Jahrelang habe ich Ende eines Jahres zurückgeschaut. In Tabellenform: Was war gut, was war schlecht, passierte irgendwas Außergewöhnliches? Diese tabellarische Rückschau habe ich so exzessiv betrieben, dass Mark auch angesteckt wurde, aktuell sagt er sogar, dass ich ihn motiviert hätte, was mich natürlich unter Zugzwang setzt, ebenfalls den Rückblick in Angriff zu nehmen.

Das Problem dabei ist aber: Ich habe überhaupt keine Lust.

Mir gefallen diese Tabellen nicht mehr, ich meine, es gibt etwas Tabellenartiges, drüben, bei Les Flâneurs, aber das ist etwas anderes, das ist kollektiv, da macht die Form durchaus Sinn. Für ein persönliches Blog gefällt mir aber besser, wie Isabel das Thema anging: Quasi wie ein Brief, man erzählt zum Abschied des Jahres ein bisschen, was so war, und hinterher sagt man Tschüss. Ich aber habe nicht wirklich was zu erzählen.

Das frustrierte mich ein bisschen an 2013: Es war ein Jahr, in dem mit meinem Leben nicht wirklich was passierte. Beruflich etwa: 2012 begann ich, neben dem Job frei zu arbeiten, das hatte ein bisschen den Zauber eines Nauanfangs, das war phasenweise großartig. 2013 hingegen konsolidierte ich diese Nebenjobs, ich veröffentlichte recht viel, einiges auch auf einem Niveau, auf das ich durchaus stolz bin, aber es passierte einfach nichts groß anders mehr. (Ich hatte auch keine Zeit, anderes passieren zu lassen.) Immerhin verdiente ich recht ordentlich. Und, okay: Ich begann, ehrenamtlich in einer Jury zu sitzen, das war doch noch was neues, das mir zudem bis heute großen Spaß macht.

Es gab Reisen, mit der schönen, klugen Frau. Wir konnten uns mit Madrid eine Großstadt erlaufen, die uns bislang vollkommen unbekannt war. Wir konnten feststellen, dass ein absolut unspektakuläres Urlaubsziel wie die Rhön der schönste Ort überhaupt sein kann, wenn Stimmung und Wetter und Herz mitmachen. Wir konnten ein verlängertes Wochenende ans Ende der Welt fahren, in ein Gutshaus an einem mecklenburgischen See. Wir konnten auf den letzten Metern des Jahres noch ein frühlingshaftes Weihnachten erleben, im Allgäu, mit Bergwanderung und echten Bergen, die das sind, was mir hier in Norddeutschland zutiefst fehlt: Abwechslung am Horizont.

Immer wieder Kultur, klar, das ist mein Beruf. Spannendes Theater: „Swamp Club“ von Philippe Quesne. Oder „Schwarze Augen, Maria“ von Signa (das ich für die Nachtkritik rezensiert habe). Ein guter Kinojahrgang, mit Filmen wie Noah Baumbachs großartigem „Frances Ha“, mit Jacques Audiards „De rouille et d’os“, mit Jan-Ole Gersters „Ohboy“ (die beiden letzten Filme sind schon von 2012, ich habe sie aber erst 2013 gesehen, für mich sind es 13er-Filme), mit Abdellatif Kechiches „La vie d’Adéle“. Außerdem habe ich die wunderbare Fernsehserie „Girls“ für mich entdeckt, die vorletzte Staffel „Breaking Bad“ war atemberaubend, „True Blood“ schwächelte ein wenig, egal.

Gelesen habe ich auch. Comics: Gabrielle Bells „Die Voyeure“ war toll, ebenso „Die große Odaliske“ von Bastien Vivès, Florent Ruppert und Jerome Mulot. Bücher hingegen … Ach. Ich und Bücher. Genauso: Ich und Musik, das wird nichts mehr. Ich hatte schöne Konzerterlebnisse, ja. Janelle Monáe im Mojo, Miss Li auf dem Dockville, Tocotronic im Thalia Theater, Gustav im Pudel, das war beglückend, aber mit Musikhören habe ich es irgendwie nicht mehr so, Musik höre ich in der Bahn, damit die Fahrt vorbei geht. Tut mir leid, das war mal anders.

