23. September 2011 · Kommentare deaktiviert für Polly wants a Cracker · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , ,

Keine Ahnung, was das für eine Party war, vor 20 Jahren, in irgendeinem Jugendzentrum außerhalb Ulms. Auf jeden Fall war die Party langweilig. Und auf jeden Fall sagte A., komm, lass uns nach Würzburg fahren, in Würzburg ist es spannender als hier. Nach Würzburg waren es 200 Kilometer, A. hatte sich in der Barockstadt mit C. angefreundet, ich kannte C. kaum, egal. Und A. nahm mich, nach fünf Minuten hielt jemand, der uns zur Autobahnauffahrt brachte, nach einer Weile nahm uns jemand mit zur nächsten Raststätte. Dort konnten wir nächtliche Fahrer ansprechen, nicht lange, und ein LKW brachte uns weiter nach Norden. Gegen Mitternacht kamen wir in Würzburg an.

Ich mochte A. wegen solcher Geschichten. Blödsinniger Geschichten, sinnloser Geschichten, verschenkter Zeit. Eigentlich erlebten wir nichts, aber am nächsten Tag hatten wir den Eindruck, unglaublich viel erlebt zu haben.

An der Raststätte hatten wir C. angerufen, er wusste also, dass wir kommen würden, hatte Pizza in den Ofen geschoben oder bestellt, ich weiß es nicht mehr. Wir saßen in seiner Studentenwohnung, im Vorort, eigentlich ein Dorf zwischen Weinbergen, Main und Autobahn. Wir rauchten. Wir futterten Pizza, später wollten wir noch in die Stadt, etwas erleben, Würzburger Nachtleben, Yeah! Kurz fragte ich mich, was ich hier eigentlich machte. Und weil der Abend begann, ins Unsichere abzugleiten, ins plötzlich nicht mehr Lustige sondern ins Verkrampfte, legte C. eine Platte auf, die er neu irgendwo entdeckt hatte, Nirvana, „Nevermind“. Ich kannte die Band nicht, C. meinte, das sei „so eine Art amerikanischer Hardcore, so ähnlich wie Fugazi„. Ich mochte Fugazi, wahrscheinlich versuchte C., mir Nirvana, von denen er hörbar angetan war, auf diese Weise schmackhaft zu machen, ich aber fand nicht, dass das so wahnsinnig nach Fugazi klang. Schon dieses Cover, ein Baby im Schwimmbecken, dem ein Angelhaken mit Dollarnote vor dem Grinsegesicht baumelte: eine Symbolik, die ja wohl dem letzten Hinterwäldler verständlich sein dürfte, Sozialkritik für Metalfans, wie sie damals auch auf Plattencovern von Anthrax („Among the Living“) oder Megadeth („Peace sells … but who’s buying?“) angesagt war. Ein Witz.
Musikalisch konnte ich ebenfalls wenig damit anfangen. Auch noch, nachdem alle Welt „Nevermind“ als Meilenstein der Popmusik feierte, war ich immer noch nicht warm geworden mit diesem Sound, zu melodiös war mir das alles, zu vorhersehbar auch, zu sehr Rock. (Wie gesagt, damals waren Fugazi meine Lieblingsband.) Viel später sagte mir A., dass sie ebenfalls kein glühender Fan wurde, auch wenn sie sich „Nevermind“ bald auf Kassette überspielte: Für sie klang das alles wie Guns n‘ Roses auf Indie. Und doch, gute Songs waren das schon, laut und, ja, eben nicht punkig, sondern melodiös, voller versteckter Sehnsucht und Melancholie, mit einem Sentiment, das andere Grunge-Bands wirklich nicht hatten (was mir verwandte Bands wie Soundgarden oder Pearl Jam tatsächlich auf immer verleidete). Das Spiel mit Laut und Leise, mit Härte und Sensibilität spielten Bands wie die Pixies oder Hüsker Dü für mich weiterhin kreativer, egal, ich hatte meinen Frieden gemacht mit Nirvana, hörte sie mittlerweile ganz gerne, wenn auch ohne Leidenschaft. Und es war ja auch okay, dass diese Band bewies, dass auch harte Rocker eine feminine Seite haben konnten, weinen konnten, in Frauenkleidern auftreten konnten. Dann war die Geschichte auch schnell vorbei, Nirvana-Sänger Kurt Cobain tot, die Band aufgelöst. Und drei Jahre später veröffentlichte die ganz andere Band Portishead „Dummy“, eine Platte, die für die Entwicklung meines Musikgeschmacks viel wichtiger war als „Nevermind“.

