06. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Hexe, die zwischen den Tannen lauert · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , , , ,

Ich bin am Waldrand aufgewachsen. Der Wald roch, er war feucht und dunkel, und er war ein Spielplatz, ich hatte nie Angst vor dem Wald. Ich spielte im Wald, ich fuhr Schlitten, fing Kaulquappen, einmal bauten wir uns abseits der Spazierwege eine Hütte, unsere Eltern machten sich Sorgen, was wir nicht verstanden. Selbst als Teenager, wenn ich nachts nach Hause kam und durch den Wald ging, mein Fahrrad durch den Wald schob, beunruhigte mich das nicht. Man hörte von Jugendlichen, die im Wald lungern würden, man hörte von einer Vergewaltigung, letzten Sommer, auf dem dunklen Weg zur Fußgängerunterführung, es schreckte mich nicht. Der Wald war da, der Wald war in Ordnung.

Ich weiß nicht, wann das anfing, dass ich mich plötzlich im Wald gruselte. Vielleicht als T. während einer Party am Rande des Gießener Philosophenwaldes plötzlich in den Bäumen verschwand und nach ein paar Minuten wieder auftauchte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, einen Stock schwingend, nur Grunzgeräusche ausstoßend? Und niemand traute sich, ihn anzusprechen, weil, klar, das war T., aber warum waren wir uns eigentlich so sicher? Wir kicherten. Oder fing das an, als ich das erste Mal „Blair Witch Project“ sah, das Dunkle, das Gegenstück zur Zivilisation, die Hexe, die zwischen den Tannen lauert? Oder Lars von Triers „Antichrist“? Plötzlich schnürte mir jedenfalls etwas die Kehle zu, am Waldrand, plötzlich nahm ich einen Umweg, um nicht zwischen die Tannen zu müssen, nachts. Ich habe nicht wirklich Angst im Wald, aber mir gruselt. Ein wohliger Grusel, keine nackte Furcht, der mich weiterhin begleitet. Und den ich immer wieder suche.

Der Wald hat sich nicht verändert, seit 40 Jahren. Der Wald ist immer noch feucht und ein wenig modrig, der Wald lebt irgendwie, und in ihm leben Rehe und Vögel und eigenartiges Gewürm. (In ihm leben sogar Wildschweine, auch wenn ich noch nie eines gesehen habe.) Im Wald kann man laufen und plötzlich feststellen: Das sieht hier alles gleich aus, genau an dieser Stelle war man doch schon einmal, vor drei Stunden, man ist im Kreis gelaufen, oder doch nicht? Lost in a forest, all alone.

Ich suche diese Situation, seit ich in der Stadt wohne. Der Stadt, in der es keinen Wald gibt, in der es andere, spannende Orte gibt, die ich keinesfalls missen möchte, nur eben keinen Wald. Ich finde diese Situation vor den Toren, in der Göhrde, im Harz, im Allgäu, es ist nicht gefährlich, aber plötzlich beschleicht mich doch das Gefühl: Was wäre, wenn jetzt die Dunkelheit hereinbrechen würde, wenn ich einfach nicht mehr herausfinden würde, aus diesen endlosen, immer gleich aussehenden Baumreihen? Manchmal suche ich dieses Gefühl auch virtuell, beim Spielen von S.T.A.L.K.E.R., da lüge ich mir natürlich in die Tasche, aber egal, trotzdem spüre ich den Grusel, durch eine entvölkerte Waldlandschaft zu gehen und zu wissen, es gibt zwar die Zombies und die Mutanten und die verfeindeten Banditen, aber der wirkliche Gegner ist die Natur. Die abwesende Natur, die zerstörte, vergewaltigte, verschobene Natur, die sich ganz grauenhaft rächt für das, was man ihr angetan hat. Der feuchte, lebendige Wald.

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