Ich finde es toll, dass wir es geschafft haben, Les Flâneurs auf den Weg zu bringen. Ich finde es toll, da mit anderen Menschen gemeinsam etwas entstehen zu lassen, und ich weiß, dass darunter vor allem die Bandschublade leidet: Gute Blogposts landen, wenn es passt, einfach erstmal bei den Flâneuren.

Ich weiß, dass 2013 kein schlechtes Jahr war. Es war einfach nur ein Jahr, das, ach, ich weiß nicht. Es war das Jahr, in dem ich meinen Frieden mit Hamburg gemacht habe, meinen Frieden auch irgendwie mit der Welt, es war ein Jahr, mit dem man in all seiner Ereignislosigkeit schon zufrieden sein konnte. Ich wurde alt, 2013.

(Wirklich schön: das Kind, das Kollegin K. Anfang des Jahres bekam. Und das so niedlich ist, ich würde am liebsten ohne Unterbrechung Instagram mit Babyfotos zuschütten, aber K. hat es mir verboten.)

Da waren doch diese Typen in der Schule, gegen die eigentlich niemand wirklich was hatte, die aber auch niemand wirklich mochte. Typen mit randloser Brille, Aktentasche und Opel Corsa zum 18. Geburtstag, nie waren sie betrunken, nie gingen sie abends irgendwohin mit, und geküsst wurden sie auch nie. Ihr Abischnitt war überdurchschnittlich, dann verlor man sie aus den Augen. Irgendwer erzählte später noch einmal von ihnen, sie gingen zum Bund oder machten Zivi, später studierten sie an Provinzhochschulen Maschinenbau oder Bauingenieurswesen, Aufbaustudium in den USA. Mit spätestens 30 begannen sie zu bauen, ein Haus, irgendwo in der Nähe ihres Heimatortes. Sie interessieren heute so wenig wie sie damals interessierten.

Aber es gibt sie. Und sie treffen sich in den Kommentarspalten auf Welt Online, auf Spiegel Online, auf Süddeutsche.de. Dort lassen sie dann all ihren Frust raus, all ihre Aggression, die man gar nicht von ihnen erwartet hatte: Das waren doch immer ruhige Typen, ein wenig langweilig vielleicht, aber ganz sicher nicht aggressiv. Man hat sich nicht für sie interessiert, jetzt antworten sie mit Hass: Sobald von einem Architekten die Rede ist, schimpfen sie über die Architekten, die doch nichts wären ohne die Bauingenieure. Sobald von einem Beamten, Lehrer, Künstler die Rede ist, schimpfen sie über die Leute, die noch nie richtig gearbeitet hätten, und Arbeit, das ist für sie: Ingenieurshandwerk. Sobald von Homosexualität die Rede ist, schimpfen sie, dass langsam mal gut sein müsse mit der Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung: gut und schön, aber eine Ehe sei doch eine Verbindung zwischen Mann und Frau, und heute sei es doch so, dass man sich schämen müsse, wenn man heterosexuell verheiratet, zwei Kinder, sei. Richter, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Intellektuelle, Wissenschaftler: alles linksgrün durchsetzte Sesselfurzer. Ausländer, Muslime gar: sollen bleiben, wo sie herkommen, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Frauen: Ziehen einen in ihrer hinterhältigen Art ins Bett, nur um später Alimente zu kassieren. Mein nettes, kleines Internet läuft über vor Hass.

Und ich habe wirklich Angst. Dass mir einer dieser Typen, an die ich mich doch nicht erinnere und die mir eigentlich wirklich egal sind, begegnet, spätabends. Dass er in diesem Moment denkt, dass ihm sein Leben selbst nicht passt. Und dass er aus irgendwelchen wirren Gründen plötzlich denkt: Der Typ da, mit der Brille, der Mütze und den engen Hosen, der ist glücklicher als ich. Und dann haut er mir eine rein. Wenn ich dem glauben kann, was er im Internet schreibt, würde ich sagen: Ich traue es ihm zu.

Alle beantworten gerade mal wieder einen Fragebogen, Anne machte es, Sven machte es, Isabel machte es ironisch verschlüsselt, ich finde so etwas großartig (siehe Punkt 5). Mache ich also auch, natürlich verspätet, wie immer. Punkt 21: Ich mache immer alles verspätet.