Was „Nevermind“ für mich aber war, nicht zuletzt: eine Platte, die ich mit A. verbinde. Und jetzt, wo A. nicht mehr hier ist, gleichzeitig aber „Nevermind“ zum 20. Geburtstag überall eingeordnet, besprochen, verworfen und neu verortet wird, blutet mir das Herz.

P.S. Was ich an „Nevermind“ wirklich mochte, das waren nicht die Hits, nicht „Smells like Teen Spirit“, nicht „Lithium“. Sondern die kleinen, unauffälligen Marginalien. „Polly“.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=5l5Y1XsvKKQ]

Edit: C. meldet sich über Twitter: Er erinnert sich nicht, mich into Nirvana getalkt zu haben, das würde auch gar nicht zu ihm passen. C. glaubt, dass ich ihn mit seinem Freund verwechseln würde, der viel früher Nirvana-Fan gewesen sei als er. Nichts liegt mir ferner als C.s Erinnerungen in Frage zu stellen, aber ich bin mir sehr sicher, dass besagter Abend in C.s, naja, wie nennt man das?, Bude?, stattgefunden hat. Was allerdings gut möglich, ja, sogar wahrscheinlich ist: Dass C.s Freund damals ebenfalls anwesend war. Und versuchte, mich von den Vorzügen von „Nevermind“ zu überzeugen. Außerdem meint C., dass meine Beschreibung implizieren würde, dass ich den Abend nicht so toll gefunden hätte. Altes Problem: Ich schreibe, dass ich etwas toll finden würde, und beim Leser kommt es so an, dass ich es ganz schlimm gefunden hätte. Ach.

Natürlich ist es unseriös, jetzt einen Rückblick übers Dockville 2011 zu schreiben, jetzt, am Sonntagnachmittag, noch bevor Zola Jesus gespielt hat, noch vor Kele, noch vor noch zu entdeckenden Acts wie den Crystal Fighters. Natürlich ist das unseriös, andererseits: weswegen den schön verlotterten Sonntagnachmittag aufgeben für Bands, die man entweder schon kennt oder bei denen man gar nicht weiß, was man verpasst, wenn man sie nicht kennenlernt? Weswegen nicht, zum Beispiel, eine Folge „Lost“ in den DVD-Player schieben, der schönen, klugen Frau ein wenig die Füße streicheln und den Dauerregen vor dem Fenster Dauerregen sein lassen? Weswegen eigentlich nicht?

