, wo man doch so anspruchsvolles Theater mache! Wie gesagt, ich war sehr skeptisch. Und dann ziemlich angetan, vom Ballhaus Naunynstraße, vom Jungen Theater Göttingen, vom Grips. Und eben auch entsetzt, wie so ziemlich bei jedem Festival. Wie genau ich es fand, habe ich für die aktuelle Theater heute aufgeschrieben. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)

17. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein ungemütliches, bruchstückhaftes Durcheinander · Kategorien: Bretter · Tags: , , , ,

A. ist total genervt von dem Abend. Um Gefühle sollte es gehen, zumindest wurde uns das versprochen, aber dann geht es um Komik, und Komik, das ist doch kein Gefühl. Da hat A. recht. Wobei, tatsächlich wurde behauptet, dass es in „Hajusom in Bollyland“ der Hamburger Sozio-Theater-Gruppe Hajusom auf Kampnagel um „Rasas“ gehen würde, und der Sanskrit-Begriff „Rasa“ wurde am Anfang eher ungeschickt mit „Gefühl“ übersetzt, meint aber acht Grundprinzipien der indischen Ästhetik, die im Zusammenhang stehen mit nicht in Worte fassbaren Empfindungen. Gefühle, nunja.

„Hajusom in Bollyland“ sieht also so aus, dass da 20 Jugendliche mit Migrationshintergrund auf der Bühne stehen, eigene und fremde Erfahrungen referieren und dazwischen (mit aller laienhaften Unbedarftheit, mit allem laienhaften Charme) kurze Spielszenen antäuschen, die insgesamt die acht Rasas ergeben: Liebe, Komik, Kummer, Heldentum, Angst, Ekel, Wut, Staunen. Dazu spielt Ashraf Sharif Khan Sitar und Viktor Marek Synthesizer, einiges passt nicht zusammen, einiges ist gewollt, und vieles ist ganz großartig. Nicht wegen der transportierten Inhalte, die sind anrührend, aber sie sind auch nichts neues, ich weiß ja, dass Migranten ein Fremdheitsgefühl haben, wenn sie nach Deutschland kommen, auch nicht wegen der manchmal etwas weit hergeholten Bollywood-Bezüge, weil ich von Bollywood verhältnismäßig wenig verstehe. Andererseits: Vielleicht finde ich es ja gerade deswegen so toll, weil ich nicht verstehe. Bollywood: bunt und wild und vollkommen unverständlich, eigentlich. Klasse.

Ich mag diese Randbereiche der Ästhetik, wo meine Erfahrung, meine Bildung an ihre Grenzen stößt. Japanische Fernsehshows, indonesisches Tanztheater, kolumbianischer HipHop: ganz großartig. Immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, in was für einer bunten, alles andere als homogenen Welt ich lebe, immer wenn ich solche kulturellen Bastardformen sehe, wird mir bewusst, wie langweilig doch Kino aus Hollywood, Malerei aus Leipzig und Indiepop aus Manchester in Wahrheit ist.

Multikultur ist etwas überaus Cooles, zumindest, wenn man sie nicht als Mischmasch, nicht als Melting Pot missversteht, sondern als ungemütliches, bruchstückhaftes, kreatives Durcheinander. (Ganz ähnlich empfand ich auch bei Constanza Macras‘ Tanzstück „Open for Everything“, vor kurzem am gleichen Ort.) Matthias bemängelte vor einigen Jahren, dass der Ort, wo in Hamburg Flugzeuge ankommen, als „Hamburg Airport“ firmiere und nicht als „Flughafen Hamburg“ – für mich geht das in Ordnung. Noch besser würde ich es finden, wenn die Verantwortlichen nicht das vorgeblich coole englische „Airport“ gewählt hätten, sondern Ungarisch: „Hamburg Repülőtér“, okay, wäre vielleicht nicht allzu praktisch gewesen, da findet sich ja niemand mehr zurecht. Aber vielleicht wird klar, was ich meine: Ich mag dieses Durcheinander. Tut mir leid, ich finde es großartig, wenn ein afghanischer und ein iranischer Jugendlicher auf einer Bühne stehen, ihre Performance gerade gegenseitig voll geil finden, und ein Hamburger und ein pakistanischer Musiker spielen dazu, und ich höre mit die beste Musik seit langem.

(Und die ganzen Schlechtmenschen mögen mich von nun an gerne als Gutmensch beschimpfen: Ich weiß selbst, dass solch ein Durcheinander nicht ohne Probleme abläuft. Nennen wir es Reibungshitze.)

04. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Woanders is‘ auch scheiße · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , ,

In einer Zeit, in der selbst der Bundesgauck pastoral verschwiemelt fordert, stolz auch Deutschland zu sein, in einer Zeit, in der ein in der Blogosphäre breit zitierter Text konstatiert, dass es sich hier im Vergleich zu anderen Ländern doch ganz gut aushalten lasse, in einer Zeit, in der die schwarzrotsenfen Fähnchen des Partynationalismus sich wieder in den Auslagen meiner Stammdrogerie breit machen, finde ich es schön, wenn man einmal festhält, dass einer der wenigen Pluspunkte dieses Landes ist, dass man hier gelernt hat: Differenz ist eine gute Sache. (Ansonsten halte ich es mit der alten Ruhrpott-Weisheit: „Woanders is‘ auch scheiße.“) Wie in „Open for everything“, dem wunderbaren aktuellen Stück der argentinisch-deutschen Choreographin Constanza Macras. In der jungen Welt habe ich beschrieben, wie ich es fand. (Leider zu spät, um sich das Gastspiel auf Kampnagel anzuschauen, aber das Stück tourt ja durch Europa.)

Das ist die große Kunst von Constanza Macras: Sie traut sich, Brüche stehen zu lassen und macht sie zum zentralen Element ihrer Ästhetik. Die 1970 in Buenos Aires geborene und seit 1995 in Berlin heimische Choreographin steht damit für ein multikulturelles Tanztheater, das eben nicht dem »Melting Pot« huldigt, sondern einer Vielzahl von Wertsystemen, Ästhetiken, Sprachen, die nebeneinander stehen, sich teilweise widersprechen, sich behindern und bekämpfen. Für Macras ist diese Vielstimmigkeit kein Problem, sie macht vielmehr die Qualität des Großstadtlebens im 21. Jahrhundert aus.

01. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein Hirn wie ein Sieb · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Ein wenig erinnert das an den US-Hair-Metal der späten Achtziger: künstlich bis in die ondulierten Haarspitzen, laut, politisch fragwürdig, nicht ohne kaputten Reiz, weswegen auch folgerichtig in einer alptraumhaften Szene Guns ’n Roses’ „Welcome to the Jungle“ im Halbplayback läuft.

Ich erinnere mich kaum noch daran, wie ich vor zwei Monaten Anna Bergmanns „Katze auf dem heißen Blechdach“ am Staatstheater Braunschweig gesehen habe. Ein Hirn wie ein Sieb, und langsam aber sicher geht es ja auch bei mir auf die 40 zu. Vor allem scheine ich aber auch zuviel Theater zu sehen, das überschreibt sich ja alles ständig, und irgendwann ist das eine Stück wie das andere. Zur Erinnerung: In der aktuellen theater heute steht, wie ich es fand. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)