1. Eine meiner frühesten politischen Erfahrungen machte ich ungefähr im Alter von sieben Jahren: Damals wurde mir ein DKP-Wahlplakat mit den Worten „Die wollen, dass alle Menschen gleich sind“ erklärt. Das sollte mich eigentlich abschrecken, ich aber dachte: „Als Konzept ist das doch ganz in Ordnung.“ Im Grunde denke ich das heute noch.

2. Was hingegen anders geworden ist: Als Kind hasste ich es, wenn meine Großmutter Nasi Goreng machte. Heute liebe ich südostasiatische Küche.

3. Ich bin fast immer begeistert, ein paar Tage aufs Land zu fahren. Aber hier leben, nein danke.

4. Mit meine liebste Freizeitbeschäftigung ist Bergwandern. Das machte ich schon als Kind gerne, habe es dann ein wenig schleifen gelassen und vor ungefähr zehn Jahren auf Mallorca wieder angefangen.

5. Ich halte Stöckchen für eine der schönsten Skurrilitäten der Blogosphäre.

6. Mein ehemaliger Englischlehrer sagte mir voraus, dass ich später mal Journalist werden würde. Meine ehemalige Französischlehrerin sagte mir voraus, dass ich später mal Politiker werden würde.

7. Niemand sagte mir voraus, dass ich später mal heiraten würde.

8. Viele Leute behaupten, ich würde überaus häufig nörgeln. Wahrscheinlich ist da was dran, und ich bin ein Muffelkopp, dabei würde ich wirklich lieber mit Sympathie auf die Phänomene dieser Welt schauen.

9. Ich bin wohl wirklich nicht religiös. Manchmal finde ich das schade.

10. Sex, Drugs and Rock’n’Roll finde ich als Konzept ganz großartig, aber immer wenn es drauf ankommt, schiebe ich ästhetische Probleme vor.

11. Als Kind war es mir immer unangenehm, ins fremdsprachige Ausland zu fahren. Ich nahm an, dass die Leute ständig über mich reden würden.

12. Heute hingegen hat es durchaus seinen Reiz für mich, Alltagsgespräche einmal nicht zu verstehen. Metro Budapest, ein Paradies.

13. Städte dieses Landes, die ich sympathisch finde: Berlin, Hamburg, alles im Ruhrgebiet, Frankfurt. Ja, Frankfurt, echt.

14. Städte dieses Landes, mit denen ich wenig anfangen kann: München, Düsseldorf, Stuttgart.

15. Städte dieses Landes, zu denen ich demnächst gerne ein Verhältnis aufbauen würde: Dresden, Leipzig.

16. Ich habe etwas gegen bildungsbürgerlichen Dünkel, kann mich aber selbst nicht ganz davon freimachen.

17. Mein Lieblingsspielzeug ist mein Smartphone. Mein Zweitlieblingsspielzeug der Herd.

18. Ich empfand es nie als Einschränkung meines Lebens, Brillenträger zu sein, bis ich anfing, regelmäßig in die Sauna zu gehen.

19. Ich empfinde es als Qualität, in manchen Bereichen meines Lebens gescheitert zu sein. Mathestudium abgebrochen, okay, Dissertation nicht fertiggestellt, okay. Wirklich ärgerlich ist hingegen, dass ich nie längere Zeit im Ausland gelebt habe.

20. Ein Körperteil, den ich mag: meine Augenbrauen.

27. März 2013 · 2 Kommentare · Kategorien: Cat Content · Tags: ,

Linie 37, von Bramfeld kommend Richtung Schenefeld,
Schnellbus mit Zuschlag, den Zeitkarteninhaber aber,
wie bei Zeitkarten üblich,
zwischen 9 und 16 Uhr gratis nutzen dürfen,
Schnellbus, der mich in wenigen Minuten zur Arbeit bringt,
Linie 37, tagsüber im Zehn-Minuten-Takt,
fährst um 8 Uhr 58 immer pünktlich,
nie eine, besser wär‘ noch: zwei Minuten zu spät,
nein. Aber dann.
Um 9 Uhr 8, was ja zeitlich noch locker passen würde,
um 9 Uhr 8 kommst du nicht, auch nicht um 9 Uhr 9,
auch nicht um 9 Uhr 15, nein,
mit Glück kommen um 9 Uhr 18 gleich zwei Busse,
und derjenige, in den ich steige,
ist dann der, der abgehängt wird,
der spätestens auf der Reeperbahn im Stau steht.