Geprägt war das diesjährige Dockville, muss man eben sagen, vom Wetter. Also: vom Wolkenbruch Freitagvormittag, der das Gelände erstmal in Teilen unter Wasser setzte, die Zeltbühne Maschinenraum unbespielbar machte und den Platz vor der zweitgrößten Bühne Vorschot in eine Schlammlandschaft verwandelte. Dafür kann niemand etwas, und außerdem kämpfen dieses Jahr auch Open-Air-Kinobetreiber, Eisdielenwirte und alle übrigen Menschen, die auf gutes Wetter angewiesen sind, mit dem unvorstellbar verregneten Sommer. Allerdings: Beim Festival hatte es eben zur Folge, dass ich ziemlich viele Bands auf dem Vorschot nicht sah, weil ich mich nicht in die modrig stinkende, klebrige Masse traute. Insbesondere Freitag war das schade: Freitag hätten auf dem Vorschot Egotronic gespielt, Herpes und Marteria, alles nicht gesehen.
Wer ebenfalls unter dem Wetter litt: die Kunst. Das Dockville bildet sich zu Recht etwas darauf ein, ein Festival einerseits für Indiepop, andererseits für Bildende Kunst zu sein. Nur wurde die Kunst dieses Jahr von den Unwettern scher zerzaust beziehungsweise weggeschwemmt. Ich bin heilfroh, dass ich den Kunstbereich schon vorab besucht habe, außerdem kann man solcher Zerstörung der Kunst durch die Natur sogar noch einen gewissen ästhetischen Reiz zusprechen (es hat Ai Weiweis documenta-Arbeit „Template“ 2007 auch nicht geschadet, dass sie nach einigen Ausstellungswochen durch ein Unwetter, nein, nicht zerstört, sondern erweitert wurde). Bloß hat sich dieses Jahr bewahrheitet, was ich schon im Vorfeld befürchtet hatte: mittlerweile haben wir zwei Festivals namens Dockville, eines, in dem es um Kunst geht, und eines, in dem Pop im Mittelpunkt steht. Die wenigen Momente, in denen die Kunst in das Konzertwochenende gelappt hätte, habe ich verpasst: den Auftritt der ohnehin der Kunst- und Theaterszene nahen Goldenen Zitronen und das Konzert des seit Jahrzehnten geschätzten Andreas Dorau, der, wie man munkelte, gemeinsam mit der ebenfalls seit Jahrzehnten geschätzten Theatergruppe Showcase Beat le Mot auf der Bühne hätte stehen sollen. Grund für dieses Verpassen: das Vorschot, siehe oben.
Dafür trotzdem viel Tolles gesehen: Kakkmaddafakka, die ich vergangenes Jahr doof fand und deswegen skippte, mittlerweile mir aber schön gehört habe und unglaublich ironisch, campy, unterhaltsam fand (wobei natürlich eingerechnet bleibt, dass uns Ironie niemals retten wird, klar). Those Dancing Days, ich stehe ja sehr auf konsequent durchgeknallte Frauen, da ist mir auch egal, wenn sie musikalisch extrem unspektakulär daher kommen. Und: Santigold. Musik, die so vielschichtig, heterogen, klug und reflektiert ist, dass sie mir den Glauben an das Prinzip Pop zurück gibt, wenigstens kurz.
Und dann eben noch die Stimmung. Der Grund, weswegen ich eigentlich alljährlich aufs Dockville fahre. Klar, verregnet, dieses Jahr. Wobei die Qualität dieses Festivals eben ist: dass das egal ist. Dass die Junggesellenabschiedsdeppen, die unbedingt eine Schlammschlacht machen müssen, höflich ignoriert werden (damit sie am Abend beinahe den großartigen Santigold-Auftritt sprengen, aber okay, Trottel sterben nie aus), dass man den Matsch als ein wenig eklige, ein wenig lustige Variante der Festivalarchitektur akzeptiert und gottergeben durchschlappt, auf dem Weg zum nächsten Konzert. Und dass man, als endlich die Sonne rauskommt, die verschlammten Kleider vom Körper reißt und in die Elbe springt, ein fröhliches Kind, locker und glücklich und gelöst.

Und weil dieses Festival es trotz allem doch geschafft hat, dieses fröhliche Kind aus mir rauszukitzeln, zwei Tage lang, deswegen bin ich jetzt selig.

(Hier gehts zum uMag-Twitterwall. Und hier gehts nach 2010.)

Ich mag Thees Uhlmann einfach nicht.

Früher habe ich dieses Nichtmögen damit erklärt, dass mir Uhlmanns Band Tomte immer zu konventionell war, also zu rockistisch, zu maskulin, zu muckerhaft. (Stimmt ja alles, aber da gibt es natürlich Schlimmeres. Viel Schlimmeres. Und selbst das höre ich.) Aber, nein, ich mag Thees Uhlmann vor allem aus einem Grund nicht: Der ist wie ich. Also, der hat eine ganz ähnliche Geschichte wie ich, und damit meine ich jetzt nicht das frühe Studienziel, Deutschlehrer werden zu wollen. Sowohl Thees Uhlmann als auch ich kommen von dort, wo nicht primär die Musik spielt: er vom Dorf, ich aus der kleinen Großstadt. Aber während ich da immer fort wollte, während ich mich immer distanzierte, stellte Uhlmann immer klar, dass er (trotz zeitweilig Berliner Wohnsitz) der Junge aus dem niedersächsischen Hemmoor, irgendwo in der Einöde zwischen Cuxhaven und Bremervörde, geblieben ist. (Das Fiese daran ist, dass er ja recht hat: „Du kriegst den Jungen aus dem Dorf aber nicht das Dorf aus dem Jungen“, trotz Jahrzehnten in der Ferne bekomme ich den schwäbischen Zungenschlag nicht los, trotz aller Distanzierung geht es in diesem Blog, ja, wahrscheinlich in all meiner journalistischen Arbeit, immer nur um mein Nicht-Loslassenkönnen von den Spielplätzen meiner Jugend. Womöglich macht das sogar die Spannung dieses Blogs aus: das Scheitern an der Distanzierung. Und eben auch die Lust am Scheitern.)
Ich mag Thees Uhlmann nicht, und das liegt an diesem offensiven Betonen der Herkunft. Diesem: Ich bin was Besseres, weil, ich bin am Boden geblieben, und der Boden ist der sandige Boden Niedersachsens. Das kommt bei mir unglaublich arrogant rüber, so arrogant, wie Uhlmann wahrscheinlich in Hemmoor gilt, der Studierte, der Antibürgerliche, der Rocker, der Sensible. Wenn mein Studium zu etwas gut war, dann zur Distanzierung von Ulm, wenn der Lebenslauf Uhlmanns zu etwas gut war, dann zur Distinktion innerhalb Hemmoors. Das ist mir fremd. Und ich bin neidisch, weil ich doch weiß, Typen wie Uhlmann kommen immer leichter durchs Leben wie ich. Ich mag ihn nicht.