Linie 37, jeden Tag bin ich zu spät im Büro,
jeden Tag bin ich ein Eisklotz, der zehn, zwanzig Minuten im Wind stand,
an der kältesten, zugigsten Bushaltestelle dieser Stadt,
Linie 37, warum?

21. März 2013 · Kommentare deaktiviert für Ende der Diskussion · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,
Hipster mit Hund auf der ohnehin recht hipnessgefährdeten Plaza dos de Mayo in Madrid.

Hipster mit Hund auf der ohnehin recht hipnessgefährdeten Plaza dos de Mayo in Madrid.

Dieser Text ist ein Abschluss. Dieser Text wird der letzte Text sein, in dem ich den Begriff Hipster verwende. Weil der Begriff nichts mehr aussagt, weil der Begriff überlagert ist von Hate Speech, Konformitätsdruck, Rechthaberei, weil „schon alles gesagt wurde, nur noch nicht von jedem“ (frei nach Karl Valentin).

Ganz grundsätzlich mag ich Hipster ja nicht besonders. Die Gleichförmigkeit. Das Radiohead-Hören (ja, schon Indie, aber bitte nicht allzu obskur. Eine Band, deren Musik soviel klüger ist als ihre Fans). Die unangenehme Art, das eigene Empfinden als Maßstab für alles und jedes zu setzen. Das Beharren darauf, Hedonist zu sein, aber das Wort „Lust“ nicht einmal buchstabieren zu können. Die selbstgewählte Bulimie. Die Wurstigkeit gegenüber Bildung. Der Vegetarismus (nichts gegen Vegetarismus, übrigens, gute Sache). Die falsch verstandene Ironie. Der Sexismus. Die Konsumgeilheit. Apple. Die Begeisterung für Berlin ohne den Hauch eines Verständnisses dafür, was das ist: Berlin. Das bringt mir alles nichts mehr, dass ich mich da drüber aufrege. Die Diskussion ist vorbei.

Wären da nicht die Hipsterhasser.

Die Hipsterhasser, das sind leider nicht die Leute, die die oben beschriebenen Charakterzüge ebenfalls unangenehm finden, die Hipsterhasser sind die Leute aus den Vororten. Und was sie hassen, ist nicht der Hipster, was sie hassen ist die Großstadt, beziehungsweise das, wofür die Großstadt steht. Mulitikultur. Vieldeutige Sexualität. Eine heterogene Gesellschaft. Tatsächlich Hedonismus, Drogen, die mehr sind als der Alkoholrausch am Wochenende, Leidenschaft, die mehr ist, als den Partner heimlich mit seinem besten Freund zu betrügen. Überhaupt, all das, was nicht mehr überschaubar ist. Die Kontrolle zu verlieren, Kontrollverlust, das fürchtet Thilo Sarrazin (Achtung, Link verursacht Übelkeit) am meisten. Indem man sich gegen Hipster stellt, steht man in einer Reihe mit diesen Figuren, und in dieser Reihe will ich nicht stehen.

Ich will etwas neues. Ich will Hipster jenseits der Hipsteridiotie. Ich will einen anderen Begriff finden. Für das Wahre, für das Schöne. Von Hipstern will ich nicht mehr sprechen.

(Auch andere beackern das Feld. Enrico Ippolito beschrieb heute in der taz, weswegen das Hipstertum mittlerweile an allem schuld ist. Und Nike Jane konstatierte schon vor ein paar Tagen, dass die Diskussion nirgendwo mehr hinführt.)

30. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Jahresrückblick 2012 · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , , ,

Ein Jahr, vorbei. Vergleichbare Rückblicke kennen wir von 2011, 2010, 2009 und 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Zuletzt ein wenig zugelegt, ich schiebe es auf die Vorweihnachtszeit und bin hoffnungsfroh, dass das auch wieder weniger wird.

Haare länger oder kürzer? Auf jedem Foto 2012 trage ich die Haare ziemlich kurz. Aber es gab ja auch noch einen Teil des Jahres, der nicht fotografisch dokumentiert ist.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Keine Ahnung. Den Bildschirm sehe ich problemlos.

Mehr ausgegeben oder weniger? Deutlich mehr.

Der hirnrissigste Plan? „Ach, die alte Küche, die lassen wir nicht fachmännisch abreißen, das bekommen wir auch mit roher Gewalt selbst hin.“

Die gefährlichste Unternehmung? Wie schon im Vorjahr: Wirklich gefährlich war nichts in meinem Leben.

Die teuerste Anschaffung? Eindeutig die Küche, auch wenn wir die zu zweit bezahlten. Hat sich aber jetzt schon gelohnt.

Das leckerste Essen? Ein Glas Weißwein und eine Paella Mallorquin in einem der zwei Restaurants am Ortseingang von Fornalutx/Mallorca.

Das beeindruckendste Buch? Übermäßig viel gab es da nicht, vergangenes Jahr. Mir gefiel Rainald Goetz„Johann Holtrop“. (Eine Rezension habe ich für die kulturnews geschrieben.)

Der beste Comic? Camille Jourdy, „Rosalie Blum“. (Ebenfalls für die kulturnews rezensiert.)

Der berührendste Film? „Medianeras“, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. Wurde zwar schon 2011 gedreht, ich sah ihn aber erst dieses Jahr. Und zwar an meinem 40. Geburtstag.

Das beste Lied? Sophie Hunger, „Das Neue“. Die Platte berührt mich zwar nicht so, das Stück ist aber toll.

Die beste Platte? Barbara Morgenstern, „Sweet Silence“. Ich habe wenig neue Musik gehört, dieses Jahr. Irgendwie lebe ich nicht mehr wirklich da drin.

Das schönste Konzert? Santigold, die „Master of my Make Believe“-Tour auf Kampnagel, Hamburg. Verspätet, mit technischen Problemen, zu kurz. Und trotzdem herzerwärmend.

Die schönste Theatererfahrung? Jacques Offenbachs Opera Buffa “Die Banditen” in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Bremen. Oper, eigentlich gar nicht meins, hier aber wahnwitzigst.

Die interessanteste Ausstellung? Voll unoriginell: die documenta. Gab auch einen kleinen Text für die Bandschublade her.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.

Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der schönen, klugen Frau.

Vorherrschendes Gefühl 2012? Neubeginn.

2012 zum ersten Mal getan? An Heiligabend das Wort „Familienfest“ neu gedacht.

2012 nach langer Zeit wieder getan? Meine journalistischen Texte als freier Autor auf den Markt geworfen. Die Erfahrung gemacht: Die will jemand haben. Selbstbewusstsein gestärkt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die Medienkrise. Die Medienkrise. Die Medienkrise. (Und den Stress mit der Küche.)

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? „Das ist aber wirklich ein wichtiges Thema, da sollten wir einen Artikel drüber schreiben, also, ich sollte einen Artikel drüber schreiben.“

2012 war mit einem Wort…? Toll. Bestes Jahr seit Jahren.

Edit: Im näheren Umfeld schauten schon Isabel Bogdan zurück, Eva Schulz, wortlos Mark.

Taxi fahren, das ist für mich kleinen Bub vom Land immer schon mit Glamour behaftet. Taxi fährt man, wenn man keine Lust hat, auf den letzten Bus zu warten, vielleicht auch keine Zeit, wenn klar ist, ich setze mich jetzt auf diese Bank an der Haltestelle, und innerhalb von drei Minuten bin ich eingeschlafen, dann raubt man mich aus, und ich bleibe bis zum Morgen liegen, und dabei erkälte ich mich, besser, ich rufe ein Taxi. Taxi fährt man nicht, weil man es sich leisten kann, man kann es sich auch nicht leisten, man fährt Taxi, weil ohnehin alles egal ist, keine Ahnung, wieviel Geld man den Abend über in Getränke umgesetzt hatte, also geht die Fahrt auch noch, und wenn sie nicht mehr geht, weil man nur noch fünf Euro in der Tasche hat, dann fährt man eben soweit diese fünf Euro reichen. Außerdem, so ist es ja nicht, nehmen Taxis auch Karte. Dieses Gefühl: Ich könnte alles tun. Drogen nehmen, endlich. Mein bürgerliches Leben auf den Müll schmeißen. Überhaupt mein Leben aufgeben. Ein Containerschiff nach Südamerika besteigen und dort neu anfangen. Ein echtes Verbrechen begehen. Einen Menschen küssen, den ich nie zuvor gesehen habe und den ich nie wieder sehen werde. Für all das brauche ich kein Geld mehr, hier, nimm. Dieses Gefühl, das ist Taxi fahren. (Dort, wo ich herkomme, wurde praktisch nie mit dem Taxi gefahren. Weswegen auch.)