Ein paar Impressionen aus der Provinz? In Uhlmanns erstem Solo-Video „Zum Laichen und Sterben ziehn die Lachse den Fluss hinauf“? Bitteschön.

[vimeo 26726073]

12. Juli 2011 · Kommentare deaktiviert für Weswegen sollte ich eigentlich Amy Macdonald hören? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Voll zum Mainstreamhörer habe er sich entwickelt, erzählt C. „Ich höre Musik, die mich sofort kriegt. Ich will nach Hause kommen, das Radio einschalten, und der Song soll mich in den ersten Sekunden kicken.“ Keinen Platz mehr hat C. für sich langsam entwickelnde Musik, keinen Platz für Ja, Panik, die eine ganze CD und ein ganzes Konzert benötigen, um ihren Songkosmos zu entwickeln. Mainstreamhörer.

Ich höre keinen Mainstream. Also, ich höre keinen Mainstream als Genre, tatsächlich habe ich während der vergangenen Monate ohnehin aufgehört, meinen Geschmack an Genres auszurichten, längst tauchen in meiner Playlist nicht mehr nur die erwartbaren Elektroindiepopper auf, längst höre ich Soul, Weltmusik, Rock. Und, immer noch, Elektroindiepopper, klar, warum nicht. Was ich nicht höre, sind Bands, die strukturell im Mainstream stehen.
Strukturell im Mainstream, damit meine ich, dass die Bands, die ich höre, nicht aufs große Publikum ausgerichtet sind. Nicht bei großen Plattenfirmen veröffentlichen, nicht im Radio laufen. Das hat nur am Rande damit zu tun, dass ich meine Liebe nicht mit der großen Masse teilen möchte, das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich den Überblick behalten möchte: Wer hat hier mit wem zu tun? Besteht das Risiko, dass jemand von den Leuten, denen ich heute noch zujuble, morgen schon Werbung für Springer macht? Und: Was macht der eigentlich mit dem Geld, das ich für eine CD, für ein Ticket ausgebe? Weiß jemand, was eine Plattenfirma dafür zahlt, dass ihr Künstler in den Playlists des Formatradios auftaucht? Und rechnet jemand mal nach, wieviel Geld dann im Marketingetat versickert, Geld, das doch eigentlich der Künstler bekommen sollte?
Und weswegen sollte ich eigentlich den Folkpop der formatradiokompatiblen Amy Macdonald hören, wenn ich ebenso gut die musikalisch ganz ähnlich verortbare Kristin Hersh hören könnte?

Das sind keine Geschmacksfragen. Und es sind keine Musikfragen. Natürlich sind die Comics von Flix klug, künstlerisch anspruchsvoll, aus dem Leben gegriffen. Aber Flix veröffentlicht beim Verlagsriesen Carlsen, Kati Rickenbach hingegen arbeitet inhaltlich und formal ganz ähnlich und veröffentlicht in der kleinen Edition Moderne. Tut mir leid, da ist klar, wem mein Herz gehört. Und das lässt sich weiter treiben, ins Kino, in die Medien (weniger zu Theater und Kunst, weil die viel stärker durch die öffentliche Hand finanziert werden. Da sind die Marktstrukturen längst nicht so mächtig, als dass sie einen Mainstream definieren könnten). Natürlich schaue ich lieber einen kleinen Berliner-Schule-Film im selbstorganisierten Hinterhofkino an als einen Blockbuster im Multiplex, auch wenn ich weiß, dass es formal ungemein interessante Blockbuster gibt. Schlicht, weil ich den Überblick behalten möchte. Muss.

Und dann gibt es eben auch Bands, die musikalisch sehr leicht zugänglich sind, die auch C. nach wenigen Sekunden kicken würden, die aber dennoch kaum im Radio stattfinden, weil sie strukturell nicht im Mainstream stecken: Wir sind Helden, Hellsongs, nur als Beispiel. Die schätze ich, auf jeden Fall. Bloß die Masse schätzt sie nicht. Die kennt sie ja nichtmal. (Und das Beispiel Wir sind Helden kommt da natürlich an seine Grenzen, keine Ahnung, wie die das geschafft haben, mit ihrem Riesenerfolg.)

(Das Bild oben ist entstanden beim ersten Dockville-Festival 2007. Ganz weit weg vom Mainstream, heute immer noch. Schön.)

Und dann nur leise Saalmusik. Und dann kaum Licht, und dann plötzlich viel Licht, undifferenziertes, hartes Licht. Und dann Nebel. Und dann diese Texte, auf Deutsch, naja, auf Austriakisch, auf Englisch, naja, sorry for my bad english/but my german’s even worse. Und dann gespenstische Visuals, schöne, nicht ganz daseiende Menschen unter der Kreuzberger Hochbahn. Und dann Rotwein direkt aus der Flasche, und dann Rückopplungen, und dann Blues und Jazz und Gospel und Indierock, ganz grauenhafte Genres, die einem da in Fetzen von der Bühne herabgeworfen werden, ein Fetzen Orgel bitte, ein Fetzen Gitarre, ein Fetzen Call and Response.

Ach, Ja, Panik waren in der Stadt, waren im Uebel & Gefährlich, waren wunderbar.

Ja, Panik, Kritikerband, über die mein verehrter Kollege Carsten zuletzt eine wahre Eloge schrieb, Querköpfe, Burgenländer (Kommander Kaufmann sagt, nirgendwo seien die Österreicher so schlimm wie im Burgenland, und die muss es wissen), die aus der Provinz nach Wien geschmissen wurden und aus Wien nach Berlin, wo sie den Nukleus bilden einer kleinen aus der Zeit gefallenen Szene um Hans Unstern und Christiane Rösinger (Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl war ein ganz wichtiger Protagonist auf Rösingers Solo-CD „Songs of L. and Hate“ und begleitete die Britta-Sängerin auch auf Tour am Piano, vor einem Vierteljahr am gleichen Ort). Aber auch: Ja, Panik, eine Band, die selbst das nicht gerade eine Riesenlocation zu schimpfende Uebel & Gefährlich gerade mal zu einem Drittel ausverkauft. Ah, Wurscht.
Denn Ja, Panik spielen, sie spielen diese schönen, diese zerstörten Songs, das herzzerreißende „Nevermind“, das chansoneske „Barbarie“ (zum Halbplayback vor Videostreichern), das slicke „Mr. Jones & Nora Desmond“, in einer guten Stunde alle Songs aus ihrer großen, schweren, aktuellen CD „DMD KIU LIDT“, zum Abschluss dann auch noch den abgründigen, kakophonischen, viertelstündigen Titelsong (der sagen will: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, groß!), sie lassen sich „Ficken für ein Handgeld“, sie schreien, sie fahren zur Hölle, und dann ist endlich Ruh‘.

Und dann kommen sie doch noch auf die Bühne, wieder, trinken Wein, verteilen Blumen ins Publikum, „Jetzt ist die Messe ja vorbei, da können wir wieder miteinander reden“, und dann schrubben sie noch ihre Hits runter, „Zwischen 2 und 4“, „Alles hin, hin, hin“, schnell und räudig, und man weiß gar nicht, ob man das jetzt gut finden soll, weiß man nicht, nein.

C. mag Olli Schulz nicht. Weil: „Ich kenn‘ den noch, von damals, als er immer im Grünen Jäger aufgelegt hat, da war der Typ schon immer so unglaublich arrogant!“ Ach, ich verstehe C., ich mag Olli Schulz auch nicht, habe ich auch schonmal geschrieben: konventionell finde ich ihn, rockistisch, sterbenslangweilig. Zumindest, wenn er mit Band auftritt, die dann versucht, möglichst passgenau US-amerikanische Songstrukturen nachzubauen, der deutsche Springsteen.

Weil Olli Schulz aber vergangenen Montag im Knust ohne Band unterwegs war, ganz alleine mit Akustikgitarre, weil er hier Raum hatte, dem Publikum zu schmeicheln, Witze zu erzählen, die keine Witze waren, rumzudengeln und den Loser mit Herz zu spielen, schlicht: eine Art Mike Krüger ohne CDU-Parteibuch zu sein, deswegen war der Montag doch ein recht schöner Abend. Auch wenn Onkelz-Fans und Indiemädchen natürlich ein einfaches Feindbild sind, ein viel zu einfaches Feindbild.