Anselm Lenz, ehemaliger Dramaturg am Schauspielhaus, Hamburger Nachtleben-Maskottchen in uebel & gefährlich und Golem, Autor zwischen Hamburg, Berlin und irgendwie auch Palermo, hat einen Film gedreht, gemeinsam mit Sarah Drath, Hendrik Sodenkamp, Yennj Rudloff und Jenia Bayat Mokhtari: „Taxi Altona“, entstanden aus einer Performance beim Kaltstart-Festival. Das Ganze erinnert an die bewundernswerte arte-Serie „Durch die Nacht mit …“: Acht beziehungsweise neun, naja, Szeneberühmtheiten steigen jeweils zu zweit in ein Taxi, cruisen durch Hamburg, reden darüber, was sie mit dieser Stadt verbindet, was sie hassen, was sie lieben, und was das über sie aussagt, und am Ende treffen sich alle in Erika’s Eck und essen Gulaschsuppe. Das heißt: Das Chick on Speed Melissa Logan geht mit dem Journalisten Andreas Hilmer in einen Stripclub, die Künstlerin (und in Hamburg unvermeidliche Gängeviertel-Aktivistin) Christine Ebeling hat sich mit Clubbetreiber und Schriftsteller Tino Hanekamp eigentlich nichts zu sagen, das aber ganz reizend, und in einer wunderbaren Szene wird der Schauspieler Antoine Monot jr. von Ex-Sterne-Keyboarder Richard von der Schulenburg in der Einöde stehengelassen. Das ist wunderbar, auch wenn die Tonqualität einen hin und wieder wünschen lässt, man hätte in früher Jugend ein paar weniger Hardrock-Konzerte mitgemacht, das ist aber vor allem eine Liebeserklärung. Ans Taxifahren. Ans Nachtleben. Und irgendwie auch an Hamburg, diese eigenartige Stadt, die sich blöde mit „Hamburg, meine Perle“- und „Schönste Stadt der Welt!“-Brustgeklopfe selbst feiert, in Wahrheit aber einerseits ein hässlicher Betonhaufen in öder Landschaft ist und andererseits einen Charme hat, den kein verhaspeltes Selbstlob auch nur in Ansätzen erfasst. (Eine Stadt, der ich mich jahrelang versperrt habe, bis sie mich plötzlich doch gekriegt hat, in einem Moment, in dem ich es ganz und gar nicht erwartet habe.)

Sympathisch an der „Taxi Altona“-Premiere im Hochbunkerclub uebel & gefährlich war übrigens, dass Taxifahrer umsonst rein kamen. Ganz großartig aber: dass einige Taxler dieses Angebot auch annahmen. Das sind so Momente, an denen man kapiert, wie offen die vordergründig unnahbare Kulturszene dieser Stadt eigentlich ist, allem Hipster-Bashing zum Trotz. Und dann fragt man sich: Ob es solch eine Offenheit wohl auch in, zum Beispiel: München gibt? Ja, das fragt man sich.

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28. September 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Kirche im Dorf lassen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , , ,

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„Nestflüchter“, sagt sie. Ich protestiere, nie sei ich ein Nestflüchter gewesen, aber sie bekräftigt: Wer mit 19, direkt nach dem Abi, fluchtartig die Heimat verlassen würde, was sei der denn, bitte, wenn kein Nestflüchter? Ich mag solche eindeutigen Zuschreibungen nicht. Was aber klar war: Ich wollte weg, damals, mit 19. Ich wollte so dringend weg, ich war sogar bereit, nach Gießen zu ziehen, und bei aller Liebe, die ich zu dieser Stadt, Alma Mater, heute immer noch empfinde: Große, weite Welt ist etwas anderes.

Das Rusenschloss ist eine Burgruine, rund 15 Kilometer von meiner Heimatstadt, auf einem Fels hoch über dem Tal des kleinen, unregulierten Flüsschens Blau. Irgendwie war die Ruine immer Teil meines Lebens, schon als ich klein war, wurde regelmäßig dort spazieren gegangen. (Wie ich heute erfahren habe, stammte meine Großmutter aus der Ecke, vielleicht fuhren wir mit ihr manchmal dorthin? Hatte sie vielleicht Verwandtschaft, die besucht wurde, es gab Kaffee und Kuchen, und zur Verdauung gab es eine kurze Wanderung, hoch zum Schloss? Keine Ahnung.) Später kletterte ich manchmal an den Felsen unterhalb des Schlosses, ein schwachsinniger Sport, der einiges an Nervenkitzel bereit hielt, allerdings auch nicht ungefährlich war, für Flora und Fauna der Felsen, meine ich. Egoistisch, wie nur Teenager sein konnten: der eigenen Lustbefriedigung das Existenzrecht von Flechten wie Eulen auf den Felsen unterzuordnen, schlimm. Gut, dass das Klettern im Blautal schon seit langer Zeit geächtet und verboten ist. Zum Rusenschloss wurde dennoch immer wieder gewandert, wenn ich vom Studium zu Besuch kam, im Herbst, wenn kalter Nebel durch die Täler der schwäbischen Alb kroch, im Winter, wenn der Blick ins Tal über weite, schneebedeckte Wiesen schweifte, im Spätsommer, wenn die Blätter des Laubwaldes sich zu verfärben begannen und eine nur noch halbwarme Sonne den Boden vergoldete. Selbst im ersten Studiensemester besuchte ich ein Blockseminar, das in einem Gästehaus der Uni Tübingen in Blaubeuren abgehalten wurde, und nachts fiel uns hirnverbrannten, angetüddelten Erstsemestern nichts besseres ein, als lallsingend aufs Rusenschloss zu klettern und oben Mörike zu zitieren, wir hoffnungslosen, lebensmüden Romantiker. (Credits für diesen Irrsinn gehen an Prof. Moritz Baßler, heute in Münster.)

Nach mehreren Jahren Abstinenz war ich heute wieder auf dem Rusenschloss. Die Zeit ist stehen geblieben, dort oben: Immer noch schleppt man sich auf einem schmierigen Pfad durch den Wald, es ist mühsam, unübersichtlich, an mehreren Stellen ist der Weg abgerutscht, und man muss auf seine Schritte achten. Die letzten Meter bis in die eigentliche Burg geht man immer noch an einem alten, morschen Holzgeländer, und oben angekommen stellt man fest, dass in die Burgmauer immer noch der Sicherungsring einzementiert ist, der einen beim Beklettern der Westwand hätte schützen sollen, dem Kletterverbot zum Trotz. Es ist eine Landschaft, so wunderschön, man möchte schreien.

Und dann ist natürlich auch klar: Ich stehe hier auf dem Rusenschloss, ich bin begeistert, nein, ich bin ergriffen von all dieser Schönheit (die man allerdings nur sieht, wenn man nach halbrechts schaut; links nimmt den Talgrund hingegen ein Parkplatz des Blaubeurer Industriegebiets ein), aber ich bin im Urlaub. Leben könnte ich hier nicht mehr, wovor ich weggelaufen bin, war einzig das Gefühl: Das hier ist Kleinstadt, und daran wird sich hier ja nichts ändern, Kleinstadt mit ihren undurchdringlichen Kleinstadthierarchien wird das hier immer bleiben. (Eine andere Frage ist, ob das in Hamburg wirklich so wahnsinnig anders ist. Wie zum Beispiel konnte der „Lichtkünstler“ Michael Baatz wohl seine Position innerhalb der Hamburger Kulturszene erreichen, wenn nicht durch geschicktes Spiel mit den hanseatischen Kleinstadthierarchien?) Ich bin froh, dass es für mich auch eine Welt geben kann, jenseits dieser hier, aber erstmal kann ich das hier schlicht als atemberaubend schön anschauen.

Und dass ich das mittlerweile kann, das ist nicht gerade ein schlechtes Zeugnis für mich alten Nestflüchter.

Die Nacht vor meinem 40. Geburtstag saß ich im Kino. In einem Zwergkino in der Lüneburger Altstadt, in dem „Medianeras“ lief, eine argentinische Romantic Comedy von Gustavo Taretto. „Medianeras“ zeigt zwei Menschen Anfang Dreißig, Mariana (Pilar López de Ayala) und Martín (Javier Drolas), die füreinander bestimmt scheinen und doch aneinander vorbei leben, in der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt Buenos Aires. (Am Ende kriegen sie sich natürlich doch, das ist den Regeln des Genres geschuldet.)