[vimeo 9756535]

01. März 2011 · Kommentare deaktiviert für Hier sollte ein Text zu Kylie stehen · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , ,

Hier sollte ein Text stehen, zum Konzert von Kylie Minogue in der Hamburger o2 World. Hatte ich mir fest vorgenommen. Aber, tut mir leid, es geht gerade nicht. Ich kann gerade nichts schreiben über Entgrenzung und Körperpolitik und Funfufun. Ich verweise auf die Vielen, die über das Konzert und das Umfeld geschrieben haben, auf Hannah Pilarczyk auf SpOn, auf Jens Maier auf Stern.de, auf Heinrich Oehmsen im Abendblatt, auf Matthias, auf mich selbst, mit meinen Jahre alten Gedanken über Frau M.

Und trete diesmal beiseite.

Die Geschichte geht so: Es war einmal ein unsicherer junger Mann, der verehrte eine ältere Dame. Er beobachtete, was sie so machte, er bewunderte sie aus der Ferne, aber lange Zeit gab es keine Gelegenheit, ihr zu sagen, wie toll er sie eigentlich findet. Dann endlich fand er einen Weg, er formulierte seine Bewunderung, so, dass sie es, dachte er, eigentlich gar nicht missverstehen konnte. Sie aber verstand miss, im Gegenteil, sie fühlte sich zutiefst angegriffen. Und beschimpfte ihn. Worauf sein Selbstvertrauen angeknakst war, er empfand sich noch kleiner als er ohnehin war, er fürchtete, dass er alles falsch machen würde, was sich falsch machen ließ. Aber es half nichts: Er fand dennoch toll, was die Dame machte, er bewunderte sie weiterhin, trotz des Beschimpfens. Er gab ihr sogar noch neue Chancen, wenn sie einmal etwas machte, was nicht ganz so toll war, denn es könnte ja sein, dass sie das nächste Mal etwas umso tolleres machen würde. Und, tatsächlich, sie machte umso tolleres.

Christiane Rösinger war in meiner musikalischen Sozialisation eigentlich immer da, ähnlich wie The Cure, Die Sterne oder, ähem, Depeche Mode. Anfang der Neunziger spielte Rösingers damalige Band Lassie Singers im Ulmer Cat Café, damals der Ort, an dem sich alle Ulmer trafen, die das unbestimmte Gefühl hatten, anders zu sein. Fand ich ganz nett, den Auftritt, aber irgendwo auch nicht anders genug, so ein wenig wie die Ärzte auf weiblich, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, wie wenig Ahnung ich eigentlich hatte.
Ende der Neunziger war ich nach Berlin gezogen, die Lassie Singers hatten sich gerade aufgelöst, Thomas Groß schrieb in der taz einen überzeugenden Artikel, weswegen diese Band das Beste des zu Ende gehenden Jahrzehnts gewesen sei, Christof Meueler schrieb in der jungen Welt einen überzeugenden Artikel, weswegen Rösingers Nachfolgeband Britta das Beste des kommenden Jahrzehnts sei, und ich ließ mich von der Begeisterung mitziehen („Begeisterung“ in Anführungszeichen: Britta blieben immer ein Nischenphänomen, Feuilletonlieblinge, die eng vernetzt in Musikerkreisen waren, aber nie großen Massenerfolg hatten). Ich war auf der Releaseparty der ganz großartigen ersten Britta-CD „Irgendwas ist immer“ im damals noch tollen Maria, ich hörte Britta im Vorprogramm von Blumfeld auf der „Old Nobody“-Tour in der doofen Kalkscheune, ich hörte Britta mit ihrer zweiten CD „Kollektion Gold“ vor einer Handvoll Zuschauer im winzigen Hamburger Molotow. Und ich schrieb, endlich eine Rezension über Brittas dritte CD „Lichtjahre voraus“, 2003. Ein heftiges Lob, eine Ehrerbietung. Dachte ich.
Christiane Rösinger dachte das nicht. Rösinger dachte schon bei den ersten Sätzen: was für ein Arschloch! Die ersten Sätze lauteten: „Eine halbe Stunde Britta gehört und schon mies gelaunt – klasse CD!“ Klasse CD, ich nahm an, man könne das nicht falsch verstehen, Rösinger aber schrieb mir eine wütende Mail in die Redaktion, von Herzen verletzt. Schlimmer noch, ein paar Tage später spielten Britta im Indra, und Rösinger beschimpfte mich von der Bühne herab. Ich war verzweifelt. (So verzweifelt, dass ich nichte einmal in der Lage war, zu realisieren, dass Rösinger, geboren in Rastatt, ja aus Baden kam, ich hingegen aus Schwaben, was doch jedes Missverständnis erklären würde, denn Schwaben und Badenser, das geht einfach nicht.)
Aber nicht verzweifelt genug. Weil Britta ja trotz allem eine tolle Band waren, „Lichtjahre voraus“ war meine CD des Jahres, auch wenn das anscheinend nicht so klar rüber kam. Und dann eben: der Zusammenbruch. 2004 ging der Vertrieb EFA pleite, was auch das Aus für das bandeigene Label FLittchen Records bedeutete, Ende des Jahres starb Schlagzeugerin Britta Neander überraschend, die Band befand sich im Zustand der Auflösung. Trotzdem oder gerade deswegen: Die letzte Britta-CD „Das schöne Leben“ schlug sogar „Lichtjahre voraus“, inklusive der Jahrtausendzeilen „Ist das noch Bohème/oder schon die Unterschicht?“ („Wer wird Millionär?“), ein textliches und musikalisches Meisterwerk aus schlechter Laune, Galgenhumor, Abgrund. Ich hörte ein letztes Britta-Konzert, 2007, mit Jens Friebe am Schlagzeug, im Hamburger Uebel und Gefährlich, die Band war desintegriert, es lief nicht rund, die Ansagen funktionierten nicht, der Sound war schlecht. Aber vielleicht konnte da noch was kommen, vielleicht?