Romantic Comedys interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. Was mich an „Medianeras“ aber interessierte, war das Lebensmodell, das hier entworfen wurde: Mariana und Martín sind irgendwie im Leben angekommen, sie sind gut ausgebildet, sie Architektin, er Webdesigner, aber sie sind ganz und gar nicht gesettlet. Er arbeitet zwar in seinem Beruf, freischaffend und durchaus nicht ohne Erfolg (was er mit sozialer Inkompatibilität und einem Wust Neurosen bezahlt), sie aber dekoriert Schaufenster, weil Architektinnen nicht gefragt sind in einer Stadt, die Bauen nur als Fertigung von Gebäuden versteht. (Den so entstehenden architektonischen Wildwuchs setzt Taretto übrigens mehr als einmal nicht ohne Reiz in Szene.) Mit anderen Worten: „Medianeras“ zeigt kein Prekariat, „Medianeras“ zeigt Menschen, die irgendwo an den Randbereichen des Prekariats leben. Menschen, die über den Status der Existenzangst hinausgetreten sind, die aber sich dennoch durchwurschteln und auch keine Hoffnung haben, dass sich daran jemals etwas ändern dürfte. Entsprechend flüchten sie in ein Kinderverhalten: Martín in eine Angst vor allem und jedem, Mariana in den verzweifelten Versuch, die Welt durch Wimmelbilder in Kinderbüchern zu verstehen. (Einmal trägt sie ein ausgeleiertes Shirt, das ein verwaschenes Bild des Krümelmonsters ziert, das verdeutlicht diese Regression ins Kindliche sehr hübsch. Außerdem sieht es reizend aus, wie diese Schauspieler ohnehin immer ein ganz tolles Bild abgeben.)

Als der Nachspann schon läuft, nachdem sich das Paar gerade gefunden hat, sehen wir ein kurzes Goodie: Mariana und Martín als Paar, ein halbes Jahr später. Was machen sie? Kommen sie etwa an, im Leben? Bekommen sie Kinder, geben sie Partys, kaufen sie sich einen Kombi, ziehen sie an den Stadtrand? Nein: Sie drehen einen lustigen Youtube-Clip. Paaralltag.

Und während dieser lustige, traurige, charmante Film langsam an sein Ende kommt, wird mir klar: Das sind ja Leute wie ich. Leute, die die sie umgebende Welt, die Finanzkrise und die Dummheit und die alles erstickende ästhetische Anspruchslosigkeit zu Recht als Zumutung empfinden. Leute, die absolut nicht einsehen, was es bitteschön bringen soll, erwachsen zu werden. Leute, die gar keine andere Möglichkeit haben als halbwegs glücklich in den Tag reinzuleben (und die dabei wenigstens umwerfend gut aussehen). Eine Stunde später war es dann soweit: Ich wurde 40. Erwachsen wurde ich nicht.

04. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für On the road again · Kategorien: Cat Content · Tags: , ,

Muss ich mir so etwas eigentlich anhören, wenn ich Bus fahre? Einen Busfahrer, der eine Radfahrerin blöde beiseite hupt, direkt neben ihr abbremst und sie durchs offene Fenster anblafft, dass sie nicht mitten auf der Fahrbahn fahren solle? (Die Dame fuhr anscheinend wirklich etwas unglücklich auf der Straße.) Und Fahrgäste direkt hinter mir, ein glatzköpfiger Typ und eine etwas übertrieben rausgeputzte Frau, beide nicht nennenswert älter als ich, die das Geschehen kommentieren.

Underso: „Hätte er sie doch umgefahren. Fotze, was fährst du auch auf der Fahrbahnmitte? Neeneenee, ich hasse ja Radfahrer, neeneenee. Und hätte er sie doch umgefahren. Was fährt die auch so scheiße, die Fotze? Ständig mitten auf der Straße, die Radfahrer, mit ihrem Spielzeug. Neeneenee.“

Undsieso: (sagt nichts, lächelt, himmelt ihn so an.)

Undichso: (sage auch nichts, fühle mich schlecht. Schäme mich irgendwie, weil ich nichts sage.)

Für Angenehmeres und Wissenswertes aus dem Hamburger Nahverkehr verweise ich auf das lohnende Themenblog Rycon.