Es kam: Christiane Rösingers atemberaubendes Soloalbum, „Songs of L. and hate“. Eine Songplatte, warm aber sparsam instrumentiert, Akustikgitarre, Schlagzeug, manchmal noch eine Elektrische dazu. Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl spielt das Boogie-Piano, das mir schon bei seiner angestammten Band immer ein wenig auf die Nerven geht, egal, die Platte ist rund. Manchmal frage ich mich, ob die schlechte Stimmung Rösingers Pose ist, oder ob es dieser Frau tatsächlich sehr, sehr schlecht geht, aber dann sehe ich sie beim Konzert, wie sie lächelnd einen Song wie „Desillusion“ spielt, wie sie „Sinnlos“ spielt und wie „Es geht sich nicht aus“, und mir wird klar: Diese Frau hat es geschafft, eine Ästhetik der schlechten Stimmung zu entwickeln, und sie lebt diese Ästhetik mit Lust. Sie genießt sie.

Ich verehre Christiane Rösinger.

[vimeo 3073689]

Nein, Janelle Monáe, es liegt nicht an dir. Es liegt an mir, an meiner schlechten Laune, man. soll. einfach. nicht. zerstritten. auf. ein. konzert. gehen. Es liegt am Publikum, Hamburg halt, O-Ton C.: „So ein Musikliebhaber-Publikum, das immer noch Michael Jackson und den Jackson 5 hinterhertrauert“ (sic) (das allerdings in Bezug auf das Berliner Konzert am Vortag, Deutschland halt). Es liegt daran, dass es Getränke nur in diesen ekligen Plastikbechern gab. Es liegt daran, dass man kaum etwas sah (O-Ton K.: „Das ist immer das Problem mit HipHop-, Soul- und Funk-Konzerten, ach, grundsätzlich mit Konzerten, die ein Publikum mit Migrationshintergrund anziehen: Big Hair!“). Es liegt am Sound, der über eine halbe Stunde breiig durch die Halle suppte, ein Indie-Laden wie das uebel & gefährlich gerät eben an seine Grenzen, angesichts deines eklektizistischen Souls, nein?
Es liegt nicht daran, dass sich niemand Mühe gegeben hätte, aber: Wenn da Leute auf der Bühne längere Zeit eskalieren, und im Publikum eskaliert rein gar nichts, dann wirkt das ein wenig, hm, bemüht. Wie ein vorgespielter Orgasmus. Es liegt nicht an der Band, dass die Gitarre ein Rocktier bedient, das tut, als sei es Eddie van Halen in den frühen Achtzigern, wusste ich ja schon vorher. Wahrscheinlich liegt es wirklich: an mir. Dass mir so unglaublich langweilig war, während des Konzerts.

Ganz sicher aber liegt es nicht an der Musik. Songs wie „Tightrope“, „Sincerely, Jane“, „Cold War“, „Come alive (War of the roses)“ sind einfach zu toll, als dass ein missglückter Abend sie kaputt machen könnte. Und mal ehrlich: Macht ein einziger, irgendwie nicht so toller Sex denn eine Beziehung kaputt?

Eben.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich bei den Pet Shop Boys, älteren, schwulen Briten mit Hang zur Operette und zumindest in Deutschland einer Tendez zum hausfrauigen Publikum. War klasse. Und bei Elton John könnte es vielleicht entsprechend ganz ähnlich werden.

Elton John erlebt ja gerade so eine Art verspätete, zweite Anerkennung. Plötzlich wird festgestellt, nö, das ist ja nicht nur ein Clown mit großer Brille, der Schnulzen wie „Nikita“ singt, die Musik für das unsägliche Disney-Musical „Der König der Löwen“ schreibt und seinen Platz in der Musikgeschichte vor allem der Tatsache verdankt, dass er ein altes Lied nach dem Tod einer Prinzessin geschäftstüchtig schnell auf diese umdichtete. Nein, Elton John, das ist doch großartige Musik! Das sind tolle Texte (die nicht von John sondern von Bernie Taupin stammen, aber immerhin), und das sind auch tolle Kompositionenen! Ja, die Songs sind gut, bisschen 08/15-Harmonien, aber immer, wenn es zu konventionell wird, dann haut John einen schrägen Ton rein, einen Rhythmuswechsel oder eine Verschiebung in der Tonart. Das ist schon ziemlich raffiniert, raffinierter jedenfalls als man beim ersten Hören denken würde.
Außerdem ist John ein guter Pianist. Das hört man ja bei diesen entsetzlich überproduzierten 80er-Hits nicht raus, heute spielt John allerdings solo, gerade mal unterstützt von dem Perkussionisten Ray Cooper (und einigen billigen Synthiestreichern, über die wir hier den Mantel des Schweigens breiten). Das heißt: Es gibt keine Gitarristen, die Rücken an Rücken Riffs runterbrettern, es gibt keine Backgourndsängerinnen, es gibt keine Saxofonsoli. Und dann hört man: Songs wie „I guess that’s why they call it the blues“, „Rocket man“ oder „Ballad of the boy in the red shoes“ sind einfach groß, ohne Einschränkungen.

Doch, eine Einschränkung. Nämlich die: Elton John. Er macht zuviel, immer. Wenn er eine leise Passage spielt, fängt er nach ein paar Takten an, die Töne zu verzieren, ein Schnörkel hier, ein Hüpfer da. Wenn es härter zugeht, dann haut er in die Tasten, als ob er sein Klavier zerhacken wollte. Und leider singt er auch so. Nach einer Kehlkopfoperation falsettiert er nicht mehr, nein, das sind keine Schnulzen, das nicht. Dafür hat ihm irgendjemand gesagt, dass er eine Bluesstimme hätte, und deswegen singt er jetzt den Blues, ganz tief von innen heraus, brünftig und schwer auszuhalten. Und dazu setzt Cooper nicht etwa einzelne Akzente, bewahre: Er schüttelt erst ein wenig das Tamburin, dann springt er zum Xylophon, spielt ein paar Takte Marschrhythmen auf der Snare und schlägt zum Finale einen Gong. Er nutzt das breite perkussive Instrumentarium aus, und zwar bei jedem Song. Und dann fiedeln die Synthies aus der Konserve, die hätten wir ja fast vergessen.

Eine Dramaturgie gibt es nicht, fast drei Stunden lang zieht sich dieses Konzert, zu laut, zu nuancenlos. John freut sich, geht an den Bühnenrand und signiert Eintrittskarten, minutenlang. John erinnert sich: wie er 1964 erstmals auf der Reeperbahn gespielt hat. John macht eine wütende Ansage zum „Boy in the red shoes“, in der er an den Welt-Aids-Tag vor einer Woche erinnert, von HIV in den frühen Achtzigern erzählt und schließlich die damalige US-Regierung unter Ronald Reagan anklagt, nichts aber auch rein gar nichts gegen die Epidemie unternommen zu haben. Das ist ehrlich und klug und schön.
Und dann rattert de Hitmaschine weiter, dann haut John in die Tasten, und Cooper haut auf die Pauke. Blues, das ist das Entsetzen darüber, wie schlimm etwas ist, nachdem man erkannt hat, wie schön es eigentlich sein könnte.